• „Drei Zellentüren“

    Ein Kunstwerk erzählt die Geschichte des Maßregelvollzugs

    Manchmal ist es ein Glücksfall, wenn nicht gleich alles im Müll oder beim Schrotthändler entsorgt wird. So kamen 3 schwere Zellentüren eines über hundert Jahre lang betriebenen „Verwahrhauses für verbrecherische Geisteskranke“ in Göttingen zu der späten Ehre, ein Kunstwerk und Mahnmal zu werden.

    Am 25.10.2024 wurde das Kunstwerk „Drei Zellentüren“ eingeweiht. Es steht als „Site-specific sculpture“ neben dem Neubau des Maßregelvollzugszentrums für psychisch kranke Straftäter und nur wenige hundert Meter entfernt vom historischen Verwahrhaus.

    „Diese Zellentüren erzählen die Geschichte des Wandels“, sagte der Künstler Andreas Spengler. „Sie sind auch eine Mahnung, die menschliche Würde in den Mittelpunkt zu stellen.“ Spengler, der neben seiner früheren Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Klinik in Wunstorf auch ein angesehener Künstler ist, schuf das Werk im Geiste des „Object trouvé“ oder „Ready made“ : alltägliche Gegenstände, denen durch neue Kontexte und Perspektiven eine tiefere Bedeutung verliehen wird.

    Bis zum Umzug der Klinik in einen Neubau 2016 wurden die Zellentüren noch im alten Gebäude genutzt. Jetzt schauen sie als „Einäugige“ den Vorbeigehenden entgegen. Sie beugen sich in alle Richtungen, fallen aber nicht um. Welche Szenen spielten sich womöglich hinter diesen Türen ab? Sie haben nur auf einer Seite Bohrlöcher für eine Türklinke, auf der anderen gibt es keine Montagemöglichkeit, nicht einmal für einen Türknauf.

    Kunst als Brücke zwischen der Gesellschaft und Ausgeschlossenen war beispielsweise auch auf der Venedig-Biennale eine künstlerischen Position. Der Vatikan hatte Künstler beauftragt, im Frauengefängnis von Venedig Werke, passend zum Ort und gemeinsam mit den Insassinnen zu installieren. Der Kontakt über die Kunstwerke war durch die folgenden öffentlichen Führungen für beide Seiten eine gelungene humane verständnisfördernde Annäherung.

    Auch die Installation in Göttingen bietet als Kunstwerk die Chance einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den Menschen im dortigen Maßregelvollzug, sowohl mit den Untergebrachten als auch den dort tätigen Pflegekräften und Therapeuten. Ein bewegendes Werk als „Denk mal!“

    Hier noch Impressionen aus dem alten „Verwahrhaus“, später „Festem Haus“

    Adresse des Standortes der „Drei Zellentüren“: Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, Ulrich Venzlaff Str., 37081 Göttingen

    Zum Pavillon des Vatikans auf der Venedig Biennale:

  • SCHWERELOS in Wolfsburg

    Leandro Erlich stellt unsere Weltsicht auf den Kopf

    Das Kunstmuseum erinnert zuerst an einen Hollywood-Freizeitpark, doch es ist weit mehr als reines Vergnügen, die Ausstellung mit allen Sinnen zu entdecken.

    Leandro Erlich hat riesige Installationen geschaffen, die unsere Wahrnehmung verwirren und uns anregen, die darin liegenden Rätsel zu lösen.

    Ein komplettes Haus schwebt in der Luft, herausgerissen aus seiner Umgebung, aber es hängen noch Wurzeln unter der Bodenplatte.

    Der Mond scheint im Gegensatz dazu auf der Erde gelandet zu sein. In dieser 12 m hohen Kuppel mit 20 m Durchmesser können wir in das uns komplett umgebende Universum eintauchen und werden taumeln.

    Die Erdoberfläche hängt dagegen über unseren Köpfen als Landschaft unter der Museumsdecke.

    Außerdem steht eine Rakete startbereit senkrecht, doch unser Blick hinein sieht das Innere horizontal vor uns, während darin andere Besucher in Schwerelosigkeit zu schweben scheinen.

    Eine Ausstellung voller Fragen, die unglaublich neugierig macht.

    Künstlerinterview:

    INArtberlin sprach mit dem sympathischen argentinischen Künstler Leandro Erlich (Jg.73) anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:

    I.B.: Wie entstand dieses Projekt und warum gerade in Wolfsburg?

    L.E.: Der Museumsleiter Andreas Beitin lud mich ein, weil er meine Arbeiten mochte und sein Gebäude für besonders geeignet für meine Ideen hielt. So reiste ich hierher und war auch begeistert. Man findet kaum ein Museum mit solch einem riesigen Raum. Das inspirierte mich sofort.

    I.B.: Sie hätten Ihre großen Objekte auch in einer alten Industriehalle aufbauen können?

    L.E.: Nein, das ist nicht dasselbe. Ich möchte Menschen verblüffen und in Ihnen Zweifel und Neugier wecken. In einem Museum erwarten sie sonst Kunstobjekte, die sie passiv anzuschauen sollen. Doch man kann niemanden zum Denken aktivieren, indem man ihn auf eine Bank setzt und sagt, schau dir das an und lies den Text.

    In meine Objekte kann man hineingehen, erlebt optische Phänomene und denkt kreativ nach, wie so etwas wohl funktioniert.

    I.B.: Im Mond stehen wir komplett im Universum, Galaxien umkreisen uns aus allen Richtungen. Doch man sieht keinen Sternenprojektor wie im Planetarium. Wie funktioniert das?

    L.E. Ja, das ist genau so eine Wahrnehmung, die schwindelig macht und Fragen aufwirft. Wir haben 8 Projektoren hinter der Wand im Kreis versteckt mit nur je einer kleinen durchgehenden Optik. Wie die Kugel im unteren Bereich funktioniert, sollten Sie selbst herausfinden!

    I.B.: Auch die Rakete stellt die Gravitationsgesetze auf den Kopf.

    L.E.: Meine Werke sind immer erst komplett, wenn die Besucher sie voller Zweifel erklettern und versuchen die Rätsel zu lösen, und zwar spielerisch mit viel Humor und Freude. Wir brauchen kritisch und kreativ denkende Menschen, um die großen Probleme unserer Zeit zu bewältigen.

    I.B.: Auf der Empore stehen einige kleine Skulpturen. Eine erinnert an die Modelle von Mike Kelley, die Superman‘s geschrumpfte Heimatstadt auf Krypton darstellen sollten.

    L.E.: Mein Quarz-Kristall soll die enge Verknüpfung von natürlichem Material und den baulichen Veränderungen durch die Menschheit darstellen. Deshalb wachsen Mini-Hochhäuser daraus hervor. Nein, ich wollte keinen Zusammenhang mit Superman zeigen.

    Auch die anderen Skulpturen wie die Schlange mit menschlichen Händen sind Symbole für die Verbundenheit zwischen menschlichem Leben und der Natur.

    I.B.: Das entwurzelte Haus schwebt bodenlos im Raum, als wolle es in einen Orbit um den am Boden gelandeten Mond herum kreisen. Im Inneren des Hauses schweben alle Gegenstände schwerelos.

    L.E.: Symbolisch soll es daran erinnern, dass viele Menschen aktuell in Migrationssituationen leben. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort durch Kriege oder Katastrophen bedroht sind. Sie sind entwurzelt und es bleibt stets die Frage, wo wir unsere Heimat empfinden und ob wir uns wieder neu verwurzeln können.

    Doch heutzutage haben Menschen auch ohne Not ihren Ursprungsort verlassen. Auch ich zum Beispiel: ich bin in Argentinien aufgewachsen, bin zum Philosophiestudium nach Huston /Texas gegangen, später nach Paris und England. Heute lebe ich in Frankreich oder Buenos Aires. Mein Name hat einen deutschen und jüdischen Ursprung. Meine Vorfahren sind schon früh vor der Nazizeit aus der Ukraine nach Argentinien immigriert. Wir denken, dass damals durch einen Schreibfehler uns womöglich das „H“ im Namen verloren gegangen ist. Mein Sohn lebt jetzt in Barcelona. Migration ist also ubiquitär. Ich philosophiere oft über dieses Thema; auch immer gern mit anderen Menschen, die ich treffe.  

    Mein Eindruck ist, dass auch die Menschen in Deutschland viel Philosophie in ihrem Denken haben. Nicht nur Goethe, Schiller und Nietzsche, sondern z.B. auch Karl Marx stammen hierher. Ich meine nicht den Marxismus als Staatsform, sondern die philosophischen Thesen von Marx.

    Die Besucher in Wolfsburg werden sich von meinen Werken bestimmt zum intensiven Nachdenken anregen lassen. Doch sie sollen auch viel Spaß bei ihren Entdeckungen haben.

    I.B.: Vielen Dank für Ihre Gedanken und die fantastische Ausstellung.

    Leandro Erlich: „Schwerelos“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 12.Oktober 2024 bis 13.Juli 2025

  • Erwin Wurm

    Humorvoll, skurril und zeitkritisch zugleich

    „Humor ist eine Waffe“, hat Erwin Wurm einmal gesagt. Doch er versteht sich nicht als Humorist. Vielmehr setzt er seinen Witz ein, um den „Alltag aus einer anderen Perspektive“ zu zeigen.

    Die Albertina Modern in Wien zeigt anlässlich seines 70. Geburtstages eine Retrospektive des österreichischen Künstlers mit vielen Skulpturen, voll von skurrilem Humor getragen. So sitzt beispielsweise eine Handtasche, die einem Klassiker von Hermes mit einem Wert von etwa 7000 € täuschend ähnlich ist, balancierend auf zwei ultraschlanken Beinen. Eine Gruppe von Würstchen stellt er eng umschlungen wie in einem erotischen Tanz dar.

    Wurm kippt die gewohnte Wahrnehmung der uns umgebenden Realität und eröffnet mit seinen Kunstwerken Möglichkeiten, neue Perspektiven und Fragen aufzuwerfen: Was passiert, wenn ich die Schwerkraft missachte, was, wenn Häuser zu schmelzen beginnen.

    Schon 2017 hatte er den Auftrag zur Gestaltung des österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig. Er stellte davor einen echten LKW, jedoch senkrecht mit der Front auf den Boden, so dass er eine permanente Angst auslöste, er könne sofort umkippen.

    Auf der aktuellen Ausstellung zeigt Wurm Modelle berühmter Gebäude, die zusammenschmelzen.

    Aus einem sonst flotten Cabrio wird ein aufgequollenes üppiges Luxusauto; ein „Fat Car“ als Symbol von Gier, Überfluss und Warenfetischismus in unserer Gesellschaft.

    Der Künstler arbeitet auch mit performativen Interventionen. Einige Skulpturen laden explizit zu Interaktionen ein. Das nennt Wurm: „one minute sculptur“ . Besonders Jugendliche haben eine große Freude dabei, darauf herumzuklettern und sich selbst zum Teil der Kunstwerke zu inszenieren.

    Das Paradoxe und Absurde unserer Welt möchte er auch beleuchten. Erwin Wurt baut menschliche Figuren, lässt aber die Körper einfach weg, so dass lediglich die Kleidung als geisterhaftes Relikt wie ein Phantom zurückbleibt.

    Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher ein, insbesondere das Paradoxe und Absurde unserer Welt, unseres Lebens und Alltags zu reflektieren, was enorm viel Freude macht, ohne banal zu werden.

    ALBERTINA modern, Wien; 13.Sept. 2024 bis 9.März 2025

  • 17. Biennale de LYON

    “Les voix des fleuves, crossing the water”

    Der Titel „Biennale“ ist für sich keineswegs ein Qualitätssiegel, er bezeichnet lediglich ein Ereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst sind die Erwartungen einer großartigen Präsentation aktueller Kunst allein schon mit diesem Begriff verbunden, weil es nahe liegt, jede Ausstellung mit dem Namen Biennale zunächst an der größten, ältesten und international renommiertesten Biennale, nämlich der in Venedig zu messen. Doch dieses Niveau wird weltweit an keinem anderen Ort erreicht. Daher ist es angemessener, auch in Lyon die Maßstäbe etwas bescheidener zu setzen. Unter dieser Prämisse sind auf dieser französischen Biennale auch 2024 viele interessante Perlen zeitgenössischer Kunst zu entdecken.

    Gestaltet wurde die Lyon-Biennale von der Art-Direktorin Isabella Bertolotti und der Kuratorin Alexia Fabre, die stets im Duo in trauter Einigkeit auftreten.

    Die größte Location in Lyon sind die riesigen Lockhallen, in denen die ausgewählten Künstler und Künstlerinnen Größe zeigen können, aber auch müssen. Einige Beispiele:

    Die 27-jährige Französin Mona Cara zeigt eine textile Installation, die sie Kaktus genannt hat. Ihre eigene Erklärung ist, dass ein Kaktus auch bei Wassermangel überleben könne und somit ein Fluchtpunkt für alle möglichen Lebewesen sei. Sie übertrug dies auf eine Herberge mit Café für Menschen und ließ ihren Computer-Entwurf von einer speziellen Weberei gestalten. Der bunte beeindruckend große Webteppich fällt sofort ins Auge und bereitet nicht nur den Kindern viel Freude.

    Der Österreicher Hans Schabus (Jg 1970) baute in den Dimensionen des Airbus A 321, der in Toulouse gebaut wird, aus Holz eine Röhre, die eine besondere Empfindung beim Durchschreiten erzeugt. Er verrät im Gespräch, dass er die Mobilität von uns Menschen thematisieren möchte, diese jedoch erheblich verlangsamt. Hierfür symbolisch werden die haltenden Holzringe von Schildkröten gestützt. Doch der große Tunnel sei ebenfalls geeignet, im Sinn des Ausstellungstitels (Crossing the water) einen Fluss zu überbrücken. Das Kunstwerk liegt majestätisch in der großen Lockhalle und duftet herrlich nach dem Holz.

    Die „Healthy Boy Band“ aus Wien ist eine Gruppe von drei jungen Koch-Künstlern. Sie haben auf der Lyon-Biennale einen langen Tisch aufgestellt als Anreiz, gesellig zusammen zu sitzen. Ergänzt wird diese Installation von Automaten mit selbst-kreiertem Saft-Cocktail (sehr lecker mit Karottengeschmack, leichter Chili-Note und mehr). Ihre künstlerische Botschaft sei, wie Felix Schellhorn im Interview erklärte, dass nicht nur ein exzellentes Menu die Qualität eines Restaurants ausmachen soll, sondern immer auch die kreative Art, Menschen beim Essen und Trinken zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenzuführen. Die „Healthy Boy Band“ hat bereits im deutschen TV ihre Kochkunst durch einen Sieg im Duell gegen Tim Mälzer unter Beweis gestellt. Kochen als Kunstwerk? Durchaus! Man kann dies analog zu Rirkrit Taravanija (aktuelle Präsentation im Gropius-Bau in Berlin) als soziale Skulptur, einen etablierter Kunstbegriff, definieren.

    Jeremy Deller (London, 1976) stellte Banner in bunter Vielfalt zusammen, wie sie bei Demonstrationen oder Prozessionen von Menschen durch die Straßen getragen werden könnten. Die Botschaften sollen leicht verstehbar sein, wobei der kritische Inhalt mit der fröhlichen Farbenfreudigkeit kontrastiert.

    In einem Gebäude in der charmanten City von Lyon, der „Cité internationale de la Gastronomie – Grand Hotel-Dieu“ finden sich ästhetisch beeindruckende Kunstwerke, deren Schönheit sich besonders im kompositorischen Arrangement in den historischen Räumen entfaltet.

    Ein weiterer Ausstellungsort ist das IAC- Institut d’art contemporain, in dem die Besucher*Innen ein wahres Labyrinth extrem unterschiedlich gestalteter fantasievoller Räume durchschreiten müssen und immer wieder herrlich überrascht werden.

    Das MacLYON ist das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem Werke der Biennale zwischen denen der Dauerausstellung hängen. Als Ort wenig interessant, da es nach dem Prinzip des White Cube in keiner Weise die Spannung aufbauen kann wie zum Beispiel die alte verlassene Industriehalle  „Grandes Locos“.

    Die Lyon Biennale zeigt durchaus ansprechende Highlights zeitgenössischer Künstler*Innen, auch wenn es beispielsweise in der großen Lockhalle an den Vorbesichtigungstagen etwas leer und verloren wirkte. Doch dann strömten nach der offiziellen Eröffnungsrede plötzlich wirkliche Massen an Kunstinteressierten aller Altersklassen und Nationalitäten durch die geöffnete Absperrung und feierten die Kunst bei Musik im Sonnenuntergang, und nicht nur am Getränkestand, sondern auch bei den Kunstwerken, wo gelacht, getanzt und intensiv diskutiert wurde. Ein fantastisches Fest für die Kunst!

    17. Biennale de Lyon (Frankreich), 21.Sept. 2024 bis 5.Jan. 2025

  • Das Phänomen Anne Imhof

    Finissage im Kunsthaus Bregenz

    Dem Phänomen Anne Imhof auf die Spur zu kommen, kann nie vollkommen objektiv sein. Vielmehr vermischen sich Fakten mit Emotionen der Rezipienten, ebenso wie die Werke der Künstlerin Mixes aus einer Art Bühnen-Installation, Klangteppich, Beleuchtung und Aufführung sind. Die Performance ist Anne Imhofs lebendiges vorrangiges Medium, mit dem sie ihre widersprüchlichen emotional gespickten künstlerischen Messages ausstrahlt.

    „Wish you were gay“ war der Titel ihrer Ausstellung in diesem Sommer 2024 in Bregenz, diesmal ohne Performance. Er entwickelte eine Eigendynamik, indem die Plakate in der österreichischen Stadt mehrfach zerstört wurden. Das Wort „GAY“ wurde heimlich nachts aus den großen Bannern herausgeschnitten oder übermalt. Der Zeitpunkt gerade jetzt vor den aktuellen Nationalratswahlen in Österreich zeugt von einem politischen Hintergrund angesichts der starken rechten Bewegung besonders durch die Partei FPÖ. Doch auch der grundsätzliche Angriff auf künstlerische Freiheit drückt sich hier exemplarisch für einen beängstigenden Zeitgeist aus, nicht nur in dem kleinen Alpenland. Die Kunst kam in die Schlagzeilen. Doch war es provokativ gemeint und gewollt?

    Zum Ausstellungsende wurde darüber in einem Künstlergespräch mit Anne Imhof diskutiert. „Wish you were gay“ ist auch ein Songtitel von Billie Eilish. Darin erzählt die Sängerin, wie sie sich heftig in einen Jungen verliebt hatte, der aber ihre Liebe nicht erwiderte. Sie bat innerlich darum, dass er schwul sei und sie deshalb nicht attraktiv finden konnte. Anne Imhof meinte dazu: „Ja, ich kenne diesen Song, doch darauf habe ich meinen Titel nicht bezogen.

    Sie liebe das Musical Westside-Story und sei völlig überraschend auf die Textzeile von Maria gestoßen: „……I feel pretty and witty and gay…“ In dem Song wäre Maria überglücklich verliebt gewesen. „Für mich ist „gay“ vielmehr ein Ausdruck von völliger Freiheit und Freude, in der man alles tun kann, was man möchte.“ An der Wand im großen Saal läuft ein Video von Anne Imhof, in dem sie zu dem Song „I feel pretty“ Boxübungen vollführt.  „Ich wollte mit dem Titel eben diese Lebensfreude ausdrücken.“ sagte die Künstlerin. Sie sei dann sehr erschüttert gewesen, dass die Zerstörung ein offensichtlicher Angriff auf LGBTQ-Menschen gewesen sei. „Nein, ich selbst fühle mich nicht bedroht, es war ein Angriff auf ein Plakat, nicht auf einen Menschen. Doch ich sprach mit meinem Team in Berlin, von denen viele zur LGBTQ-Community gehören. Sie hätten durchaus ein bedrohliches Gefühl auf ihrem täglichen Nachhauseweg.“

    In Bregenz sah man in tiefes Rot getauchte Räume mit Bildern von Atompilzen zusammen mit realen Absperrbarrieren. „Ich wollte die Bedrohung der Welt zeigen, an die ich mich aus meiner Kindheit schon in Form von Abbildungen atomarer Explosionen erinnerte. Jetzt fühlt sich die Welt wieder bedrohlich an. Das soll das rote Licht betonen. Es ist heute mit den kriegerischen Situationen in der Ukraine und in Gaza aktuell wie zuvor.“

    Ganz besonders persönliche Einblicke gewährten Videos aus Anne Imhofs frühen Jahren, als sie in Frankfurt in einem besetzen Haus mit anderen Künstler*Innen, Schauspieler*Innen und Tänzer*Innen zusammenwohnte. Die Filme vermitteln einen erstaunlich offenen Einblick in die noch unfertigen Entwicklungsprozesse ihrer künstlerischen Persönlichkeit.

    Das Gespräch auf der Finissage führte Susanne Pfeffer. Die inzwischen ebenfalls erfolgreiche Kuratorin hatte mit Anne Imhof den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2017 gestaltet, der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Es war damals ein verblüffendes bewegendes Empfinden, als Besucher plötzlich Teil der Performance zu werden, während man sich inmitten der darstellenden Performer befand oder sie unter dem gläsernen Boden bei fantastischen Bewegungen beobachtete. Fast entwickelte sich Peinlichkeit beim Blicken auf die teilweise entblößten Agierenden, weil es so voyeuristisch war. Sound und Raum verschmolzen mit aktiven Menschen und ratlos wirkenden Besuchergruppen. 2017 war es noch befremdlich und neuartig, dass die Künstlerin unauffällig am Rand sitzend über ein Handy den Performer*Innen Anweisungen gab.

    Es war der Höhepunkt des schnellen Aufstieges von Anne Imhof als innovative Performance-Künstlerin. „Ich hatte auch etwas Glück damals, denn in Frankfurt hörte William Forsythe mit seiner Dance-Company auf. Einige seiner Tänzer lebten in unserer WG und waren plötzlich arbeitslos. So bekam ich diese wundervollen Tänzer für meine Performances.“

    Die unterschiedlichen künstlerischen Ideen Anne Imhofs und die ganz spezielle Art, sie auszudrücken, wirken auch nachdem ihre Einstellungen gehört werden konnten, assoziativ aus eigenem Erleben heraus, aber auch mit wilder Lebendigkeit professionell inszeniert, was wohl diese einzigartige Wirkung ausmacht, die von Frankfurt und Berlin aus über Paris und New York überall Begeisterung auslöst.

  • Manifesta 15 Barcelona

    Schon wieder ein Großereignis zeitgenössischer Kunst: diesmal in Barcelona und mit dem Namen Manifasta. Auch dies ist eine Biennale wie Venedig, Helsinki oder Berlin, doch im Gegensatz zu den anderen findet die Manifesta alle zwei Jahre an einem anderen Standort in Europa statt.

    Die Ausstellungsorte der Manifesta in Barcelona sind außergewöhnlich, beispielsweise stillgelegte Industrieanlagen, ein aufgegebenes Gefängnis, ein altes Kloster oder eine Künstlervilla, die wegen des nahe an sie herangewachsenen Flughafens nicht mehr wirklich bewohnbar ist.

    Das markanteste und größte Gebäude der Manifesta 15 ist das ehemalige Kraftwerk „Las Tres Chimeneas“ („Die drei Schornsteine“). Am Strand mitten in einer Industrie-Brache ragen die drei Türme wie Wolkenkratzer in den Himmel. Sie übertreffen sogar das Wahrzeichen der Stadt, die Sagrada Familia in Barcelonas City an Höhe.

    Zu Beginn der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts stand in diesem Gebiet ein Kohlekraftwerk, das aber so starke Emissionen erzeugte, dass Arbeiter kaum eine 8 Stunden Schicht durchhielten und die ganze Umgebung mit den Arbeitersiedlungen mit schwarzem Ruß überzogen waren. Daraufhin protestierten die Frauen und organisierten einen Streik. Auch die Arbeiter der strombeziehenden Fabriken schlossen sich an. Die Schornsteine wurden zumindest erhöht.

    Doch letztlich wurde in den 70er Jahren das neue Kraftwerk mit den extrem hohen Schornsteinen als große Innovation gebaut. Da es jedoch allein durch fossile Brennstoffe betrieben wurde, kam auch dessen Stillegung 2011. Jetzt bekommt der Komplex aber wieder neue Berühmtheit und wird selbst zu einem Kunstwerk.

    Für die Gäste der Manifesta 2024 ist allein der Anblick dieses Giganten sofort faszinierend. Empfangen wird man dann auch von der wunderbaren Installation tanzender Stoffbahnen in dem 20 Meter hohen Fabrikraum. Man wird eingehüllt in ein Meer lauwarmen Meereswindes und dessen sanfter Melodie. Ein Kunstwerk von Asad Raza, das ungeteilte Bewunderung erntet.

    Eine weitere künstlerische Position in dem Kraftwerk sind die großen Leuchtbuchstaben an der Stirnseite der Halle. Sie stammen von Claire Fontaine, der Künstlergruppe, die bereits den Slogan der Venedig-Biennale multipel gestaltete („Foreigners everywhere“). In Barcelona heißt es: „WHEN WOMEN STRIKE THE WORLD STOPS“ in Anspielung auf die lokale Historie.

    Julien Charriere thematisiert in Form von Feuerwerk und Beleuchtungen in seinem Video die endlose Suche der Menschen nach Energie und Licht.

    Auf die Probleme von Grundwasserverlust mit Austrocknung der Erde am Beispiel des portugiesischen Südens machen die mit Schlamm gefärbten Fahnen durch ihre kämpferischen Schriften aufmerksam. Die Künstlerin Maja Escher ergänzte im Gespräch, dass sie zusätzlich dafür plädiere, dass die Menschen in gemeinsamer Kommunikation Probleme bewältigen sollen, ohne immer nur bei anderen die Schuld zu suchen.

    Fröhliche bunte von der Decke hängende Figuren von Nnena Kalu sollen vor allem zu meditativer Introspektion anregen. Sie erinnern ein wenig an die Nanas von Niki de Saint Phalle und geben dem brutalistischen Betonbau einen herrlichen Kontrast.

    Das Konzept der Manifesta wurde vor 30 Jahren in den Niederlanden von Hedwig Fijen gegründet, die auch als aktuelle Direktorin die Hauptverantwortung trägt. Die Manifesta präsentiert nicht die Kunst einer Stadt, sondern bringt Kunst und damit Aufmerksamkeit in Randgebiete bekannter Kunstmetropolen. So sind auch im Großraum Barcelona 11 Gemeinden beteiligt.

    Zum künstlerischen Team gehört je ein Vertreter jedes Ortes, der/die als fach- und ortskundig in das kuratorische Team deligiert wurde. Ergänzend wurde die erfahrene Kuratorin Filipa Oliveira als internationale Expertin engagiert, die jedoch nicht über Konzept und Künstlerauswahl allein bestimmt, sondern als kreative Moderatorin das Gremium unterstützt. Ebenfalls ist Hedwig Fijen als Direktorin Teil des kuratorischen Teams.

    Die ausgewählten Künstler*innen steuern teils bereits bestehende Werke bei, die zur Thematik der Transformation von Gesellschaft, Industrie und Natur passen. Andere Künstler*Innen fertigen jedoch für ganz spezielle Räume auch ortspezifische neue Werke an, was besonders spannende Ergebnisse bringt.


    Das Künstler-Interview mit Asad Raza

    INArtberlin traf den Künstler Asad Raza am Rande der ART WEEK in Berlin, wo er über seine großartige Installation „Prehension“ (Wahrnehmung) auf der Manifesta Barcelona sprach.

    Es ist ein langer Weg von der MANIFESTA 15 in Barcelona bis zur Art-Week in Berlin, aber für manche Künstler ziemlich kurz. Asad Rasa, der in Buffalo USA geboren wurde und jetzt als Neu-Berliner mit seiner Familie hier lebt, verwandelte das entkerntes alte Kohlekraftwerk der drei Schornsteine am Rand von Barcelona mit einer sehr imposanten luftigen Installation in eine Ort der Kontemplation.

    INArtberlin:

    Wie begann Ihr Manifesta-Projekt eigentlich? Woher kam der Auftrag, für diese Biennale zu arbeiten?

    Asad Raza:

    Oh ja! Ich wurde tatsachlich persönlich von Filipa Oliveira selbst eingeladen. Sie ist die Kreativ-Mediatorin der Manifesta und fragte mich, ob ich einer der Künstler zu sein wolle. Dann war ich im November letzten Jahres dort und habe die drei Schornsteine gesehen. Ich fand sofort, dass es ein sehr interessanter Ort ist. Für mich fühlte es sich an wie ein Werkzeug oder ein Denkmal des 20. Jahrhunderts. Außerdem mochte ich den Ort, weil er am Strand liegt. Ich fühlte mich sehr verbunden. Das Gebäude befindet sich trotz seiner Größe direkt neben etwas viel Größerem als dem Menschen und unseren Energien und Kräften, diese Art von Naturkräften des Meeres und der Luft und dem Wind.

    Also war ich daran interessiert, dort zu arbeiten und sagte zu.

    I.B.:

    Haben Sie den Ausstellungsort selbst auswählen können?

    A.R.

    Ich glaube, ich war der erste Künstler, der kam. Dabei hatte ich das Glück, zufällig direkt am Tag nach dem Anruf in Barcelona anzukommen, weil mich eine Freundin sowieso zu ihrer Eröffnungs-Show im Macba eingeladen hatte. Filipa Oliveira zeigte mir mehrere mögliche Locations und ja, ich hatte wirklich die Auswahl.

    I.B.:

    Es heißt, dass Sie die Fenster aus diesem Gebäude entfernt haben, um den Wind einzufangen oder waren die schon vorher entfernt?

    A.R.:

    Oh nein. Als ich das Gebäude zum ersten Mal sah, waren die Fenster drin. Doch sie waren blind. man konnte nicht durchsehen, weil sie wie Milchglas verfärbt waren, wissen Sie? Aber dann sagten mir die Organisatoren, dass die Versicherungsgesellschaften oder die Leute von der öffentlichen Sicherheit meinten, dass die Fenster gefährlich seien für den Publikumsverkehr und sie vielleicht entfernt werden müssten.

    Und als ich das hörte, dachte ich sofort: „Das bringt mich auf die Idee, dass ich mit dem Wind arbeiten kann, wenn wir die Fenster entfernen.“ Also freute ich mich sogar über diese Maßnahme. Von dem Augenblick an wusste ich, dass ich mit Stoff arbeiten werde, der sich mit dem Wind bewegt.

    I.B.:

    Und haben Sie diese Stoffe oben selbst an der Decke befestigt?

    A.R.:

    Nein, es ist eine sehr schwierige Arbeit. Dazu braucht man Leute, die klettern können. Ich bekam ein Team von Spezialisten, die die Drähte befestigten, wobei sie Seile benutzten, um an die Decke hochzuklettern. Es sind 20 Meter, also sehr gefährlich.

    Ich habe selbst auch viele Stoffe auf Leitern hochgehalten und ausprobiert, wie sie sich im Wind verhalten und davon viele Videos aufgenommen. Es hat länger gedauert, bis eine Sorte mit ihrer Art und Weise, wie sie sich bewegte, mir gefiel. Dann erst habe ich diese Komposition inszeniert. Wissen Sie, ich habe die Anordnung zunächst gezeichnet.

    Am Ende habe ich jedoch vieles auch wieder geändert.

    I.B.:

    Aus welchem Material bestehen die endgültigen Stoffe jetzt?

    A.R.:

    Es ist ein Stoff, der ungefärbt ist, und sehr leicht, wie ein Musselin. Er enthält Polyester und Baumwolle und er bewegt sich eben hervorragend: langsam, aber sehr reaktionsfähig, er reagiert sehr stark auf den Wind, wird aber auch wieder langsamer, besonders weil die Bahnen sehr lang sind. Sie sind 20 mal 3 Meter groß und sie kommen von einem normalen Stofflieferanten in Barcelona. Sie sind nichts Besonderes.

    I.B.:

    Als Sie die Stoffe auswählten, gab es irgendwelche Einschränkungen oder Vorschriften von einer Versicherungsgesellschaft?

    A.R.:

    Sie wollten, dass der Stoff feuerhemmend ist. Außerdem durfte ich keine Ausgänge und Türen, besonders den Notausgang, blockieren., mehr nicht. Ich habe bewusst einen Stoff gewählt, durch den man hindurchsehen kann und der keine Farbe hat. Ich wollte, dass die Besucher sich auf den Wind konzentrieren und nicht auf den Stoff. Der Stoff ist da, damit Sie den Wind visualisieren, nicht der Fokus selbst. Das Kunstwerk ist nicht der Stoff, sondern die Bewegung. Durch die entfernten Fenster verbinden sich der Wind und das Tuch in einem Tanz.

    I.B.:

    Haben Sie durch diese Arbeit auch Inspiration für, sagen wir, die nächste Aktion bekommen?

    A.R.:

    Nein, das ist ein sehr ortsspezifisches Werk. Ich arbeite normalerweise aktuell für jeden Auftrag oder einer Einladung individuell und beziehe mich dann auf deren örtliche Situation. Ich habe in einer Schule gearbeitet, in einer kleinen Wohnung oder auf Tennisplätzen, mit Bäumen und auch mit Erde. Ich habe mit Flüssen gearbeitet, mit Licht oder mit Wind. Ich bin nicht nur der Typ, der Erde macht wie jetzt mit der Gruppe Kinder. Vielmehr versuche ich jedesmal auf eine Einladung eine Antwort darauf zu finden, was zu einem Ort passt. Darüber denke ich oft intensiv nach. In Barcelona dachte ich sofort an diesen Wind, den Scirocco, der von Afrika über das Mittelmeer nach Südeuropa weht. Als die Sache mit den Fenstern aufkam, war ich sehr glücklich.

    I.B.

    Sie haben früher an einer Ruhr-Triennale teilgenommen. Die nächste Manifesta 2026 wird auch im Ruhrgebiet stattfinden. Möchten Sie mit Ihren Erfahrungen über die Gegend daran teilnehmen und haben vielleicht schon eine Idee für eine Arbeit?

    A.R.:

    Nein, solch einen Gedanken hatte ich noch nicht. Doch über eine Einladung würde ich mich sicher sehr freuen.

    I.B.

    Vielen Dank für das Gespräch und das beeindruckende Kunstwerk in Barcelona!

    Berichte über weitere Ausstellungsorte der Manifesta folgen bald!

    MANIFESTA 2024 Barcelona und Metropolregion, 8.Sept -24.Nov.2024

  • Blitzlichter von der ART-WEEK Berlin

    Die Berliner Art Week hat sich zu einem so riesigen vielfältigen Event entwickelt, dass sie zur absoluten Überforderung jedes begeisterten Besuchers führt. Nicht nur Galerien eröffnen ihre Herbstpräsentationen, sondern auch in Institutionen werden die neuen Ausstellungen gleichzeitig angesichts der Art Week vorgestellt. Kein einzelner Mensch ist in der Lage, all die Highlights aktueller Kunst in den 5 Tagen zu bewältigen. Deshalb auch hier ebenso wie bei anderen Publikationen nur Hinweise auf einzelne Positionen, die jedoch denkwürdig sind.

    Mariechen Danz bekommt den GASAG-Kunstpreis für ihr bisheriges Lebenswerk, der speziell den Fokus auf die Verbindung von Kunst mit Wissenschaft und Technik legt. Die 1990 in Dublin geborene Künstlerin zeigt in der aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie Skulpturen und Installationen, in denen z.B. menschliche Organe in Acrylglas mit Versteinerungen von Schnecken vorkommen, sowie riesige quadratische Metallplatten, die an Computerplatinen erinnern. Aktuell gibt es auch einen Parcours aus Steinen wie aus klassischen Ausgrabungen in Kombination mit gläsernen Füßen, die darauf ihre Spuren hinterlassen. Zur Eröffnung schritt Mariechen Danz einen poetischen Text singend hierüber, womit sie dem Werk eine zusätzliche Bedeutung einhauchte. Sympathisch, nachdenklich und in einer bewundernswerten ausfüllenden Gestaltung in dem langen riesig hohen Raum.

    Mariechen Danz: „edge out“, Berlinische Galerie 13.9.2024 bis 31.5.2025

    Kai Schiemenz, 1966 in Erfurt geboren wird in der Galerie Eigen+Art des Leipziger Erfolgs-Galeristen Judy Lybke präsentiert. Sollte er der neue Neo Rauch werden? Doch darauf kommt es zunächst nicht wirklich an, denn der Künstler spricht so begeistert über seine völlig neuen Arbeiten, dass es einfach mitreißend ist. Ursprünglich fertigte er Architektur-Modelle aus Holz für Stadträume an, die bereits spektakulär waren. Jetzt arbeitet er mit Glas und ist selbst fasziniert, wie die Glasbläserei in Böhmen seine Entwürfe umsetzen konnte. Er war stets dabei und erlebte auch, wie ein Werkstück plötzlich brechen konnte und wie kompliziert es auch ist, kantige Modelle mit der Technik der Glasbläserei herzustellen. Das Ergebnis sind wunderschöne teils mehrfarbige zarte Skulpturen, die bestimmt Räume vom Sonnenlicht durchschienen in eine eigene Farbwelt verwandeln. Allerdings ein kostspieliges Vergnügen bei 5-stelligen Preisen.

    Kai Schiemenz „Priel“, Galerie Eigen+Art Berlin, 12.Sept. bis 9. Nov.2024

    „Träum weiter – Berlin, die 90er“ heißt die Ausstellung im C/O Amerikahaus und zeigt Fotos der Gruppe „Ostkreuz“, die seit 35 Jahren existiert. Die Fotograf*Innen hatten besonders die Wendezeit begleitet. Aus diesem Archiv stellten die Kurator*Innen Annette Hausschild von Ostkreuz und Boas Levin von der c/o Foundation Fotos zusammen, die den Geist der Wendezeit in Berlin mit der damaligen Neudefinition der Stadt dokumentieren sollen. Aus heutiger Sicht können die Besucher*Innen nachdenken, was aus Aufbruchstimmung, Ekstase und Utopien von einst inzwischen real geworden ist. Auch wenn viele Bilder bereits publiziert waren, besonders in der „Bunten“, so hinterlassen sie in dieser Zusammenstellung heute im Nachhinein ganz besondere, teilweise traurig melancholische nostalgische Gefühle. Doch vielleicht sollten wir auch jetzt das Träumen von einer besseren freien und friedlichen Zukunft nicht ganz aufgeben.

    „Träum weiter – Berlin, die 90er“, C/O Berlin, 14.Sept.2024 bis 22.Jan.2015

    „Das Glück ist nicht immer lustig“. Was für ein philosophischer Spruch! Darüber muss man erstmal sinnieren! Doch so titelt Rirkrit Tiravanija seine Retrospektive im Gropiusbau. Zu erleben sind tailändisches Kochen und Essen im Garten, eine Tee-Runde in einem Zelt, Tischtennisspielen in der großen Halle sowie mehrere Exponate über Aktionen des Künstlers in der Vergangenheit. Der 63-jährige Künstler wuchs in Thailand auf und wurde in den 90er Jahren bekannt durch seine Aktionen, in denen er Menschen zu gemeinschaftlichem Leben durch Kochen und Essen animieren wollte. Diese „soziale Skulptur“ war ursprünglich revolutionär in der Kunst und auch heute verwundert und verwirrt die Ausstellung den unvorbereiteten Besucher. Allerdings macht es viel Freude, mit anderen beim gemeinsamen Essen der köstlichen thailändischen Gerichte und bei Jasmin-Tee ins Gespräch zu kommen. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese berühmte Frage könnte hierher passen, doch sie sollte jede/r selbst beantworten.

    Rirkrit Tiravanija im Gropiusbau, 12.Sept.2024 bis 12.Jan.2025

    Der Fotografin Candida Höfer wurde der Käthe-Kollwitz-Preis verliehen. Sie wurde durch ihre großformatigen Aufnahmen markanter leerer Räume international bekannt. In ihrer aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste sind 3 Orte thematisiert. Raum 1 enthält Fotos aus Weimar, im zweiten Raum aus der Komischen Oper Berlin und im dritten wird die Neue Nationalgalerie kurz nach der letzten Sanierung gezeigt. Die menschenleeren Fotos lassen die Betrachtenden frei assoziieren, wer sich dort alles befunden haben könnte oder welche Geschichten hier ihren Ursprung nahmen. Zum Beispiel könnte das Treppenhaus des Neuen Museums in Weimar daran erinnern, dass die kleine Stadt in Thüringen in ihrem Europäischen Kulturhauptstadtjahr 1999 massiv verhinderte, dass der berühmte Künstler Daniel Buren kostenlos einen Platz in ein Kunstwerk verwandelt. Es wäre damit PARKPLATZ für Autos verloren gegangen. Buren hinterließ doch noch seine Spuren mit seinen berühmten Streifen in Weimar, eben an dieser Wand im Neuen Museum, die Candida Höfer abgebildet hat. Ähnliche unterschiedliche Narrative lösen die weiteren Bilder sicher auch aus und lassen der Fantasie viel Spielraum.

    Candida Höfer in der Akademie der Künste am Pariser Platz, 14.Sept. 2024 bis 19.Jan.2025

    Die Wilhelm-Hallen sind eine fantastische Location, um dort zeitgenössische Kunst zu präsentieren und damit für jeden Kunstinteressierten ein EXTRA-Tipp für die kommenden Jahre, denn leider beschränkte sich die aktuelle Ausstellung auf die Zeit der ART-Week.

    Hervorgehoben werden soll jedoch noch in den Wilhelm-Hallen die Präsentation der Galerie Mehdi Chouakri des Künstlers Peter Roehr, die noch länger geöffnet bleibt. Der Künstler (1944 – 1968) wurde nur 24 Jahre alt, doch schuf er ein großes Oeuvre. Er war der Erfinder der seriellen Reihung und zeigte, wie durch Vervielfältigung gleicher Motive sie eine völlig neue Ausstrahlung bekommen; allerdings käme es auf die richtige Anzahl an: „Überschreitet die Anzahl der Gegenstände eine bestimmte Grenze, so lösen sie sich zugunsten einer spezifischen Struktur auf. Wird eine bestimmte Anzahl nicht erreicht, so bleib es bei einer Ansammlung von Gegenständen.“ (1965) Peter Roehr arbeitete sehr gern mit Motivdetails von Autos, so auch den Radkappen des VW-Käfers. Der VW-Konzern war begeistert.

    Peter Roehr bei Mehdi Chouraki, Kopenhagener Str. 60-72, 7.Sept. bis 26.Okt. 2024

    Die Ansammlung ausgemusterter Werkzeuge sowie Küchen- oder Gartengeräte aus Kellern oder Flohmärkten, die jedoch mit Goldfärbung offenbar wertiger gestaltet werden sollten, auf quadratischen weißen Platten wird in einer der renommiertesten Galerien gezeigt. Solche Werke sind eine wunderbare Idee für alle Ergotherapeut*Innen, wie sie z.B. in JVAs oder psychiatrischen Kliniken ihre Zielgruppen beschäftigen können. Wenn sie allerdings ein bekannter Künstlername signiert und eine weltbekannte Galerie sie ausstellt, sind es plötzliche hochWERTige Kunst. Nur Mut: man kann sie sich auch selbst basteln!

    Galerie Ester Schipper: Ugo Rondinone „The alphabet of my mothers and fathers”, 14. Sept. bis 19. Okt. 2024

  • Mark Bradford

    Keep Walking

    Der Titel ist für diese Ausstellung zunächst wörtlich zu nehmen. So ist es schon ein langer Weg, um im Hamburger Bahnhof bis zu den Rieckhallen zu gelangen. Zusätzlich fordern die großen weitläufigen Ausstellungshallen einen langen Spaziergang, der jedoch eine besondere künstlerische Bereicherung bietet.

    Allerdings steht der Titel „Keep Walking“ auch im übertragenen Sinn. Der US-amerikanische 1961 geborene hochgewachsene Mark Bradford symbolisiert in seinen Werken mehrere soziopolitische Problemfelder, für deren Lösungen noch weite Wege gegangen werden müssen.

    Beispielsweise kritisiert „Johnny Buys Houses“ , das aus mehrfach geschichteten Plakaten entstand, den Immobilien-Ausverkauf in amerikanischen Vorstädten.

    Was ist Ihrer Ansicht nach das dringendste Problem? fragte INArtberlin.  „Education!“ springt spontan und intensiv die Antwort aus ihm heraus. Das Bildungssystem in den USA sei weiterhin schlecht und ungerecht verteilt. Gute Bildung stehe nur privilegierten, reichen Bürgern zur Verfügung und die Trump-Regierungszeit habe so viel verschlechtert, dass es kaum zu reparieren sei.

    Wie sehe er die Chance einer Verbesserung, wenn die Präsidentschaftswahlen zugunsten von Kamala Harris ausgingen? Das hoffe er sehr und halte es für eine Chance. Doch die Menschen müssten auch alle engagiert daran mitarbeiten.

    Mark Bradford selbst ist in der Lebensrealität als Afroamerikaner in Los Angeles aufgewachsen und weiß, wovon er spricht. Aus voller Überzeugung ist er Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation „Art and Practice“ in LA, die Jugendlichen in Pflegefamilien unterstützt und den Zugang zu zeitgenössischer Kunst fördert.

    In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof werden 20 Werke aus 20 Jahren gezeigt. Darunter „Spoiled Food“, ein Werk, das er ursprünglich für den US-Pavillon auf der Venedig-Biennale geschaffen hat, den er 2017 allein gestalten durfte.

    Mark Bradford erreichte den Bachelor und Master-Abschluss am California Institut of Arts, wo er sowohl Malerei lernte, als auch angeregt wurde, multiple Materialien und Techniken zu verwenden.

    „Death Drop“ in einem anderen Raum zeigt eine weiß angemalte übergroße Figur seines eigenen Körpers wie tot auf dem Boden liegend. Doch der Hintergrund ist der Tanz, der in der Queer- und Drag-Szene beliebt ist und bei dem man nach einem Sprung breitbeinig auf den Boden fällt.

    Ein riesiger „Teppich“ aus bunt bemalten und dann ausgeschnittenen langen Streifen collagiert, beeindruckt als Bodengemälde „Float“. BesucherInnen schreiten darauf vorsichtig herum, werden somit immersiv ein Teil des Werkes, das zum Weitermachen animiert. Die Welt brauche noch viel Verbesserung und Fortschritt, dementsprechend „Fortschreiten“.

    „Keep Walking“ ist in Deutschland die erste eindrückliche Einzelpräsentation des engagierten und genialen Künstlers Mark Bradford, wobei lediglich anzumerken ist, dass sie sehr US-amerikanisch geprägt ist.

    Mark Bradford „Keep Walking“, Hamburger Bahnhof, Berlin , 6.September 2024 bis 18.Mai 2025

  • Firelei Baez in Wolfsburg

    Farbenprächtige pure Lebensfreude überwindet koloniales Weltbild

    Schon beim Eintritt in den ersten Saal entsteht angesichts der faszinierenden Farbenvielfalt sofort ein begeisterter Wow-Effekt beim Betrachten.  Die fröhliche Pracht der Farben bringt karibisches Feeling und die hervorragende exakte Malerei entringt höchsten Respekt. Eine Flut wunderschöner Farbspiele beflügelt die Seelen sofort. Doch die Bilder der Künstlerin sind auch durchzogen von differenzierter soziopolitischer Kritik.

    Firelei Baez wurde 1981 in der Dominikanischen Republik geboren. Sie wuchs an der Grenze zu Haiti auf. Die Familie zog nach Miami, als sie 9 Jahre alt war. 2010 erreichte sie den Master of Fine Arts am Hunter College in New York. Von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an beschäftigte sich Firelei Baez in ihrer Kunst mit dem historischen Rassismus in den USA und den Auswirkungen der Kolonialisierung in der Karibik.

    Die Grundlage der Gemälde von Firelei Baez sind vergrößert auf Leinwände projizierte historische Landkarten oder Seiten ausrangierter historischer wissenschaftlicher Bücher. Die Karten stellen teils falsche geografische Verhältnisse dar. So wurde z.B Hispaniola, die Insel, auf der sie geboren wurde, mehrfach völlig unterschlagen. Heute ist Hispaniola in Haiti mit vorwiegend schwarzer Bevölkerung und die dominikanische Republik mit karibischer Bevölkerung streng geteilt.

    Auf anderen Untergründen wird ein historisches Brettspiel von Pierre Duval aus dem Jahr 1645 erkennbar, bei dem man sich durch Würfeln aus dem Außenkreis damals unbedeutender Länder wie z.B. Hispaniola in das dem eurozentrischen Weltbild der Zeit Ludwigs des 14en entsprechende höchstentwickelte Zentrum der Welt, nämlich Frankreich vorarbeiten muss. Firelei Baez bedeckt mit ihren farbenprächtigen menschlichen Figuren dieses Zentrum und verlagert es so in die Bedeutungslosigkeit, aber ohne Gewalt, nur mit purer Lebensfreude.

    Mit dem Titel “Trust Memory Over History” möchte die Künstlerin ausdrücken, dass nicht immer alte Behauptungen die Wahrheit beinhalten, nur weil sie schwarz auf weiß aufgeschrieben sind. Vielmehr soll auf mündliche Überlieferungen geachtet werde, die aus der Sicht der kolonial Beherrschten, nicht der Herrschenden stammen.

    Die Faszination karibischer Farbenpracht springt auf die BetrachterInnen sofort über.  Auffällig ist dabei, dass keine Gesichter in ihren Bildern vorkommen. Die Künstlerin sagt dazu, dass in ihrer Umgebung immer die genaue Hautnuance zwischen schwarz, braun, karamell oder weiß sofort zur Klassifizierung der Menschen missbraucht wurde. Zusätzlich würden alle Gesten, z.B. des Lächelns bewertet. Sie wehre sich gegen solche Kategorisierungen, indem sie Gesichter durch andere Materialien aus der Natur symbolträchtig ersetzt.

    Wogende Palmen sind biegsam, flexibel und stark. Sie würden als Bräute bezeichnet, die auf ihren Bräutigam warten. Bei Firelei Baez sind sie als Karikatur und Symbol des feministischen Widerstandes gedacht.

    Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind dicke glatte glänzende Haarknoten. Auch dies ist feministische Kritik.  Die Künstlerin berichtet, dass ihr schon als kleines Mädchen die Afro-Haare streng gekämmt, geglättet und in dicke Zöpfe geflochten wurden, eine Idee, dem weißen Schönheitsideal nachzueifern. Heute trägt sie ihre wilden Naturlocken frei als Symbol der Befreiung und des Stolzes auf ihre Identität.

    Wolfsburg geht mit dieser Ausstellung wieder konsequent den Weg, zunehmend weibliche Künstler zu zeigen und macht mit Firelei Baez Werken allen BesucherInnen damit eine bewundernswerte große Freude.

    Firelei Baez „Trust Memory Over History”, bis 13.10.2024 im Kunstmuseum Wolfsburg

  • Die doppelte Bedeutung von Ketten

    Melvin Edwards in Kassel

    Melvin Edwards wurde 1937 in Housten/Texas geboren. Als Afroamerikaner erlebte er seither Rassendiskriminierung hautnah. Die Kritik an jeglichem Rassismus durchzieht auch thematisch seine Werke.

    Im Fridericianum in Kassel wird mit ihm auch zwischen den Documenta Ausstellungen hervorragende Kunst gezeigt. Aktuell sind 50 Werke des US-Amerikaners in den großen Räumen zu erleben.

    1963 entstand das erste Wandrelief der Serie, die Melvin Edwards Lynch-Fragmente nannte. Dessen Titel „Some bright morning“ steht auch für die komplette Ausstellung und bezieht sich auf einen Bericht über eine schwarze Familie, die frisch in eine weiße Siedlung gezogen von Lynchjustiz offen bedroht wurde. Weiße Trupps von Nachbarn kamen „eines schönen Morgens“ an ihre Tür, um sie zu vertreiben. Der Familie gelang es sich durch rechtzeitige Bewaffnung davor zu schützen. Symbolisch sollen die an Klingen erinnernden spitzen Ecken des Kunstwerkes darauf hinweisen.

    Auch hier arbeitet Edwards bereits mit Kettenelementen. Sie tauchen ebenfalls in großen Außenskulpturen aus Stahl auf und werden in seinen Papierarbeiten als eine Art Schablone benutzt. Die farbenfrohen Bilder wirken zwar fröhlich, behalten aber auch die Schwere der metallischen Kettenglieder.

    Ketten treten in Edwards Werk in doppelter Bedeutung auf. So sind sie stets ein Symbol für Verbundenheit, aber gleichzeitig auch für erzwungene Unfreiheit, wenn sie, schon seit es Sklaverei gab, der afroamerikanischen Bevölkerung angelegt wurden.

    Stacheldraht ist ein weiteres bevorzugtes Material des Künstlers: einerseits wie zarte Fäden verwendet und andererseits gefährlich scharf.

    Melvin Edwards studierte Malerei in Los Angeles, wo ihn zusätzlich Hollywoods Filmstudios beeinflussten, auch bei seinem Job bei „Grafic Films“. Später lernte er Schweißen und den Umgang mit schweren Materialien. Dies war der Ursprung, sich mit Skulpturen künstlerisch auszudrücken. 1970 zog er nach New York, erneut in eine wichtige Kunstmetropole.

    Im Jahr 2000 reiste Edwards nach Afrika und richtete sich sogar in Dakar ein Atelier ein, um die künstlerischen Positionen in den Ländern seiner Vorvorfahren zu erkunden. Melvin Edwards Werk spiegelt somit eine Verbindung der unterschiedlichen Kulturen wider. Der Künstler richtet jetzt beim Eröffnungsrundgang auch einen mitreißenden Apell an die Besucher, sich dafür einzusetzen, dass die Benin-Kunstwerke an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.

    In Europa wurde der Künstler durch Teilnahme an der Biennale 2015 bekannt, die Okwui Enwezor kuratierte. Kassel sieht sich in Reminiszenz an diesen großartigen Documenta 11 -Kurator (2002) und ist die erste Station, die Melvin Edwards in einer Einzelpräsentation zeigt. Die Ausstellung wandert weiter zur Kunsthalle in Bern und das Palais de Tokyo in Paris.

    Melvin Edwards „Some bright morning”, Fridericianum Kassel 11. August 2024 bis 12. Januar  2025.