• Manifesta 15 Barcelona

    Schon wieder ein Großereignis zeitgenössischer Kunst: diesmal in Barcelona und mit dem Namen Manifasta. Auch dies ist eine Biennale wie Venedig, Helsinki oder Berlin, doch im Gegensatz zu den anderen findet die Manifesta alle zwei Jahre an einem anderen Standort in Europa statt.

    Die Ausstellungsorte der Manifesta in Barcelona sind außergewöhnlich, beispielsweise stillgelegte Industrieanlagen, ein aufgegebenes Gefängnis, ein altes Kloster oder eine Künstlervilla, die wegen des nahe an sie herangewachsenen Flughafens nicht mehr wirklich bewohnbar ist.

    Das markanteste und größte Gebäude der Manifesta 15 ist das ehemalige Kraftwerk „Las Tres Chimeneas“ („Die drei Schornsteine“). Am Strand mitten in einer Industrie-Brache ragen die drei Türme wie Wolkenkratzer in den Himmel. Sie übertreffen sogar das Wahrzeichen der Stadt, die Sagrada Familia in Barcelonas City an Höhe.

    Zu Beginn der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts stand in diesem Gebiet ein Kohlekraftwerk, das aber so starke Emissionen erzeugte, dass Arbeiter kaum eine 8 Stunden Schicht durchhielten und die ganze Umgebung mit den Arbeitersiedlungen mit schwarzem Ruß überzogen waren. Daraufhin protestierten die Frauen und organisierten einen Streik. Auch die Arbeiter der strombeziehenden Fabriken schlossen sich an. Die Schornsteine wurden zumindest erhöht.

    Doch letztlich wurde in den 70er Jahren das neue Kraftwerk mit den extrem hohen Schornsteinen als große Innovation gebaut. Da es jedoch allein durch fossile Brennstoffe betrieben wurde, kam auch dessen Stillegung 2011. Jetzt bekommt der Komplex aber wieder neue Berühmtheit und wird selbst zu einem Kunstwerk.

    Für die Gäste der Manifesta 2024 ist allein der Anblick dieses Giganten sofort faszinierend. Empfangen wird man dann auch von der wunderbaren Installation tanzender Stoffbahnen in dem 20 Meter hohen Fabrikraum. Man wird eingehüllt in ein Meer lauwarmen Meereswindes und dessen sanfter Melodie. Ein Kunstwerk von Asad Raza, das ungeteilte Bewunderung erntet.

    Eine weitere künstlerische Position in dem Kraftwerk sind die großen Leuchtbuchstaben an der Stirnseite der Halle. Sie stammen von Claire Fontaine, der Künstlergruppe, die bereits den Slogan der Venedig-Biennale multipel gestaltete („Foreigners everywhere“). In Barcelona heißt es: „WHEN WOMEN STRIKE THE WORLD STOPS“ in Anspielung auf die lokale Historie.

    Julien Charriere thematisiert in Form von Feuerwerk und Beleuchtungen in seinem Video die endlose Suche der Menschen nach Energie und Licht.

    Auf die Probleme von Grundwasserverlust mit Austrocknung der Erde am Beispiel des portugiesischen Südens machen die mit Schlamm gefärbten Fahnen durch ihre kämpferischen Schriften aufmerksam. Die Künstlerin Maja Escher ergänzte im Gespräch, dass sie zusätzlich dafür plädiere, dass die Menschen in gemeinsamer Kommunikation Probleme bewältigen sollen, ohne immer nur bei anderen die Schuld zu suchen.

    Fröhliche bunte von der Decke hängende Figuren von Nnena Kalu sollen vor allem zu meditativer Introspektion anregen. Sie erinnern ein wenig an die Nanas von Niki de Saint Phalle und geben dem brutalistischen Betonbau einen herrlichen Kontrast.

    Das Konzept der Manifesta wurde vor 30 Jahren in den Niederlanden von Hedwig Fijen gegründet, die auch als aktuelle Direktorin die Hauptverantwortung trägt. Die Manifesta präsentiert nicht die Kunst einer Stadt, sondern bringt Kunst und damit Aufmerksamkeit in Randgebiete bekannter Kunstmetropolen. So sind auch im Großraum Barcelona 11 Gemeinden beteiligt.

    Zum künstlerischen Team gehört je ein Vertreter jedes Ortes, der/die als fach- und ortskundig in das kuratorische Team deligiert wurde. Ergänzend wurde die erfahrene Kuratorin Filipa Oliveira als internationale Expertin engagiert, die jedoch nicht über Konzept und Künstlerauswahl allein bestimmt, sondern als kreative Moderatorin das Gremium unterstützt. Ebenfalls ist Hedwig Fijen als Direktorin Teil des kuratorischen Teams.

    Die ausgewählten Künstler*innen steuern teils bereits bestehende Werke bei, die zur Thematik der Transformation von Gesellschaft, Industrie und Natur passen. Andere Künstler*Innen fertigen jedoch für ganz spezielle Räume auch ortspezifische neue Werke an, was besonders spannende Ergebnisse bringt.


    Das Künstler-Interview mit Asad Raza

    INArtberlin traf den Künstler Asad Raza am Rande der ART WEEK in Berlin, wo er über seine großartige Installation „Prehension“ (Wahrnehmung) auf der Manifesta Barcelona sprach.

    Es ist ein langer Weg von der MANIFESTA 15 in Barcelona bis zur Art-Week in Berlin, aber für manche Künstler ziemlich kurz. Asad Rasa, der in Buffalo USA geboren wurde und jetzt als Neu-Berliner mit seiner Familie hier lebt, verwandelte das entkerntes alte Kohlekraftwerk der drei Schornsteine am Rand von Barcelona mit einer sehr imposanten luftigen Installation in eine Ort der Kontemplation.

    INArtberlin:

    Wie begann Ihr Manifesta-Projekt eigentlich? Woher kam der Auftrag, für diese Biennale zu arbeiten?

    Asad Raza:

    Oh ja! Ich wurde tatsachlich persönlich von Filipa Oliveira selbst eingeladen. Sie ist die Kreativ-Mediatorin der Manifesta und fragte mich, ob ich einer der Künstler zu sein wolle. Dann war ich im November letzten Jahres dort und habe die drei Schornsteine gesehen. Ich fand sofort, dass es ein sehr interessanter Ort ist. Für mich fühlte es sich an wie ein Werkzeug oder ein Denkmal des 20. Jahrhunderts. Außerdem mochte ich den Ort, weil er am Strand liegt. Ich fühlte mich sehr verbunden. Das Gebäude befindet sich trotz seiner Größe direkt neben etwas viel Größerem als dem Menschen und unseren Energien und Kräften, diese Art von Naturkräften des Meeres und der Luft und dem Wind.

    Also war ich daran interessiert, dort zu arbeiten und sagte zu.

    I.B.:

    Haben Sie den Ausstellungsort selbst auswählen können?

    A.R.

    Ich glaube, ich war der erste Künstler, der kam. Dabei hatte ich das Glück, zufällig direkt am Tag nach dem Anruf in Barcelona anzukommen, weil mich eine Freundin sowieso zu ihrer Eröffnungs-Show im Macba eingeladen hatte. Filipa Oliveira zeigte mir mehrere mögliche Locations und ja, ich hatte wirklich die Auswahl.

    I.B.:

    Es heißt, dass Sie die Fenster aus diesem Gebäude entfernt haben, um den Wind einzufangen oder waren die schon vorher entfernt?

    A.R.:

    Oh nein. Als ich das Gebäude zum ersten Mal sah, waren die Fenster drin. Doch sie waren blind. man konnte nicht durchsehen, weil sie wie Milchglas verfärbt waren, wissen Sie? Aber dann sagten mir die Organisatoren, dass die Versicherungsgesellschaften oder die Leute von der öffentlichen Sicherheit meinten, dass die Fenster gefährlich seien für den Publikumsverkehr und sie vielleicht entfernt werden müssten.

    Und als ich das hörte, dachte ich sofort: „Das bringt mich auf die Idee, dass ich mit dem Wind arbeiten kann, wenn wir die Fenster entfernen.“ Also freute ich mich sogar über diese Maßnahme. Von dem Augenblick an wusste ich, dass ich mit Stoff arbeiten werde, der sich mit dem Wind bewegt.

    I.B.:

    Und haben Sie diese Stoffe oben selbst an der Decke befestigt?

    A.R.:

    Nein, es ist eine sehr schwierige Arbeit. Dazu braucht man Leute, die klettern können. Ich bekam ein Team von Spezialisten, die die Drähte befestigten, wobei sie Seile benutzten, um an die Decke hochzuklettern. Es sind 20 Meter, also sehr gefährlich.

    Ich habe selbst auch viele Stoffe auf Leitern hochgehalten und ausprobiert, wie sie sich im Wind verhalten und davon viele Videos aufgenommen. Es hat länger gedauert, bis eine Sorte mit ihrer Art und Weise, wie sie sich bewegte, mir gefiel. Dann erst habe ich diese Komposition inszeniert. Wissen Sie, ich habe die Anordnung zunächst gezeichnet.

    Am Ende habe ich jedoch vieles auch wieder geändert.

    I.B.:

    Aus welchem Material bestehen die endgültigen Stoffe jetzt?

    A.R.:

    Es ist ein Stoff, der ungefärbt ist, und sehr leicht, wie ein Musselin. Er enthält Polyester und Baumwolle und er bewegt sich eben hervorragend: langsam, aber sehr reaktionsfähig, er reagiert sehr stark auf den Wind, wird aber auch wieder langsamer, besonders weil die Bahnen sehr lang sind. Sie sind 20 mal 3 Meter groß und sie kommen von einem normalen Stofflieferanten in Barcelona. Sie sind nichts Besonderes.

    I.B.:

    Als Sie die Stoffe auswählten, gab es irgendwelche Einschränkungen oder Vorschriften von einer Versicherungsgesellschaft?

    A.R.:

    Sie wollten, dass der Stoff feuerhemmend ist. Außerdem durfte ich keine Ausgänge und Türen, besonders den Notausgang, blockieren., mehr nicht. Ich habe bewusst einen Stoff gewählt, durch den man hindurchsehen kann und der keine Farbe hat. Ich wollte, dass die Besucher sich auf den Wind konzentrieren und nicht auf den Stoff. Der Stoff ist da, damit Sie den Wind visualisieren, nicht der Fokus selbst. Das Kunstwerk ist nicht der Stoff, sondern die Bewegung. Durch die entfernten Fenster verbinden sich der Wind und das Tuch in einem Tanz.

    I.B.:

    Haben Sie durch diese Arbeit auch Inspiration für, sagen wir, die nächste Aktion bekommen?

    A.R.:

    Nein, das ist ein sehr ortsspezifisches Werk. Ich arbeite normalerweise aktuell für jeden Auftrag oder einer Einladung individuell und beziehe mich dann auf deren örtliche Situation. Ich habe in einer Schule gearbeitet, in einer kleinen Wohnung oder auf Tennisplätzen, mit Bäumen und auch mit Erde. Ich habe mit Flüssen gearbeitet, mit Licht oder mit Wind. Ich bin nicht nur der Typ, der Erde macht wie jetzt mit der Gruppe Kinder. Vielmehr versuche ich jedesmal auf eine Einladung eine Antwort darauf zu finden, was zu einem Ort passt. Darüber denke ich oft intensiv nach. In Barcelona dachte ich sofort an diesen Wind, den Scirocco, der von Afrika über das Mittelmeer nach Südeuropa weht. Als die Sache mit den Fenstern aufkam, war ich sehr glücklich.

    I.B.

    Sie haben früher an einer Ruhr-Triennale teilgenommen. Die nächste Manifesta 2026 wird auch im Ruhrgebiet stattfinden. Möchten Sie mit Ihren Erfahrungen über die Gegend daran teilnehmen und haben vielleicht schon eine Idee für eine Arbeit?

    A.R.:

    Nein, solch einen Gedanken hatte ich noch nicht. Doch über eine Einladung würde ich mich sicher sehr freuen.

    I.B.

    Vielen Dank für das Gespräch und das beeindruckende Kunstwerk in Barcelona!

    Berichte über weitere Ausstellungsorte der Manifesta folgen bald!

    MANIFESTA 2024 Barcelona und Metropolregion, 8.Sept -24.Nov.2024

  • Blitzlichter von der ART-WEEK Berlin

    Die Berliner Art Week hat sich zu einem so riesigen vielfältigen Event entwickelt, dass sie zur absoluten Überforderung jedes begeisterten Besuchers führt. Nicht nur Galerien eröffnen ihre Herbstpräsentationen, sondern auch in Institutionen werden die neuen Ausstellungen gleichzeitig angesichts der Art Week vorgestellt. Kein einzelner Mensch ist in der Lage, all die Highlights aktueller Kunst in den 5 Tagen zu bewältigen. Deshalb auch hier ebenso wie bei anderen Publikationen nur Hinweise auf einzelne Positionen, die jedoch denkwürdig sind.

    Mariechen Danz bekommt den GASAG-Kunstpreis für ihr bisheriges Lebenswerk, der speziell den Fokus auf die Verbindung von Kunst mit Wissenschaft und Technik legt. Die 1990 in Dublin geborene Künstlerin zeigt in der aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie Skulpturen und Installationen, in denen z.B. menschliche Organe in Acrylglas mit Versteinerungen von Schnecken vorkommen, sowie riesige quadratische Metallplatten, die an Computerplatinen erinnern. Aktuell gibt es auch einen Parcours aus Steinen wie aus klassischen Ausgrabungen in Kombination mit gläsernen Füßen, die darauf ihre Spuren hinterlassen. Zur Eröffnung schritt Mariechen Danz einen poetischen Text singend hierüber, womit sie dem Werk eine zusätzliche Bedeutung einhauchte. Sympathisch, nachdenklich und in einer bewundernswerten ausfüllenden Gestaltung in dem langen riesig hohen Raum.

    Mariechen Danz: „edge out“, Berlinische Galerie 13.9.2024 bis 31.5.2025

    Kai Schiemenz, 1966 in Erfurt geboren wird in der Galerie Eigen+Art des Leipziger Erfolgs-Galeristen Judy Lybke präsentiert. Sollte er der neue Neo Rauch werden? Doch darauf kommt es zunächst nicht wirklich an, denn der Künstler spricht so begeistert über seine völlig neuen Arbeiten, dass es einfach mitreißend ist. Ursprünglich fertigte er Architektur-Modelle aus Holz für Stadträume an, die bereits spektakulär waren. Jetzt arbeitet er mit Glas und ist selbst fasziniert, wie die Glasbläserei in Böhmen seine Entwürfe umsetzen konnte. Er war stets dabei und erlebte auch, wie ein Werkstück plötzlich brechen konnte und wie kompliziert es auch ist, kantige Modelle mit der Technik der Glasbläserei herzustellen. Das Ergebnis sind wunderschöne teils mehrfarbige zarte Skulpturen, die bestimmt Räume vom Sonnenlicht durchschienen in eine eigene Farbwelt verwandeln. Allerdings ein kostspieliges Vergnügen bei 5-stelligen Preisen.

    Kai Schiemenz „Priel“, Galerie Eigen+Art Berlin, 12.Sept. bis 9. Nov.2024

    „Träum weiter – Berlin, die 90er“ heißt die Ausstellung im C/O Amerikahaus und zeigt Fotos der Gruppe „Ostkreuz“, die seit 35 Jahren existiert. Die Fotograf*Innen hatten besonders die Wendezeit begleitet. Aus diesem Archiv stellten die Kurator*Innen Annette Hausschild von Ostkreuz und Boas Levin von der c/o Foundation Fotos zusammen, die den Geist der Wendezeit in Berlin mit der damaligen Neudefinition der Stadt dokumentieren sollen. Aus heutiger Sicht können die Besucher*Innen nachdenken, was aus Aufbruchstimmung, Ekstase und Utopien von einst inzwischen real geworden ist. Auch wenn viele Bilder bereits publiziert waren, besonders in der „Bunten“, so hinterlassen sie in dieser Zusammenstellung heute im Nachhinein ganz besondere, teilweise traurig melancholische nostalgische Gefühle. Doch vielleicht sollten wir auch jetzt das Träumen von einer besseren freien und friedlichen Zukunft nicht ganz aufgeben.

    „Träum weiter – Berlin, die 90er“, C/O Berlin, 14.Sept.2024 bis 22.Jan.2015

    „Das Glück ist nicht immer lustig“. Was für ein philosophischer Spruch! Darüber muss man erstmal sinnieren! Doch so titelt Rirkrit Tiravanija seine Retrospektive im Gropiusbau. Zu erleben sind tailändisches Kochen und Essen im Garten, eine Tee-Runde in einem Zelt, Tischtennisspielen in der großen Halle sowie mehrere Exponate über Aktionen des Künstlers in der Vergangenheit. Der 63-jährige Künstler wuchs in Thailand auf und wurde in den 90er Jahren bekannt durch seine Aktionen, in denen er Menschen zu gemeinschaftlichem Leben durch Kochen und Essen animieren wollte. Diese „soziale Skulptur“ war ursprünglich revolutionär in der Kunst und auch heute verwundert und verwirrt die Ausstellung den unvorbereiteten Besucher. Allerdings macht es viel Freude, mit anderen beim gemeinsamen Essen der köstlichen thailändischen Gerichte und bei Jasmin-Tee ins Gespräch zu kommen. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Diese berühmte Frage könnte hierher passen, doch sie sollte jede/r selbst beantworten.

    Rirkrit Tiravanija im Gropiusbau, 12.Sept.2024 bis 12.Jan.2025

    Der Fotografin Candida Höfer wurde der Käthe-Kollwitz-Preis verliehen. Sie wurde durch ihre großformatigen Aufnahmen markanter leerer Räume international bekannt. In ihrer aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste sind 3 Orte thematisiert. Raum 1 enthält Fotos aus Weimar, im zweiten Raum aus der Komischen Oper Berlin und im dritten wird die Neue Nationalgalerie kurz nach der letzten Sanierung gezeigt. Die menschenleeren Fotos lassen die Betrachtenden frei assoziieren, wer sich dort alles befunden haben könnte oder welche Geschichten hier ihren Ursprung nahmen. Zum Beispiel könnte das Treppenhaus des Neuen Museums in Weimar daran erinnern, dass die kleine Stadt in Thüringen in ihrem Europäischen Kulturhauptstadtjahr 1999 massiv verhinderte, dass der berühmte Künstler Daniel Buren kostenlos einen Platz in ein Kunstwerk verwandelt. Es wäre damit PARKPLATZ für Autos verloren gegangen. Buren hinterließ doch noch seine Spuren mit seinen berühmten Streifen in Weimar, eben an dieser Wand im Neuen Museum, die Candida Höfer abgebildet hat. Ähnliche unterschiedliche Narrative lösen die weiteren Bilder sicher auch aus und lassen der Fantasie viel Spielraum.

    Candida Höfer in der Akademie der Künste am Pariser Platz, 14.Sept. 2024 bis 19.Jan.2025

    Die Wilhelm-Hallen sind eine fantastische Location, um dort zeitgenössische Kunst zu präsentieren und damit für jeden Kunstinteressierten ein EXTRA-Tipp für die kommenden Jahre, denn leider beschränkte sich die aktuelle Ausstellung auf die Zeit der ART-Week.

    Hervorgehoben werden soll jedoch noch in den Wilhelm-Hallen die Präsentation der Galerie Mehdi Chouakri des Künstlers Peter Roehr, die noch länger geöffnet bleibt. Der Künstler (1944 – 1968) wurde nur 24 Jahre alt, doch schuf er ein großes Oeuvre. Er war der Erfinder der seriellen Reihung und zeigte, wie durch Vervielfältigung gleicher Motive sie eine völlig neue Ausstrahlung bekommen; allerdings käme es auf die richtige Anzahl an: „Überschreitet die Anzahl der Gegenstände eine bestimmte Grenze, so lösen sie sich zugunsten einer spezifischen Struktur auf. Wird eine bestimmte Anzahl nicht erreicht, so bleib es bei einer Ansammlung von Gegenständen.“ (1965) Peter Roehr arbeitete sehr gern mit Motivdetails von Autos, so auch den Radkappen des VW-Käfers. Der VW-Konzern war begeistert.

    Peter Roehr bei Mehdi Chouraki, Kopenhagener Str. 60-72, 7.Sept. bis 26.Okt. 2024

    Die Ansammlung ausgemusterter Werkzeuge sowie Küchen- oder Gartengeräte aus Kellern oder Flohmärkten, die jedoch mit Goldfärbung offenbar wertiger gestaltet werden sollten, auf quadratischen weißen Platten wird in einer der renommiertesten Galerien gezeigt. Solche Werke sind eine wunderbare Idee für alle Ergotherapeut*Innen, wie sie z.B. in JVAs oder psychiatrischen Kliniken ihre Zielgruppen beschäftigen können. Wenn sie allerdings ein bekannter Künstlername signiert und eine weltbekannte Galerie sie ausstellt, sind es plötzliche hochWERTige Kunst. Nur Mut: man kann sie sich auch selbst basteln!

    Galerie Ester Schipper: Ugo Rondinone „The alphabet of my mothers and fathers”, 14. Sept. bis 19. Okt. 2024

  • Mark Bradford

    Keep Walking

    Der Titel ist für diese Ausstellung zunächst wörtlich zu nehmen. So ist es schon ein langer Weg, um im Hamburger Bahnhof bis zu den Rieckhallen zu gelangen. Zusätzlich fordern die großen weitläufigen Ausstellungshallen einen langen Spaziergang, der jedoch eine besondere künstlerische Bereicherung bietet.

    Allerdings steht der Titel „Keep Walking“ auch im übertragenen Sinn. Der US-amerikanische 1961 geborene hochgewachsene Mark Bradford symbolisiert in seinen Werken mehrere soziopolitische Problemfelder, für deren Lösungen noch weite Wege gegangen werden müssen.

    Beispielsweise kritisiert „Johnny Buys Houses“ , das aus mehrfach geschichteten Plakaten entstand, den Immobilien-Ausverkauf in amerikanischen Vorstädten.

    Was ist Ihrer Ansicht nach das dringendste Problem? fragte INArtberlin.  „Education!“ springt spontan und intensiv die Antwort aus ihm heraus. Das Bildungssystem in den USA sei weiterhin schlecht und ungerecht verteilt. Gute Bildung stehe nur privilegierten, reichen Bürgern zur Verfügung und die Trump-Regierungszeit habe so viel verschlechtert, dass es kaum zu reparieren sei.

    Wie sehe er die Chance einer Verbesserung, wenn die Präsidentschaftswahlen zugunsten von Kamala Harris ausgingen? Das hoffe er sehr und halte es für eine Chance. Doch die Menschen müssten auch alle engagiert daran mitarbeiten.

    Mark Bradford selbst ist in der Lebensrealität als Afroamerikaner in Los Angeles aufgewachsen und weiß, wovon er spricht. Aus voller Überzeugung ist er Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation „Art and Practice“ in LA, die Jugendlichen in Pflegefamilien unterstützt und den Zugang zu zeitgenössischer Kunst fördert.

    In der Ausstellung im Hamburger Bahnhof werden 20 Werke aus 20 Jahren gezeigt. Darunter „Spoiled Food“, ein Werk, das er ursprünglich für den US-Pavillon auf der Venedig-Biennale geschaffen hat, den er 2017 allein gestalten durfte.

    Mark Bradford erreichte den Bachelor und Master-Abschluss am California Institut of Arts, wo er sowohl Malerei lernte, als auch angeregt wurde, multiple Materialien und Techniken zu verwenden.

    „Death Drop“ in einem anderen Raum zeigt eine weiß angemalte übergroße Figur seines eigenen Körpers wie tot auf dem Boden liegend. Doch der Hintergrund ist der Tanz, der in der Queer- und Drag-Szene beliebt ist und bei dem man nach einem Sprung breitbeinig auf den Boden fällt.

    Ein riesiger „Teppich“ aus bunt bemalten und dann ausgeschnittenen langen Streifen collagiert, beeindruckt als Bodengemälde „Float“. BesucherInnen schreiten darauf vorsichtig herum, werden somit immersiv ein Teil des Werkes, das zum Weitermachen animiert. Die Welt brauche noch viel Verbesserung und Fortschritt, dementsprechend „Fortschreiten“.

    „Keep Walking“ ist in Deutschland die erste eindrückliche Einzelpräsentation des engagierten und genialen Künstlers Mark Bradford, wobei lediglich anzumerken ist, dass sie sehr US-amerikanisch geprägt ist.

    Mark Bradford „Keep Walking“, Hamburger Bahnhof, Berlin , 6.September 2024 bis 18.Mai 2025

  • Firelei Baez in Wolfsburg

    Farbenprächtige pure Lebensfreude überwindet koloniales Weltbild

    Schon beim Eintritt in den ersten Saal entsteht angesichts der faszinierenden Farbenvielfalt sofort ein begeisterter Wow-Effekt beim Betrachten.  Die fröhliche Pracht der Farben bringt karibisches Feeling und die hervorragende exakte Malerei entringt höchsten Respekt. Eine Flut wunderschöner Farbspiele beflügelt die Seelen sofort. Doch die Bilder der Künstlerin sind auch durchzogen von differenzierter soziopolitischer Kritik.

    Firelei Baez wurde 1981 in der Dominikanischen Republik geboren. Sie wuchs an der Grenze zu Haiti auf. Die Familie zog nach Miami, als sie 9 Jahre alt war. 2010 erreichte sie den Master of Fine Arts am Hunter College in New York. Von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an beschäftigte sich Firelei Baez in ihrer Kunst mit dem historischen Rassismus in den USA und den Auswirkungen der Kolonialisierung in der Karibik.

    Die Grundlage der Gemälde von Firelei Baez sind vergrößert auf Leinwände projizierte historische Landkarten oder Seiten ausrangierter historischer wissenschaftlicher Bücher. Die Karten stellen teils falsche geografische Verhältnisse dar. So wurde z.B Hispaniola, die Insel, auf der sie geboren wurde, mehrfach völlig unterschlagen. Heute ist Hispaniola in Haiti mit vorwiegend schwarzer Bevölkerung und die dominikanische Republik mit karibischer Bevölkerung streng geteilt.

    Auf anderen Untergründen wird ein historisches Brettspiel von Pierre Duval aus dem Jahr 1645 erkennbar, bei dem man sich durch Würfeln aus dem Außenkreis damals unbedeutender Länder wie z.B. Hispaniola in das dem eurozentrischen Weltbild der Zeit Ludwigs des 14en entsprechende höchstentwickelte Zentrum der Welt, nämlich Frankreich vorarbeiten muss. Firelei Baez bedeckt mit ihren farbenprächtigen menschlichen Figuren dieses Zentrum und verlagert es so in die Bedeutungslosigkeit, aber ohne Gewalt, nur mit purer Lebensfreude.

    Mit dem Titel “Trust Memory Over History” möchte die Künstlerin ausdrücken, dass nicht immer alte Behauptungen die Wahrheit beinhalten, nur weil sie schwarz auf weiß aufgeschrieben sind. Vielmehr soll auf mündliche Überlieferungen geachtet werde, die aus der Sicht der kolonial Beherrschten, nicht der Herrschenden stammen.

    Die Faszination karibischer Farbenpracht springt auf die BetrachterInnen sofort über.  Auffällig ist dabei, dass keine Gesichter in ihren Bildern vorkommen. Die Künstlerin sagt dazu, dass in ihrer Umgebung immer die genaue Hautnuance zwischen schwarz, braun, karamell oder weiß sofort zur Klassifizierung der Menschen missbraucht wurde. Zusätzlich würden alle Gesten, z.B. des Lächelns bewertet. Sie wehre sich gegen solche Kategorisierungen, indem sie Gesichter durch andere Materialien aus der Natur symbolträchtig ersetzt.

    Wogende Palmen sind biegsam, flexibel und stark. Sie würden als Bräute bezeichnet, die auf ihren Bräutigam warten. Bei Firelei Baez sind sie als Karikatur und Symbol des feministischen Widerstandes gedacht.

    Ein häufig wiederkehrendes Motiv sind dicke glatte glänzende Haarknoten. Auch dies ist feministische Kritik.  Die Künstlerin berichtet, dass ihr schon als kleines Mädchen die Afro-Haare streng gekämmt, geglättet und in dicke Zöpfe geflochten wurden, eine Idee, dem weißen Schönheitsideal nachzueifern. Heute trägt sie ihre wilden Naturlocken frei als Symbol der Befreiung und des Stolzes auf ihre Identität.

    Wolfsburg geht mit dieser Ausstellung wieder konsequent den Weg, zunehmend weibliche Künstler zu zeigen und macht mit Firelei Baez Werken allen BesucherInnen damit eine bewundernswerte große Freude.

    Firelei Baez „Trust Memory Over History”, bis 13.10.2024 im Kunstmuseum Wolfsburg

  • Die doppelte Bedeutung von Ketten

    Melvin Edwards in Kassel

    Melvin Edwards wurde 1937 in Housten/Texas geboren. Als Afroamerikaner erlebte er seither Rassendiskriminierung hautnah. Die Kritik an jeglichem Rassismus durchzieht auch thematisch seine Werke.

    Im Fridericianum in Kassel wird mit ihm auch zwischen den Documenta Ausstellungen hervorragende Kunst gezeigt. Aktuell sind 50 Werke des US-Amerikaners in den großen Räumen zu erleben.

    1963 entstand das erste Wandrelief der Serie, die Melvin Edwards Lynch-Fragmente nannte. Dessen Titel „Some bright morning“ steht auch für die komplette Ausstellung und bezieht sich auf einen Bericht über eine schwarze Familie, die frisch in eine weiße Siedlung gezogen von Lynchjustiz offen bedroht wurde. Weiße Trupps von Nachbarn kamen „eines schönen Morgens“ an ihre Tür, um sie zu vertreiben. Der Familie gelang es sich durch rechtzeitige Bewaffnung davor zu schützen. Symbolisch sollen die an Klingen erinnernden spitzen Ecken des Kunstwerkes darauf hinweisen.

    Auch hier arbeitet Edwards bereits mit Kettenelementen. Sie tauchen ebenfalls in großen Außenskulpturen aus Stahl auf und werden in seinen Papierarbeiten als eine Art Schablone benutzt. Die farbenfrohen Bilder wirken zwar fröhlich, behalten aber auch die Schwere der metallischen Kettenglieder.

    Ketten treten in Edwards Werk in doppelter Bedeutung auf. So sind sie stets ein Symbol für Verbundenheit, aber gleichzeitig auch für erzwungene Unfreiheit, wenn sie, schon seit es Sklaverei gab, der afroamerikanischen Bevölkerung angelegt wurden.

    Stacheldraht ist ein weiteres bevorzugtes Material des Künstlers: einerseits wie zarte Fäden verwendet und andererseits gefährlich scharf.

    Melvin Edwards studierte Malerei in Los Angeles, wo ihn zusätzlich Hollywoods Filmstudios beeinflussten, auch bei seinem Job bei „Grafic Films“. Später lernte er Schweißen und den Umgang mit schweren Materialien. Dies war der Ursprung, sich mit Skulpturen künstlerisch auszudrücken. 1970 zog er nach New York, erneut in eine wichtige Kunstmetropole.

    Im Jahr 2000 reiste Edwards nach Afrika und richtete sich sogar in Dakar ein Atelier ein, um die künstlerischen Positionen in den Ländern seiner Vorvorfahren zu erkunden. Melvin Edwards Werk spiegelt somit eine Verbindung der unterschiedlichen Kulturen wider. Der Künstler richtet jetzt beim Eröffnungsrundgang auch einen mitreißenden Apell an die Besucher, sich dafür einzusetzen, dass die Benin-Kunstwerke an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.

    In Europa wurde der Künstler durch Teilnahme an der Biennale 2015 bekannt, die Okwui Enwezor kuratierte. Kassel sieht sich in Reminiszenz an diesen großartigen Documenta 11 -Kurator (2002) und ist die erste Station, die Melvin Edwards in einer Einzelpräsentation zeigt. Die Ausstellung wandert weiter zur Kunsthalle in Bern und das Palais de Tokyo in Paris.

    Melvin Edwards „Some bright morning”, Fridericianum Kassel 11. August 2024 bis 12. Januar  2025.

  • Chemnitz 2025

    Vorboten des Europäischen Kulturstadtjahres, Kunstschätze beleben die entlegene Region

    Im tiefsten Sachsen in und um Chemnitz herum findet eine bemerkenswerte Transformation statt. Kleine Dörfer, die einst in Vergessenheit schlummerten, erwachen jetzt, nicht durch erneuten Industrielärm, sondern durch den Reiz erstklassiger Kunst. Dieser Wandel wird durch den Skulpturenpfad „Purple Path“ vorangetrieben, das ehrgeizigste Projekt der Kulturhauptstadt Europas 2025.

    Der „Purple Path“ist nicht nur eine Sammlung von Skulpturen, sondern ein lebendiger Leitfaden durch die reiche Geschichte, Kultur und Identität dieser oft übersehenen Region. Das von Alexander Ochs kuratierte Projekt brachte international anerkannte Künstler und Künstlerinnen mit 38 Bürgermeister*Innen des Erzgebirges zusammen. Durch die lokalen Gespräche erfuhren die Kunstschaffenden alle spezifischen Narrative des jeweiligen Ortes und schufen mit diesem Wissen ortsspezifische Skulpturen unter dem verbindenden Thema „Alles kommt vom Berg her“. Dieses Konzept ist eine Hommage an das tief verwurzelte Bergbauerbe der Region, in der bereits im 12. Jahrhundert Silber, später Zinn, Kobalt und Eisen abgebaut wurden. Die geförderten Uranmengen lieferten Russland über Jahrzehnte bis zu 60% ihres Bedarfs, während Bergleute in Aue an Bronchialkarzinomen aufgrund chronischer Strahlenexposition im Bergbau starben.

    Die Skulpturen sind mehr als nur ästhetische Ergänzungen dieser Dörfer – sie sind in Metall, Stein und andere Materialien gespeicherte Erzählungen. Jedes Stück spiegelt die lokalen Geschichten über die Industrie und die Erlebnisse der Menschen wider, die dort leben. In Zschopau einer Stadt, die einst für ihre Motorradproduktion im VEB Motorradwerk bekannt war, hat der Künstler Michael Sailstorfer am Ufer des idyllisch plätschernden Flusses, dem der Ort seinen Namen verdankt, eine riesige Motorradspiegelskulptur installiert. Anders als typische Original-Spiegel reflektiert dieser auf beiden Seiten und symbolisiert die Dualität der Perspektiven – eine Anspielung auf die industrielle Vergangenheit der Region und ihre sich entwickelnde neue Identität.

    Viele Skulpturen des Purple Path sind bereits an ihren Standorten verankert, so dass schon jetzt eine Rundfahrt spannend ist. Dabei werden abgelegene, stille Orte durchquert, in denen fast keine Menschen auf den Straßen zu sehen sind. Es schleicht sich ein Gefühl von Dornröschenschlaf ein, der vielleicht durch die Kunstwerke zunehmend aufgeweckt wird.

    Weiter entlang des Weges, in Schneeberg, hat der britisch-amerikanische Künstler Sean Scully einen abstrahierten Münzstapel aus Bronze geschaffen. Dieses Stück ist nicht nur eine zufällige Anordnung. Sie erinnert an die Silberbergbautradition der Stadt und an die Geschichte des Vaters des Künstlers, eines Friseurs, der jeden Abend sorgfältig seinen Verdienst aufstapelte. Die Skulptur erinnert auch an einen bedeutenden Moment in der Arbeitergeschichte, möglicherweise an den ersten Arbeiterstreik, als die Bergleute gegen Lohnkürzungen aus Protest die Arbeit verweigerten.

    In Aue-Bad Schlema steht prominent im Kurpark eine faszinierende riesige Bronze-Skulptur von Tony Cragg. Einige der Skulpturen seien laut Kurator Alexander Ochs auch geliehen, was bei den üblicherweise erzielten Verkaufspreisen dieses Künstlers angesichts des doch begrenzten Etats möglich erscheint.

    In Zwönitz hat sich die in Berlin lebende Künstlerin mit türkischem Migrationshintergrund Nevin Aladag von der Strumpfwarenindustrie der Stadt inspirieren lassen. Die Installation der Documenta 14-Teilnehmerin besteht aus bunten Laternen aus Strumpfstoff, der über Metallrahmen gespannt ist. Diese Laternen, die in der Nacht sanft leuchten, symbolisieren das Licht, nach dem sich die Bergleute sehnten, wenn sie im Dunkeln arbeiteten – eine schöne Metapher, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

    Die öffentliche Interaktion mit den Kunstwerken wird nicht nur gefördert, sondern gefeiert. In Jahnsdorf beispielsweise lädt die komplex gewundene Parkbank in hellem Grün des dänischen Künstlers Jeppe Hein sowohl zum entspannten Nachdenken als auch zum Spielen ein. Bei einem kürzlichen Besuch verwandelten ein Vater und seine Kinder die Bank in einen Spielplatz, und ihr Lachen hallte durch das Dorf – ein lebendiges Zeugnis der Vision des Künstlers, Nähe und Kommunikation im öffentlichen Raum zu fördern. Über Jeppe Hain wurde in diesem Blog vor kurzem berichtet, weil die Galerie König im mondänen Bergson Kunstkraftwerk in München aktuell eine Einzelpräsentation des Künstlers zeigt. Auch hier steht unter anderem eine ähnliche verschlungene Bank in gelb, zu der er von den Bänken im New Yorker Central Park inspiriert wurde.

    Die Fähigkeit der Kunst, zu fesseln und zu inspirieren, zeigt sich auch in Freiberg, wo Wilhelm Mundts glänzender Silberstein zu einem Magneten für Kinder geworden ist, die eifrig seine glatten Oberflächen erkunden und erklettern. Diese lebendige Interaktion unterstreicht die Überzeugung, dass öffentliche Kunst gelebt und erlebt und nicht nur aus der Ferne betrachtet werden sollte.

    Allerdings sind nicht alle Installationen von Destruktionen verschont geblieben. In Lößnitz steht eine Porzellanskulptur von Uli Aigner, die offensichtlich zerstört ist. Doch hier herrschte kein Vandalismus, denn sie brach schon während der Herstellung in China zusammen. Die Künstlerin veränderte sie jedoch nicht, denn in ihrem zerbrochenen Zustand kann die Skulptur noch Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Ai Weiweis sturmgeschädigte Installation auf der Documenta 12 in Kassel, die zum Symbol der unberechenbaren Kraft der Natur wurde, ist Aigners Skulptur ein Beweis für die physikalischen Genzen, an die wir Menschen immer noch stoßen.

    Der „Purple Path“ ist mehr als ein Kunstpfad – es ist eine mutige Initiative, die einer Region, die lange Zeit eher für ihre industrielle Produktion als für ihre kulturellen Beiträge bekannt war, neues Leben einhaucht. Während sich Chemnitz darauf vorbereitet, im Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas in den Mittelpunkt zu rücken, wird dieses Projekt hoffentlich ein Beweis für die transformative Kraft der Kunst selbst in den entlegensten Winkeln Europas.

    Für Besucher bietet der Purple Path eine aufregende Entdeckungsreise, ähnlich den Skulpturenprojekten in Münster oder den kollateralen Pavillons der Biennale in Venedig. Es ist eine Chance, die verborgenen Schätze Sachsens zu erkunden, wo Kunst von Weltklasse an den unerwartetsten Orten blüht. Allerdings ist ein modernes Navigationssystem unerlässlich.

    Seit die Europäische Union 1985 begann, Kulturhauptstädte zu ernennen, hat die Initiative den Fokus schrittweise von etablierten Kulturzentren wie Athen, Paris, Berlin oder Weimar auf Regionen verlagert, die keine solche Tradition haben. Diese Verlagerung hat es Gebieten wie Chemnitz und dem Erzgebirge ermöglicht, sich neu zu definieren und über ihr industrielles Erbe hinauszugehen. Während die ehemalige Karl-Marx-Stadt mit ihrem Umland ihre neue kulturelle Identität annimmt, besteht die Hoffnung, dass eine mentale Einstellung von Offenheit und Wertschätzung für Ungewohntes und Überraschendes wie die zeitgenössischen Kunstwerke entsteht und auch dann noch Bestand haben wird, wenn das Rampenlicht des Jahres 2025 längst verblasst ist.

    Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstatjahres Chemnitz: 18.Januar 2025 Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2024 https://chemnitz2025.de/programm/purple-path/

    Bergson mit Jeppe Hein: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2634 Nevin Aladag: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2064

  • Nairy Baghramian in Zürich

    Skulpturen der Kunstfreiheit

    Sie ist Bildhauerin mit Weltruhm. Ihre Skulpturen waren und sind ausgestellt nicht nur in Zürich, sondern auch in Venedig, New York, Nimes, Kopenhagen, Dallas, Wien, Madrid, Mailand oder Berlin. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Aluminiumguss, Stahl und Stein und sind in ihrer Formgebung völlig abstrakt. Ohne Hinweise auf menschliche oder naturalistische Vorlagen zeigen sie sich als dreidimensionale spielerisch verbundene Objekte im Raum, die unsere Versuche einer Interpretation grundsätzlich scheitern lassen….sollen. Nairy Baghramian spricht oft von FREIHEIT. Sie liebt und lebt ihre absolute Freiheit bei der Gestaltung und sieht die Kunstwerke auch passenderweise als Symbol für Freiheit.

    Nairy Baghramian ist 1971 im Iran geboren. Ihre Familie gehörte der Minderheit der armenischen Christen an. Nach dem Sturz des Shah-Regimes und der Errichtung des islamischen Gottesstaats flohen sie nach Berlin, damals West-Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Auch heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin.

    Aktuell zeigt die Galerie Hauser und Wirth in Zürich eine Einzelschau mit einer Werkauswahl, die deutlich macht, dass die Mischung aus weichen Formen in zartem Rosa mit den kantigen spiegelglatten Stahlkonstruktionen komplex kontrastiert.

    Eine weitere Serie besteht aus einer Art Mobiles teils mit Fotos kombiniert. Ähnliche Objekte sind außerdem zurzeit Im Palazzo Grassi in Venedig als Zusatz der Ausstellung von Julie Mehretu zu sehen, wobei ebenfalls der Kontrast zu den zweidimensionalen Bildern der Kollegin und dem prunkvollen Palast eine großartige Wirkung entfaltet.

    Im Züricher Haus Konstruktiv ist ebenfalls ein Werk zu finden, denn sie war 2016 auch eine Preisträgerin des von dort vergebenen „Zurich Art Prize“.

    Auch Nairy Baghramian war bereits Teilnehmerin einer Documenta, und zwar der D14 in Kassel und Athen (2017).

    Die Skulpturen wirken auf den ersten Eindruck sperrig und machen ratlos, doch nach Einlassen auf Material und die Tatsache, dass man keine tiefe Bedeutung suchen muss, ergibt sich eine erstaunliche Strahlkraft.

    Hauser und Wirth: Zürich Limmatstrasse bis 7.September, Haus Konstruktiv: Zürich Selnaustr.25; Venedig: Palazzo Grassi bis 6.1.2025

  • Kunst auf Spiel


    Die fantastischen Bilder auf Brettspielschachteln

    Sie sind keine Unikate, sondern werden in Tausenden gedruckt. Auch handelt es sich nicht um reine Kunst, sondern Gebrauchskunst. Doch die individuellen unterschiedlichen grafischen Gestaltungen der Schachteln, in denen komplexe Brettspiele angeboten werden, sind auch Zeugnisse künstlerischen Schaffens, das viel mehr beachtet werden sollte.

    Vergleichbar ist dieses Genre der Illustration mit den früheren Platten-Covern, von denen es ja bekanntlich hochinteressante künstlerische Exemplare gibt wie z.B. die Jeans von Andy Warhol für die Stones. (Sticky Fingers). Auch Film- (https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1653) oder Protestplakate können hervorragende Kunstwerke sein. (Klaus Staeck: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1712)

    Die Grafiken der Brettspielschachteln haben im Gegensatz zu reinen Kunstwerken eine Funktion. Sie dienen als Eye-Catcher für Kunden und sollen inhaltlich auf das Narrativ, in das das Spiel eingebettet ist, oder das Spielmaterial hinweisen. Für die Qualität eines Brettspiels bleibt aber der Spielmechanismus verantwortlich. Er stammt vom Spiele-Autor, dessen Name stets auf der Schachtel gedruckt ist. Doch wer kennt oder nennt den Illustrator? Namen wie Chris Quilliams (Azul), Mads Berg (E-Mission) oder Klemens Franz (Agricola) bleiben nahezu unbekannt.

    Manche Verlage arbeiten strikt mit immer den gleichen Illustratoren zusammen, was ihren Spielen einen Wiedererkennungseffekt und ein Markenprofil gibt. Das bekannteste Beispiel ist der 2F-Verlag von Friedemann Friese, dessen stets grüne Spiele mit 2 F im Titel (Fiese Freunde, Fremde Federn) von Mauro Kalusky oder Harald Lieske gezeichnet wurden.

    Beliebt in der Brettspielszene sind historische, Weltraum- und Fantasy-Themen.

    Andererseits gibt es völlig abstrakte Spiele und auch solche, die sich thematisch um Kunst drehen.

    Eine aktuelle sozio-politische Thematik wird weniger gern angeboten, weil die Verlage meinen, dies lasse sich nicht gut verkaufen. Doch ein Gegenbeispiel ist aktuell E-MISSION, ein Spiel über Klimaproblematik, das vor wenigen Tagen sogar zum Kennerspiel des Jahres gewählt wurde.

    Letztlich ist die Schachtelgrafik nicht kaufentscheidend, sondern der Spielwert. Allerdings macht es große Freude, sich einmal die Vielseitigkeit der grafischen Umsetzungen zu veranschaulichen. Vielleicht lässt sich mit Brettspielschachteln im Sinn einer Petersburger Hängung sogar eine Wand zu einem ausgefallenen Gesamtkunstwerk gestalten.

    Wer mehr als im örtlichen Spieleladen sehen will, kann die weltgrößte Brettspielmesse besuchen: SPIEL 2024 in den Messehallen in ESSEN vom 3. bis 6. Oktober 2024

  • Ein weiterer Kunst-Spaziergang durch Venedig

    Der Kunstgenuss in Zeiten der Biennale erscheint in Venedig unerschöpflich. Doch es ist einfach herrlich, durch die traumhafte Lagunenstadt zu schlendern und nebenbei bemerkenswerte und überraschende Ausstellungen anzusehen. Hier eine weitere Auswahl!

    Jim Dine wird vom Göttinger Steidl-Verlag unter dem Titel: „Dog on the Forge“ präsentiert. Fantastisch sind nicht nur die Bronze-Statuen des 89jährigen US-Amerikaners. Er gestaltet einen Kopf, der ihn selbst zeigt, aber mit multiplen Werkzeugen bestückt ist. Jim Dines Großvater hatte einen Eisenwarenladen, in dem der Junge viel gespielt und ausgeholfen hat.

    Im Obergeschoß hängen große abstrakte bunte Bilder in barocken Wandnischen, bei denen die Ölfarbe so dick aufgetragen ist, dass sie zusammen mit ebenfalls Metallutensilien für Handwerker zu einer 3-dimensionalen Assemblage werden. Mickey-mouse-Figuren daneben verstärken den großen optischen Genuss dieser Ausstellung.

    Palazzo Rocca Contarini Corfu, Sestiere Dorsoduro 1057

    Den Palazzo Diedo restauriert Nicolas Berggrün komplett und zeigt jetzt schon unter dem Titel „Janus“ eine erste Auswahl von Kunstwerken seines Museums. Der deutsch-US-amerikanische Unternehmer und Milliardär wurde 1962 als Sohn des Berliner Sammlers und Galeristen Heinz Berggruen in Paris geboren. Einige bekannte Künstlernamen kommen im Palazzo Diedo vor wie Urs Fischer, Lee Ufan oder Ai Weiwei.

    Doch der schönste Raum wurde von Ibrahim Mahama gestaltet. Fotos von seinem Eisenbahnprojekt in Ghana zeigen, was mit Freunden und Mitstreitern geschafft werden kann. Außerdem modellierte Mahama dazu thematische Stuck-Elemente für die Raumdecke, die auch dauerhaft dort bleiben sollen.

    Noch wirken viele Räume leer und Handwerker bevölkern das Haus, um große Räumlichkeiten fertigzustellen. Diskutiert werden könnte, warum das Gebäude ausschließlich in White Cubes umgestaltet wird. Gerade in Venedig liegt doch der besondere Charme in der Kombination zeitgenössischer Werke in vormals prunkvollen Räumlichkeiten.

    Palazzo Diedo, Fondamenta Diedo, Cannaregio 2386, bis 24.11.2024

    William Kentridge, der weiße südafrikanische Künstler aus Johannisburg ist inzwischen 69 Jahre alt. Waren seine Arbeiten früher, z.B. bei der Documenta 13 (2012) thematisch noch sehr vom Kampf gegen die Apartheit in Südafrika geprägt, so handeln sie jetzt von einer Selbstreflektion über sein Leben und seine Kunst. In „Selfportrait as a Coffee-Pot“ diskutiert er mit seinem Ebenbild kontrovers darüber, was sie für die Welt noch Sinnvolles schaffen sollten. Mehrere Animationsfilme seiner berühmten Kohlezeichnungen mit den zwei Williams als Schauspieler sind ein fröhliches, ironisches Erlebnis. Kuratiert wurde die Ausstellung von Carolyn Christov-Bakargiev, der Kuratorin der Dokumenta 2012.

    Arsenale Institute for Politics of Representation, Riva del Sette Martiri, bis 24. November.

    Wael Shawky ist nicht nur im heimatlichen ägyptischen Pavillon in den Giardini monumental vertreten, sondern auch im Museo Grimani in der Stadt.

    Im ersten präsentiert er mehrere Installationen, die einen direkten Bezug zu seinem Film haben. Der Künstler bezeichnet dessen Inhalt als Oper. Recht monoton in historisch anmutenden Kostümen berichtet die Handlung von den Konflikten und Kämpfen um den Bau des Suez-Kanals, und zwar aus ägyptischer Sicht. Das Land hatte sich durch die Baukosten hoch verschuldet und wurde von den englischen Kolonialherren zusammen mit den ausländischen Geldgebern so unter Druck gesetzt, dass sie die Rechte am Kanal verkaufen mussten: „Drama 1882“

    Im Museo Grimani spielen Menschen mit Puppen-Köpfen Geschichten aus der griechischen Mythologie unter dem Titel: „I Am Hymns of the New Temples“.

    Wael Shawky ist bekannt und hochgelobt wegen seiner Puppenspiel-assoziierten Filme, weil er einfühlsam und trotzdem aus einer gewissen objektiven Distanz erzählt.

    Beide Filme sind für einen Biennale-Besuch recht lang: 45 Minuten. Doch wenn man genügend Zeit mitbringt, entsteht keinerlei Langeweile.

    Giardini di Biennale, Ägyptischer Pavillon und Museo di Palazzo Grimani, Castello

    Robert Indiana: “The Sweet History- Life and Death”. Auch wer den Namen des Künstlers nicht kennt, hat sein sicher bekanntestes Kunstwerk im Kopf: die quadratische Skulptur des Wortes LOVE. Neben Andy Warhol oder James Rosenquist ist Robert Indiana zu einer weiteren Ikone der Pop-Art zu zählen.

    Als Robert Clark wurde er 1928 in New Castle geboren und nahm später den Namen seines Bundesstaates Indiana als Künstlernamen an, als er in New York bereits berühmt geworden war. In der Ausstellung am Marcusplatz in Venedig ist ein Querschnitt aus allen 50 Jahren künstlerischen Outputs zu sehen. Anfang der 60ger Jahre malte er Bilder mit großen farbigen Buchstaben und Symbolen, oft mit der Message: EAT, LOVE oder DIE. Seine Mutter soll ihm oft zugerufen haben, er solle immer ausreichend essen. Später folgten auch die dreidimensionalen Skulpturen. Er starb 2018.

    Die wilde Zeit der POP-Art spiegelt sich herrlich in den Werken von Robert Indiana wieder und erinnert fröhlich an Love, Peace, und Hippie-Bewegung in Amerika.

    Procuratie Vecchie, Eingang vom Marcusplatz aus. Bis 24.11.2024


    Andere Beiträge zur Venedig-Biennale 2024

    Schulden, Zinsen, Moral, Bankrott, Christoph Büchel: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2569

    Ralley zur Kunst in venezianischem Ambiente: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2448

    Länderpavillons Afrikanischer Staten: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2188

    Was bietet der Deutsche Pavillon? https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2134

    60. Venedig Biennale: Der Olymp zeitgenössischer Kunst? https://wordpress.com/post/inartberlin.com/2089

  • Das BERGSON in München

    Industrie-Kathedrale mit Kunst und Kommerz

    Am Münchner Stadtrand wurde ein ehemaliges Kraftwerk umgebaut zu einer zeitgemäßen Event-Location. „Kultur neu spüren“ lautet das übergreifende Motto. Hier finden Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Partys statt. Auch Firmen mieten das ungewöhnliche Industriedenkmal für eine außergewöhnliche Produktpräsentation: „a place to be“. Ein Ort also, wo man sein sollte, wenn man zur modernen gutverdienenden jungen Community gehört. Hierzu passt dann auch zeitgenössische Kunst, die das Gesamtkonzept mit Hochkultur aufwertet.

    Das komplette Projekt liegt inklusive der Vermarktung in privater Hand, so auch der Kunstbereich. Hier residiert die Münchner Filiale der Johann König Galerie, die insgesamt 2000 qm mit -verkäuflicher – Kunst bestückt, eine perfekte Symbiose, denn erwartet wird ein junges und vor allem zahlungskräftiges Publikum.

    Doch welcher Kunstgenuss ist zu erwarten? Auf vier Etagen in einem modernen Teil des Komplexes präsentiert. Unter dem Titel“ Metaphor to Metamorphosis“ präsentiert das Bergson-Galerie-Team wirklich exzellente Werke zeitgenössischer Künstler.

    Johann König erklärt, dass sich die Thematik an Franz Kafkas Geschichten locker orientiert. Die „Verwandlung“ von Gregor Samsa in einen Käfer werde als Metapher angesehen, wie Menschen heutzutage Transformationen durchlaufen zum Finden ihrer eigenen Identität.

    Beispielhaft hierfür sei ein Werk aus 3 Teilen von Agnes Questionmark genannt. Die Künstlerin, die momentan auch auf der Biennale in Venedig vertreten ist, modulierte aus Silikon ihren Körper in 3 Teilen, der sich jedoch an den Extremitäten in tierische Tentakeln auflöst.

    Besonders wertvolle Werke von Isa Genzken verwandeln Nofretete in eine neuzeitliche Touristin und ein Frauentorso verschmilzt mit seinem Reisegepäck.

    Eine herausragende Figur ist auch „Perseus“ von Stephan Balkenhol. Sie zeigt der Künstler aus Kassel sein Alter Ego mit dem grandios geschnitzten Kopf der Medusa in der Hand. Vielleicht findet sich hierfür auch ein prominenter Platz in der Öffentlichkeit wie vor dem Axel-Springer Haus in Berlin, im Hamburger Hafen oder im Kirchturm der Kasseler Elisabethkirche.

    Von Amir Fattal stammen Gemälde und zwei Büsten, die mittels KI entworfen und gestaltet wurden. Diese „Verwandlung“ wurde somit einem nicht menschlichen Algorhytmus überlassen.

    Es finden sich weitere exklusive Werke in der Ausstellung von z.B. Gregor Schneider, Anselm Kiefer oder Volker März. Im Grunde hätte es bei der Qualität der Einzelwerke keines übergreifenden Themas gebraucht, da kein verbindendes Element erkennbar ist. Vielmehr bleibt die Ausstellung ein zusammengewürfeltes Sammelsurium, das zum Verkauf von der König Galerie angepreist wird, allerdings von ausgewählt hoher Qualität und Besonderheit.

    Die Räume des zweiten Kunstbereichs wurden direkt in die trichterförmigen Kohle-Silos eingebaut, die durch den Gitterboden noch klar zu erkennen sind. Die erste Ausstellung dort zeigte zuvor Werke von Monira Al Qadiri, die wunderschöne Ölbohrköpfe zeigte und uns mit ihren gläsernen Galeeren die Komplexität dieser Lebensformen ins Bewusstsein brachte.

    Aktuell befindet sich hier eine Einzelpräsentation von Jeppe Hein, dessen Vielseitigkeit seiner dynamischen Skulpturen beeindruckt. Die gelbe Parkbank, die rotierenden Spiegel sowie das Spiegel-Labyrinth sind typische Beispiele für die Intention des Künstlers, das Kunstwerk erst in Kombination mit den Betrachter*Innen als vollständig anzusehen.

    Das BERGSON stellt kein neues Museum dar, sondern ist ein aktueller Ort für multiple kommerzielle und kulturelle Veranstaltungen, bei dem die ausgestellte Kunst den anspruchsvollen Ausstattungs-Rahmen zusammen mit der 25 m hohen Kathedralen-artigen Industrie-Architektur bildet. Ähnliche Ideen von Gebäude-Transformationen sind bei den weltweit verteilten Gebäuden von Fotografiska – auch in Berlin – zu finden, die Fotokunstausstellungen neben unterschiedlichen Events anbieten.

    Die Verschmelzung von Kunst und Business ist in den USA selbstverständlicher, indem die dortigen Museen wie das BROAD in Los Angeles, das San Franzisko- MOMA oder auch das MOMA in New York immer schon komplett von privaten Wirtschaftsunternehmen finanziert werden. Die Freiheit der Kunst bleibt dort recht abhängig vom Sponsor.

    Im Gegensatz dazu finden sich in Deutschland vorwiegend staatlich finanzierte Museen. Zu diskutieren bleibt, ob die Kunstfreiheit hier besser realisierbar ist. Doch ein nicht auf monetären Profit angewiesenes System bietet Künstler*Innen und Kurator*Innen womöglich mehr Spielraum! Trotzdem ist der Besuch des Bergson auch für nicht unbedingt kaufwillige Kunstfreunde sehr zu empfehlen, weil es eine vielseitige Augenweide ist.

    Jeppe Hein: „Every Moment is a New Moment“ 13.Juli -1.Sept.24,  Galerie König Bergson: “Metaphor to Metamorphosis” 13.Juli – 17.November 2024;            Am BERGSON Kunstkraftwerk 2, 81245 München