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Rallye zur Kunst in venezianischem Ambiente
Länderpavillons der Venedig Biennale 2024 im Stadtbereich

Die Biennale di Venezia findet nicht nur in den Giardini und dem Arsenale statt, vielmehr verteilen sich Länderpavillons und spezielle Ausstellungen anderer Anbieter, die collateralen Events über das komplette Stadtgebiet. Ein nahezu unersetzliches Hilfsmittel zum Finden einzelner Venues ist seit jeher trotz Google-Maps die Karte, die die Zeitschrift ART in ihrem gedruckten Heft veröffentlicht, besonders, weil in Venedig Straßennamen und Hausnummern nicht wirklich existieren.

ART-Magazin Mühsam bleibt die Planung der Tour trotzdem aus Kombination von Vaporetti und Fußwegen. Doch die Belohnungen sind die Entdeckung idyllischer Gassen und Plätze sowie die Feude, wenn man die Banner mit der Aufschrift eines Biennale-Pavillons plötzlich entdeckt. Nur bei der Biennale bekommt man Einblicke in sonst unbewohnte verschlossene Prunkvillen, die einen großartigen Kontrast zu der dort präsentierten modernen Kunst bieten.
Starten wir mit einigen ausgefallenen Länderpavillons:

Pakui Hardware 


LITTAUEN: Kirche Sant‘ Antonin. Die Gruppe Pakui Hardware möchte unter dem Titel „Inflamed“, also „entzündet“ den Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozioökonomischem Hintergrund thematisieren. Dazu ergänzt sie ihre Installation aus orangefarbenem Glas und Metall-Skulpturen mit Bildern der verstorbenen Malerin Marija Terese Rozanskaite. Ob man wie gewollt die „Entzündungskräfte“ nachvollziehen kann oder den Sound als Geräusche von MRT-Geräten erkennt, bleibt letztlich unwichtig angesichts des faszinierenden atmosphärischen Gesamterlebnisses.





ZIMBABWE: Santa Maria della Pieta. Thematisch soll eine neue Welt imaginiert werden, in der Herkunft, Identität oder Nationalität der Menschen unwichtig werden und Migration sowie Veränderung der Landschaften bestimmen, wo wir unsere Heimat definieren. Künstlerisch sind wandteppichartige Assemblagen aus besonderen Abfallteilchen zu sehen: Computertasten, Reißverschlüsse, Knöpfe oder Zahnbürstenköpfe. Sie bilden beeindruckende „Landschaften“. Sprechen Sie auch mal die Aufsichtskräfte im Pavillon an und lassen Sie sich Geschichten und Fakten aus ihrem Heimatland berichten.




OMAN: Castello 4147, direkt am Weg zum Markusplatz entlang des Kanals in einem kleinen Laden. Auch hier werden untypische Materialien zu Kunstwerken benutzt: Stoffe werden zunächst zu einer Patchwork-Collage zusammengefügt und entwickeln sich durch Übermalung zu einem Stadtbild von farbenfroher Vielfalt. Ein weiteres Werk ist eine fast menschenhohe gold-schimmernde Maske, deren Bestandteile sich bei näherer Betrachtung als lauter Löffel entpuppen. Die Message der Ausstellung ist die Darstellung des Landes als weltoffene bunte Gesellschaft, doch zu finden ist einfach auch ein optischer Genuss.

Von russischen Soldaten entführte ukrainische Kinder 

russische Orgel From UKRAINE. Nicht der eigentliche Länderpavillon, sondern von der Victor Pinchuk Fondation geförderte Ausstellung im Pallazzo Contarini Polignac direkt am Canal Grande. Sie steht unter dem Titel: „Dare to Dream“. Hier ist verständlicherweise keine verspielte Farbenfreude zu finden, sondern gelungene vom aktuellen Kriegsgeschehen geprägte, starke Kunstwerke. Videos, in denen Stadtansichten zunehmend zwei Farben VERLIEREN: Gelb und Blau. Eine Orgel mit entstellten Spitzen der Pfeifen in Analogie zur „russischen Orgel“, dem gefährlichen Geschütz, das früher als Stalinorgel ein Begriff war. Doch so anklagend auch die weiteren Kunstwerke sind, so perfekt sind sie in der beschädigten Kulisse des Palastes passend inszeniert.


ÄTIOPIEN: Palazzo Bollani. Es ist der erste Auftritt Äthiopiens auf der Biennale Venedig und der Maler Tesfaye Urgessa wird von MONOPOL als große Neuentdeckung gefeiert. Er kann eine fundierte Ausbildung mit Kunststudium in Addis Abeba und an der Kunstakademie in Stuttgart vorweisen und zeigt abstrahierte Körper mit multiplen Extremitäten in mosaikförmiger Anordnung: auf jeden Fall ein Grund, sich selbst zu überzeugen, ob der Bewertung zugestimmt werden kann.


TAIWAN: Palazzo delle Prigioni, es ist das Gefängnis, vom Dogenpalast getrennt durch die Seufzerbrücke. Dieser kollaterale Event ist ein Geheimtipp zum Ausruhen auf der anstrengenden Odyssee durch Venedigs Gassen, denn im Raum stehen zum Anschauen der Videos gemütliche Gartenstühle und ein superweiches Sofa zur Verfügung. Doch Achtung: der Künstler Yuan Goang-Ming hat seiner Multimedia-Installation nicht grundlos den Titel: „Everyday War“ gegeben!


Foto Labiennale VATIKAN: Auf der Giudecca in der Casa di Reclusione von Sant‘ Eufemia (Vaporetto Station Palanca) wird im laufenden Betrieb des Frauengefängnisses eine Gemeinschaftsausstellung im Namen des Vatikans mit dem Titel „With my Eyes“ gezeigt, die bereits auch der Papst besucht hat. Zutritt bekommt man ausschließlich durch vorherige -kostenlose- persönliche Anmeldung. Nach Abgabe allen Gepäcks inklusive Handy und strenger Kontrolle erfolgt die Führung der jeweils kleinen Gruppe durch zwei Insassinnen, begleitet von zwei Wärterinnen mit riesigen schweren Schlüsseln. Doch Achtung: manchmal kommt eine Ladung Wasser aus höheren Räumen auf die Besucher herunter!
Maurizio Cattelan schuf das Außenkunstwerk: zwei nackte Männerfüße, wobei bei genauem Hinsehen in den Großzehen Löcher sind. Vielleicht von Nägeln? Eine Interpretation wird nicht offiziell geliefert, sondern den BesucherInnen überlassen.
Die Guides sprechen nur italienisch, deshalb informiert man sich besser vorher ein wenig, denn Ansprechen ist verboten. Die gesamte Situation ist befremdlich und ergreifend zugleich. Zu sehen sind zum Beispiel Bilder von Kindern und Jugendlichen, angeblich von einer Künstlerin nach privaten Fotos der Gefangenen gemalt. Der Regisseur Marco Perego drehte in den Räumen des Frauengefängnisses für die Biennale 2024 einen 16 Minuten-Film mit seiner Frau als Schauspielerin. Sie spielt eine Gefangene, die entlassen wird, grandios nachfühlbar auch ohne Worte.

Foto Labiennale 
Foto Labiennale Der Titel „With my Eyes” soll uns die Perspektive der Insassinnen näherbringen. Dafür gab es deren – beratende – Beteiligung an den Werken der KünstlerInnen.
60. Biennale Arte di Venezia, 20.April bis 24.November 2024
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Das Kuratieren
Gespräch mit Till Fellrath, Kurator -nicht nur- am Hamburger Bahnhof Berlin


Viele öffentliche Diskussionen drehten sich in den letzten Jahren um die Aufgaben und die Verantwortung von Kuratoren bei Großausstellungen. Bei der aktuellen Venedig-Biennale und bei jeder Documenta finden sich Schlagzeilen über sie in der Presse. Vor 3 Tagen wurde sogar bundespolitisch über die Berufung des Kurators für die nächste Documenta debattiert.
Die 14. Taipeh Biennale 2025 hat bereits feste Kuratoren. Das sind Sam Bardaouil und Till Fellrath, die Leitern des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Beide kuratierten zuvor viele internationale Ausstellungen und sind auch in großem Umfang für das Kuratieren im eigenen Haus verantwortlich.
INArt Berlin: Herr Fellrath, ich möchte mit Ihnen über „Das Kuratieren“ sprechen, und zwar am Beispiel der Taipeh-Biennale, weil Sie hierfür mit Ihrem Kollegen Sam Bardaouil die beauftragten Kuratoren sind.
Es fällt auf, dass sich ganz viele Menschen im Kunstbereich Kurator nennen, auch wenn sie teils gerade erst von der Uni kommen. Kurator ist ja kein geschützter Begriff.
Aber die großen Ausstellungen leben inzwischen vom Kuratieren, wobei immer noch viele Menschen denken, es ginge dabei nur um das Aufhängen von Bildern.
Till Fellrath: Genau.
I.B.: Wie kam es, dass Sie 8953km entfernt gegen die Konkurrenz vieler Kuratoren dieser Welt für die Taipeh-Biennale ausgewählt wurden? Mussten Sie sich bewerben?
T.F.: Wir sind tatsächlich direkt angesprochen worden. Die Taipeh-Biennale hatte ein internes Auswahlverfahren und dann gemeint, wir wären die geeigneten Personen. Dann haben sie uns gefragt. Wir haben kurz nochmal nachgedacht, aber das dann doch angenommen, weil es ein spannendes Projekt ist.
I.B.: Absolut! Und mussten sie sich später noch irgendwo präsentieren und ein Konzept vorstellen?
T.B.: Nein, das mussten wir tatsächlich nicht. Da sind vielleicht andere Biennalen auch etwas anders, aber hier hat man uns einfach aufgrund der Erfahrung mit unserem kuratorischen Stil eingeladen.
Wir Kuratoren sind ein bisschen wie Dirigenten einer Ausstellung und dabei hat man eine künstlerische wiedererkennbare Handschrift entwickelt. Das ist so einen Stil, wie man mit Kunst bei den Ausstellungen auf Menschen zugeht. Und da ist es möglicherweise besser, den gestaltenden „Dirigenten“ auszuwählen als ein Konzept.
I.B.: Doch zum thematischen Inhalt: haben Sie jetzt schon einen Titel? Sie brauchen ihn noch nicht zu nennen, aber wie entwickeln Sie eine Thematik?
T.F.: Einen Titel konkret haben wir nicht, aber wir haben schon erste Grundideen für eine Thematik oder Grundkonzepte oder so eine Emotionalität. Wir werden sicherlich eine Ausstellung machen, die die Menschen direkt anspricht, wie wir das immer machen, also wo auch Reibungen vielleicht entstehen, wo die BesucherInnen irgendwas empfinden, sich freuen oder etwas spüren können. Wir möchten Empfindungen bewirken, für die man nicht erstmal stundenlang lesen muss, bis man das Werk versteht, sondern schnell einen gefühlten Zugang bekommt.
I.B.: Wie haben Sie sich vor Ort informiert?
T.F.: Wir waren in März in Taipeh und haben uns die Räumlichkeiten angeschaut. Wir haben selbst auch schon eine frühere Ausgabe der Taipeh-Biennale gesehen. Jetzt haben wir einfach auch ein bisschen Zeit in der Stadt verbracht, sind durch die Straßen gegangen, haben andere Ausstellungshäuser angeschaut und uns mit der Alltagsgeschichte beschäftigt, um eine Emotionalität mitzunehmen, von der wir das Gefühl haben, dass wir andocken können.
I.B.: Also wird es eine Mischung aus Ihren bisherigen künstlerischen Projekten und der örtlichen Situation, die sie vorfinden, der Stimmung dort im Land?
T.F.: Ganz klar so. Es wird einerseits sicherlich viele künstlerische Positionen geben, die wir kennen und am meisten auch solche, mit denen wir schon immer mal was machen wollten. Wir überlegen gerade gezielt und testen unsere ersten Ideen auf ihre Machbarkeit. Ein besonders wichtiger Faktor sind immer die lokalen Gegebenheiten. Das ist ganz ganz wichtig für eine Biennale oder auch jede andere Ausstellung. Es muss immer einen Grund haben, warum man was gerade an diesem Ort macht. Das ist wichtig, auch hier im Hamburger Bahnhof. Wie ist der Berlinbezug? Hängt es mit der Sammlung zusammen oder widerspricht es ihr? Wie setzt sich die Ausstellung mit der Architektur des Hauses auseinander?
I.B.: Wie waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?
T.F.: Irgendwie muss es einen Grund geben, warum ein Projekt genau an dieser Stelle stattfindet. Das wird in Taipeh ganz genau so sein. Dort ist es nur etwas komplizierter, auf die Räume einzugehen. Es muss auf jeden Fall ein lokales Gefühl entstehen.
Das ist dann auch wichtig in Bezug auf die lokale Presse oder auch für die Menschen vor Ort. Es werden halt nur wenige Besucher aus 9000 km Entfernung kommen, die international zu Ausstellungen jetsetten. Das Wichtigste ist immer das lokale Publikum, auf das man eingehen muss; übrigens auch in Berlin.
I.B.: Welche Einzelschritte des Kuratierens folgen jetzt? Sie haben eine Idee, um Emotionen zu wecken? Next steps, was schwebt Ihnen vor?
T.F.: Also das Wichtigste, glaube ich, ist erstmal festzuhalten, dass kuratieren nicht mit dem Moment anfängt, wenn man beginnt eine Ausstellung zu konzipieren. Es ist die gesamte Lebenserfahrung, die in die Arbeit einfließt. Außerdem sind es alle künstlerischen Positionen, mit denen man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Man fängt nie bei Null an, sondern bei etwa 70%. Dann fängt man an, Elemente zuammenzuziehen. An dem Punkt sind wir momentan dabei, mit unseren Grundideen erstmal eine lange Liste an künstlerischen Positionen aufzustellen. Das sind jetzt etwa 100 Künstler*Innen. Wir werden das reduzieren auf eine Größenordnung von 40 bis 50. Am Ende kommen dann sicherlich noch einige dazu. Im Weiteren werden wir mit den Elementen ein bisschen spielen und schauen, wie daraus eine interessante Ausstellung zusammengestellt werden kann. Wie sind die lokalen Bezüge und wo sagt das Bauchgefühl – da ist sehr viel Bauchgefühl dabei! -, dass wir gerade mit diesem Inhalt dort mit dem Publikum in Dialog treten können? Oder wo kann es spannend sein, ein Risiko einzugehen, wie sich eine künstlerische Position entwickelt? Da haben wir große Lust drauf. So wie bei Marianna Simnett, da wussten wir auch nicht, was passiert. Das ist eine ganz verrückte arrivierte Künstlerin, bei der wir dachten, das müssen wir mal ausprobieren und ihr eine Plattform geben. Das Ergebnis ist in unseren Augen ein aufregender Erfolg. So werden wir es in Taipeh auch machen: den Künstlern und Künstlerinnen eine große Plattform geben, auf der sie sich austoben können.
I.B.: Nochmal zu den künstlerischen Positionen: Ich stell mir immer vor, dass ein Kurator mit Erfahrung natürlich ein riesengroßes Adressbuch mit Künstlernamen hat, ein Repertoire, aus dem er dann gezielt aussucht.
T.F.: Das ist wirklich so, das passt auf jeden Fall und die Liste wird ständig erweitert. Die Welt ist unendlich groß, keiner kann alles erfassen, doch wir schauen ständig Ausstellungen an. Als wir in Taipeh waren, waren wir auch in Shanghai und Hongkong, wie wir auf jeder Reise versuchen andere Sachen anzuschauen, einfach weiter zu lernen. Unser Ansatz für diese Biennale ist auf jeden Fall: wir schauen wie immer eher nach vorne als nach hinten. Wir werden also nicht auf historische, sondern mehr auf jüngere Positionen setzen.
I.B.: Welche Message liegt Ihnen besonders am Herzen?
T.F.: Ich glaube, das ist ein wenig, was wir immer versuchen, nämlich Kunst für jeden zugänglich zu machen; dass man irgendwie ein stückweit Empathie mitnimmt, sich berührt fühlt, über etwas nachdenkt, in eigenen Erinnerungen plötzlich eine komische Querverbindung findet, die man gar nicht gleich versteht. Das ist so ein bisschen wie bei der Musik oder beim Essen: da denkt man manchmal auch an bestimmte Dinge und fühlt sich irgendwie berührt und weiß das gar nicht einzuschätzen. Kunst hat eigentlich auch diese Qualität und das ist auch ihre Stärke. Es macht einen ein Stück menschlicher, empathischer. Man hört auf, robotisch zu sein, sondern wird wieder sensibler. Kunst kann Menschen aus Vorurteilen rausreißen, auch wenn man sie nicht gleich versteht. Das ist dann viel wertvoller! Mehr als Politik!
I.B.: Wie suchen Sie die Künstler*Innen aus? Sie hatten vorhin bereits gesagt, es gehe nicht vorwiegend um eine Thematik, sondern darum, Menschen emotional zu berühren. Adriano Pedrosa hat für die Venedig Biennale vor allem die Künstlerbiografie in den Vordergrund gestellt. Spielt das bei Ihnen auch eine Rolle?


T.F.: Hintergründig würde ich sagen. Das ist sicher der zweite Grund. Wir würden jetzt generell nicht Künstler und Künstlerinnen aussuchen, weil sie Frauen sind oder aus Chile kommen. Es geht schon vorrangig um die für sie bekannte künstlerische Position. Für Taipeh haben wir ganz speziell mit dem Gebäude begonnen. Die Ausstellungsräume sind… schwer teilbar. Es gibt längere schmale Räume, manche haben Fenster nach draußen. Sie sind sehr unterschiedlich. Die Architektur, glaube ich, wird für eine gute Ausstellung eine große Rolle spielen. Wir müssen überlegen: Wie sind die einzelnen Werke? Wie können sie in den verschiedenen Räumen funktionieren? Wie kann man die einzelnen Räume bespielen? Alle haben eine andere Lichtqualität und differenzierte Architektur. Bei manchen muss man durchlaufen. Dann gibt es viele offene Räume und ein großes Atrium. Im Untergeschoss befinden sich große Bereiche, die mit Fenstern in einen Innenhof offen sind, aber auch viele große Hallen. Wir werden halt sehr stark darauf achten, dass sich die Werke sehr gut in die Architektur einpassen; das ist ein wichtiger Faktor.
I.B.: Welche äußeren Faktoren sind noch relevant?
T.F.: Ich glaube, dass es im Kontext von Taiwan sehr wichtig und gut ist daran zu denken, dass es eine Insel ist. Ich will jetzt nicht sagen, sie sei isoliert, denn es ist eine Insel mit einer guten Kunstszene, aber wir wollen schauen, dass es dort viele internationale Positionen gibt, die aus unserem Bauchgefühl heraus interessante Dialoge für die menschliche Annäherung mit der Bevölkerung vor Ort ermöglichen und thematisch auch in der großen politischen Situation eine Relevanz haben.
Dann schauen wir im zweiten Schritt ein wenig auf die Biografie der Künstler*Innen. In der Regel haben wir nie Probleme damit, eine Ausgewogenheit zu erreichen. Bisher hat sich das bei allen Projekten eigentlich fast automatisch eingestellt, wenn man wirklich inhaltlich genau schaut.
I.B.: Sie haben kurz das Politische angesprochen. Taiwan ist ja ein Brennpunkt zwischen China und der westlichen demokratischen Welt, und die Menschen kämpfen darum, ihre Eigenständigkeit zu behalten.
Haben Sie Sorgen, dass hierdurch irgendwelche Side Effects die Ausstellung stören könnten? Oder müssen Sie große Rücksicht nehmen auf die lokale politische Situation?
T.F.: Also Taiwan ist komplett frei, die Presse ist frei, die Kunst ist frei und Meinungsfreiheit ist dort komplett gewährleistet. Das haben wir in China und jetzt auch in Hongkong nicht so empfunden. In Taiwan ist die Freiheit den Verantwortlichen der Kunstwelt sehr wichtig. Es gibt schon viele Dinge, die auch sehr kritisch sind. Im großen Umfeld, auch in freien Gesellschaften bleiben immer die Fragen: Wenn man was sagen kann, was muss man sagen? Will man Menschen provozieren oder sie in einen Dialog überführen? Wenn man etwas sagen darf, heißt das nicht, dass man es auch sagen muss! Oder kann man Wege finden, um unterschiedliche Meinungen mit einzubringen?
I.B.: Es lauern ja überall Fettnäpfchen Haben Sie schon welche entdeckt?
T.F.: Unser Eindruck ist, dass es in Taipeh etwas entspannter ist als in Berlin. Und das ist die Herausforderung für uns und auch die Verantwortung in dem geopolitischen Umfeld, Spannung und Empathie zu fördern, und somit diese Offenheit nicht nur dem internationalen Publikum nahezubringen. Die Fettnäpfchen lauern immer und überall. Das ist Deutschland auch intensiv zu spüren, obwohl wir in Bezug auf Kunstfreiheit eigentlich alles haben.
I.B.: Herzlichen Dank!
Wir sind gespannt auf Ihre Arbeit, und hoffen, dass sich auch für die Kunstszene bei uns eine wichtige Brücke Taipeh Berlin durch Ihre Biennale festigt.
T.F.: Oh, ja, besuchen Sie doch unsere Biennale in Taipeh! Es ist sicher nicht einfach, denn der Flug ist wirklich sehr lang, zumal man nicht mehr über Russland fliegen darf! Aber es lohnt sich, auch für Berliner, weil man sicher mit vielen wunderbaren Eindrücken im Gepäck wieder in die Heimat zurückkommt.
Die 14. Taipeh Biennale öffnet im November 2025
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Andy Warhol
Die Suche nach dem männlichen Schönheits-Ideal

Andy Warhol mit 17 Jahren 
Joe Dallesandro 
Film Casting Seine besonderen künstlerischen Darstellungen von Konservendosen und bunten Portraits von Franz Beckenbauer oder Marilyn Monroe machten ihn weltberühmt und sind Zeugen für Andy Warhols unzweifelhaften Ruf als einer der aufregendsten POP-ART-Künstler.
Die aktuelle Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigt jedoch eine andere sehr private Seite: das Begehren und die Liebe zu männlichen Partnern.
1928 in Pittsburgh geboren lebte Andy Warhol bis zu seinem Tod 1987 permanent in einem Staat, den USA, in dem Homosexualität nicht nur verachtet, sondern auch strafrechtlich verfolgt wurde. In den Rezeptionen seiner Kunstwerke wurde dementsprechend seine sexuelle Orientierung gar nicht diskutiert und er wurde meist als asexuell wahrgenommen. Viele seiner Werke zeigen jedoch eine große eindeutige sexuelle Affinität zu jungen Männern. Ein offizielles Coming-out war jedoch angesichts der gesellschaftlichen Ächtung nie möglich.
Kurator Klaus Biesenbach berichtet, dass Andy Warhol oft seine Liebhaber portraitierte, die jetzt in Berlin gezeigt werden. Auch habe er meist mit einem festen Partner zusammengelebt. Einen seiner Partner lernte er kennen und lieben, als dieser den Künstler nach dem Attentat auf ihn 1968 aufopfernd gesund pflegte. Es bleibt jedoch bis heute offen, wie es in den USA damals möglich war, mit der Homosexualität nicht verfolgt und bestraft zu werden. Wurde der berühmte Künstler vielleicht geschützt, solange er nur kein offizielles Statement abgab?
Andy Warhol war wahrscheinlich auch nicht mit jedem Mann liiert, den er idealisiert darstellte. Von Jean-Michel Basquiat war er wahrscheinlich von dessen kreativer Wildheit und Schönheit fasziniert. Ihn bat er für eine Foto-/Zeichnung, sich in der Pose des David von Michelangelo aufzustellen.

Jean Michel Basquiat 
Elvis 
Mick Jagger „Elvis, the Pelvis“ war der Inbegriff der schwingenden Hüfte.
Ein wiederkehrendes begehrliches Objekt waren auch volle sinnliche Lippen, die Warhol bespielhaft bei Mick Jagger fand.
In der aktuellen Zusammenstellung von Andy Warhol-Bildern in der Neuen Nationalgalerie ist die begehrliche die Suche nach Menschen, vorwiegend Männern zu erkennen, die für Warhol einem perfekten Schönheitsideal entsprachen.



Das ausschweifige Leben im New York der 70ger Jahre im Studio 54 fand ein jähes Ende durch die AIDS-Epidemie. Andy Warhol starb jedoch 1987 nicht an AIDS, sondern an Komplikationen einer Gallenblasen OP. Aufgrund der alten Schußverletzung hatten sich starke Vernarbungen und Verwachsungen im Bauchraum gebildet, die hierfür verantwortlich waren.
Andy Warhol „Velvet Rage and Beauty”,
Neue Nationalgalerie Berlin, 9.Juni bis 6.Oktober 2024.
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Tyler Mitchell: „Wish This Was Real“


Im C/O Berlin eröffnete eine neue Fotoausstellung. Der 29jährige Tyler Mitchell ist in den USA bereits eine Legende. Seine Karriere begann er als Modefotograf. Mit 23 Jahren bekam er den Auftrag, ein Coverfoto für die amerikanische Ausgabe der VOGUE mit Beyoncé zu inszenieren und fotografieren, wodurch er als erster Afroamerikaner, der dies erreichte, in die Geschichte einging. Dieses Portrait wird demnächst in Washington im Smithsonian-Museum of American History hängen.


Parallel zu den Modefotos arbeitet Tyler Mitchell an künstlerischen Serien, in denen er vorwiegend idyllische Szenen mit afroamerikanischen Menschen komponiert.


Familien zeigen ihre privaten Wohnräume oder haben großen Spaß im Sand, im Theater oder im Park. Zusätzlich werden besondere Einzelmotive auch auf Stoff oder Spiegel belichtet.

like Caspar David Friedrich? 
Da die amerikanische Wirklichkeit jedoch immer noch ganz anders aussieht, liegt bei dem Anblick stets eine gewisse Beklemmung im Raum. Und so ist auch der Titel der Ausstellung enorm wichtig, um die vermeintlich heile Welt zu relativieren: „Wish this was real“.
C/O Berlin, Amerika-Haus, Hardenbergstr. 22-24 1. Juni – 5.September 2024
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Wolfsburg in „Bewegung“: von der grauen VW-Stadt zum Olymp zeitgenössischer Kunst
30 Jahre Kunstmuseum, eine Erfolgsgeschichte

Es ist ein fast unglaubliches Märchen, dass sich die VW-Arbeiter-Stadt der Nachkriegszeit in einen weit über seine Grenzen hinaus hoch geschätzten Kultur-Hotspot gewandelt hat. Schon frühzeitig begann Volkswagen mit kulturellen Angeboten wie Konzerten von Herbert von Karajan und der großen van Gogh-Ausstellung in den Werkshallen. Später folgten die Tanzfestivals Movimentos und Jazz-Konzerte, z.B. von Roger Cicero, in der Autostadt.
Doch einen wesentlichen Anteil am Erfolg besitzt inzwischen das Kunstmuseum Wolfsburg, das weltweit hohen Respekt und Bewunderung erfährt.
Seit 30 Jahren werden international bekannte Künstler*Innen fantastisch präsentiert:
Fernand Légere eröffnete den Reigen im Sommer 1994. Es folgten als Beispiele Frank Stella, die Lichtkünstler James Turrell und Olafur Eliasson oder die Meister der Pop-Art Roy Lichtenstein, James Rosenquist und Andy Warhol sowie ihr späterer Nachfolger Michel Majerus.

Fernand Légere 
Frank Stella 
Jean Tinguely, Nam June Paik, Jeff Wall, Neo Rauch und ganz aktuell als junger Star der Kunstszene Kapwani Kiwanga folgten in nicht schwächer werdender Qualität.

Jeff Wall 
Kapwani Kiwanga Thematische Ausstellungen wie „Macht Licht“ und „Empowerment“ haben gezeigt, dass das Museum auch inhaltlich auf höchstem Niveau arbeitet. Insbesondere „Empowerment“ stellte unter Beweis, dass starke Künstlerinnen hervorragende Werke mit tiefer Bedeutung schaffen. Diese Ausstellung leitete die zukünftige kuratorische Ausrichtung des Museums ein, den Schwerpunkt auf die Sichtbarmachung weiblicher Kunst zu legen.

Mehr Licht 
Empowerment Beinahe wie ein Geburtstagsgeschenk erhielt kürzlich das Kunstmuseum Wolfsburg den ART-Kuratorenpreis des bekanntesten Kunstmagazins für die beste Ausstellung 2023 im deutschsprachigen Raum für „Re-inventing Piet Mondrian“ verliehen. Die Ausstellung bewies, dass es heutzutage nicht damit getan ist, berühmte Bilder einfach nebeneinander an die Wände zu hängen. Bürger wurden aufgefordert, Alltagsgegenstände im Mondrian-Design beizusteuern, was das Museum als integralen Teil der Stadt präsentierte. Auch bei der 30 Jahre-Jubelfeier wird viel fürs Publikum zum Mitmachen geboten: Malen vor dem Original für Erwachsene und freies Spiel für die Kleinsten.
Die aktuelle Ausstellung „Welten in Bewegung“ präsentiert zum 30-jährigen Jubiläum einen Ausschnitt aus der inzwischen respektablen Museumssammlung, die etwa 1000 Kunstwerke umfasst.

Mario Merz 
Jeff Koons 
Nam June Paik Viele Exponate sind langjährigen Besucherinnen und Besuchern gut in Erinnerung, wie Jeff Koons‘ „Bär und Polizist“ oder Nam June Paiks Huldigung von Andy Warhol, die über lange Zeit das Foyer schmückten.
Erfreulich sind auch neuere Erwerbungen wie Ann Lislegaards „Oracle, some animals never sleep“.

Ann Lislegaard 
Jörg Immendorf Eine spannende Ergänzung sind kontrastreiche Gegenüberstellungen zeitgenössischer Kunstwerke mit alten Werken, die als Leihgaben des Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museums stammen.


Die aktuellste Neuerwerbung für die Sammlung des Kunstmuseums ist ein Tryptichon, ein Frühwerk von Thomas Schütte.

Dass dieses Werk nach Wolfsburg gehört, ist beim Betrachten völlig unstrittig. Die Finanzierung erfolgte aus Mitgliederbeiträgen des Freundeskreises sowie einem Zuschuß der Kulturstiftung der Länder von 180.000 € , was etwas verwundert. Bei dem Motiv wäre es doch eine Frage der Ehre gewesen, dass das örtliche Grossunternehmen das Kunstwerk finanziert und dem Museum schenkt.

Mehr Licht 
Jonathan Meese 
Prajakta Potnis 
Michel Majerus Das Wolfsburger Kunstmuseum kann mit Stolz zu seinem 30 jährigen Geburtstag großartige Werke aus seiner eigenen Sammlung vorweisen, denen sich die Besucher und Besucherinnen intensiv mit Hilfe der umfangreichen Beschreibungen widmen können. Sie wirken jedoch auch in ihrer Vielfalt und bewegenden Ästhetik ohne große Erklärungen und lassen sich einfach genießen.
„Welten in Bewegung“, Kunstmuseum Wolfsburg, 25. Mai bis 4. August 2024
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SURVIVAL in the 21st Century
Keine Chance auf Überleben der Menschheit?


Dieses Web-Programm ermöglicht es leider nicht, doch das Wort SURVIVAL ist im offiziellen Titel der Gruppenausstellung in den Hamburger Deichtorhallen tatsächlich bewusst durchgestrichen. Der Direktor Dirk Luckow und die Kuratoren Georg Diez und Nicolaus Schafhausen erzählen, dass sie bereits 2018 auf die Idee mit der Ausstellung rund um die Überlebensfähigkeit der Menschheit gekommen seien. Damals wollten sie hierfür passende künstlerische Positionen über die wichtigen globalen Probleme sammeln, aber auch Lösungsideen aufzeigen. Zu jenem Zeitpukt war die drohende Klimakatastrophe das im wesentlichen einzige Problemfeld. Doch kurze Zeit später stand die Welt 2 Jahre ganz real fast still wegen der Pandemie. Im Anschluss schockierten bis heute die kriegerischen Angriffe Russlands auf die Ukraine und der unlösbare blutuge Konflikt in Gaza, so dass die Kuratoren die Idee, Lösungsvorschläge zeigen zu können aufgaben. Diese Resignation machen sie im Durchstreichen des Wortes Survival deutlich.
Die Ausstellung zeigt jedoch bei aller Widersprüchlichkeit des Titels hervoragende künstlerische Einzelpositionen.
Was bleibt also übrig vom Konzept? Kein Survival, keine Überlebenschance? Nur: „Im 21. Jahrhundert“. Das ist nicht besonders gehaltvoll und schon gar nicht inspirierend.
Die reale Ausstellung zeigt jedoch bei aller Widersprüchlichkeit des Titels hervoragende künstlerische Einzelpositionen.

Yalda Afsah trägt zwei Filme zur Ausstellung bei: in einem Fluss in Frankreich stehen junge Menschen und starren alle in eine Richtung, als warten sie auf etwas Besonderes. Doch was ist das? Jeder Beitrag in Hamburg bekommt eine Frage vorangestellt. In diesem Fall: Was ist eine Katastrophe? Kann man sie vorhersehen? Der zweite Film berichtet über den galicischen Brauch, dass junge Männer Wildpferde aus den Bergen einfangen, scheren und brandmarken, obwohl das überhaupt keinen Anspruch auf Eigentum nach sich zieht. Yalda Afsah hat alles selbst gefilmt, auch um den Emotionen nachzuspüren und sie einzufangen. Sie berichtet, dass es bei diesem Kampf um Macht und bei aller Übergriffigkeit auf die Pferde auch einen liebevollen Moment gab, wenn der Pferdekopf zwar festgehalten, aber auch umarmt worden sei. Doch wozu dienen solche Traditionen?




Abbas Akhavan baute für die Ausstellung einen Säulenhain aus Strohlehm. Die einzelnen Säulen sind Nachbauten des Tempels von Palmyra, der 2015 von der IS komplett zerstört wurde. Es gibt bereits einen Nachbau des Triumpfbogens der Anlage auf dem Trafalgar Square in London. Das britisch/amerikanische Institute of Digital Archaeology liess ihn vom bisher größten 3D-Drucker aus Marmor fräsen. Geplant sei sogar eine Aufstellung am historischen Ort in Syrien. Abbas Akhavan beschäftigt die beliebige Vervielfachung solcher antiker Bauten. So hat er seine Säulen vor einem Green Screen aufgebaut. Durch Projektion beliebiger Orte der Welt ist der Tempel somit überall auf der Erde erneut zu plazieren. Die Frage bleibt jedoch: Wozu dient solch eine Aktion? Wie gehen wir mit Kunstwerken unserer Zivilisationsgeschichte um? Kann Technologie wirklich Zerstörung rückgängig machen?


Ein andere brisante Thematik über unser Leben im 21. Jahrhundert behandelt ein Film von Cao Fei. Er handelt von der totalen Automatisierung und der Beziehung Mensch/Maschine. In der vollautomatischen Sortieranlage in der chinesischen Stadt Kunshan ist nur ein einziger Mensch als Aufsicht tätig, um die Maschinen zu überwachen. Er hat keinerlei menschlichen Ansprechpartner. Plötzlich tritt eine Fehlfunktion der Maschine auf. Sie wirft große gelbe Citrusfrüchte als fehlerhaft aus dem System. Diese kullern auf dem Boden der riesigen Halle ziellos umher. Der Mensch sucht jedoch nicht den Fehler, sondern tanzt um sie herum und mit ihnen bis zur ekstatischen Erschöpfung. Was bedeuten Maschinen für uns Menschen? Sind sie ein Grund für innere Isolierung und Beziehungslosigkeit?

Die polnische Künstlerin Goshka Macuga begeisterte bei der Documenta 13 (2012) mit einem großen Foto-Wandteppich in der Rotunde des Friedricianums. In der Hamburger Ausstellung ist von ihr erneut ein Wandteppich zu sehen, diesmal als 3D-Bild, passende Brillen liegen bereit. Das Motiv sind seltsame Meereslebewesen, Tiefseetiere in Anzug mit Aktentasche. Sie hat das Motiv als Anspielung auf die Weltklimakonferenz 2021 in Glasgow angefertigt. Eine ironische Aufforderung, bei den unbekannten Wesen vielleicht nach Lösungen für die Klimakrise zu forschen.

Thomas Struth visualisiert mit seiner wunderbaren Fotografie aus dem CERN (Europäisches Kernforschungslabor in Genf) exemplarisch die erstaunlichen Erkenntnisse und Chancen der Wissenschaft.


Empfehlenswert ist auch das KI-generierte Video von Emmanuel Van der Auwera, in dem eine Simulation des größten Bergwerks zur Gewinnung Seltener Erden gezeigt wird. Die Frage dazu lautet: Was ist Ausbeutung? Sprengungen, maximale Luftverschmutzung und im Kontrast ein Liebespaar sind zwar grausam, aber ein optischer Hochgenuss.
Die Ausstellung wird durch ein Fortbildungsangebot ergänzt: in der SCHOOL of SURVIVAL können Besucher an Workshops und Seminaren teilnehmen, bei denen die wichtigen Themen für menschliches Überleben erarbeitet werden können. Mit dem Eintrittsticket ist auf Wunsch ein Pass zu bekommen, mit dem der unbegrenzte Besuch dieses Angebotes möglich ist.
Programm: schoolofsurvival.de



Wahrscheinlich soll die Ausstellung verdeutlichen, welch furchtbare Katastrophen für uns Menschen bereits bestehen oder zeitnah drohen, aber auch welch großartige Errungenschaften diese Gesellschaft hervorgebracht hat. Es bleibt zu hoffen, das diese von intelligenten Leuten klug eingesetzt werden, um uns doch ein ÜBERLEBEN zu ermöglichen.
Survival in the 21st Century, Deichtorhallen Hamburg, 18.Mai bis 5.November 2024
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Brutal und destruktiv: die dunkle Seite des Fussballs
Marianna Simnetts Kunstbeitrag zur Fussball EM 2024


Durch einen dunklen Tunnel schreitet man in den Ausstellungsraum wie die Fussballer aus den Tiefen der Kabinen in das tosende Stadion, wie stolze Gladiatoren in die Arena von Rom. Doch deren Weg führte in einen Kampf um Leben und Tod. Genau diesen Eindruck von lebensbedrohlicher Kampfstätte vermittelt Marianna Simnetts künstlerische Darstellung des heutigen Fussballs. Ihre Videoinstallation mit 3 großen und zwei kleineren Screens ist eine bissig brutale Persiflage auf die aktuelle Fussballwelt.


Ein halbes Jahr sei sie für die Recherche eingetaucht in die deutsche und englische Fußballszene aufgrund der Unterstützung der UEFA, die den Auftrag für das Kunst- und Kulturprogramm zur EURO 2024 gegeben hat.
Ihre ganz eigenen Eindrücke bringt sie in Filmszenen zum Ausdruck, wobei es keine Dokumentar- Mitschnitte realer Bilder sind, sondern minutiös mit Schauspielern und Tänzern inszeniert und choreografierte Sequenzen. Abgeschaut von typischen ganz üblichen Fussballergesten und -bewegungen zeigen sie diese in Zeitlupe und extrem überspitzt. Besonders bei Fouls oder beim Torjubel entstehen Bewegungsmuster, deren natürliche Skurilität uns gar nicht mehr auffällt, die jedoch bei Marianna Simnett theatralisch und albern wirken.


Es werden weiterin Szenarien aus der Kabine inszeniert, die eine Mischung aus zunächst gemeinsamem Jubeln und freundschaftlichen Kabbeleien bestehen, zuletzt jedoch in heftige Schlägereien ausarten mit Zerstörungswut am kompletten Mobiliar. Ist das noch ironisch oder schon ein krasser Hinweis auf die Verrohung in der Gesellschaft, exemplarisch auch im Fußball, der doch ein friedvoller sportlicher Wettkampf sein sollte?


Eine andere Szene zeigt genüsslich in ultra slow motion wie Unmengen Ketchup und Mayonaise langsam auf Kochwürste gequetscht werden. Fan-“Kultur“, sarkastisch interpretiert! Außerdem sehen wir Babys in Einheitskleidchen auf Zuschauerrängen sitzen, deren Mundbewegungen Fangesänge imitieren. Das ist mit special effects nachbearbeitet und kein Massentraining kleiner Kinder, keine Sorge. Doch diese Anspielung entstand laut der Künstlerin durch die Beobachtung englischer Fangruppen, die mit Schnullern und Babyspielzeug ins Stadion gehen, was auf die Lächerlichkeit von Fussballfan-Ritualen extrem anspielt.



Dagegen tragen Marianna Simnets Fußballer-Idol-Darsteller Ketten mit zwei roten Säckchen. Die Künstlerin meint, sie habe auch Anlehnungen an Hahnenkämpfe verwendet. Vielleicht auch Anspielungen auf männliche Hoden?
Auf jeden Fall ist dies wirklich kein Loblied auf die Sportart, die Millionen Fans weltweit hat, sondern ein bösartiger Blick auf die gewalttätig und blutig ausartende Seite eines gar nicht friedlichen Kampfsports, der sich Fußball nennt. Nichts für zarte Seelen oder leidenschaftliche Fans. Man kann gespannt sein, wie die UEFA und die Fussballbegeisterten hierauf reagieren.Marianna Simnett „Winner“, Hamburger Bahnhof, Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin 17.05.24 bis 31.08.2024
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Länderpavillons afrikanischer Staaten
gar nicht folkloristisch, sondern zeitgenössisch
Der afrikanische Kontinent ist nicht nur im Rahmen des zentral kuratierten Schwerpunktes auf den Globalen Süden bei der Biennale in Venedig stark vertreten, sondern zeigt sich ebenfalls in der Präsentation eigener eindrucksvoller Länderpavillons. Senegal und Benin sind zum ersten Mal mit eigenem Pavillon vertreten und Nigeria präsentiert sich anspruchsvoll in einem prunkvollen, sonst vernachlässigten Palazzo mitten in der Lagunenstadt.

Als Eye-catcher im Senegalesischen Pavillon im Arsenale stolpert man fast über ein traditionelles Kanu, eine Installation des Künstlers Alioune Diagne. Das Boot liegt zerbrochen auf der Seite, aber mit landestypischen Stoffbahnen, die der Künstler selbst coloriert hat, bekommt die Bruchstelle eine Art Verband. Es ist das Gleichnis einer gegenwärtigen Dystopie. Migranten flohen nach sozialen und politischen Turbulenzen in solchen Booten auf gefährlichen Reisen durch das Mittelmeer nach Norden und einige kamen darin um.


Alioune Diagne zeigt dahinter ein großes Wandgemälde, das wie ein Mosaik aus kleineren Bildern zusammengesetzt ist. In seinem ganz persönlichen Stil sind auf der einen Hälfte negative Lebenssituiationen aus den Straßen des Landes dargestellt, in der zweiten Abteilung dagegen positive glückliche Szenen, am Ende ein fröhlich lachendes junges Paar. Der liebevolle Umgang mit der Bruchspalte des Kanus und das versönliche Motiv des Gemäldes sind am ehesten als Wunsch für eine gelungene Zukunft in der eigenen Heimat zu deuten.

Direkt nebenan beeindruckt der Pavillon von Benin mit einem großen schwarzen Iglo von Romuald Hazoumé. Wie auch schon für seine berühmten Masken und das Boot der Documenta 11 (2007) verwendete er – außen kaum erkennbar – alte Benzinkanister hierfür. Innen jedoch wirken sie, als schauten hunderte Augen auf den Eindringling, zumal auch aus den Öffnungen Gerüche kommen, die an ihre Herkunft erinnern.


Moufouli Bello ergänzt den Raum mit großen Bildern stolzer Frauen, alles in einem strahlend tiefen Blau. Es ist ihr ganz persönliches feministisches Anliegen, die Schönheit afrikanischer Frauen zu betonen, um ihnen mehr Respekt zu verschaffen.

Benin wird in der Welt bisher nur duch die Rückgabeforderungen der im Kolonialismus von den Briten geraubten Benin-Bronzen reduziert. Hier jedoch zeigen die Künstler*innen, dass es zeitgenössische anspruchsvolle künstlerische Positionen im Land gibt.

Der Pavillon von Nigeria ist im Palazzo Canal nahe der Accademia in Venedigs Kernstadt untergebracht. Über den nigerianischen Künstler Yinka Shonibare wurde bereits berichtet, weil er im Arsenale mit der Eingangsfigur des Migration-Astronauten vertreten ist. Auch wenn es eine Gemeinschaftsaustellung mehrerer Künstler ist, so ist das Auffälligste Objekt eine Pyramide, auf der Yinka Shonibare hier das „Monument to the Restitution of the Mind and Soul“ präsentiert. Es ist eine Sammlung von 150 Tonobjekten, die Gegenstände darstellen, die während der britischen Benin-Expedition von 1897 geraubt wurden, von denen bisher nur ein Bruchteil zurück restituiert ist.


Ein großes Regal mit schwarzen Holzknüppeln und daran angehefteten Namensschildern soll auf Polizeigewalt hinweisen, die in Nigeria immer noch an der Tagesordnung ist.

Mehrere weitere zeitgenössische Kunstwerke sind zusätzliche Beweise für die lebendige kritische Kunstszene Nigerias.



Wie bereits bei der letzten Ausgabe der Venedig Biennale 2022 mit Ghana, Marokko und Süd-Afrika stellen sich immer mehr afrikanische Staaten stolz und erfolgreich mit einem Pavillon in Venedig vor. Sie setzen Zeichen, um den postkolonialen Wandel und ihre eigene Stärke zu zeigen. Es ist aber auch ein Hoffnungsschimmer für den Willen, trotz der großen sozialen und politischen Probleme die Länder friedlich weiter zu entwickeln. Doch es muss offen bleiben, ob die Kunst die oft chaotischen und gewaltgeprägten Verhältnisse wirkungsvoll verbessern kann. Sie sollte es aber immer wieder versuchen.
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Ibrahim Mahama „TOP Artist 2025“ bei ArtReview und der ArtBasel
Der weltweit gefeierte Künstler war auch in Goslar

Dieser Artikel erschien bei INArtberlin anlässlich der Ausstellung „Rubber-Soul“ mit Gewinn des Kaiserrings in Goslar.
Jetzt 2025 wird Ibrahim Mahama bei den „Power 100“ der britischen ARTReview auf den absoluten Platz 1 der wichtigsten Menschen in der Kunst gesetzt. Außerdem erhielt er gleichzeitig den Goldenen Award der ART Basel. Grund genug, diesen Artikel noch einmal inklusive Interview hier prominent zu präsentieren.
Es sind die unscheinbaren Alltagsutensilien seiner Heimat Ghana, die Ibrahim Mahama zu seinen Kunstwerken inspirieren: kleine Holzkästen mit Schuhputzmaterialien, doch an erster Stelle sind es gebrauchte, zerschlissene Jutesäcke.


Ghana ist der weltgrößte Kakao-Produzent und Arbeiter tragen die wertvolle Ernte in genau diesen Jutesäcken zum weiteren Transport. Sie sind bedruckt mit Angaben zum Inhalt und dem Herkunftsland. Erst wenn sie alt, zerrissen, getränkt mit dem Schweiß der Träger und voller Gerüche der Produkte sind, tauscht Ibrahim Mahama sie bei den Besitzern gegen neuwertige. Die alten Säcke werden aufgetrennt und zu einem riesigen Stück Stoff wieder zusammengenäht gemeinsam mit vielen Helfern an den Orten in der Welt, wo sie Gebäude verhüllen: bei der Biennale in Venedig, der Documenta in Kassel, der Stadtfeier in Osnabrück, der Biennale in Sharjah in den Emiraten, in Berlin oder in London. Sie berichten von den Wegen und der Übermächtigkeit des Welthandels, der einerseits den Absatz sichert, jedoch durch Kontrolle der Preise die Armut in den Herkunftsländern niemals verbessert. Das ist die Message von Ibrahim Mahama.
Jetzt in Goslar sind ausgewählte textile Wandgemälde aus Jutesäcken, Abdeckplanen und Leinensäcken collageähnlich komponiert ausgestellt. Der Geruch bringt Afrika intensiv bis in den Harz. Solche dekorativen Vorhänge kann Mahama im Gegensatz zu den riesigen Gebäudeverhüllungen auf dem internationalen Markt gut kapitalisieren.


In einem Telefonat beantwortete der Künstler einige Fragen:
Frage: Für die Ausstellung in Goslar haben Sie den Titel RUBBER SOUL gewählt. Es gibt doch auch ein Beatles Album mit dem Titel. Hat es etwas damit zu tun?
Ibrahim Mahama: „Ja genau. Als ich neulich bei einer Freundin in Venedig zu Besuch war, sah ich dieses Album bei ihr. Das hat mich darauf gebracht. Soul kann Seele, Soul-Musik oder Schuhsohle bedeuten, also Gummi-Sohle. Da fiel mir ein, dass ja auch in anderen Gegenden der Welt, in Asien, Afrika oder Südamerika Arbeiter in der Gummi-Herstellung und -Verarbeitung schwer und unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Das ergab dann einen Bezug zu meinen Jutesack-Trägern. Auch ihre Seele leidet dabei. Der Titel passt zusätzlich zu meiner Serie der Schuhputzerinnen-Kisten, wenn man an Gummisohlen denkt.“


Arbeitslose Frauen sind in Ghana heimatlos auf Wanderschaft, nur mit einem Holzkasten, in dem sie Werkzeug oder Schuhputzutensilien bei sich tragen in der Hoffnung, hiermit etwas Geld zu verdienen. Mahama hat besonders ihre Arme fotografisch dokumentiert. Nur durch Tätowierungen dort sind die Frauen zu identifizieren, wenn sie den Kampf ums Überleben verlieren sollten. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Kästen sammelt der Künstler seit vielen Jahren und hat bereits riesige skulpturale Regale daraus zusammengesetzt, die beispielsweise bei der ART Basel prominent ausgestellt waren. Auch sie sind ein Mahnmal für Armut und Ausbeutung auf dem afrikanischen Kontinent.


Frage: Welche Bedeutung haben die Farbe und das Material bei Ihren letzten Verhüllungs- Projekten in Osnabrück und London? Einmal blau und einmal pink?
https://wordpress.com/post/inartberlin.com/962
Ibrahim Mahama: „Die Stoffe sind alle in Handarbeit gewebt. Es sieht zwar wie Industrieware aus, ist es aber nicht. Die Stoffe werden sonst für Kleidung Höherer Leute produziert, für Uniformen oder festliche Kleidung. Sie werten deshalb das damit verhüllte Gebäude besonders auf. Die darauf applizierten traditionellen Kleider habe ich von den Familien mit viel Überredungskunst bekommen können, denn sie werden üblicherweise über Generationen weitergegeben und nur zu besonderen Anlässen getragen. Sie symbolisieren Familientradition und sind ein Beispiel für Nachhaltigkeit. Heutzutage wird in den reichen Ländern Kleidung kaum noch repariert und verursacht eine große Menge Textil-Müll auf der Welt.“


90% seiner Einnahmen investiert Ibrahim Mahama in seiner Heimat im Norden Ghanas sozial in Kulturzentren, die er zur Begegnung, für Diskussionen und für Kinder und Jugendliche aufbaut. Die Kinder sind für ihn die wichtigsten GestalterInnen einer gerechteren Zukunft für Ghana.
Inzwischen hat er auch ein altes Silogebäude gekauft. Die Silos dienten unter einem früheren Präsidenten als Speicher, um das Land möglichst unabhängig vom Weltmarkt aufzubauen. Diese Vision scheiterte und die Silos wurden mit Sand zugeschüttet. Als der Künstler sie mit Helfern jetzt freilegte, fanden sich dort große Populationen der in Ghana weit verbreiteten Flughunde, einer Art von Riesen-Fledermäusen. Sie sind als abstrahierte Muster auf den Papiercollagen in Goslar wieder zu entdecken neben Bestell- und Lieferscheinen. Ein Video über die Arbeit am Silo ist in der Goslarer Ausstellung zu sehen.


Frage: Sie haben bereits viele Projekte in Ihrer Heimat realisiert: Ihr Atelierhaus, das offen für Kinder und alle Interessierten ist. Die Kunstschule SCCA (Savannah Contemporary Art Centre), und jetzt das Silo. Sie fördern die jungen Leute hiermit und erweitern deren Bildungshorizont. Haben Sie das Gefühl, bereits etwas für ihr Land bewegt zu haben?
Ibrahim Mahama ändert das Handy auf Video-Modus, winkt uns mit fröhlichem Lachen und Stolz zu. Dann zeigt er uns seine Umgebung vor und im Atelierhaus. Zu sehen ist nebenan auch der angefangene Bau eines weiteren Versammlungshauses. Im Hof laufen kleine Kinder in Schuluniform um die Kunst herum. An einer Wandseite im Haus hängt ein großer Jute-Vorhang. Das sei aber keine Kunst, sondern einfach nur funktional.
„Ja, schauen Sie, wie gut es den Menschen bei uns geht. Und wenn die Kinder mal hier waren, erzählen sie es den Eltern. Die kommen dann auch her und es macht mich sehr stolz, dass viele ihre besondere Sonntagskleidung für den Besuch anziehen.“
Die Ausstellung belegt ein äußerst gelungenes Beispiel, wie Kunst und Künstler ihr Herkunftsland und die Menschen dort bereichern und verändern können, direkt und auf Eigeninitiative. Wir aber bekommen durch Ibrahim Mahama nicht nur neue Erkenntnisse, sondern dürfen uns auch an seinen einzigartig überwältigenden Kunstwerken erfreuen.
Ibrahim Mahama „Rubber Soul“, Mönchehaus Museum Goslar, 5.Mai bis 7. Juli 2024













