• Mike Kelley

    Spielereien oder Tiefenpsychologie?

    Das Werk des US-amerikanischen Künstlers, der 1954 in Detroit geboren wurde und vorwiegend in Los Angeles arbeitete, verwirrt und verstört auf den ersten Blick. Es erscheint keinen Roten Faden, keinen Wiedererkennungseffekt zu haben und doch ist es letztlich vor allem eins: amerikanisch.

    Zum Beispiel erstaunte Mike Kelley Anfang der 90ger Jahre mit Kollagen aus Stofftieren. Er hatte sie auf Flohmärkten oder Müllbergen gesammelt. Sie sind alle selbstgemacht, gebraucht und irgendwie „zerliebt“. In einem Konglomerat auf eine Leinwand montiert erwecken sie eher den Eindruck einer Kindergarten-Gruppen-Gemeinschaftsarbeit. Der Titel lautet: „More love hours than can ever be repaid”.

    Darin ist ein recht tiefer Sinn des Künstlers zu erkennen. Die Stofftiere beinhalten aus seiner Sicht besonders viel Liebe, beginnend mit der liebevollen Herstellung, aber auch durch das Kuscheln und Spielen des Kindes. So viel Liebe könne niemals zurückgezahlt werden. Ein kompliziertes Konzept, das eher etwas über die Persönlichkeit des Künstlers aussagt. Meist wurde die Arbeit mit den Kuscheltieren als Auseinandersetzung mit seiner konservativen, eher spießigen Erziehung im Elternhaus interpretiert. Doch es soll auch Betrachter gegeben haben, die es mit sexuellem Missbrauch von Kindern in Zusammenhang brachten.

    Ein weiterer dominanter und herrlich bunter Ausstellungsteil widmet sich Kelleys fantasievoller Darstellung von KANDOR, die er zwischen 1999 und 2011gestaltete. Dies ist die „Festung der Einsamkeit“, die Heimatstadt von SUPERMAN auf seinem Planeten Krypton. Obwohl der Planet zerstört wurde, überlebte Kandor, da die Stadt zuvor zur Miniatur geschrumpft wurde. Echte Superman-Fans seien hier um Vergebung gebeten, wenn die gesamte komplexe Historie nur sehr grob zusammengefasst wurde. Der Künstler formt prächtige leuchtende unterschiedliche Modelle von Kandor, die unter gläsernen Kuppeln stehen, wodurch sie konserviert wurden.

    Ob Kelley nur Fan des Comic-Helden war oder vor allem auch seine eigene Fantasie von ihm anregen ließ, muss offenbleiben. Auf jeden Fall bleibt Superman eine Ikone amerikanischer POP-Kultur, die Mike Kelley gern als Basis für mehrere seiner Kunstwerke verwendet hat. War dies als Konsum-Kritik gedacht? Oder als Bewunderung? Die Kandor-Modelle jedenfalls sind ästhetisch wunderschön, wie sie bunt im abgedunkelten Raum strahlen in einer Umgebung, die einem fiktionalen Labor ähnelt.

    Mike Kelley starb 2012 durch Suizid.

    Dieser Bericht entstand aus dem Besuch der Mike Kelley Retrospektive in Paris in der Bourse de Commerce, dem eindrucksvoll umgebauten ehemaligen Gebäude der Börse durch die Pinault-Stiftung.

    Aktuell ist die Ausstellung jedoch nach Düsseldorf gewandert, wo es gilt, sich irritieren, aber auch begeistern zu lassen.

    Mike Kelley „Ghost and Spirit”, K21 Düsseldorf 23.März bis 8.September 2024

  • Joe Sam

    Kunst gegen Gewalt an Afroamerikanern

    Neben dem großen San Francisco MOMA versteckt sich auf 3 Etagen des luxuriösen St Regis Hotels das „Museum of the African Diaspora“. Hier soll speziell Kunst gezeigt werden, die in den afroamerikanischen Communities entstanden ist.

    Aktuell sind Werke von Joe Sam zu sehen. Er wurde 1938 in Harlem geboren und arbeitet als „mixed media painter“. So werden seine farbenprächtigen Assemblagen aus Schriftzügen, Fotoausschnitten und Fundstücken bezeichnet. Studiert hat er Soziologie, Psychologie und Education an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten.

    Der Künstler thematisiert schwerwiegende Ereignisse, bei denen Afroamerikanern Unrecht und Gewalt angetan wurde, z.B. das Jonestown-Massaker. Hier kamen 1978 in einem vom Anführer Jim Jones erzwungenen Massenselbstmord 909 Menschen ums Leben.

    Oder auch Rodney King, der 1991 Opfer unverhältnismäßiger Polizeigewalt wurde.  Ein Jahr später wurden die betroffenen Polizisten juristisch freigesprochen, was erhebliche Unruhen in Los Angeles auslöste.

    Auch die Morde während einer Bibelstunde 2015 in der Emmanuel African Methodist Episcopal Church an 10 Afroamerikanern in Charleston gehören zu den grundlegenden Themen in Sam Joe`s Kunstwerken.  

    Auch erinnern einige Details an Jean Michel Basquiat, der ebenfalls in seinen Bildern die Diskreminierung von Afroamerikanern zeigen wollte.

    Beeindruckend fällt die fantastische Gestaltung der Assemblagen sofort ins Auge, die uns BetrachterInnen sofort fröhlich stimmt. Neben der anklagenden Erinnerung an die schlimmen Ereignisse entwickelt sich zusätzlich auch stets eine versöhnliche Atmosphäre.

  • West Coast USA – “The Broad”

    The Art of America -Teil 1

    Was hängt in den Museen in Kalifornien?

    Die Amerikaner lieben eindeutig amerikanische Kunst! Das ist auf keinen Fall verwunderlich. Und sie lieben große Formate. Überhaupt: Großartiges! Allen voran im Museum „The Broad“ in Los Angeles!

    Auf den ersten Blick hängen hier vor allem Hunderte Millionen Dollar in Form von Kunstwerken an den Wänden, z.B. allein 6 Werke von Jean Michel Basquiat, von dem ein anderes für 100 Millionen schon mal versteigert wurde.

    Weiterhin finden sich 4 Säle voll mit Schlüsselwerken von Roy Lichtenstein, einem der wichtigsten Vertreter der Pop-Art, ebenso wie Andy Warhol.

    Auch die poppigen Skulpturen von Jeff Koons sind Vertreter der typischen zu Hollywood passenden Kunst.

    Interessant und künstlerisch differenzierter, aber ebenso wertvoll, Werke von Julie Mehretu, die auch an der Documenta 13 (2012) teilnehmen durfte, sowie Jenny Holzer.

    Das Museum „The Broad“ besteht seit 2015 und wurde hauptsächlich von dem Milliardär Eli Broad und seiner Frau Edith privat finanziert für ihre Privatsammlung, die etwa 2000 Werke umfasst. Den riesigen Bau in prominenter Lage von L.A. ließen sie vom Architekturbüro Diller Scofidio u. Renfro erstellen.

    Da passt doch das Werk von Barbara Kruger typisch hinein: „I shop, therefore I am“.

    „The Broad“ ist nur ein Beispiel für die Museumskultur in den USA, die allein deshalb existiert, weil sehr reiche Familien sie als Sponsoren finanziert. Das bedingt jedoch, dass dort gehängt wird, was der Besitzer bestimmt. Wir sehen keine komplexe Thematik oder die Finesse kuratorischer Ideen. Vielmehr sollen wir lediglich die Besitzer bewundern. Deutlich zu spüren ist dieser Unterschied zu Europa, wo viele staatliche Museen den Kurator*innen den Freiraum für thematische Ausstellungen ermöglichen oder auch noch wenig bekannten Künstler*innen den Raum geben. Hier sehen wir wechselnde Ausstellungen mit komplett anderer Ausrichtung als der reinen Zurschaustellung von Vermögen.

    Auch in weiteren Museen in Kalifornien sind große Abteilungen mit Dauerausstellungen gefüllt und nach den Namen der Sammler und Geldgeber benannt. Dabei sei an den Kampf von Nan Goldin erinnert, die fordert, dass genau geschaut wird, woher deren Reichtum kommt und dass keine Huldigung von fragwürdigen Geschäften in Kunstmuseen geduldet werden darf.

    Bei unserem Besuch an einem Sonntag im Februar gab es großen Andrang von Besuchern, besonders auch Familien mit Kindern jeden Alters. Ebenso fehlten keineswegs – wie oft bei uns in Deutschland – die jungen Erwachsenen. Möglicherweise liegt das auch daran, dass keinerlei Eintritt verlangt wird.

    Trotz aller Kapitalismus-Kritik ist es schon ein großes Vergnügen, so viele wundervolle Kunstwerke mal anzuschauen, die wenigstens nicht in hochgesicherten Lagern verschwinden, sondern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

    „The Broad“: 221 S Grand Ave, Los Angeles, CA 90012, USA

  • Berlin liest 100 Stunden über Totalitarismus

    Ein Projekt von Tania Bruguera

    Im Hamburger Bahnhof wird vom 7.2.2024 19.Uhr bis zum 11.2.2024 23 Uhr aus dem Buch von Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951/1952) gelesen. Es gab hierzu einen Open Call, durch den sich alle Menschen als Leser*Innen melden konnten. Bei stündlichem Wechsel wird auf Englisch oder Deutsch gelesen. Dabei ist es der Leserin freigestellt, nur vorzulesen, zu kommentieren oder noch besser die Zuhörer in eine lebendige Diskussion über das Thema zu bringen. Der Hamburger Bahnhof ist über alle 100 Stunden kostenlos weit geöffnet.

    Die Künstlerin und Aktivistin Tania Bruguera lebte ursprünglich in Kuba, brachte jedoch wegen ihrer kritischen Performances die dortige Regierung so gegen sich auf, dass sie großen Repressalien ausgesetzt war und sogar unter Hausarrest leben musste. Während dieser Zeit in Unfreiheit 2015 organisierte sie zum ersten Mal das Projekt der 100-Stunden Lesung. In ihrem Haus war ihr jedoch jegliche Kunstaktivität verboten worden. Doch vor ihren Fenstern lasen Freunde und Mitstreiter Tag und Nacht. Die Behörden wussten sich nicht anders zu helfen, als eine lautstarke Baustelle auf der Straße zu installieren.

    Bereits auf der Documenta fifteen  (2022) erreichte Tania Bruguera eine weltweite Öffentlichkeit, als sie auf die totalitäre Unterdrückung kritischer Kunst und Künstler in Kuba mit ihrem Kollektiv INSTAR (Instituto de Artivismo Hannah Arendt) hinwies. Sie selbst war bereits ins Exil genötigt worden. Man hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass ein befreundeter Künstler aus seiner langjährigen Gefängnisstrafe nur freigelassen würde, wenn sie das Land verlasse.

    Auf die heutige Frage, ob sich inzwischen in Kuba etwas verändert habe, ob insbesondere Verbesserungen durch ihre Arbeit erreicht wurden, antwortete Tania Bruguera: „Die Kunstszene in Kuba ist inzwischen völlig ausgeblutet.“ Bis auf sehr wenige seien ihre Kolleg*Innen alle ins Exil gegangen, weil sie ständigen Anfeindungen und Sanktionen ausgesetzt gewesen seien. Jegliche Rückkehr ins Land werde ihnen allen verwehrt.

    Die Rechte an der Performance hat inzwischen die Irene und Peter Ludwig-Stiftung erworben. Hier in Berlin ist es eine Art Neuinszenierung, denn wir leben in einem demokratischen Land mit aktuell wenig Sanktions-Sorgen. Weltweit wird jedoch inzwischen wieder eine Form von Zensur für Künstler sehr negativ bewertet am Beispiel der geplanten, aber zurückgenommenen Bekenntnisauflage gegen Antisemitismus etc. Außerdem hat Deutschland eine schwere qualvolle Geschichte mit totalitären Regimen.

    Die Lesenden seien laut Direktor Till Fellrath nicht ausgesucht worden, sondern bis auf wenige Experten bunt gemischt aus dem Open Call zufällig hervorgegangen.

    Es ist für alle Menschen, die gerade in Berlin leben, arbeiten oder zu Besuch sind eine Aufforderung, zum Hamburger Bahnhof zu gehen, zu hören und auch intensiv mitzudiskutieren, gerade angesichts der aktuellen Rechtsorientierung von viel zu vielen Menschen im Land.

    „Where your Ideas become Civic actions“, 100 Hours reading: The Origins of Totalitarianism.

    Berlin, Hamburger Bahnhof (Museum für zeitgenössische Kunst)

    Donnerstag, 7. Februar 19Uhr bis Sonntag 11.2.2024

     

  • Jeff Wall

    „Ich versuche immer, einfach schöne Fotos zu machen.“

    Jeff Wall hat massgeblich zur Etablierung der Fotografie als eigenständige Kunstform beigetragen. Er hat schon in den 1970ger Jahren einprägsame Kompositionen für seine Bilder erstellt, indem er Räume mit Menschen ganz speziell inszeniert. Sein Markenzeichen ist, dass er diese Bilder als Großbild-Dias in riesigen Leuchtkästen zeigt, wie man sie zuvor nur aus der Werbung kannte. So strahlen sie von hinten beleuchtet aus dem Inneren heraus und hinterlassen unabhängig von den äußeren Lichtverhältnissen eine Strahlkraft, die sich bei den Betrachtern tief in die Erinnerung einprägt. Auch die fast Lebensgröße der Bilder mit der Möglichkeit des immersiven Eintauchens verstärkt diesen Effekt. Der Künstler nennt sie „Tableaus“, denn sie sind mehr als ein Foto, eher ein Gemälde in Form eines anderen technischen Mediums.

    Seit Erfindung der Fotografie dient sie der authentischen Dokumentation. Dabei ist inzwischen der Wahrheitsgehalt von Fotos spätestens seit der Digitalisierung und KI fraglich geworden. Das spielt bei Jeff Wall jedoch keine Rolle. Es ist eine „cinematografische Fotografie“. Renaissance-Künstler wie Tintoretto erzählten auch schon in einem einzigen Gemälde ganze Geschichten. In dieser Tradition sind auch die Bilder von Jeff Wall Ausdruck einer imaginierten Filmhandlung. Als Betrachter fragt man sich, was vorher stattgefunden hat und was danach passieren könnte.

    In der Fondation Beyeler in Basel werden aktuell 55 Meisterwerke des Künstlers präsentiert, die aus unterschiedlichen Schaffensperioden stammen und auch verschiedene Techniken zeigen.

    Ein beispielhaftes Werk ist „Milk“, das bei der Documenta 10 (1997) in einer Fußgängerunterführung dort nicht nur die zahlenden Ausstellungsbesucher anstrahlte. Jeff Wall berichtet jetzt in Basel, dass er zufällig im Vorrübergehen einen Mann an einer Mauer sitzend total angespannt und verlassen gesehen hatte. Dies beeindruckte und inspirierte ihn, doch er suchte einen anderen farblich und graphisch kontrastierenden Hintergrund, aber ganz in der Nähe. Der Mann auf dem Bild war nicht der ursprüngliche aber auch kein Schauspieler. Es musste ein Zeitpunkt mit intensiver Sonneneinstrahlung gefunden werden, um die ultrakurzen Verschlusszeiten einzuhalten für die Darstellung der Milchfontäne. Wenn man den linken Arm des Mannes betrachtet, ist die muskuläre wutbedingte Anpannung inklusive der Faust zu erkennen, so dass nachvollziehbar wird, welche Kraft auch in der rechten Hand möglich wurde, um die Milchtüte zur Explosion zu bringen.

    Zufällige Alltagserlebnisse seien Grundlage der Ideen für Inszenierungen eines neuen Bildes, erklärt Jeff Wall. „Ich habe den Zufall stets zu meinem Komplizen gemacht.“ Es entstehe dann eine Fotografie einer Situation, die auch wenn sie später inszeniert wurde, so real hätte stattfinden können.

    Andere Inspirationsquellen sind laut Jeff Wall literarische Narrative. So entstand ein ebenfalls berühmtes Werk: „Invisible Man“ nach einer in den USA weitbekannten Novelle von Ralph Ellison (erschienen 1952). (Documenta 11, 2002). Hierin beschreibt der Autor einen afroamerikanischen erfolglosen Schriftsteller, der sich in einem Keller in Harlem einen Raum eingerichtet hat, den er mit 1036 Glühbirnen beleuchtete. Diese literarische Vorgabe war die Idee für die Installation des Tableaus.

    Jeff Wall (Jg 1946) ist ausgebildeter Kunsthistoriker und Professor an der British Columbia University in seiner Heimatstadt Vancouver (Canada). So sind oft Anspielungen auf klassische Gemälde in seinen Inszenierungen zu entdecken. Ein Beispiel ist eine Szene links unten in „Storyteller“. Sie erinnert deutlich an das „Frühstück im Grünen“ von Edouard Manet, wobei der Ort unter der Autobahn bei Jeff Wall im Gegensatz zu Manet bewusst überhaupt nicht idyllisch gewählt wurde. Zeigen wollte er, dass die anwesenden indigenen Menschen an den Rand der Stadt und der Gesellschaft ausweichen mussten.

    Der Katalog dieser Ausstellung in Basel ist besonders interessant, weil Jeff Wall selbst die Interpretationen zu seinen Bildern geschrieben hat und auch in einem Interview mit dem Kurator Martin Schwander über seine Arbeit autentisch berichtet.

    Heute hat die künstlerische Fotographie ihren anerkannten Platz gewonnen, zu deren Siegeszug die Tableaus von Jeff Wall jedoch einen wesentlichen Grundstein gelegt haben. Seine Werke entwickeln bis heute noch eine ansteckende Strahlkraft und laden eindrucksvoll zum Erkunden aller Details und der dazugehörenden Storys ein.

    Fondation Beyeler, Basel/Riehen 28.1. bis 21.4.2024

  • Abu Dhabi, der Louvre

    Kunst der Menschheitsgeschichte im Zeitraffer

    und Baustellen zukünftiger Kunstpaläste

    Jean Nouvel hat in dem größten der Vereinigten Emirate ein Gebäude für Kunst geschaffen, das sich nicht nur flach und rund in die Landschaft von Wüste, Küste und Meer einfügt, sondern auch Elemente der Nachhaltigkeit und emissionsarmer Architektur aufweist. Im Klima des Landes herrscht nicht wie bei uns die Notwendigkeit zu heizen, sondern stark zu kühlen. Doch große Bereiche des Louvre Abu Dhabi müssen nicht künstlich klimatisiert werden. Das gewölbte Dach, dessen Träger wie mehrere Schichten Korbgeflecht aussehen und die offene Bauweise am Meer bewirken eine ständige angenehme natürliche Durchlüftung. Auch die nur teils durchgelassenen Sonnenstrahlen beleuchten das Innere mit wechselndem Muster ausreichend, ohne zu blenden.

    Für die wertvollen Kunstschätze gibt es jedoch zusätzlich sichere geschlossene Räume. Neben ortstypischen Sonderausstellungen alter Schriften oder wertvollen arabischen Schmuckes finden sich die Säle, die von den ältesten Figuren aus Jordanien (etwa 6500 Vor Chr.) über griechische, römische oder ägyptische Statuen eine komplette exemplarische Zeitreise durch die Kunst bis zu zeitgenössischen abstrakten Installationen bieten. Sowohl für Kunsthistoriker als auch Kunstbegeisterte ein Paradies.

    Es ist bereits viel diskutiert worden, ob und warum ein ultrareiches Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate antike Kunstschätze aus dem Fundus des Pariser Louvre in der Wüste präsentieren sollte. Handelt es sich um kulturelle Aneignung? Oder um eine arrogante Demonstration finanzieller Macht?

    Auf der anderen Seite sind die Archive des Louvre wie auch anderer europäischer klassischer staatlicher Museen ungeheuer voll mit fantastischen erstklassischen Werken der Kunstgeschichte. Viele von ihnen hätten trotz riesiger Hallen wegen Platzmangels niemals die Chance im Stammhaus öffentlich ausgestellt zu werden. So kommt beim Wandeln durch die auf jeden Fall ebenfalls weitläufigen Räume in Abu Dhabi eher das Gefühl auf, dass hier sonst vielleicht in Lagerräumen verstaubende und vergessene Werke gesehen werden, die auch ein größeres Publikum aus aller Welt inklusive nichteuropäischer Kulturkreise begeistern können.

    Blick in die Zukunft

    Schaut man sich beim Herausgehen genau die Umgebung des Louvre an, so findet man als ultraspannenden Vorgeschmack auf hochkarätige contemporäre Kunstpräsentation zwei Großbaustellen in direkter Nachbarschaft. Norman Fosters Entwurf des Nationalmuseums für moderne Kunst ist bereits in seiner späteren Form mit vier riesigen Segeln recht gut zu erkennen.

    In einem weiteren Areal am – oder ist es schon im Meer? –  ragen mehrere massive Baukörper und asymmetrische Gerüstkonstruktionen in den Raum, die die Basis für einen erneuten fantastischen Museumsbau von Frank O‘ Gehry darstellen. Dies wird ein weiteres Guggenheim Museum und lässt vermuten, dass es die Gehry-Bauten in Paris (Fondation Louis Vuitton) und des Guggenheim Bilbao an Größe und Außergewöhnlichkeit noch weit übersteigern soll.

    Ein Wiederkommen nach Abu Dhabi wäre 2025 wohl ein Hochgenuss für Kunst- und Architektur-Fans.

  • Gehrys Eispalast in Paris

    Die Fondation Louis Vuitton

    Als Pendant zu dem fantastischen Guggenheim-Museum in Bilbao konstruierte Frank O. Gehry einen weiteren ebenso großartigen Palast für Moderne Kunst für einen Privat-Investor. Diesmal ist es Bernard Arnauld, der über mehrere Luxusmarken wie Louis Vuitton, Dior, den Champagner Moet Chandon und den Cognac Hennessy herrscht.

    Das Gebäude am Bois de Boulogne schwebt wie eine Wolke aus Schleiern wie Eis über dem Park. Faszinierend ist nicht nur die Außenansicht, sondern auch die Innengestaltung. Hier finden sich im Kern die schlichten Ausstellungsräume mit einer Höhe bis zu 9 Metern. Verbunden sind sie locker mit vielen asymmetrischen Übergängen, durch die stets neue Ein- und Durchblicke entstehen. 12 Schleier aus gebogenen Glasplatten schweben fast kontaktlos über der Grundkonstruktion. So entsteht ein offener Dachgarten auf multiplen Ebenen, der Ausblicke sowohl auf den Eiffelturm, als auch La Defense, das Skyline-Quartier von Paris freigibt.

    Ein besonders imposantes und perfekt in einen freien Bereich eingepasstes Kunstwerk ist die Installation von Katharina Grosse. Sie wirkt ebenfalls schwebend, jedoch mit ihren typischen bunten Farben.

    Die aktuelle Ausstellung ist Mark Rothko gewidmet. (18.10.2023 – 2.4.2024) Der amerikanische Maler ist bekannt durch seine Reduktion auf wenige Farbfelder mit Umrahmungen, bei denen die Übergänge verwischt gestaltet sind. Er lebte von 1903 bis zu seinem Suizid 1970. Seine Grundidee hierbei basiert angeblich darauf, dass wir Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft ständig intensiv daran arbeiten, unsere Gegenwart zu gestalten, in dem wir Erfahrungen von früher so verwerten, dass sie für die Zukunft eine gute Perspektive schaffen. Die Farbflächen symbolisieren diese Epochen. Dabei sei wichtig, dass Farbe wie halbdurchsichtig ist. Man kann einfach von außen darauf sehen, aber auch hindurch. Je geringer der Helligkeitsunterschied zwischen den zwei Farbflächen sei, desto mehr sei das Jetzt harmonisch mit Vergangenheit und Zukunft im Reinen.

    Andererseits sind in der Chronologie der in Paris gehängten Bilder im Laufe der Jahre immer düsterer werdende Farben bis zu einer komplett schwarzen Fläche deutlich erkennbar, wonach der Suizid folgte. So entspricht dies womöglich mehr einer zunehmenden Düsterheit auch der Seele, also einer Depression und nicht der vollkommenen Harmonie. Ob die Zuspitzung wegen oder trotz Rothkos intensiver Beschäftigung mit der Philosophie Friedrich Nietzsches erfolgte, bleibt der Spekulation überlassen.

    Mark Rothko war selbstverständlich auch Teilnehmer bei einer Documenta, und zwar der zweiten im Jahr 1959, was auch die Bedeutung dieser einmaligen alle 5 Jahre erneut stattfindenden Ausstellung untermauert.

    Beim Besuch sollte auf keinen Fall das Untergeschoss vergessen werden. Die dortige Anlage des Wasserbasins ermöglicht herrliche Spiegelungen. Ebenso ist die ständig überlaufende Treppe ein Ort der Meditation.

    Fondation Louis Vuitton, 8 Av. du Mahatma Gandhi, 75116 Paris

  • Finger weg von der Documenta!

    Die so lange sogar von den erfahrenen früheren Kurator*innen ausgesuchte Findungskommission für die Documenta 16 ist geplatzt. Sie hat sich einfach aufgelöst. Und woran lag es?

    Natürlich liegt die große Konfliktsituation im Nahen Osten zwischen Israel und den umliegenden muslimischen Staaten, insbesondere Palästina dem zugrunde. Da werden Greueltaten an Zivilisten auf allen Seiten angerichtet, die keinesfalls gutzuheißen sind.

    Die Unmöglichkeit einer für alle Seiten akzeptablen friedlichen Lösung ist und bleibt aber ein Weltproblem, für das sich die Künstler*innen und Kunst-Liebenden jedoch nicht vereinnahmen lassen sollten.

    Die Documenta ist eine Institution, die sich von Beginn an gegen politische Einmischung bekannt hat, indem sie „entarteter Kunst“ wieder ihre Ehre und den richtigen Platz in der Kunstgeschichte zugewiesen hat.

    Momentan scheint es, dass ein populär-publizistischer Missbrauch dieser Kunstausstellung erneut aufblüht, wie er schon im Sommer 2022 hunderte unbescholtene wunderbare Künstler*innen kollektiv diffamierte. Die Findungskommission wollte sich verständlicherweise nicht diesen Anfeindungen und dem Misstrauen erneut aussetzen.

    Was nun?

    Können wir die Documenta nicht unter ARTenschutz der UNESCO stellen lassen?

    Oder gründen wir eine Initiative der Freunde der Documenta mit dem Titel: „Finger weg von der Documenta“?

    Aus solch einer Gruppe könnten wir auch gleich die neue bestimmt loyale Findungskommission selbst stellen!

  • Munch in Potsdam

    „Landschaftsbilder“

    Jetzt auch im Museum Barberini: Edvard Munch. In der Berlinischen Galerie sehen wir bereits seit ein paar Wochen Gemälde des norwegischen Malers. Hier wurde mit Herzblut und kompetenter Recherche ein eigenständiges Konzept entwickelt, das thematisch neuwertig den Fokus auf den Bezug Edvard Munchs zu Berlin legt und einen besonders empathischen Blick auf sein Leben und Werk wirft.

    Das ganze Gegenteil prägt die Ausstellung in Potsdam. Hier wurde ein Komplettpaket vom Clark Art Institut in Williamstown eingekauft, das die US-amerikanische Herkunft nicht verleugnen kann. Möglicherweise liegt genau darin ein Grund für die große Distanz des Betrachtenden mit schwieriger Einfühlbarkeit und mangelnder Begeisterung.

    Ein Holzfäller im bunten Wald, ein grell gelber Baumstamm, verwaschene, verschmierte Farben, die als Schneesturm definiert werden und nackte Männer am Badestrand. Wie passt das zusammen? Nun, die badenden Männer habe Munch gemalt, als er sich in Warnemünde am Ostseestrand von seiner Depression erholt hatte. Oder entspringen sie vielleicht doch einem sonst heftig abgewehrten erotischen Kontext?

    Ein besonderer Raum ist der „Aula“ gewidmet. Edvard Munch bewarb sich in einem Wettbewerb um die künstlerische Ausstattung der Aula der Universität Oslo. Er fertigte dafür zunächst Entwürfe in kleinerem Maßstab an, die als Ensemble erhalten und in Potsdam ausgestellt sind. Der Titel ist „Licht und Wissen“. Trotz aller Genialität des Künstlers wirken sie nun richtig skizzenhaft und unfertig, was sonst dem regelrechten Werk von Munch ungerechtfertigt vorgeworfen wurde. Allerdings ist die thematisch führende Darstellung der Sonne gerade durch die Unvollkommenheit ein heiteres fröhlich frisches Gemälde.

    Als kleines Highlight hängt jedoch ein „Schrei“ in der Potsdamer Ausstellung im Gegensatz zu Berlin, leider aber nur als recht kleine Lithografie. Auffällig der handschriftliche Titel: „Geschrei“! Dazu noch: „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.“ Meint er, dass damals schon die Natur aufgeschrien hat, weil man sie zerstörte? Es soll zu jener Zeit durchaus Angst um die Natur bei den Menschen geherrscht haben, jedoch befürchtete man im Gegensatz zu heute eine bevorstehende Eiszeit.  Oder war Munch von Stimmen oder Tinnitus geplagt?

    Für Anhänger von Edvard Munch ist die Postdamer Ausstellung sicher ein schönes Zusatzgeschenk in diesem Winter, doch den zauberhaften „Zauber des Nordens“ in der Berlinischen Galerie kann sie in keinem Fall überstrahlen.

    Ein Tipp für den Besuch: Es gibt Kombinationstickets für beide Ausstellungen für 20€.

    Munch. Lebenslandschaften, 18.11.23 bis 1.4.2024, Museum Barberini , Potsdam

  • Kunst war und ist politisch

    Ausgewählte Highlights der Sammlung von 1945 bis 2000 in der Neuen Nationalgalerie Berlin

    Es war bestimmt die schwierigste, aber auch schönste Aufgabe für das Kurator*Innen-Team, im großen Schatz der Sammlung der Nationalgalerie zu stöbern und sich dann für diese grandiosen Perlen an Kunstwerken zu entscheiden. Ihnen dann jeweils eine thematische Zuordnung zu geben, war der intellektuelle Anteil, der historisch äußerst reizvolle Gegenüberstellungen hervorbrachte.

    Beispielhaft, plakativ, doch so unmittelbar aktuell fällt die Plakatwand von Klaus Staeck ins Auge. Seine aufwühlenden sarkastischen Aufrufe aus den 70er Jahren sind heute extrem aktuell, wodurch sie endgültig ihren künstlerischen Charakter beweisen.

    Die geschichtliche Besonderheit besteht darin, dass sowohl die Sammlung der Ex-DDR als auch die bundesrepublikanische Sammlung jeweils zeitgenössischer Kunst nach der Wende zusammenkamen, wodurch ein einmaliger Fundus von sowohl sozialistischer, als auch kapitalistischer Sichtweise entstand. Da hängt als Beispiel ein monumentales Gemälde von Willi Sitte in direkter Nähe zu Andy Warhol.

    Im Themenbereich über Identitäten im Alltag findet sich ein Gemälde des Schweizer Künstlers Franz Gertsch von 1974 (Barbara und Gaby). Dem gegenüber hängt „Die Ausgezeichnete“, eine müde Frau mit schlappen Tulpen, die sie für besonders ausdauernde Arbeitstätigkeit im Kombinat erhalten hat.

    Doch auch ohne jede thematische Zuordnungspflicht ist es ein großes Vergnügen, sich die fantastischen Werke anzusehen. Francis Bacon, Robert Rauschenberg, , Mark Rothko, Jean Tinguely, Victor Wasarely, Günter Uecker, aber auch Katharina Sieverding, Cindy Sherman, Joan Jonas und Charlotte Posenenske. Von 163 Ausstellungsstücken sind 25% der Werke von Künstlerinnen. Auf diesen Anteil wurde viel Wert gelegt und Klaus Biesenbach als Direktor der Neuen Nationalgalerie betonte, dass sie bis zur Fertigstellung des neuen „Berlin Modern“ den Frauenanteil durch Neuanschaffungen paritätisch erweitern möchten.

    Dass diesmal nicht noch mehr Fotos in diesem Blog erscheinen, hat den einzigen Grund, den Besucher*innen nicht die Freude zu nehmen hinter jeder Trennwand immer wieder überraschende wunderbare Entdeckungen zu machen, denn davon gibt es extrem viele.

    „Zerreißprobe“ Neue Präsentation aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie , 18.11.2023 bis 28.9.2025