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Chemnitz 2025
Vorboten des Europäischen Kulturstadtjahres, Kunstschätze beleben die entlegene Region
Im tiefsten Sachsen in und um Chemnitz herum findet eine bemerkenswerte Transformation statt. Kleine Dörfer, die einst in Vergessenheit schlummerten, erwachen jetzt, nicht durch erneuten Industrielärm, sondern durch den Reiz erstklassiger Kunst. Dieser Wandel wird durch den Skulpturenpfad „Purple Path“ vorangetrieben, das ehrgeizigste Projekt der Kulturhauptstadt Europas 2025.

„Glance“ von Tanja Rochelmeyer in Flöha 
Der „Purple Path“ist nicht nur eine Sammlung von Skulpturen, sondern ein lebendiger Leitfaden durch die reiche Geschichte, Kultur und Identität dieser oft übersehenen Region. Das von Alexander Ochs kuratierte Projekt brachte international anerkannte Künstler und Künstlerinnen mit 38 Bürgermeister*Innen des Erzgebirges zusammen. Durch die lokalen Gespräche erfuhren die Kunstschaffenden alle spezifischen Narrative des jeweiligen Ortes und schufen mit diesem Wissen ortsspezifische Skulpturen unter dem verbindenden Thema „Alles kommt vom Berg her“. Dieses Konzept ist eine Hommage an das tief verwurzelte Bergbauerbe der Region, in der bereits im 12. Jahrhundert Silber, später Zinn, Kobalt und Eisen abgebaut wurden. Die geförderten Uranmengen lieferten Russland über Jahrzehnte bis zu 60% ihres Bedarfs, während Bergleute in Aue an Bronchialkarzinomen aufgrund chronischer Strahlenexposition im Bergbau starben.


Kurator Alexander Ochs 
Michael Sailstorfer Die Skulpturen sind mehr als nur ästhetische Ergänzungen dieser Dörfer – sie sind in Metall, Stein und andere Materialien gespeicherte Erzählungen. Jedes Stück spiegelt die lokalen Geschichten über die Industrie und die Erlebnisse der Menschen wider, die dort leben. In Zschopau einer Stadt, die einst für ihre Motorradproduktion im VEB Motorradwerk bekannt war, hat der Künstler Michael Sailstorfer am Ufer des idyllisch plätschernden Flusses, dem der Ort seinen Namen verdankt, eine riesige Motorradspiegelskulptur installiert. Anders als typische Original-Spiegel reflektiert dieser auf beiden Seiten und symbolisiert die Dualität der Perspektiven – eine Anspielung auf die industrielle Vergangenheit der Region und ihre sich entwickelnde neue Identität.


Gregor Gaida „Polygonales Pferd“ in Gahlenz Viele Skulpturen des Purple Path sind bereits an ihren Standorten verankert, so dass schon jetzt eine Rundfahrt spannend ist. Dabei werden abgelegene, stille Orte durchquert, in denen fast keine Menschen auf den Straßen zu sehen sind. Es schleicht sich ein Gefühl von Dornröschenschlaf ein, der vielleicht durch die Kunstwerke zunehmend aufgeweckt wird.
Weiter entlang des Weges, in Schneeberg, hat der britisch-amerikanische Künstler Sean Scully einen abstrahierten Münzstapel aus Bronze geschaffen. Dieses Stück ist nicht nur eine zufällige Anordnung. Sie erinnert an die Silberbergbautradition der Stadt und an die Geschichte des Vaters des Künstlers, eines Friseurs, der jeden Abend sorgfältig seinen Verdienst aufstapelte. Die Skulptur erinnert auch an einen bedeutenden Moment in der Arbeitergeschichte, möglicherweise an den ersten Arbeiterstreik, als die Bergleute gegen Lohnkürzungen aus Protest die Arbeit verweigerten.


In Aue-Bad Schlema steht prominent im Kurpark eine faszinierende riesige Bronze-Skulptur von Tony Cragg. Einige der Skulpturen seien laut Kurator Alexander Ochs auch geliehen, was bei den üblicherweise erzielten Verkaufspreisen dieses Künstlers angesichts des doch begrenzten Etats möglich erscheint.


In Zwönitz hat sich die in Berlin lebende Künstlerin mit türkischem Migrationshintergrund Nevin Aladag von der Strumpfwarenindustrie der Stadt inspirieren lassen. Die Installation der Documenta 14-Teilnehmerin besteht aus bunten Laternen aus Strumpfstoff, der über Metallrahmen gespannt ist. Diese Laternen, die in der Nacht sanft leuchten, symbolisieren das Licht, nach dem sich die Bergleute sehnten, wenn sie im Dunkeln arbeiteten – eine schöne Metapher, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.


Die öffentliche Interaktion mit den Kunstwerken wird nicht nur gefördert, sondern gefeiert. In Jahnsdorf beispielsweise lädt die komplex gewundene Parkbank in hellem Grün des dänischen Künstlers Jeppe Hein sowohl zum entspannten Nachdenken als auch zum Spielen ein. Bei einem kürzlichen Besuch verwandelten ein Vater und seine Kinder die Bank in einen Spielplatz, und ihr Lachen hallte durch das Dorf – ein lebendiges Zeugnis der Vision des Künstlers, Nähe und Kommunikation im öffentlichen Raum zu fördern. Über Jeppe Hain wurde in diesem Blog vor kurzem berichtet, weil die Galerie König im mondänen Bergson Kunstkraftwerk in München aktuell eine Einzelpräsentation des Künstlers zeigt. Auch hier steht unter anderem eine ähnliche verschlungene Bank in gelb, zu der er von den Bänken im New Yorker Central Park inspiriert wurde.


Die Fähigkeit der Kunst, zu fesseln und zu inspirieren, zeigt sich auch in Freiberg, wo Wilhelm Mundts glänzender Silberstein zu einem Magneten für Kinder geworden ist, die eifrig seine glatten Oberflächen erkunden und erklettern. Diese lebendige Interaktion unterstreicht die Überzeugung, dass öffentliche Kunst gelebt und erlebt und nicht nur aus der Ferne betrachtet werden sollte.



Allerdings sind nicht alle Installationen von Destruktionen verschont geblieben. In Lößnitz steht eine Porzellanskulptur von Uli Aigner, die offensichtlich zerstört ist. Doch hier herrschte kein Vandalismus, denn sie brach schon während der Herstellung in China zusammen. Die Künstlerin veränderte sie jedoch nicht, denn in ihrem zerbrochenen Zustand kann die Skulptur noch Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Ai Weiweis sturmgeschädigte Installation auf der Documenta 12 in Kassel, die zum Symbol der unberechenbaren Kraft der Natur wurde, ist Aigners Skulptur ein Beweis für die physikalischen Genzen, an die wir Menschen immer noch stoßen.


Der „Purple Path“ ist mehr als ein Kunstpfad – es ist eine mutige Initiative, die einer Region, die lange Zeit eher für ihre industrielle Produktion als für ihre kulturellen Beiträge bekannt war, neues Leben einhaucht. Während sich Chemnitz darauf vorbereitet, im Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas in den Mittelpunkt zu rücken, wird dieses Projekt hoffentlich ein Beweis für die transformative Kraft der Kunst selbst in den entlegensten Winkeln Europas.
Für Besucher bietet der Purple Path eine aufregende Entdeckungsreise, ähnlich den Skulpturenprojekten in Münster oder den kollateralen Pavillons der Biennale in Venedig. Es ist eine Chance, die verborgenen Schätze Sachsens zu erkunden, wo Kunst von Weltklasse an den unerwartetsten Orten blüht. Allerdings ist ein modernes Navigationssystem unerlässlich.


Bahnhof Flöha wird noch bis 2025 saniert 
Chemnitz: Claire Fontain 

Projekt von Forensic Architectur 
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Heizkraftwerk Chemnitz,
umgestaltet von Daniel Buren 2013
Chemnitz historisch: Karl Marx Seit die Europäische Union 1985 begann, Kulturhauptstädte zu ernennen, hat die Initiative den Fokus schrittweise von etablierten Kulturzentren wie Athen, Paris, Berlin oder Weimar auf Regionen verlagert, die keine solche Tradition haben. Diese Verlagerung hat es Gebieten wie Chemnitz und dem Erzgebirge ermöglicht, sich neu zu definieren und über ihr industrielles Erbe hinauszugehen. Während die ehemalige Karl-Marx-Stadt mit ihrem Umland ihre neue kulturelle Identität annimmt, besteht die Hoffnung, dass eine mentale Einstellung von Offenheit und Wertschätzung für Ungewohntes und Überraschendes wie die zeitgenössischen Kunstwerke entsteht und auch dann noch Bestand haben wird, wenn das Rampenlicht des Jahres 2025 längst verblasst ist.
Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstatjahres Chemnitz: 18.Januar 2025 Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2024 https://chemnitz2025.de/programm/purple-path/
Bergson mit Jeppe Hein: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2634 Nevin Aladag: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2064
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Nairy Baghramian in Zürich
Skulpturen der Kunstfreiheit


Sie ist Bildhauerin mit Weltruhm. Ihre Skulpturen waren und sind ausgestellt nicht nur in Zürich, sondern auch in Venedig, New York, Nimes, Kopenhagen, Dallas, Wien, Madrid, Mailand oder Berlin. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Aluminiumguss, Stahl und Stein und sind in ihrer Formgebung völlig abstrakt. Ohne Hinweise auf menschliche oder naturalistische Vorlagen zeigen sie sich als dreidimensionale spielerisch verbundene Objekte im Raum, die unsere Versuche einer Interpretation grundsätzlich scheitern lassen….sollen. Nairy Baghramian spricht oft von FREIHEIT. Sie liebt und lebt ihre absolute Freiheit bei der Gestaltung und sieht die Kunstwerke auch passenderweise als Symbol für Freiheit.


Nairy Baghramian ist 1971 im Iran geboren. Ihre Familie gehörte der Minderheit der armenischen Christen an. Nach dem Sturz des Shah-Regimes und der Errichtung des islamischen Gottesstaats flohen sie nach Berlin, damals West-Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Auch heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin.
Aktuell zeigt die Galerie Hauser und Wirth in Zürich eine Einzelschau mit einer Werkauswahl, die deutlich macht, dass die Mischung aus weichen Formen in zartem Rosa mit den kantigen spiegelglatten Stahlkonstruktionen komplex kontrastiert.

Eine weitere Serie besteht aus einer Art Mobiles teils mit Fotos kombiniert. Ähnliche Objekte sind außerdem zurzeit Im Palazzo Grassi in Venedig als Zusatz der Ausstellung von Julie Mehretu zu sehen, wobei ebenfalls der Kontrast zu den zweidimensionalen Bildern der Kollegin und dem prunkvollen Palast eine großartige Wirkung entfaltet.

Im Züricher Haus Konstruktiv ist ebenfalls ein Werk zu finden, denn sie war 2016 auch eine Preisträgerin des von dort vergebenen „Zurich Art Prize“.


Auch Nairy Baghramian war bereits Teilnehmerin einer Documenta, und zwar der D14 in Kassel und Athen (2017).


Die Skulpturen wirken auf den ersten Eindruck sperrig und machen ratlos, doch nach Einlassen auf Material und die Tatsache, dass man keine tiefe Bedeutung suchen muss, ergibt sich eine erstaunliche Strahlkraft.
Hauser und Wirth: Zürich Limmatstrasse bis 7.September, Haus Konstruktiv: Zürich Selnaustr.25; Venedig: Palazzo Grassi bis 6.1.2025
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Kunst auf Spiel
Die fantastischen Bilder auf Brettspielschachteln


Sie sind keine Unikate, sondern werden in Tausenden gedruckt. Auch handelt es sich nicht um reine Kunst, sondern Gebrauchskunst. Doch die individuellen unterschiedlichen grafischen Gestaltungen der Schachteln, in denen komplexe Brettspiele angeboten werden, sind auch Zeugnisse künstlerischen Schaffens, das viel mehr beachtet werden sollte.
Vergleichbar ist dieses Genre der Illustration mit den früheren Platten-Covern, von denen es ja bekanntlich hochinteressante künstlerische Exemplare gibt wie z.B. die Jeans von Andy Warhol für die Stones. (Sticky Fingers). Auch Film- (https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1653) oder Protestplakate können hervorragende Kunstwerke sein. (Klaus Staeck: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1712)
Die Grafiken der Brettspielschachteln haben im Gegensatz zu reinen Kunstwerken eine Funktion. Sie dienen als Eye-Catcher für Kunden und sollen inhaltlich auf das Narrativ, in das das Spiel eingebettet ist, oder das Spielmaterial hinweisen. Für die Qualität eines Brettspiels bleibt aber der Spielmechanismus verantwortlich. Er stammt vom Spiele-Autor, dessen Name stets auf der Schachtel gedruckt ist. Doch wer kennt oder nennt den Illustrator? Namen wie Chris Quilliams (Azul), Mads Berg (E-Mission) oder Klemens Franz (Agricola) bleiben nahezu unbekannt.
Manche Verlage arbeiten strikt mit immer den gleichen Illustratoren zusammen, was ihren Spielen einen Wiedererkennungseffekt und ein Markenprofil gibt. Das bekannteste Beispiel ist der 2F-Verlag von Friedemann Friese, dessen stets grüne Spiele mit 2 F im Titel (Fiese Freunde, Fremde Federn) von Mauro Kalusky oder Harald Lieske gezeichnet wurden.



Beliebt in der Brettspielszene sind historische, Weltraum- und Fantasy-Themen.
Andererseits gibt es völlig abstrakte Spiele und auch solche, die sich thematisch um Kunst drehen.




Eine aktuelle sozio-politische Thematik wird weniger gern angeboten, weil die Verlage meinen, dies lasse sich nicht gut verkaufen. Doch ein Gegenbeispiel ist aktuell E-MISSION, ein Spiel über Klimaproblematik, das vor wenigen Tagen sogar zum Kennerspiel des Jahres gewählt wurde.

Kennerspiel des Jahres 2024 
Letztlich ist die Schachtelgrafik nicht kaufentscheidend, sondern der Spielwert. Allerdings macht es große Freude, sich einmal die Vielseitigkeit der grafischen Umsetzungen zu veranschaulichen. Vielleicht lässt sich mit Brettspielschachteln im Sinn einer Petersburger Hängung sogar eine Wand zu einem ausgefallenen Gesamtkunstwerk gestalten.









Wer mehr als im örtlichen Spieleladen sehen will, kann die weltgrößte Brettspielmesse besuchen: SPIEL 2024 in den Messehallen in ESSEN vom 3. bis 6. Oktober 2024
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Danielle Brathwaite-Shirley: “The Soul Station”
Game and Art im Club Berghain

Danielle Brathwaite-Shirley 
Das Kunstwerk in dieser Ausstellung ist eine Arena um ein riesiges Video-Game. Auf zwei Sesseln sitzen die Leader, die das Spiel steuern, während von den Zuschauerplätzen in einer Art demokratischem Prozess Anweisungen gerufen werden sollen. Im knallbunten Computer-Design wird eine imaginäre Parallelwelt simuliert, in der 6 Charaktere gerettet werden sollen. Indem die Community dies anstrebt, sollen auch die eigenen Seelen gereinigt werden.


Das aktuelle Werk ist eine Auftragsarbeit der LAS-Stiftung, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie fördert. Themen der Zeit wie künstliche Intelligenz, Gaming und Quantencomputering sollen künstlerisch gestaltet werden.
Ein Projekt genau dieser Art stellt die Installation von Danielle Brathwaite-Shirley dar. Das immersive Eintauchen in ein Parallel-Universum können ältere Kunstbegeisterte sicher auch bei Caspar David Friedrich oder Marc Rothko, doch für die junge Generation sind es die virtuellen Welten im Cyber-Raum. Für diese junge Zielgruppe ist die Location des Berghain, dem legendären Berliner Club die perfekte Umgebung.
Danielle Brathwaite-Shirley ist eine junge Künstlerin, die nach Abschluss des Studiums an einer London School of Fine Art in Berlin lebt und arbeitet. Eine Rolle spielen in ihren Werken die Erfahrungen Schwarzer und queerer Menschen und letztlich sei ihr wichtig, dass im Spiel ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dass niemand alleinige Entscheidungen treffen muss, sondern stets mit allen zusammenarbeitet und gegebenenfalls auch der Leader abgewählt und ersetzt werden kann, ist ein wichtiges Anliegen. „Du bist nicht allein“ soll den Mitspielern vermittelt werden.


Ob dies jedoch durch eine virtuelle Situation in einem Videogame vermittelt werden kann, muss eigentlich offenbleiben. Für Menschen älterer Generationen ist ein zwischenmenschliches Wir-Gefühl ausschließlich im direkten Face-to-Face-Kontakt vorstellbar. Die weltweit intensiv spielende Community hat diesbezüglich wohl aber eine andere Perspektive. Doch auch dieser Bericht ist eine Aufforderung, es mal auszuprobieren!
In der großen Halle am Berghain sind zusätzlich weitere frühere Games der Künstlerin aufgebaut, die alle gespielt werden können.
LAS Art Foundation: Danielle Brathwaite-Shirley,Halle am Berghain, Am Wrietzener Bahnhof, 10243 Berlin, 12.Juli bis 13.Oktober 2024
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Sommer in Berlin
Drei neueAusstellungen im KW-Institut

Das KW-Institut für zeitgenössische Kunst hat für die Sommermonate drei aktuelle künstlerische Positionen ausgesucht, die sich mit Problemen von Menschen außerhalb des Normativen befassen.

Luiz Roque 
Luiz Roque aus Brasilien präsentiert mehrere großartige Videos mit offenem Ende. In der großen Halle berichtet er darin über das Leben ausgewählter Beispiele der queeren Community, teils Reportage artig, teils skurril oder als Science-Fiction. Außerdem werden Filme ohne sexuellen Bezug gezeigt, die künstlerisch vielschichtig sind oder in faszinierender hochauflösender Technik gedreht wurden. Da fliegt beispielsweise ein Wolf völlig allein in einem Flugzeug über verschiedene Landschaften oder ein Stein zerschlägt eine Fensterscheibe, die malerisch in Einzelteile zerspringt.


Pia Arke: die Künstlerin lebte von 1958 bis 2007 in Grönland. Ihre Mutter war indigener Herkunft als Inuk, der Vater Däne. Pia Arke erzählt in Dokumenten Collagen, Filmsequenzen und Zeichnungen über ihr Leben mit einer inneren Zerrissenheit im Kampf um die eigene Identität und Anerkennung. „Arctic Hysteria“ ist zusätzlich eine feministische Anklage, weil gerade der indigene weibliche Körper so oft lächerlich gemacht und schlecht behandelt wurde. Bei all dem spielt Dänemark als ausbeutende Kolonialmacht in Grönland eine wichtige Rolle.




Im Obergeschoß sind Werke zweier Künstler ausgestellt mit Schwerpunkt auf unterschiedlichen Darstellungen von Portraits. Der US-Amerikaner Jimmy DeSana starb 1990 an AIDS. Ihm gegenübergestellt finden sich Bilder des Californiers Paul P. (geb. 1970). Thematisch beschäftigen sich beide Künstler mit der Darstellung homosexuellen Begehrens und ihrem Kampf um gleichberechtigte gesellschaftliche Anerkennung.


Ein besonderes Highlight des Ausstellungsortes ist immer der schönste Innenhof in Berlins City mit dem Café Bravo, wo es stets zu wunderbaren bereichernden Gesprächen mit anderen Ausstellungsbesuchern aus aller Welt kommt.

Foto: Frank Ossenbrink KW Institut, Auguststr. 69, 10117 Berlin, 6.Juli bis 20.Oktober 2024
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Alberto Storari
Ein Atelier-Besuch in Wien
In einem Hinterhof im Herzen von Wien, einen Hauch entfernt vom Hundertwasser-Haus liegt das Atelier von Alberto Storari. Der Künstler mit Herkunft aus Verona, einem Studienabschluss in Bologna und Erfahrungen aus London gestaltet hier Bilder unterschiedlicher Art. Alberto Storari fühlt sich in erster Linie als Maler, doch er erfindet für sich immer wieder innovative Techniken mit einem überraschenden Materialmix.
Nach dem Interview mit einem Kurator vor wenigen Wochen soll in diesem Blog jetzt auch ein aktiver bildender Künstler zu Wort kommen.


INArtberlin: Herr Storari, Sie schaffen hier im Fluidum des berühmten Malers Friedensreich Hundertwasser starke Gemälde, jedoch in Ihrem ganz eigenen anderen Stil. Können Sie bitte Ihre Techniken und Intentionen näher erklären?
Alberto Storari: Es ist richtig, dass ich trotz der Nähe des Hauses keinen wesentlichen Einfluss des verstorbenen Kollegen empfinde. In diesem Bild zum Beispiel habe ich meine Fotografie genommen und schwarzes Seidenpapier darübergelegt, dann mit Chlor in der Mitte einiges wieder weggeätzt. So entsteht eine Art Passepartout und eine Unschärfe, die beim Betrachten einen Abstand zum Subjekt bewirkt. Ich bin Maler und fühle mich gut mit den zwei Dimensionen. Ein Bild ist ein immer ein Fenster, eine Skulptur ist eine Präsenz.


I.B.: Machen Sie auch Skulpturen?
A.St: Im Studium habe ich auch Erfahrungen mit Skulpturen gemacht und in Zukunft möchte ich schon gern wieder einmal in die dritte Dimension gehen, doch meine Pläne sind noch nicht ausgereift.


I.B.: Diese Bilder sind ganz anders.
A.St.: Genau, hier habe ich Silberblätter verwendet und schwarze Farbe, es einsteht ein starker Kontrast. Es ist ein wenig wie ein Blick aus dem All auf die Erdkugel. Man braucht eine Sicht von außen, um eine neue Perspektive für neue Erkenntnisse einzunehmen.
I.B.: Ein weiterer Stil findet sich auf diesen großen Landkarten.


A.St.: Ich habe Seekarten der Erde verwendet. Die sind schon Vergangenheit, denn heute nutzen wir alle Navigationssysteme. Doch die Karten sind wunderschön. Ich habe Landschaftsbilder aus alten Atlanten genommen und hinein collagiert. Dabei sollen die Küstenlinien genau an Strukturen der Bilder passen. Die Realitäten werden jedoch verändert. So findet sich z.B. ein italienischer Küstenort in Australien wieder. Außerdem entstehen immer zwei verschiedene Perspektiven: Die Bilder zeigen einen Blick von vorn, die Karten von oben. Meine Bilder sind stets eine Reise, Metaphern einer eigenen Welt, die ich mir selbst gestalte.
Es gab eine Ausstellung im Künstlerhaus hier in Wien, wo ich so eine Collage ausgestellt hatte. Der Titel der Ausstellung lautete: “ Human Nature“, Mensch und Natur in Harmonie und in gegenseitigem Respekt. Ich denke, wir sollten die Natur schützen, doch auch wir müssen unseren Lebensraum finden dürfen. Vieles im Leben ist ein Kompromiss.


Foto: Pablo Chiereghin I.B.: Wie wichtig sind Ihnen neue Technologien wie Digitalisierung?
A.St.: Bei aller Digitalisierung ist wichtig, was man am Ende Bleibendes hat. Und man muss wissen, wer die Kontrolle hat. Wenn ich Kunst mache, bin ich der Chef, nicht die Technologie.
I.B.: Wie gestalten Sie den Verkauf Ihrer Bilder?
A.St.: Ich habe eine Galerie in Italien und auch in Wien, die mich vertreten. Heutzutage wechselt man öfter, wenn es für beide Seiten besser ist. Aber vorwiegend sind es private Verkäufe. Sammler kennen mich und empfehlen mich weiter. Wir organisieren mit Kollegen außerdem Präsentationen, zu denen wir Interessenten einladen.

Ich nehme auch gern die Möglichkeit von Ausstellungen in größeren Häusern an wie im Künstlerhaus.
I.B.: Sie sagten, Sie arbeiten auch als Lehrer.
A.St: Ja, an der Akademie für Kunst unterrichte ich, denn ich habe im Studium auch eine Ausbildung zum Lehrer abgeschlossen. Die jungen Studenten sind großartig. Sie zeigen große Motivation, gehen mit frischer Energie und guten Ideen an die Arbeit, das ist inspirierend auch für meine eigene Arbeit, richtig ansteckend.
I.B.: Was ist Erfolg für Sie?
A.St.: (lacht) Ich bin zufrieden! Ich kann meine Kunst machen, denn ich wollte nie etwas anderes. Ich kann ausstellen und ja, ich verkaufe auch.
I.B.: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit!
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Dawid Tomaszewski
Ist Modedesign auch Kunst?



Ausgestellt im Kunstgewerbemuseum verteilt zwischen antiken Möbelstücken und modernen Designklassikern finden sich aktuell ausgefallene Gewänder, die Beispiele dafür sind, dass ein Kleidungsstück ein Kunstwerk sein kann. Es sind mit Pailletten bestickte Kleider, Hosenanzüge und Abendkleider mit ausgefallenem Materialmix.



Dawid Tomaszewski ist Modedesigner in Berlin mit überregionaler Popularität, wobei er mit nur 6 MitarbeiterInnen aufwändige Unikate in mühevoller Handarbeit gestaltet. Er sagt, er lege großen Wert darauf, dass jedes Teil ausschließlich seine persönliche Handschrift trage.
Sein Motto: „More is More, Less is Shit“.
Ausgestellt sind Entwürfe des Designers aus den letzten 15 Jahren. Bevor er sein eigenes Lable gründete, arbeitete bei Sonja Rykiel und Comme les Garcons in Paris. Mit der Selbstständigkeit habe es durchaus schwierige Zeiten gegeben: „Wir waren auch mal knapp vor dem Scheitern. Ich bin bis heute kein Geschäftsmann.“

Unikat für Bill Kaulitz 

Space Traveler Inzwischen entwirft Dawid Tomaszewski zusätzlich erschwingliche Mode und Accessoires, die bei QVC vertrieben werden. „Ich denke, dass auch in dem Segment gutes Design realisierbar ist und dann vielen zugutekommt.“
Zusehen ist u.a. eine Atelier-Situation, ein kleiner Raum mit Vorentwürfen, Zeichnungen und Stoffmustern, die einen Eindruck von der Arbeitssituation des Designers widerspiegeln.



Design wird oft nicht zur Kategorie Kunst gerechnet, weil es für Gebrauchsgegenstände kreiert wurde, doch gutes Design ist für uns Rezipienten auf jeden Fall auch ein ästhetischer Genuss.



Auf dem Weg zu den Kleidern in verschiedenen Räumen entdeckt man außerdem die wunderbare Fülle der Design-Sammlung des Kunstgewerbemuseums, die doppelt zur Freude an dem Besuch beiträgt.
„Excess in Elegance“, Dawid Tomaszewski, Kunstgewerbemuseum Berlin 4.Juli bis 6.Oktober 2024



























































