Das österreichische Künstler*Innen Duo beeindruckt durch eine Show ihrer surrealen humorvollen Skulpturen und Gemälde. Mit einer Ausstattung durch blau/grüne Teppiche, Spiegel und genialer Beleuchtung verwandeln sie das unheimliche Untergeschoß des Palais de Tokyo in eine unterirdische Grotte mit enorm vereinnahmender Ausstrahlung.
Venedig 2022
Knebl/Scheirl`s Kunst spiegelt erneut die Lebensart der beiden wider, die sich keiner Gender-Identität zugehörig fühlen. Daher sind die Werke ebenfalls eine Spielerei mit sexuellen Identitäten und deren Dekonstruktion. Jetzt in Paris lieben sie die Worte und Inhalte, die mit TRANS zu tun haben: transhistorisch, transnatürlich, transmateriell, transmedial. Eine Kunst des „Transmorphismus“, der sich teils an Jugendstil, Luigi Colani, die Postmoderne der 70er Jahre oder auch Barbapapa-Figuren anlehnt.
Man kann diese Kunst als kitschig, schreierisch, sexistisch und schon mal dagewesen empfinden, das bleibt natürlich jeden Betrachter überlassen. Doch gerade hier wirkt die Gemeinsamkeit des kompletten Ensembles besonders anziehend durch den Kontrast der fröhlichen Farbigkeit in dem brutalistischen Bau des Pariser Palais de Tokyo.
Der Betonbau wurde 1937 zur EXPO als Asstellungshaus für Moderne Kunst eröffnet, die er auch zeigte, bis diese 1977 in das fertiggestellte Centre Pompidou umzog. Danach wechselten sich unterschiedliche Nutzungen mit bis heute unvollendeten Umbauten ab, so dass jetzt rohe Betonmauern und -böden mit rauhen unverblendeten Stützsäulen das Grundambiente bilden.
In das dunkle Untergeschoss haben nun Knebl und Scheirl ihre biomorphen genderfreien Kunstwerke kontrastreich und heimelig installiert mit einem Ambiente zwischen Dystopie und auch Utopie und haben dabei noch einen Wohlfühlort geschaffen.
Die beiden Künstler*Innen repräsentierten 2022 Österreich bei der Venedig Biennale, waren jedoch auch bereits auf der Documenta 14 in Kassel und Athen vertreten.
D14 Athen 2017Venedig 2022Venedig 2022
Wer nicht demnächst nach Paris kommt, kann darauf warten, die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen im Frühjahr 2024 genussvoll erleben zu dürfen. Andererseits ist dort schwer vorstellbar, wie sich in den doch riesigen hellen weiträumigen Hallen ein ähnliches emotionales Erlebnis einstellen kann.
„Doppelgänger“, Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl im Palais de Tokyo, Paris vom 19.10.2023 bis 7.1.2024
Zu Beginn der Ausstellung dominiert ein riesiges Wandplakat von Metropolis von den ersten Part der Ausstellung. Es ist die französische Version von 1927 und das einzig noch existierende Exemplar.
Hineingehen und in Erinnerungen schwelgen: das ist ein großes Vergnügen. Zu sehen sind Plakate der Rocky Horror Picture Show und Star Wars ebenso wie von Arthouse Filmen wie Fabian, Systemsprenger oder Lola rennt. Zusätzlich gibt es eine Vorführung von Trailern beliebter Filme, erstmal 10, doch hier sollen noch einige nachkommen.
Die Kunstbibliothek der Staatlichen Kunstsammlung besitzt ein großes Archiv mit etwa 5000 Filmplakaten, das mit endlich öffentlich gezeigt werden sollte. Von denen hängen etwa 300 in den zwei großen extrem hohen Hallen im Kulturforum.
Die Kuratorinnen betonen, dass die Auswahl schon für die Aufnahme in die Sammlung nahezu allein der künstlerische Aspekt war. So entstand ein chronologisches Bild der Zeitgeistentwicklung dieser Kunstrichtung von den Anfängen des „Lichtspieltheaters“ bis heute. Das älteste Plakat ist aus dem Jahr 1905.
Filmplakate sind ja eher Gebrauchskunst, also nicht wirklich dem Beuyschen Kunstbegriff zugehörig, zumal es keine Unikate sind, sondern sie werden zigmal vervielfältigt. Doch es sind Werke, die stets den Spagat zwischen Illustration, Kommerz, Werbung und künstlerischer Gestaltung erfüllen müssen. Ein Filmplakat soll möglichst das Narrativ der Filmhandlung beinhalten, die Blicke der Kunden anziehen und Emotionen wecken. Es soll eine große Kraft ausstrahlen, indem es ein Konzentrat des ganzen Filmes zeigt.
Die Kunstwelt ignoriert das Genre auch keinesfalls, denn z.B. bestand bei der letzten Documenta15 die riesige Längswand in der Documentahalle aus lauter gemalten Filmplakatmotiven.
Ursprünglich waren Filmplakate gemalt, später flossen mehr Fotocollagen in die Gestaltung ein, heute entstehen sie mittels Computergrafik und bald vielleicht mit Hilfe von KI. Es heißt dann „Digital Artwork und bildet das Konzept für die ganze Filmvermarktung als „Visual Art-Key“. Ein spezielles wiederkehrendes Element war und ist auch der „Schwebende Kopf“, meist die Hauptfigur des Filmes.
Die jetzige Ausstellung wurde nicht nur von den Kuratorinnen der Kunstsammlung zusammengestellt, sondern sie ist eine Kooperation mit der Stiftung Deutsche Kinemathek und der Berlinale. Außerdem waren 26 Menschen der Filmwelt gebeten worden, mitzuentscheiden. Jede/r von ihnen durfte sich ein Lieblingsplakat aus der Sammlung aussuchen, allerdings auf keinen Fall mit eigener Beteiligung.
ausgesucht von Mariette Rissenbeekausgesucht von Jasmin Tabatabaiausgesucht von Carlo Chatrian
Beispielsweise entschied sich Jasmin Tabatabai für die Rocky Horror Picture Show. Ihre Begründung ist, dass sie bei Erscheinen des Kultfilmes zu jung war und nicht ins Kino durfte. Ihr standen nur die Musik und die begeisterten Erzählungen ihrer Schwestern zur Verfügung, wodurch sich jedoch einen Art Audio-Story in ihrem Kopf entwickelte. Doch auch später faszinierte sie ebenso das Original.
Viele Blockbuster wurden in unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Plakat-Grafiken beworben. Ein interessantes Beispiel ist das für Star Trek in der Version der DDR. Das Kuratorenteam beteuert, dass ihre Recherchen ergaben, dass der Film wirklich dort lief: kurz und in sehr wenigen Kinos.
Auffällig ist, dass der Künstler oder die Künstlerin des Plakates im Gegensatz zu genuinen Kunstwerken auf ihrem Werk weder signiert haben, noch überhaupt namentlich genannt wurden.
Den Abschluss bilden große Gemälde des letzen lebenden Filmplakatmalers Götz Valien und schließen somit den Reigen vom Beginn mit Metropolis. Das Kino International in Berlin hält an der Tradition weiterhin fest, ihre Fassade bei neuen Filmen mit solchen Kunstwerken zu schmücken.
Die Ausstellung ist ein historisches Abbild unserer über hundertjährigen Unterhaltungskultur, wobei durchaus ein wissenschaftlich fundiertes Konzept enthalten ist. Doch vorwiegend macht diese wundervolle Flut an schönen Bildern große Freude, weil man sich an die vielen glücklichen Stunden in fremden Galaxien, rührenden Liebesgeschichten oder skurrilen Stories mit Tränen, Schrecksekunden oder Gruseln in den Kinosälen erinnern kann.
„GROSSES KINO, Filmplakate aller Zeiten“
im Kulturforum Berlin vom 3.November 2023 bis 3. März 2024
Lee Ufan muss ein weltberühmter Künstler sein, denn sonst hätte er nicht die Ehre bekommen, eine Espressotasse der Illy-Collection zu gestalten und sonst wären nicht so viele begeisterte AnhängerInnen aus Frankreich und Korea zur Eröffnung der neuen Retrospektive des Künstlers im Hamburger Bahnhof angereist.
Das Tassendesign ist nicht sehr dekorativ, sondern fällt sehr minimalistisch aus. Doch genau das ist absolut typisch die Kunst von Lee Ufan, ein Symbol für Reduktion, Entschleunigung und Konzentration auf das Wesentliche.
Auf den ersten Blick entfalten die ausgestellten Werke ihre tiefe Aussagekraft nicht wirklich, doch mit ein wenig Anleitung und Einblick in das Leben und die Intentionen des Künstlers verlieren die Felssteine, Blech- und dicken Glasplatten ihre Sperrigkeit.
Die Retrospektive des 87jährigen koreanisch-japanischen Künstlers Lee Ufan findet fast genau 50 Jahre nach seiner ersten Ausstellungsbeteiligung in Deutschland, damals in Düsseldorf statt.
Lee Ufan wurde 1936 im japanisch kolonialisierten Korea geboren, zog 1956 aber nach Japan, wo er bis heute lebt und arbeitet, allerdings mit häufigen Aufenthalten in Paris.
Es gibt einen Bezug zu Deutschland durch Teinahme an mehreren Ausstellungen, aber auch durch die Liebe des Künstlers zur deutschen Philosophie, die er mit anderen philosophischen Richtungen intensiv studierte. Bis heute schätzt Lee Ufan Martin Heideggers Konzept des Daseins, das die Basis seiner künstlerischen Philosophie bildet. Die Objekte und deren Anordnung im Raum gehen eine Beziehung ein, in die zusätzlich der Betrachtende eingebunden werden soll. Allein das Dasein aller Elemente hat Bedeutung.
Obwohl die Werke von Lee Ufan an die Strömung des Minimalismus erinnern, erklärt der Künstler den Unterschied seines asiatischen Ansatzes besonders im Vergleich zu dem amerikanischen Stil: „Die Minimalisten in Amerika entleeren die Objekte jeglicher Bedeutung. Ich gebe ihnen aber vermehrten Ausdruck, indem ich sie in einem Raum so installiere, dass sie miteinander und mit den Betrachtern in Beziehung treten.“ Somit ist zum Verständnis nicht ein einzelnes Objekt zu bewerten, sondern der ganze Raum. Wenn dieser interpretatorische Zugang verstanden ist, kann die dahinter stehende Idee langsam wahrgenommen werden und ermöglicht vielleicht ein Eintauchen in die Denkwelt des Künstlers.
Lee Ufan ist künstlerischer Schwerstarbeiter. Wie kaum ein Mensch ist er bereits 60 Jahre lang aktiv. Schon Ende der 60er Jahre fiel Lee Ufan mit Kunstwerken auf, bei denen er einen schweren Stein ganz langsam anhob und auf eine Glasplatte fallen lies, die daraufhin zersprang. Solch ein Werk ist in der aktuellen Ausstellung erneut zu sehen. Auf die Frage, ob er es vor Ort produziert oder die zerstörten Teile mitgebracht und zusammengelegt habe, erklärt Kurator Till Fellrath: „Die Installation hat Lee Ufan hier neu erstellt, inklusive des Anhebens und Fallenlassens des Steins.“ Der Künstler erläutert: „Früher in den 60gern gab es Unruhen unter jungen Leuten. Da war der Vietnamkrieg, gegen den alle protestierten und auch gegen die ältere Generation. Diese Art von Kunst-Aktion war damals ein rebellischer Prozess: It was strong political power!“ Heute habe sich sein Fokus geändert. Auf der einen Seite liege die Glasscheibe als industrielles Produkt und darauf der Stein, ein Stück Natur, der symbolisch am Ende gewinnt. Lee Ufan könne jetzt auch die poetische Schönheit in diesem Kunstwerk sehen, nicht vorrangig die Zerstörung. Die grafischen farbigen Bilder im selben Raum stammen auch aus dem Jahr 1968, passend zur jugendlichen Rebellion im Popart – Zeitalter.
Die Gemälde der Ausstellung wirken etwas spröde und recht leer. Sie entspringen einer Koreanischen Künstlerbewegung der 1970er Jahre (Dansaekhwa) mit Abstraktion in monochromer Malerei. Der Künstler tauchte den Pinsel in Farbe und trug sie rhytmisch auf die Leinwand auf. Er erklärt auch heute, dass die leeren Bereiche seinem Körper entsprechen und deshalb nicht wirklich leer seien. In den neueren Gemälden finden sich eher sporadische Pinselstriche, aber in kräftigem Rot und Blau. Mit etwas Fantasie und Empathie drücken sie Bewegung, Tiefe und Rhythmus aus. Es fällt ein bisschen schwer, sich den großen Leinwänden mit den minimalen Farbanteilen zuzuwenden und ihre Intention zu fühlen. Denkt man aber entsprechend des Grundgedankens der Beziehungen aller Werke im kompletten Raum, ist es etwas leichter.
Lee Ufan äußert sich auch zur aktuellen Diskussion über AI (artificial intelligence): „AI comes from human and human comes from nature.“ Auch wenn wir im Zeitalter der Digitalisierung leben, so bleiben doch Spiritualität und Menschlichkeit weiterhin wichtig. „Die AI kann Antworten geben, doch die Aufgaben stellt der Mensch.“
Viele Werke enthalten den Titel „Relatum“, was Ausdruck für die wechselseitige Beziehung einzelner Elemente in einem System/Raum bezeichnen soll. Zum Beispiel stehen industrielle Materialien wie Stahl oder Glas natürlichen Steinen gegenüber.
Ein ganz besonderer Raum der Interaktionen der Objekte ist der letzte der Ausstellung, in dem ein Original-Rembrandt-Selbstbildnis am Ende eines Spiegelweges mit Stein-Begrenzungen hängt („The Narrow Sky Road“).
Lee Ufan ist lebenslang Bewunderer des Malers: „Rembrandts Selbstbildnisse leuchten aus den Tiefen des Gesichts, den Tiefen der Menschheit und der Erde. Stehe ich also vor einem, so erzittert das Innerste in meiner Seele.“ So wünscht er sich auch, dass die BesucherInnen von seinen eigenen Werke ergriffen werden.
LEE UFAN 27.10. 2023 bis 28.4.2024 im Hamburger Bahnhof, Berlin
INArt and Communication, heute zur Buchvorstellung auf der Messe
Aus der Serie ART and COMMUNICATION stellt der Verlag mediagroupberlin den neuen Titel der Art Galerie vor. INArt ist eine Serie von Publikationen zum Thema Konfliktpotential der Kunst mit der Gesellschaft.
Das Buch ist hervorgegangen aus den Beiträgen dieses Blogs, die thematisch weiterentwickelt und in einen großen Kontext eingebunden wurden. Wie auch hier wird anhand von aktuellen Kunstreisen, Begegnungen mit Künstler*Innen und Kurator*Innen sowie Beachtung von Kritiken versucht, einem Nicht- Fachpublikum die aktuelle Kunstwelt ein wenig transparenter zu machen und Menschen für Ausstellungen zu begegeistern.
Zusätzlich wird ein Fokus auf die Bedeutung und Chance von Kunst für eine globale Kommunikation und damit Verständigung gelegt.
Besonderen Raum nimmt in den Beschreibungen der direkte Kontakt zu der Künstlergruppe Atis Rezistans aus Haiti oder auch dem Team um die Biennale in Sharjah ein. Basierend auf einem Erfahrungsschatz aus der Mitarbeit bei der DOCUMENTA werden über aktuelle Kunst-Projekte Rezessionen mit Betonung auf deren soziale Bedeutung aufgegriffen.
Der Kunstbetrieb hat heute ein Eigenleben entwickelt und nimmt teilweise die Sichweise von Menschen außerhalb dieses Kreises kaum wahr. Vielen Betrachter*Innen von Ausstellungen bleibt dann leider trotz großen Interesses der Zugang verborgen und die Freude daran vorenthalten. Eine Brücke zwischen beiden Seiten zu bauen ist ein wesentliches Anliegen des Blogs und jetzt auch des Buches. Es besteht die feste Überzeugung, dass jedoch am Ende das Können und die Stärke der Kunst sowie die Fähigkeit des/der Künstler/in, den Betrachter zu fesseln oder zum Nachdenken zu bringen über den Erfolg entscheidet.
Es ist schon die 2 Publikation in Buchform in kurzer Zeit mit Berichten aus verschiedenen Orten der Welt , die jedoch stets in Beschreibung und Kritik einen aktuellen Bezug haben.
Zielgruppe sind z.B. auch Kunstreisende, die einen schnellen Input als Vorbereitung und Entscheidungshilfe vor einem Abstecher in die Kunst möchten oder im Nachhinein ein paar Hinweise über Interpretationsmöglichkeiten. Letztlich bleibt aber jedem nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Notwendigkeit einer ganz persönlichen Empfindung. Doch auch allgemein an Kunst Interessierte sollen beim Lesen eine möglichst große Freude empfinden.
Jetzt mitten in der internationalen quirligen Atmosphäre der Frankfurter Buchmesse erscheint das Buch genau am richtigen Ort, um eine größere Fangemeinde zu begeistern und hoffentlich auch an den Blog dauerhaft zu binden.
INArt and Communication, Verlag mediagroupberlin Kunst GmbH 2023
Konzepte zur Transformation in Kunst, Architektur und Gesellschaft
In der Akademie der Künste im Hanseatenweg in Berlin eröffnete eine Ausstellung über „Die Grosse Reparatur“. Wer hier eine große Werkstatt vermutet, liegt eher falsch und leider erklärt sich das Ausstellungskonzept nicht von allein. Zum Beispiel trifft man beim Eintritt in den ersten Saal zuerst auf einen großen Stapel Reinigungsutensilien. Da sind schon die Ausführungen des Hauptkurators Anh-Linh Ngo notwendig.
Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Transformationen. Alles befindet sich angesichts der akut drohenden Klimakatastophen in Umbruchstimmung. An erster Stelle wird über die Energieversorgung diskutiert, wobei an Sonnen-, Wind- , Wasserenergie und Wasserstoff niemand vorbei kommt.
Zusätzlich müssen wir auch unsere weiteren Ressourcen schützen, besonders vor Verschwendung. Für die Architektur, die in dieser Ausstellung vorrangig im Fokus steht, bedeutet dies: „reparieren, nicht abreißen.“ Es muss gelernt werden, mit den Bestandsgebäuden zu arbeiten. Die Produktion von Zement und Beton erzeugt große CO2-Emissionen und genau diese beiden Materialien sind augenblicklich die am häufigsten verwendeten Baustoffe.
Es wird auch der „Mythos Beton“ problematisiert. Er sei der Inbegriff von Langlebigkeit, doch sehen wir überall marode Brücken und Bauwerke, wo Beton zerfällt.
Zurück zum Putzmaterial: Für Langlebigkeit von Gebäuden ist neben regelmäßigen Wartungs- und Reparaturmaßnahmen auch ihre permanente Pflege essenziell. Die Installation soll dies ausdrücken und zu Wertschätzung des Reinigungspersonals anregen. Es handelt sich um „Care-Arbeit“ am Gebäude.
Ein zauberhaftes Landschaftsmodell der ETH Zürich begeistert als absoluter Blickfang im nächsten Saal unter dem Titel:
„Power to the People“.
Nachgebaut wurde das Rheinische Braunkohlen-Revier, das uns bereits in den Nachrichten bewegt hat. Der große Stromkonzern RWE besitzt das Schürfrecht für das Gelände und hat vor kurzem trotz des beschlossenen absehbaren Endes des Kohleabbaus neues Gebiet mit Polizeigewalt von Demonstranten räumen lassen. Der Hambacher Forst und der Weiler Lützerath sind Symbole für den Umgang mit Menschen geworden, die zivilen Ungehorsam gelebt haben zur Erhaltung von Natur und Pflicht zur Neuorientierung. RWE baut zwar auch Windenergieanlagen genau in dieser Region, doch steht hier die Profitmaximierung im Vordergrund, wenn das Geschäft mit dem Ende der Fossilien-Verbrennung kompensiert werden soll.
Tim Kent nach Besuch des Rheinischen Kohlereviers
Thematisch möchten die Aussteller die Besitzfrage von Energiequellen in die Diskussion bringen und weiterhin den Mut der Menschen zum Widerspruch beflügeln.
„Wissenswelten dekolonialisieren“
Dieses Ausstellungskapitel enthält den Aufruf, weltweit bereits vorhandenes Wissen um alternative Baukunst und Lebensgestaltung auch in unsere industrielle Welt wieder einfließen zu lassen.
Künstlerisch ist Kader Attia in der Ausstellung vertreten mit einer Miniatur“Stadt“ aus Pappmache, deren Formen sehr an nordafrikanische Siedlungen aus vorwiegend Lehm erinnern. Die Installtion, die bereits auf der Sharjah-Biennale 2023 gezeigt wurde, soll nicht nur an diese Form und das natürliche Material erinnern. Vielmehr sagt der Künstler, dass jede Wand in jedem Bauwerk auch die Erinnerungen an die Bewohner und verschiedenen Reparaturen und Epochen enthält. Wir sollten vielleicht mal hinhören, was sie uns zu erzählen haben und respektvoll, nicht mit Baggern mit ihnen umgehen. Hier gilt symbolisch wieder: Reparieren und nicht abreißen.
Kader Attia ist in Berlin bekannt als Kurator der letzten Berlin-Biennale und unter den Künstlern der Urvater des Repair-Gedankens. Schon auf der Documenta 13 (2012) präsentierte er das Thema in einem fantastischen Saal, u.a. mit Fundstücken aus Nordafrika, die Alltagsgegenstände zeigten, die zur Weiterverwendung sichtbar repariert wurden: Schalen, Spiegel, Tücher, aber auch umgestaltete Stahlhelme oder Patronenhülsen. Zusätzlich waren Fotos und Holz-Büsten von versehrten Weltkriegssoldaten ausgestellt, die keine perfekt rekonstruierten Gesichter hatten.
In der jetzigen Ausstellung hat der Fotograf Michael Wolf das Sammeln übernommen und präsentiert mehrfach reparierte Stühle aus China.
Wie schon Kader Attia postulierte, so sagt auch die Ausstellung, dass nach jeder Reparatur Narben zurück bleiben.
„Die Narben sichtbar lassen“
ist auch ein Credo der Repair-Ausstellung. Allerdings wird eingeräumt, dass nicht alle Wunden, die der Menschheit zugefügt werden, reparierbar seien.
Unter dem Titel
„A City within a Building“
wird eine stark berührende Filmdokumentation über das Bombardement der russischen Armee am 16.März 2022 des Drama-Theaters in Mariupol in der Ukraine gezeigt. In dem Gebäude hielten sich zu dem Zeitpunkt nahezu 2000 ukrainische Zivilisten auf, die dort Zuflucht nach den massiven Angriffen auf ihre Stadt gesucht hatten. Kurz danach bauten die russischen Streitkräfte erst einen extrem hohen Zaun um die Ruinen und rissen dahinter alles ab. Sie behaupteten der Angriff sei durch die ukrainische Armee begangen worden. Hier sollten keinerlei Spuren, sprich Narben der Gewalt sichtbar bleiben.
Das Kiewer Forschungskollektiv Center for Spatial Technologies hat zusammen mit Forensic Architecture eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Theaters und der Geschichte der Zeit der Zuflucht und Bombadierung hergestellt, um dieses Vergessen zu verhindern und ggf. Beweise für eine spätere Kriegsgerichtsbarkeit zu sichern.
Aus Augenzeugen-Berichten im Sinn kollektiver Erinnerungen und Handyvideos von den wenigen Überlebenden wurde dies in mühsamer Kleinstarbeit möglich.
Forensic Architecture ist eine Gruppe mit Sitz in London, die in ihren Projekten Gegenbeweise zu staatlicher Desinformation suchen. In Deutschland wurden sie erstmals auf der Documenta 14 bewußt wahrgenommen. Sie zeigten die Rekonstruktion des Mordes an Halit Yozgat in einem Internet-Cafe in Kassel. Offiziell wurde es lange als Konflikt zwischen rivalisierenden Familien deklariert. Später stellte sich heraus das Halit Opfer der NSU-Täter war, einer rechtsradikalen Gruppe. In der Rekonstruktion konnte auch belegt werden, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme während der Schüsse in Nebenraum des Cafes anwesend war und seine Aussage, er habe nichts gehört und beim Hinausgehen auch nicht den Toten gesehen, unglaubwürdig war. Dieses Kunst-Projekt wurde im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gezeigt; ein Beispiel, dass Kunst auch Macht haben kann.
The Great Repair endet mit der Vorführung von Baustoffen und der Machbarkeit ökologischen Bauens. Hier spielen natürliche Materialien wie Holz, Lehm oder Reet eine Rolle. Ein Planungsprojekt eines Industriegebietes wird vorgestellt mit dem Ziel, versiegelte Flächen -wie besonders Parkplätze- zu öffnen und zu renaturieren. Auf die Frage, wo danach die Autos bleiben können, gab es allerdings noch kein befriedigendes Konzept. Dies wird aber wohl gebraucht, zumal nicht alle Menschen, besonders in unserem doch regenreichen Land zum Radfahren bereit oder in der Lage sind.
Wie bereits zu Beginn berichtet, erklärt sich die Ausstellung nicht wirklich von selbst. Wenn man jedoch Kurator*Innen und Mitwirkende direkt fragt, eine Führung bucht oder bereit ist, sich durch die Beschriftungen oder den Katalog zu arbeiten, ist es eine besonders wertvolle Darstellung unserer Aufgaben, die die kommende Transformation auf so vielen Ebenen nötig machen wird.
„The Great Repair“, Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg
Seit 12.10.2023 ist in deutschen Kinos die Biographie von Anselm Kiefer zu sehen. Wim Wenders begleitete den Künstler seit den späten 60er Jahren und gestaltete mit seiner Lebensgeschichte ein eigenes Kunstwerk.
1969 malte Anselm Kiefer Landschaften, in denen er sich selbst mit Hitlergruß hineinstellte. Er erregte damit das gewollte Aufsehen und wurde als Neonazi beschimpft. Im aktuellen Film begründet er seine künstlerische Provokation. Zu jener Zeit gab es den Aufstand junger Intellektueller, die gegen ihre Vätergeneration kämpften, weil bei ihnen die Zeit des Nationalsozialismus einfach verschwiegen werden sollte im Hinblick auf einen Wiederaufbau. Kiefer wollte mit dem Hitlergruß in der Öffentlichkeit das Vergessen der schrecklichen Verbrechen verhindern, ähnlich wie die Studentenaufstände.
Der Film zeigt riesige Ateliergebäude im Odenwald oder Südfrankreich, die nötig waren, um die extrem großen Bilder und Skulpturen des Künstlers entstehen zu lassen. Kiefer scheut keine noch so riesige Leinwand. In Szene gesetzt wird dies mit Drohnenflug-Bildern, wobei die 3D-Technik keinsfalls übertrieben scheint, sondern absolut passend die Kunstwerke darstellt.
Es wird kaum gesprochen. Einige philosophische Zitate von. z.B. Paul Celan wirken allerdings etwas zu pathetisch. Das Kind und der jugendlichen Anselm Kiefer werden von Schauspielern angemessen eingebaut.
Anselm Kiefers gigantische Gemälde oder eher Assemblagen sind hochgradig beeindruckend. Wer die Chance wahrgenommen hat, die Ausgestaltung des Zählsaales im Dogenpalast von Venedig 2022 zu erleben, konnte sich davon intensiv überzeugen. Gerade die Kombination von dick aufgetragenen Ölfarben mit Stroh vermischt plus eingebauter Alltergegenstände wie Einkaufswagen, Boote, Leitern und Kleidungsstücke sind typisch für seine unverwechselbare Technik.
Leider wird nur in wenigen Szenen gezeigt, wie die Bilder entstehen. An einer Stelle wird kurz mit Feuerwerfer und Löschwasser das Bild überarbeitet. An anderer Stelle werden einige Pinselwürfe von Ölfarbe gegen die Leinwand gezeigt oder der auf-, ab- und herumfahrende Kranwagen mit dem Künstler.
Ein faszienierendes Doppelkunstwerk! Anselm Kiefers Werke und die besondere Filmgestaltung sind trotz teils recht viel Pathos empfehlenswert, nicht nur für Kunstbegeisterte.
Die Fotos stammen nicht aus dem Film, sondern wurden in der Einzelausstellung im Dogenpalast Venedig 2022 aufgenommen, die im Film auch thematisiert wird.
Eintauchen in ein wunderbares wildes lebendiges Zeitalter in der Bundeskunsthalle Bonn
„Völlig losgelöst von der Erde….. schwebt das Raumschiff… völlig schwerelo.. hohoho…oos“ So klingt es beim Eintritt in diese Ausstellung, nein, eher beim Eintreten in eine/unsere wunderbare frühere Zeit der Freude, Freiheit und des Aufbruchs. Singen Sie auch schon mit? Und haben Sie auch schon diesen Ohrwurm? Dann eröffnet sich Ihnen hinter dem nächsten Vorhang in der Bundeskunsthalle in Bonn ein buntes wildes Kaleidoskop eines Zeitdokumentes der 70er und 80er-Jahre (plus-minus ein bisschen): ein Meer von traumhaften Design-Möbeln , glänzenden Tee-Services, eines Fantasie-Design-Citroen-Rennwagen-Prototypen oder einer gewagten Modekollektion von Vivien Westwood mit Schulterpolstern und Plateauschuhen. Es ist berauschend, sich wieder in die Zeit der großen Clubs und Diskos zurück zu träumen und wenigstens innerlich hier hindurch zu tanzen.
Ja, was war sie nun, die sogenannte POSTMODERNE? Die Ausstellungsmacher definieren sie von 1967 bis 1992. Ein Zeitalter, in dem sich alles aus der sogenannten Moderne befreite: die Kunst, Literatur, Musik, Technik, Medien, das Design oder der Film.
Beispielhaft die Architektur! Ein kurzer Lehrfilm des Architekturmuseums Frankfurt erklärt es. Ursprünglich prangten Ornamente und Figuren als Nachahmung prunkvoller Schlösser der Monarchen als Schmuck an den Hausfassaden. Die Moderne verbannte all dies und etablierte z.B. in den Entwürfen des Bauhauses den Stil des White Cube. Die Schlichtheit sollte soziale Gerechtigkeit und Gleichheit demonstrieren, was auch in schmucklosen monotonen Mehrfamilienhäusern sichtbar wurde.
Persiflage auf die ModernePostmoderne Verspieltheit
Doch dann kam DIE POSTMODERNE, die erneut eine Befreiung darstellte. Sie dekorierte wieder, aber ganz individuell, spielerisch, skurril, regellos und experimentell, zerstörte aber nicht alte Substanz, sondern verwandelte sie. Ein Beispiel ist das erste Wohnhaus von Frank O. Gehry. Er verkleidete eine alte kleine Villa mit Wellblech, Glas und Holzbalken kreativ gelockert ohne strenge rechte Winkel.
Am Beginn der Ausstellung startet die Apollo 11 Rakete, – völlig losgelöst von der Erde -, mit der die Menschheit auf dem Mond landete. Doch sie startete auch in dieses neue Zeitalter der Postmoderne. Mit dem Ereignis der Mondlandung wird von den Konzept-Verantwortlichen auch der Beginn der Epoche definiert, weil es den Anfang der modernen Medienverbreitung markiert. Der Fernseher machte die weltumspannende Life-Information möglich. Science fiction-Filme und TV-Serien folgten mit riesigem Erfolg.
„Barbarella“ Jane FondaDesign: Paco Rabane
Unbedingt ergänzt werden soll an dieser Stelle als Ursache für den Beginn eines neuen Zeitgeistes auch die Zugänglichkeit der Antibabypille für jede Frau. Sie machte das exzessive Partyleben, die Freiheit der Sexualität und damit den ausschweifenden Lebensstil der Postmoderne erst möglich.
Eine Ikone der neuen Kunst- und Party-Welle war das Studio 54 in New York mit Andy Warhol.
Sein Bild der „Diamond Shoes“ bezeichnete die Kritik damals als exemplarisch für die endgültige „Flachheit postmoderner Kunst“. Postmodernes war oberflächlich ohne Tiefgang. Nicht „Form follows Function“ sondern „Form follows Fun“.
Querelle
Rainer Werner Faßbinders letzter Film „Querelle“ läuft beispielhaft in der Ausstellung; sexuell ebenso skurril wie von der Handlung und der Regie.
“Anything goes“, alles schien möglich und man überschlug sich mit immer schrilleren, unmöglichen, provokativen Aktionen und Designs. Die Memphis-Kollektion von Ettore Sottsas mit dem gemeinsamen Essen im Boxring statt an prunkvoller Tafelrunde als Beispiel. Sicher spielten aber auch Drogen eine wesentliche Rolle. LSD war die damalige Lieblingsdroge, die alles optisch in ein buntes Farbenmeer verwandelte.
1982 sendete Jenny Holzer auf einer Werbetafel zwischen Leuchtreklamen am Times Square subtil widersprüchliche Botschaften: „Bewahre mich vor dem, was ich will.“ Für die jetzige Ausstellung revitalisierte die Künstlerin selbst das Werk, das mit aktueller LED Technik in 6 Meter Höhe im Saal leuchtet. Die Vermischung von Kunst und Kommerz war bereits in vollem Gang.
Nigel Coates war bereits Architekt der Postmoderne. Er ist mit seinem Team der Ausstellungs-ARCHITEKT. Fast möchte man sagen, ER ist der künstlerische Star! Anordnung, Ausleuchtung, Farbigkeit der Objekte sind hervorragend präsentiert und hierduch ein eigenständiges postmodernes Architektur-Kunstwerk. Eine Kunstausstellung ist damit bewiesenermaßen schon lange keine reine „Hängung“ mehr. Auch das Kuratieren allein reicht nicht. Ausstellungs-Architektur bringt erst ein Gesamtkunstwerk zustande. Sie beinhaltet hier in Bonn eine Fülle unterschiedlichster Darstellungsarten: abgetrennte Nebenbereiche zeigen Videos neben Plakaten und Vitrinen zu einem Subthema. Erklärende Hör-Nischen stehen wie aufgeschlagene Bücher im Raum und laden ein zum Sitzen und Lauschen. Flache und hohe Bühnen aus sichtbaren Gerüststangen sowie runde und vieleckige Zwischenwände lassen die Objekte einzeln strahlen und trotzdem aufeinander eingehen. Sogar die Musik ist bewußt wahrnehmbar, vermischt sich auch nicht zu einem Lärmteppich.
Sven Bergmann/Eva Kraus/Kolja ReichertNigel Coates
Dabei soll die kuratorische Arbeit, die in der Postmoderne-Ausstellung steckt, keinesfalls weniger gewürdigt werden. Neben Eva Kraus hat insbesondere Kolja Reichert die hunderte einzelner Ausstellungsstücke mit nachhaltiger Recherche in ihren komplexen Bedeutungszusammenhängen recherchiert und in das Gesamtkonzept dieser Epochen-Geschichte eingepasst.
Hätten Sie z.B. gewusst, dass Modern Talking mit dem seichten gleichförmigen Elektrosound typisch für die Postmoderne war und ist? Kein Popmusiker sei häufiger im Kreml auf getreten als Thomas Anders. War er damit nicht ein verbindender Kulturbotschafter ?!
Auch historische Dokumente werden präsentiert wie die Urkunde, in der die Stadt New York Donald Trump das Gelände seines Towers überläßt.
Interessant ist auch die Bemerkung, dass für die Ausstellungsplanung ein ganze Kraft eingestellt wurde, die sich nur um die Urheber-Rechte der gezeigten Objekte und Zustimmungen zur Präsentation kümmerte. Übertrieben? Laut Kolja Reichert: überhaupt nicht!
Viele faszinierende Möbelstücke der Memphis Kollektion von Ettore Sottsass stehen dominant und elegant im Zentrum der Ausstellung. Wer hätte nicht das berühmte Regal damals allzu gern in der eigenen Wohnung aufgestellt? 1980 sorgten diese Wohnobjekte auf der Architektur-Biennale in Venedig für einen Eklat und lösten Proteste in der Fachwelt aus, weil z.B. die Wiederkehr von Schnörkeln in den barocken, aber ironischen Sesseln als Abkehr von den Regeln der Moderne interpretiert wurden. Damit seien sie eine bedrohliche Rückwendung, ein erneuter „Historismus“.
Dass in der Postmoderne trotzdem alle Schranken verlassen werden durften, davon zeugt auch ein Bild von David Hockney, in dem er seine typische klassische Perspektive verlassen hat.
Gegen Ende der 80er Jahre wird die Leichtigkeit des Lebens von Angst abgelöst. AIDS fordert viele Todesopfer. General Idea, eine kanadische Dreier-Künstlergruppe ändert die Buchstaben des Werkes LOVE von Robert Indiana in AIDS. Diese Grafik leuchtete auf der gleichen Werbewand am Times Square 1987 wie zuvor Jenny Holzers Werk. In der Ausstellung wird dem eine große Wand gewidmet. Zwei Mitglieder der Gruppe starben früh an AIDS. AA Bronsen überlebte und wurde in die Ausstellungsgestaltung eingebunden.
General Idea
Das Ende der Postmoderne wird mit 1992 etwas wirkürlich von den Ausstellungsmachern gesetzt. Das letzte typische Bauwerk sei die Bundeskunsthalle in Bonn selbst, obwohl sich ihr Architekt Gustav Peichl nicht gern mit diesem Begriff bezeichnen lasse. Doch es wird auch das 30 jährige Jubiläum des Hauses gefeiert, nur wenig verspätet wegen der Pandemie.
Der Katalog zur Ausstellung ist adäquat zum fantastischen Ausstellungsraum eine Augenweide. In einem Remake postmoderner Grafik ein Stück Kunst für sich.
Das Ende der Geschichte? Francis Fukuyama, amerikanischer Politikwissenschaftler schreibt 1992, dass nach Zusammenbruch des Ostblocks der Kalte Krieg vorbei sei, sich für immer liberale Demokratie und Kapitalismus als beste Staatsformen durchgesetzt hätten und ein ewiger Frieden einziehen werde. Dieses Zitat wurde in der Ausstellung für das Ende aufgegriffen.
Wo stehen wir aber heute in der Reihenfolge der Stil-Epochen? Noch mitten in der Postmoderne? Oder in einer Art Postpostmoderne? Oder muss erst noch eine weitere Generation abgewartet werden, bis von dort aus auf die Jetztzeit zurückgeblickt wird? Kunst wird inzwischen global gedacht, postkoloniale Einflüsse, das Einbeziehen des globalen Südens, die virtuelle Welt des Metaversums und auch die Klimazukunft sind heute evidente Bestandteile von Kunst, Architektur, Musik, Design, Film …… und Leben. Aber genießen wir doch die Ausstellung mit ihrem Blick in eine inspirierende fröhliche Lebensperiode und nehmen die Aufforderung mit:
„Back to the future“ „Zurück in die Zukunft!“
Bundeskunsthalle Bonn, 29.September 2023 bis 28. Januar 2024
Ausnahmsweise in Englisch, denn so sind die Werke der kanadischen Künstlerin angelegt, deren große Einzelausstellung das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt. Bei allen Werken entsteht auf diese Art eine Interpretationskette, die man schrittweise entdecken kann, aber nicht muss.
Kapwani Kiwanga (Jg 1978) studierte ursprünglich Antropologie und Religionswissenschaften und arbeitete zunächst als Dokumentarfilmerin, um auf die Themen aufmerksam zu machen, die ihr am Herzen liegen. Als sie in diesem Metier zunehmemd die Grenzen der Ausdrucks-möglichkeiten sah, wechselte sie zur Kunst mit all deren Freiheiten. Die Künstlerin läd ein, ihre Werke rein aesthetisch zu genießen. Doch die Geschichten dahinter lösen bei Interessierten viel mehr Intensität und Bedeutung aus. Sie berichten über Rassismus, Disziplinierung oder Ausbeutung.
Bei Kapwani Kiwanga spielen stets die ausgewählten Materialien eine bedeutungsvolle Rolle. So geht es z.B. mehrfach um ganze und teilweise Sichtbarkeit: ein Paravant aus halbdurchsichtigen Spiegeln, der aber segmental komplette Durchblicke gewährt. Auch eine Jalousie erfüllt diese Funktion: wer sieht wen? Wer entscheidet darüber? Eine Anspielung auf Überwachungssituationen!
Für ein Werk, das neu für die Ausstellung in Wolfsburg angefertigt wurde, ist gitterartig gewebter Stoff verwendet worden, der unterschiedlich viel Licht durchlässt. „Black blue hour“ sei trotz der blauen Farbe nicht extra für Volkswagen angefertigt, betont die Künstlerin.
Ein großer transparenter Vorhang mit den Farben des Sonnenuntergangs in der Wüste hing bereits auf der Biennale di Venezia 2022. Vervollständigt wird dieses Werk („Terrarium“) durch zwei Glasobjekte: Sanduhren, ein Symbol für Vergänglichkeit, gefüllt mit Wüsten-Quarzsand, wie er beispielsweise zur Glasherstellung , aber auch für Fracking mit den bekannten schweren Umweltproblemen genutzt wird.
„Ein Blumenmeer für Afrika“: Das mit Eukalyptus behangene Tor diente ebenso wie die Blumengestecke als Dekoration bei Unabhängigkeitsfeiern am Ende der Kolonialherrschaft in afrikanischen Ländern. Kapwani Kiwanga hatte akribisch historische Fotos darüber gesammelt, die das besondere Ereignis abbilden. Zu jeder Ausstellung werden die Blumenarrangements von lokalen Floristinnen nachgestellt und dürfen verblühen: ein Indikator für Enthusiasmus und Ernüchterung in den neuen selbständigen Staaten? „Die Geschichte in die Gegenward bringen“ möchte die Künstlerin, gesellschaftsananlytisch, dokumentierend, nicht anklagend.
Kapwani Kiwangas Kunstwerke erfreuen und berühren schon allein durch ihre Schönheit. Andererseits berichten die dahinter stehenden Narrative über komplizierte ungereimte Situationen in unser globalisierten Welt.
Das Kunstmuseum Wolfsburg hatte bereits für die frühere Empowerment Ausstellung (s.a. früherer Artikel hier im Blog) mit nur weiblichen Künstlerinnen Kontakt mit Kapwani Kiwanga aufgenommen, doch beide Seiten spürten rasch, dass die Werke Kiwangas den ganzen großen Raum mit ihrer Ausstrahlung erfüllen können.
„Die Länge des Horizonts“ Kunstmuseum Wolfsburg, 16.9.23 bis 7.1.2024
Helsinki und Finnland widmen dem besonderen Zeichner im berühmten KIASMA Museum of Modern Art stolz ein große Ausstellung.
Der Künstler Tom wurde 1920 in Kaarina im Südwesten Finnlands geboren und 1939 zum Militär eingezogen, weil sich Finnland im Krieg gegen die Invasion durch die Soviet Union befand. Danach musste er sich seinen Lebensunterhalt als Klavierspieler in Bars verdienen, weil seine heimliche Leidenschaft fürs Zeichnen nie zu einer Chance in einer Akademie geführt hatte.
Unter FansDer Zeichner Tom of Finland
1956 wurde sein Zeichentalent zufällig entdeckt und ein Freund schaffte es, die homoerotischen Bilder in die USA zu schmuggeln, wo sie von einem Bodybuilding-Magazin begeistert gedruckt wurden. Der Chefredakteur war Urheber des Namenszusatzes, jetzt „Tom of Finland“.
Sein Sujet war stets der perfekte Männerkörper. Anatomisch korrekt inzenierte Muskeln plus idealisierte übertrieben große Darstellung der männlichen Geschlechtsorgane inklusive drastischer homoerotischer Interaktionen sind durchgehende Motive. Zeichentechnisch wunderschön. In den USA gewannen die Zeichnungen rasch Kultstatus in der Gay-Szene. Doch auch in Dänemark und in Hamburg wurde Tom hoch verehrt.
1991 starb Tom of Finland an einer Lungenkrankheit, (COPD). Im gleichen Jahr kürte ihn die finnische Comic-Society als Cartoonist of the Year und er bekam seine künstlerische Anerkennung durch eine Ausstellung im Whitney Museum New York.
Kunst oder Porno? Warum nicht von beides? Als spannende und geglückte Kombination, gerade in der heute doch deutlich toleranteren Gesellschaft?
Kiasma Museum für Moderne Kunst, Helsinki noch bis 29.10.2023
Nachdem im vorherigen Artikel über die spektakuläre Neueröffnung der Fotografiska in Berlin berichtet wurde, ist es interessant, eine weitere Dependance dieser Ausstellungskette anzuschauen. Die Gelegenheit ergab sich in Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Hier gibt es schon seit März 2019 eine umgebaute Fabrikhalle mit Fotografiska. Das Gebäude ist eine charmante Einladung in eine wunderbare architektonische Kombination aus Alt und Neu , hervorragend geeignet als Event-Location, für Konzerte ebenso wie für Privatfeiern, als Bar oder Restaurant.
Die Fotoausstellung ergänzt das Ambiente als passende Dekoration, jedoch weniger aus künstlerischer Sicht. Eine Etage bespielt aktuell Miles Aldridge. Seine Fotos sind mit Schauspieler*Innen inszenierte Standbilder einer vergangenen Hollywood-Zeit der 1960/70er Jahre. Besonders die klischeehafte Rolle der Frauen in Petticoat-Rock und im Supermarkt oder auf ein Sexsymbol reduziert ist entweder ein Hohn oder eine bewusste Persiflage eines sinnvollen Feminismus. Bewertung: Muss nicht sein!
Auf einer weiteren Etage stellt Omar Victor Diop Fotos von sich als colored man in verschiedenen Kostümen wichtiger Persönlichkeiten aus.
Das haben wir von Samuel Fosso in Salzburg (jetzt noch in Schleswig) subtiler und authentischer erleben dürfen.
In der Funktion als Vergnügungsmeile ist das Areal um die Fotografika in Tallinn, besonders mit dem Blick von der Rooftop-Bar fantastisch. Die angebliche Fotokunst kann man jedoch gern vernachlässigen.