-
Blitzlichter von der ART-WEEK Berlin

Die Berliner Art Week hat sich zu einem so riesigen vielfältigen Event entwickelt, dass sie zur absoluten Überforderung jedes begeisterten Besuchers führt. Nicht nur Galerien eröffnen ihre Herbstpräsentationen, sondern auch in Institutionen werden die neuen Ausstellungen gleichzeitig angesichts der Art Week vorgestellt. Kein einzelner Mensch ist in der Lage, all die Highlights aktueller Kunst in den 5 Tagen zu bewältigen. Deshalb auch hier ebenso wie bei anderen Publikationen nur Hinweise auf einzelne Positionen, die jedoch denkwürdig sind.





Mariechen Danz bekommt den GASAG-Kunstpreis für ihr bisheriges Lebenswerk, der speziell den Fokus auf die Verbindung von Kunst mit Wissenschaft und Technik legt. Die 1990 in Dublin geborene Künstlerin zeigt in der aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie Skulpturen und Installationen, in denen z.B. menschliche Organe in Acrylglas mit Versteinerungen von Schnecken vorkommen, sowie riesige quadratische Metallplatten, die an Computerplatinen erinnern. Aktuell gibt es auch einen Parcours aus Steinen wie aus klassischen Ausgrabungen in Kombination mit gläsernen Füßen, die darauf ihre Spuren hinterlassen. Zur Eröffnung schritt Mariechen Danz einen poetischen Text singend hierüber, womit sie dem Werk eine zusätzliche Bedeutung einhauchte. Sympathisch, nachdenklich und in einer bewundernswerten ausfüllenden Gestaltung in dem langen riesig hohen Raum.
Mariechen Danz: „edge out“, Berlinische Galerie 13.9.2024 bis 31.5.2025





Kai Schiemenz, 1966 in Erfurt geboren wird in der Galerie Eigen+Art des Leipziger Erfolgs-Galeristen Judy Lybke präsentiert. Sollte er der neue Neo Rauch werden? Doch darauf kommt es zunächst nicht wirklich an, denn der Künstler spricht so begeistert über seine völlig neuen Arbeiten, dass es einfach mitreißend ist. Ursprünglich fertigte er Architektur-Modelle aus Holz für Stadträume an, die bereits spektakulär waren. Jetzt arbeitet er mit Glas und ist selbst fasziniert, wie die Glasbläserei in Böhmen seine Entwürfe umsetzen konnte. Er war stets dabei und erlebte auch, wie ein Werkstück plötzlich brechen konnte und wie kompliziert es auch ist, kantige Modelle mit der Technik der Glasbläserei herzustellen. Das Ergebnis sind wunderschöne teils mehrfarbige zarte Skulpturen, die bestimmt Räume vom Sonnenlicht durchschienen in eine eigene Farbwelt verwandeln. Allerdings ein kostspieliges Vergnügen bei 5-stelligen Preisen.
Kai Schiemenz „Priel“, Galerie Eigen+Art Berlin, 12.Sept. bis 9. Nov.2024



„Träum weiter – Berlin, die 90er“ heißt die Ausstellung im C/O Amerikahaus und zeigt Fotos der Gruppe „Ostkreuz“, die seit 35 Jahren existiert. Die Fotograf*Innen hatten besonders die Wendezeit begleitet. Aus diesem Archiv stellten die Kurator*Innen Annette Hausschild von Ostkreuz und Boas Levin von der c/o Foundation Fotos zusammen, die den Geist der Wendezeit in Berlin mit der damaligen Neudefinition der Stadt dokumentieren sollen. Aus heutiger Sicht können die Besucher*Innen nachdenken, was aus Aufbruchstimmung, Ekstase und Utopien von einst inzwischen real geworden ist. Auch wenn viele Bilder bereits publiziert waren, besonders in der „Bunten“, so hinterlassen sie in dieser Zusammenstellung heute im Nachhinein ganz besondere, teilweise traurig melancholische nostalgische Gefühle. Doch vielleicht sollten wir auch jetzt das Träumen von einer besseren freien und friedlichen Zukunft nicht ganz aufgeben.
„Träum weiter – Berlin, die 90er“, C/O Berlin, 14.Sept.2024 bis 22.Jan.2015



„Das Glück ist nicht immer lustig“. Was für ein philosophischer Spruch! Darüber muss man erstmal sinnieren! Doch so titelt Rirkrit Tiravanija seine Retrospektive im Gropiusbau. Zu erleben sind tailändisches Kochen und Essen im Garten, eine Tee-Runde in einem Zelt, Tischtennisspielen in der großen Halle sowie mehrere Exponate über Aktionen des Künstlers in der Vergangenheit. Der 63-jährige Künstler wuchs in Thailand auf und wurde in den 90er Jahren bekannt durch seine Aktionen, in denen er Menschen zu gemeinschaftlichem Leben durch Kochen und Essen animieren wollte. Diese „soziale Skulptur“ war ursprünglich revolutionär in der Kunst und auch heute verwundert und verwirrt die Ausstellung den unvorbereiteten Besucher. Allerdings macht es viel Freude, mit anderen beim gemeinsamen Essen der köstlichen thailändischen Gerichte und bei Jasmin-Tee ins Gespräch zu kommen. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese berühmte Frage könnte hierher passen, doch sie sollte jede/r selbst beantworten.
Rirkrit Tiravanija im Gropiusbau, 12.Sept.2024 bis 12.Jan.2025


Der Fotografin Candida Höfer wurde der Käthe-Kollwitz-Preis verliehen. Sie wurde durch ihre großformatigen Aufnahmen markanter leerer Räume international bekannt. In ihrer aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste sind 3 Orte thematisiert. Raum 1 enthält Fotos aus Weimar, im zweiten Raum aus der Komischen Oper Berlin und im dritten wird die Neue Nationalgalerie kurz nach der letzten Sanierung gezeigt. Die menschenleeren Fotos lassen die Betrachtenden frei assoziieren, wer sich dort alles befunden haben könnte oder welche Geschichten hier ihren Ursprung nahmen. Zum Beispiel könnte das Treppenhaus des Neuen Museums in Weimar daran erinnern, dass die kleine Stadt in Thüringen in ihrem Europäischen Kulturhauptstadtjahr 1999 massiv verhinderte, dass der berühmte Künstler Daniel Buren kostenlos einen Platz in ein Kunstwerk verwandelt. Es wäre damit PARKPLATZ für Autos verloren gegangen. Buren hinterließ doch noch seine Spuren mit seinen berühmten Streifen in Weimar, eben an dieser Wand im Neuen Museum, die Candida Höfer abgebildet hat. Ähnliche unterschiedliche Narrative lösen die weiteren Bilder sicher auch aus und lassen der Fantasie viel Spielraum.
Candida Höfer in der Akademie der Künste am Pariser Platz, 14.Sept. 2024 bis 19.Jan.2025



Die Wilhelm-Hallen sind eine fantastische Location, um dort zeitgenössische Kunst zu präsentieren und damit für jeden Kunstinteressierten ein EXTRA-Tipp für die kommenden Jahre, denn leider beschränkte sich die aktuelle Ausstellung auf die Zeit der ART-Week.




Hervorgehoben werden soll jedoch noch in den Wilhelm-Hallen die Präsentation der Galerie Mehdi Chouakri des Künstlers Peter Roehr, die noch länger geöffnet bleibt. Der Künstler (1944 – 1968) wurde nur 24 Jahre alt, doch schuf er ein großes Oeuvre. Er war der Erfinder der seriellen Reihung und zeigte, wie durch Vervielfältigung gleicher Motive sie eine völlig neue Ausstrahlung bekommen; allerdings käme es auf die richtige Anzahl an: „Überschreitet die Anzahl der Gegenstände eine bestimmte Grenze, so lösen sie sich zugunsten einer spezifischen Struktur auf. Wird eine bestimmte Anzahl nicht erreicht, so bleib es bei einer Ansammlung von Gegenständen.“ (1965) Peter Roehr arbeitete sehr gern mit Motivdetails von Autos, so auch den Radkappen des VW-Käfers. Der VW-Konzern war begeistert.
Peter Roehr bei Mehdi Chouraki, Kopenhagener Str. 60-72, 7.Sept. bis 26.Okt. 2024


Die Ansammlung ausgemusterter Werkzeuge sowie Küchen- oder Gartengeräte aus Kellern oder Flohmärkten, die jedoch mit Goldfärbung offenbar wertiger gestaltet werden sollten, auf quadratischen weißen Platten wird in einer der renommiertesten Galerien gezeigt. Solche Werke sind eine wunderbare Idee für alle Ergotherapeut*Innen, wie sie z.B. in JVAs oder psychiatrischen Kliniken ihre Zielgruppen beschäftigen können. Wenn sie allerdings ein bekannter Künstlername signiert und eine weltbekannte Galerie sie ausstellt, sind es plötzliche hochWERTige Kunst. Nur Mut: man kann sie sich auch selbst basteln!
Galerie Ester Schipper: Ugo Rondinone „The alphabet of my mothers and fathers”, 14. Sept. bis 19. Okt. 2024
-
Mark Bradford
Keep Walking


Der Titel ist für diese Ausstellung zunächst wörtlich zu nehmen. So ist es schon ein langer Weg, um im Hamburger Bahnhof bis zu den Rieckhallen zu gelangen. Zusätzlich fordern die großen weitläufigen Ausstellungshallen einen langen Spaziergang, der jedoch eine besondere künstlerische Bereicherung bietet.
Allerdings steht der Titel „Keep Walking“ auch im übertragenen Sinn. Der US-amerikanische 1961 geborene hochgewachsene Mark Bradford symbolisiert in seinen Werken mehrere soziopolitische Problemfelder, für deren Lösungen noch weite Wege gegangen werden müssen.


Beispielsweise kritisiert „Johnny Buys Houses“ , das aus mehrfach geschichteten Plakaten entstand, den Immobilien-Ausverkauf in amerikanischen Vorstädten.
Was ist Ihrer Ansicht nach das dringendste Problem? fragte INArtberlin. „Education!“ springt spontan und intensiv die Antwort aus ihm heraus. Das Bildungssystem in den USA sei weiterhin schlecht und ungerecht verteilt. Gute Bildung stehe nur privilegierten, reichen Bürgern zur Verfügung und die Trump-Regierungszeit habe so viel verschlechtert, dass es kaum zu reparieren sei.
Wie sehe er die Chance einer Verbesserung, wenn die Präsidentschaftswahlen zugunsten von Kamala Harris ausgingen? Das hoffe er sehr und halte es für eine Chance. Doch die Menschen müssten auch alle engagiert daran mitarbeiten.
Mark Bradford selbst ist in der Lebensrealität als Afroamerikaner in Los Angeles aufgewachsen und weiß, wovon er spricht. Aus voller Überzeugung ist er Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation „Art and Practice“ in LA, die Jugendlichen in Pflegefamilien unterstützt und den Zugang zu zeitgenössischer Kunst fördert.

In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof werden 20 Werke aus 20 Jahren gezeigt. Darunter „Spoiled Food“, ein Werk, das er ursprünglich für den US-Pavillon auf der Venedig-Biennale geschaffen hat, den er 2017 allein gestalten durfte.
Mark Bradford erreichte den Bachelor und Master-Abschluss am California Institut of Arts, wo er sowohl Malerei lernte, als auch angeregt wurde, multiple Materialien und Techniken zu verwenden.


„Death Drop“ in einem anderen Raum zeigt eine weiß angemalte übergroße Figur seines eigenen Körpers wie tot auf dem Boden liegend. Doch der Hintergrund ist der Tanz, der in der Queer- und Drag-Szene beliebt ist und bei dem man nach einem Sprung breitbeinig auf den Boden fällt.


Ein riesiger „Teppich“ aus bunt bemalten und dann ausgeschnittenen langen Streifen collagiert, beeindruckt als Bodengemälde „Float“. BesucherInnen schreiten darauf vorsichtig herum, werden somit immersiv ein Teil des Werkes, das zum Weitermachen animiert. Die Welt brauche noch viel Verbesserung und Fortschritt, dementsprechend „Fortschreiten“.
„Keep Walking“ ist in Deutschland die erste eindrückliche Einzelpräsentation des engagierten und genialen Künstlers Mark Bradford, wobei lediglich anzumerken ist, dass sie sehr US-amerikanisch geprägt ist.
Mark Bradford „Keep Walking“, Hamburger Bahnhof, Berlin , 6.September 2024 bis 18.Mai 2025
-
Firelei Baez in Wolfsburg
Farbenprächtige pure Lebensfreude überwindet koloniales Weltbild

Schon beim Eintritt in den ersten Saal entsteht angesichts der faszinierenden Farbenvielfalt sofort ein begeisterter Wow-Effekt beim Betrachten. Die fröhliche Pracht der Farben bringt karibisches Feeling und die hervorragende exakte Malerei entringt höchsten Respekt. Eine Flut wunderschöner Farbspiele beflügelt die Seelen sofort. Doch die Bilder der Künstlerin sind auch durchzogen von differenzierter soziopolitischer Kritik.
Firelei Baez wurde 1981 in der Dominikanischen Republik geboren. Sie wuchs an der Grenze zu Haiti auf. Die Familie zog nach Miami, als sie 9 Jahre alt war. 2010 erreichte sie den Master of Fine Arts am Hunter College in New York. Von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an beschäftigte sich Firelei Baez in ihrer Kunst mit dem historischen Rassismus in den USA und den Auswirkungen der Kolonialisierung in der Karibik.


Die Grundlage der Gemälde von Firelei Baez sind vergrößert auf Leinwände projizierte historische Landkarten oder Seiten ausrangierter historischer wissenschaftlicher Bücher. Die Karten stellen teils falsche geografische Verhältnisse dar. So wurde z.B Hispaniola, die Insel, auf der sie geboren wurde, mehrfach völlig unterschlagen. Heute ist Hispaniola in Haiti mit vorwiegend schwarzer Bevölkerung und die dominikanische Republik mit karibischer Bevölkerung streng geteilt.


Auf anderen Untergründen wird ein historisches Brettspiel von Pierre Duval aus dem Jahr 1645 erkennbar, bei dem man sich durch Würfeln aus dem Außenkreis damals unbedeutender Länder wie z.B. Hispaniola in das dem eurozentrischen Weltbild der Zeit Ludwigs des 14en entsprechende höchstentwickelte Zentrum der Welt, nämlich Frankreich vorarbeiten muss. Firelei Baez bedeckt mit ihren farbenprächtigen menschlichen Figuren dieses Zentrum und verlagert es so in die Bedeutungslosigkeit, aber ohne Gewalt, nur mit purer Lebensfreude.
Mit dem Titel “Trust Memory Over History” möchte die Künstlerin ausdrücken, dass nicht immer alte Behauptungen die Wahrheit beinhalten, nur weil sie schwarz auf weiß aufgeschrieben sind. Vielmehr soll auf mündliche Überlieferungen geachtet werde, die aus der Sicht der kolonial Beherrschten, nicht der Herrschenden stammen.

Die Faszination karibischer Farbenpracht springt auf die BetrachterInnen sofort über. Auffällig ist dabei, dass keine Gesichter in ihren Bildern vorkommen. Die Künstlerin sagt dazu, dass in ihrer Umgebung immer die genaue Hautnuance zwischen schwarz, braun, karamell oder weiß sofort zur Klassifizierung der Menschen missbraucht wurde. Zusätzlich würden alle Gesten, z.B. des Lächelns bewertet. Sie wehre sich gegen solche Kategorisierungen, indem sie Gesichter durch andere Materialien aus der Natur symbolträchtig ersetzt.

Wogende Palmen sind biegsam, flexibel und stark. Sie würden als Bräute bezeichnet, die auf ihren Bräutigam warten. Bei Firelei Baez sind sie als Karikatur und Symbol des feministischen Widerstandes gedacht.


Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind dicke glatte glänzende Haarknoten. Auch dies ist feministische Kritik. Die Künstlerin berichtet, dass ihr schon als kleines Mädchen die Afro-Haare streng gekämmt, geglättet und in dicke Zöpfe geflochten wurden, eine Idee, dem weißen Schönheitsideal nachzueifern. Heute trägt sie ihre wilden Naturlocken frei als Symbol der Befreiung und des Stolzes auf ihre Identität.

Wolfsburg geht mit dieser Ausstellung wieder konsequent den Weg, zunehmend weibliche Künstler zu zeigen und macht mit Firelei Baez Werken allen BesucherInnen damit eine bewundernswerte große Freude.
Firelei Baez „Trust Memory Over History”, bis 13.10.2024 im Kunstmuseum Wolfsburg
-
Die doppelte Bedeutung von Ketten
Melvin Edwards in Kassel


Melvin Edwards wurde 1937 in Housten/Texas geboren. Als Afroamerikaner erlebte er seither Rassendiskriminierung hautnah. Die Kritik an jeglichem Rassismus durchzieht auch thematisch seine Werke.
Im Fridericianum in Kassel wird mit ihm auch zwischen den Documenta Ausstellungen hervorragende Kunst gezeigt. Aktuell sind 50 Werke des US-Amerikaners in den großen Räumen zu erleben.

Some bright Mornung 1963 
1963 entstand das erste Wandrelief der Serie, die Melvin Edwards Lynch-Fragmente nannte. Dessen Titel „Some bright morning“ steht auch für die komplette Ausstellung und bezieht sich auf einen Bericht über eine schwarze Familie, die frisch in eine weiße Siedlung gezogen von Lynchjustiz offen bedroht wurde. Weiße Trupps von Nachbarn kamen „eines schönen Morgens“ an ihre Tür, um sie zu vertreiben. Der Familie gelang es sich durch rechtzeitige Bewaffnung davor zu schützen. Symbolisch sollen die an Klingen erinnernden spitzen Ecken des Kunstwerkes darauf hinweisen.
Auch hier arbeitet Edwards bereits mit Kettenelementen. Sie tauchen ebenfalls in großen Außenskulpturen aus Stahl auf und werden in seinen Papierarbeiten als eine Art Schablone benutzt. Die farbenfrohen Bilder wirken zwar fröhlich, behalten aber auch die Schwere der metallischen Kettenglieder.


Ketten treten in Edwards Werk in doppelter Bedeutung auf. So sind sie stets ein Symbol für Verbundenheit, aber gleichzeitig auch für erzwungene Unfreiheit, wenn sie, schon seit es Sklaverei gab, der afroamerikanischen Bevölkerung angelegt wurden.
Stacheldraht ist ein weiteres bevorzugtes Material des Künstlers: einerseits wie zarte Fäden verwendet und andererseits gefährlich scharf.


Melvin Edwards studierte Malerei in Los Angeles, wo ihn zusätzlich Hollywoods Filmstudios beeinflussten, auch bei seinem Job bei „Grafic Films“. Später lernte er Schweißen und den Umgang mit schweren Materialien. Dies war der Ursprung, sich mit Skulpturen künstlerisch auszudrücken. 1970 zog er nach New York, erneut in eine wichtige Kunstmetropole.

Im Jahr 2000 reiste Edwards nach Afrika und richtete sich sogar in Dakar ein Atelier ein, um die künstlerischen Positionen in den Ländern seiner Vorvorfahren zu erkunden. Melvin Edwards Werk spiegelt somit eine Verbindung der unterschiedlichen Kulturen wider. Der Künstler richtet jetzt beim Eröffnungsrundgang auch einen mitreißenden Apell an die Besucher, sich dafür einzusetzen, dass die Benin-Kunstwerke an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.


In Europa wurde der Künstler durch Teilnahme an der Biennale 2015 bekannt, die Okwui Enwezor kuratierte. Kassel sieht sich in Reminiszenz an diesen großartigen Documenta 11 -Kurator (2002) und ist die erste Station, die Melvin Edwards in einer Einzelpräsentation zeigt. Die Ausstellung wandert weiter zur Kunsthalle in Bern und das Palais de Tokyo in Paris.
Melvin Edwards „Some bright morning”, Fridericianum Kassel 11. August 2024 bis 12. Januar 2025.
-
Chemnitz 2025
Vorboten des Europäischen Kulturstadtjahres, Kunstschätze beleben die entlegene Region
Im tiefsten Sachsen in und um Chemnitz herum findet eine bemerkenswerte Transformation statt. Kleine Dörfer, die einst in Vergessenheit schlummerten, erwachen jetzt, nicht durch erneuten Industrielärm, sondern durch den Reiz erstklassiger Kunst. Dieser Wandel wird durch den Skulpturenpfad „Purple Path“ vorangetrieben, das ehrgeizigste Projekt der Kulturhauptstadt Europas 2025.

„Glance“ von Tanja Rochelmeyer in Flöha 
Der „Purple Path“ist nicht nur eine Sammlung von Skulpturen, sondern ein lebendiger Leitfaden durch die reiche Geschichte, Kultur und Identität dieser oft übersehenen Region. Das von Alexander Ochs kuratierte Projekt brachte international anerkannte Künstler und Künstlerinnen mit 38 Bürgermeister*Innen des Erzgebirges zusammen. Durch die lokalen Gespräche erfuhren die Kunstschaffenden alle spezifischen Narrative des jeweiligen Ortes und schufen mit diesem Wissen ortsspezifische Skulpturen unter dem verbindenden Thema „Alles kommt vom Berg her“. Dieses Konzept ist eine Hommage an das tief verwurzelte Bergbauerbe der Region, in der bereits im 12. Jahrhundert Silber, später Zinn, Kobalt und Eisen abgebaut wurden. Die geförderten Uranmengen lieferten Russland über Jahrzehnte bis zu 60% ihres Bedarfs, während Bergleute in Aue an Bronchialkarzinomen aufgrund chronischer Strahlenexposition im Bergbau starben.


Kurator Alexander Ochs 
Michael Sailstorfer Die Skulpturen sind mehr als nur ästhetische Ergänzungen dieser Dörfer – sie sind in Metall, Stein und andere Materialien gespeicherte Erzählungen. Jedes Stück spiegelt die lokalen Geschichten über die Industrie und die Erlebnisse der Menschen wider, die dort leben. In Zschopau einer Stadt, die einst für ihre Motorradproduktion im VEB Motorradwerk bekannt war, hat der Künstler Michael Sailstorfer am Ufer des idyllisch plätschernden Flusses, dem der Ort seinen Namen verdankt, eine riesige Motorradspiegelskulptur installiert. Anders als typische Original-Spiegel reflektiert dieser auf beiden Seiten und symbolisiert die Dualität der Perspektiven – eine Anspielung auf die industrielle Vergangenheit der Region und ihre sich entwickelnde neue Identität.


Gregor Gaida „Polygonales Pferd“ in Gahlenz Viele Skulpturen des Purple Path sind bereits an ihren Standorten verankert, so dass schon jetzt eine Rundfahrt spannend ist. Dabei werden abgelegene, stille Orte durchquert, in denen fast keine Menschen auf den Straßen zu sehen sind. Es schleicht sich ein Gefühl von Dornröschenschlaf ein, der vielleicht durch die Kunstwerke zunehmend aufgeweckt wird.
Weiter entlang des Weges, in Schneeberg, hat der britisch-amerikanische Künstler Sean Scully einen abstrahierten Münzstapel aus Bronze geschaffen. Dieses Stück ist nicht nur eine zufällige Anordnung. Sie erinnert an die Silberbergbautradition der Stadt und an die Geschichte des Vaters des Künstlers, eines Friseurs, der jeden Abend sorgfältig seinen Verdienst aufstapelte. Die Skulptur erinnert auch an einen bedeutenden Moment in der Arbeitergeschichte, möglicherweise an den ersten Arbeiterstreik, als die Bergleute gegen Lohnkürzungen aus Protest die Arbeit verweigerten.


In Aue-Bad Schlema steht prominent im Kurpark eine faszinierende riesige Bronze-Skulptur von Tony Cragg. Einige der Skulpturen seien laut Kurator Alexander Ochs auch geliehen, was bei den üblicherweise erzielten Verkaufspreisen dieses Künstlers angesichts des doch begrenzten Etats möglich erscheint.


In Zwönitz hat sich die in Berlin lebende Künstlerin mit türkischem Migrationshintergrund Nevin Aladag von der Strumpfwarenindustrie der Stadt inspirieren lassen. Die Installation der Documenta 14-Teilnehmerin besteht aus bunten Laternen aus Strumpfstoff, der über Metallrahmen gespannt ist. Diese Laternen, die in der Nacht sanft leuchten, symbolisieren das Licht, nach dem sich die Bergleute sehnten, wenn sie im Dunkeln arbeiteten – eine schöne Metapher, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.


Die öffentliche Interaktion mit den Kunstwerken wird nicht nur gefördert, sondern gefeiert. In Jahnsdorf beispielsweise lädt die komplex gewundene Parkbank in hellem Grün des dänischen Künstlers Jeppe Hein sowohl zum entspannten Nachdenken als auch zum Spielen ein. Bei einem kürzlichen Besuch verwandelten ein Vater und seine Kinder die Bank in einen Spielplatz, und ihr Lachen hallte durch das Dorf – ein lebendiges Zeugnis der Vision des Künstlers, Nähe und Kommunikation im öffentlichen Raum zu fördern. Über Jeppe Hain wurde in diesem Blog vor kurzem berichtet, weil die Galerie König im mondänen Bergson Kunstkraftwerk in München aktuell eine Einzelpräsentation des Künstlers zeigt. Auch hier steht unter anderem eine ähnliche verschlungene Bank in gelb, zu der er von den Bänken im New Yorker Central Park inspiriert wurde.


Die Fähigkeit der Kunst, zu fesseln und zu inspirieren, zeigt sich auch in Freiberg, wo Wilhelm Mundts glänzender Silberstein zu einem Magneten für Kinder geworden ist, die eifrig seine glatten Oberflächen erkunden und erklettern. Diese lebendige Interaktion unterstreicht die Überzeugung, dass öffentliche Kunst gelebt und erlebt und nicht nur aus der Ferne betrachtet werden sollte.



Allerdings sind nicht alle Installationen von Destruktionen verschont geblieben. In Lößnitz steht eine Porzellanskulptur von Uli Aigner, die offensichtlich zerstört ist. Doch hier herrschte kein Vandalismus, denn sie brach schon während der Herstellung in China zusammen. Die Künstlerin veränderte sie jedoch nicht, denn in ihrem zerbrochenen Zustand kann die Skulptur noch Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Ai Weiweis sturmgeschädigte Installation auf der Documenta 12 in Kassel, die zum Symbol der unberechenbaren Kraft der Natur wurde, ist Aigners Skulptur ein Beweis für die physikalischen Genzen, an die wir Menschen immer noch stoßen.


Der „Purple Path“ ist mehr als ein Kunstpfad – es ist eine mutige Initiative, die einer Region, die lange Zeit eher für ihre industrielle Produktion als für ihre kulturellen Beiträge bekannt war, neues Leben einhaucht. Während sich Chemnitz darauf vorbereitet, im Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas in den Mittelpunkt zu rücken, wird dieses Projekt hoffentlich ein Beweis für die transformative Kraft der Kunst selbst in den entlegensten Winkeln Europas.
Für Besucher bietet der Purple Path eine aufregende Entdeckungsreise, ähnlich den Skulpturenprojekten in Münster oder den kollateralen Pavillons der Biennale in Venedig. Es ist eine Chance, die verborgenen Schätze Sachsens zu erkunden, wo Kunst von Weltklasse an den unerwartetsten Orten blüht. Allerdings ist ein modernes Navigationssystem unerlässlich.


Bahnhof Flöha wird noch bis 2025 saniert 
Chemnitz: Claire Fontain 

Projekt von Forensic Architectur 
.
Heizkraftwerk Chemnitz,
umgestaltet von Daniel Buren 2013
Chemnitz historisch: Karl Marx Seit die Europäische Union 1985 begann, Kulturhauptstädte zu ernennen, hat die Initiative den Fokus schrittweise von etablierten Kulturzentren wie Athen, Paris, Berlin oder Weimar auf Regionen verlagert, die keine solche Tradition haben. Diese Verlagerung hat es Gebieten wie Chemnitz und dem Erzgebirge ermöglicht, sich neu zu definieren und über ihr industrielles Erbe hinauszugehen. Während die ehemalige Karl-Marx-Stadt mit ihrem Umland ihre neue kulturelle Identität annimmt, besteht die Hoffnung, dass eine mentale Einstellung von Offenheit und Wertschätzung für Ungewohntes und Überraschendes wie die zeitgenössischen Kunstwerke entsteht und auch dann noch Bestand haben wird, wenn das Rampenlicht des Jahres 2025 längst verblasst ist.
Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstatjahres Chemnitz: 18.Januar 2025 Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2024 https://chemnitz2025.de/programm/purple-path/
Bergson mit Jeppe Hein: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2634 Nevin Aladag: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2064
-
Nairy Baghramian in Zürich
Skulpturen der Kunstfreiheit


Sie ist Bildhauerin mit Weltruhm. Ihre Skulpturen waren und sind ausgestellt nicht nur in Zürich, sondern auch in Venedig, New York, Nimes, Kopenhagen, Dallas, Wien, Madrid, Mailand oder Berlin. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Aluminiumguss, Stahl und Stein und sind in ihrer Formgebung völlig abstrakt. Ohne Hinweise auf menschliche oder naturalistische Vorlagen zeigen sie sich als dreidimensionale spielerisch verbundene Objekte im Raum, die unsere Versuche einer Interpretation grundsätzlich scheitern lassen….sollen. Nairy Baghramian spricht oft von FREIHEIT. Sie liebt und lebt ihre absolute Freiheit bei der Gestaltung und sieht die Kunstwerke auch passenderweise als Symbol für Freiheit.


Nairy Baghramian ist 1971 im Iran geboren. Ihre Familie gehörte der Minderheit der armenischen Christen an. Nach dem Sturz des Shah-Regimes und der Errichtung des islamischen Gottesstaats flohen sie nach Berlin, damals West-Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Auch heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin.
Aktuell zeigt die Galerie Hauser und Wirth in Zürich eine Einzelschau mit einer Werkauswahl, die deutlich macht, dass die Mischung aus weichen Formen in zartem Rosa mit den kantigen spiegelglatten Stahlkonstruktionen komplex kontrastiert.

Eine weitere Serie besteht aus einer Art Mobiles teils mit Fotos kombiniert. Ähnliche Objekte sind außerdem zurzeit Im Palazzo Grassi in Venedig als Zusatz der Ausstellung von Julie Mehretu zu sehen, wobei ebenfalls der Kontrast zu den zweidimensionalen Bildern der Kollegin und dem prunkvollen Palast eine großartige Wirkung entfaltet.

Im Züricher Haus Konstruktiv ist ebenfalls ein Werk zu finden, denn sie war 2016 auch eine Preisträgerin des von dort vergebenen „Zurich Art Prize“.


Auch Nairy Baghramian war bereits Teilnehmerin einer Documenta, und zwar der D14 in Kassel und Athen (2017).


Die Skulpturen wirken auf den ersten Eindruck sperrig und machen ratlos, doch nach Einlassen auf Material und die Tatsache, dass man keine tiefe Bedeutung suchen muss, ergibt sich eine erstaunliche Strahlkraft.
Hauser und Wirth: Zürich Limmatstrasse bis 7.September, Haus Konstruktiv: Zürich Selnaustr.25; Venedig: Palazzo Grassi bis 6.1.2025
-
Kunst auf Spiel
Die fantastischen Bilder auf Brettspielschachteln


Sie sind keine Unikate, sondern werden in Tausenden gedruckt. Auch handelt es sich nicht um reine Kunst, sondern Gebrauchskunst. Doch die individuellen unterschiedlichen grafischen Gestaltungen der Schachteln, in denen komplexe Brettspiele angeboten werden, sind auch Zeugnisse künstlerischen Schaffens, das viel mehr beachtet werden sollte.
Vergleichbar ist dieses Genre der Illustration mit den früheren Platten-Covern, von denen es ja bekanntlich hochinteressante künstlerische Exemplare gibt wie z.B. die Jeans von Andy Warhol für die Stones. (Sticky Fingers). Auch Film- (https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1653) oder Protestplakate können hervorragende Kunstwerke sein. (Klaus Staeck: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1712)
Die Grafiken der Brettspielschachteln haben im Gegensatz zu reinen Kunstwerken eine Funktion. Sie dienen als Eye-Catcher für Kunden und sollen inhaltlich auf das Narrativ, in das das Spiel eingebettet ist, oder das Spielmaterial hinweisen. Für die Qualität eines Brettspiels bleibt aber der Spielmechanismus verantwortlich. Er stammt vom Spiele-Autor, dessen Name stets auf der Schachtel gedruckt ist. Doch wer kennt oder nennt den Illustrator? Namen wie Chris Quilliams (Azul), Mads Berg (E-Mission) oder Klemens Franz (Agricola) bleiben nahezu unbekannt.
Manche Verlage arbeiten strikt mit immer den gleichen Illustratoren zusammen, was ihren Spielen einen Wiedererkennungseffekt und ein Markenprofil gibt. Das bekannteste Beispiel ist der 2F-Verlag von Friedemann Friese, dessen stets grüne Spiele mit 2 F im Titel (Fiese Freunde, Fremde Federn) von Mauro Kalusky oder Harald Lieske gezeichnet wurden.



Beliebt in der Brettspielszene sind historische, Weltraum- und Fantasy-Themen.
Andererseits gibt es völlig abstrakte Spiele und auch solche, die sich thematisch um Kunst drehen.




Eine aktuelle sozio-politische Thematik wird weniger gern angeboten, weil die Verlage meinen, dies lasse sich nicht gut verkaufen. Doch ein Gegenbeispiel ist aktuell E-MISSION, ein Spiel über Klimaproblematik, das vor wenigen Tagen sogar zum Kennerspiel des Jahres gewählt wurde.

Kennerspiel des Jahres 2024 
Letztlich ist die Schachtelgrafik nicht kaufentscheidend, sondern der Spielwert. Allerdings macht es große Freude, sich einmal die Vielseitigkeit der grafischen Umsetzungen zu veranschaulichen. Vielleicht lässt sich mit Brettspielschachteln im Sinn einer Petersburger Hängung sogar eine Wand zu einem ausgefallenen Gesamtkunstwerk gestalten.









Wer mehr als im örtlichen Spieleladen sehen will, kann die weltgrößte Brettspielmesse besuchen: SPIEL 2024 in den Messehallen in ESSEN vom 3. bis 6. Oktober 2024





































































