• Documenta 16: große Erwartungen an Skandalfreiheit

    Naomi Beckwith’ Antrittsrede über ihre kuratorische Grundhaltung

    In Kassel stellte am letzten Dienstag die designierte Kuratorin der Documenta 16 in zwei Jahren, Naomi Beckwith ihr kuratorisches Konzept für die kommende Weltkunstschau vor. Nachdem der mediale Sturm politischer Kritik an der letzten documenta 15 deren großartigen komplett neuartigen Ideen für die Kunstwelt völlig überschattet hatte und sogar Bedenken an einer Neuauflage im Raum standen, gibt ein sogenannter Code of Conduct jetzt verbindlich für die neue künstlerische Leitung vor, dass sie sich zu Beginn über ihre Ausrichtung öffentlich äußert. So fragwürdig diese Pflichtaufgabe einer Art Gesinnungsprüfung auch sein mag, so deutlich konnte Naomi Beckwith jeglichen Zweifel an ihrer aufrichtigen und kompetenten Art ausräumen. Ihre Rede bewirkte viel Applaus bei den etwa 700 Zuhörern aus Fachleuten, Presse und Kassler Bevölkerung. Es war eine gelungene Vertrauensbildung.

    Naomi Beckwith begann mit der Schilderung ihrer Herkunft, als sie sich in der schwarzen Community in Chicago familiär aufgehoben fühlte, weil sie hier auch einen kulturellen und sozialen Zusammenhalt erlebte, aus dem sich in Kunst und Musik immer Neues entwickeln konnte. So fühle sich sich auch weiterhin als Teil der weltweiten panafrikanischen Gemeinschaft, aber mit dem Ziel eines versöhnlichen Zusammenlebens aller Menschen in Respekt und auf Augenhöhe.

    Naomi Beckwith sagte, sie könne nicht vorhersagen, was passieren werde, wenn die Künstlerlisten und Werke öffentlich werden. Diskurse seien aber grundsätzlich richtig, denn es sei wichtig über die jeweiligen Begriffe zu streiten, sie jedoch nicht als Waffen gegeneinander zu verwenden. Es brauche auf allen Seiten Verständnis für gegenteilige Perspektiven auf einen Sachverhalt, die beide gleichwertig akzeptiert werden müssten.

    In ihrer bisherigen Arbeit als stellvertretende Direktorin und leitende Kuratorin am Guggenheim Museum in New York habe sie protestierenden Aktivistinnen wie z.B. der Gruppe P.A.I.N um Nan Goldin durchaus eine Bühne für ihre Aktion gegen die Pharmafamilie Sackler überlassen, jedoch sei immer oberstes Gebot, keinerlei physische, verbale oder systemische Gewalt zuzulassen.

    Bei all dem sei sie eine Verfechterin von Redefreiheit. Kulturelle Diskurse müssten verständlich gemacht werden. Kontextualisieren ist der Begriff dafür, der eine Documenta mit viel Erklärungen und Diskussioen erwarten lässt. „Unterschiedliche Geografien erfordern unterschiedliche Lösungen“, heißt es bei ihr, was sich auf die Besonderheit der deutschen Geschichte und die dadurch geprägten öffentlichen Auswirkungen bei der damaligen D15 bezieht. Sie sei sich darüber bewußt, dass sie Verantwortung für die gegenseitigen Rücksichtnahmen habe.

    Detaillierte kuratorische Themen oder Künstlernamen waren an dem Abend noch nicht zu erfahren.

    Was brauche aber die D16?

    Die Kunst der Documenta habe immer nach der Sinnstiftung gefragt und einen Blick auf die aktuelle Lage in der Welt geworfen. War es ursprünglich die Aufgabe, in den Jahren nach Ende des zweiten Weltkrieges Deutschland wieder eine aktuelle Positionierung in der Kunstwelt zu geben, so müsste heute ein anderer Blick auf den globalen Zustand beachtet werden. Es herrsche eine ZEIT DER ENTTÄUSCHTEN ERWARTUNGEN, ein Ausverkauf von Menschenrechten und Überwertung wirtschaftlicher Interessen.

    KünstlerInnen hätten stets auf den Zeitgeist, auch gerade in Krisen reagiert und neue Welten visioniert und Utopien entwickelt, die Neuentwicklungen voranbringen können. Ihre Documenta biete in dem Sinn weiterhin ein Feld zum Experimentieren und transkulturellen Denken. „Dabei ist mir auch bewußt, welchen Blick die Welt gerade heute auf mein Land hat.“

    Eine Besonderheit der Documenta sei stets, dass ein Kulturaustausch mit dem Ziel des Miteinander ermöglicht werden soll. Dies stehe im Gegensatz zur Biennale in Venedig, wo die Länderzugehörigkeit eine bedeutende Rolle spielt.

    Die Kuratorin sieht sich auch in der Tradition ehemaliger Kuratoren wie Owui Enwesor (Documenta 11), von dem sie in der Zusammenarbeit viel gelernt habe. Es gehe darum, gemeinsam mit den Künstlern, den Kunstwerken und den BesucherInnen die Bedeutungen zu erarbeiten. „Eine Documenta funktioniert nicht, ohne dass jede/r Besucher/in hinterher irgendetwas verstanden hat.“ Die Kunstvermittlung nehme daher einen hohen Stellenwert ein und müsse gut vorbereitet werden.

    Wird es bei all den Grundsätzen von Gerechtigkeit, Respekt, Rücksichtnahmen letztlich eine brave, konservative Documenta16? Der Kunstkritiker Carsten Probst erwartet in seinem Statement im DLF Kultur „eine mäßig innovative Documenta im abgesicherten Modus.“ Dies könnte aus der Rede von Naomi Beckwith durchaus gefolgert werden. Doch ist das schlimm? Könnte es für uns Kunstbegeisterte nicht auch besonders erleichternd und attraktiv sein, wenn wir uns wieder ausschließlich und störungsfrei spannenden ästhetischen Erlebnissen zuwenden können?

    Naomi Beckwith vermittelt genau das und lässt uns zuversichtlich und vertrauensvoll auf die nächste Weltkunstschau in Kassel freuen. Sie erwies sich bei der Veranstaltung mit ihrer warmherzigen empathischen Ausstrahlung als große Sympathieträgerin für das Publikum.

    Documenta 16 , Kassel, 12. Juni bis 19. September 2027

  • THE CLOCK, ein „Zeit-Dokument“

    Christian Marclays preisgekröntes Jahrhundertwerk in Stuttgart

    24 Stunden Film-Geschichten mit Uhren in einer atemberaubenden Präzision ohne einen Augenblick der Langeweile! Dieses Mammut-Kunstwerk wurde vor kurzem im amerikanischen Artnews-Magazin als eins der wichtigsten Kunstwerke des 21.Jahrhunderts gewürdigt. Es belegte Platz 6 von 100 und wird jetzt im Kunstmuseum Stuttgart erstmals in Deutschland vorgeführt.

    Das Besondere an „The Clock“ ist, dass die Uhrzeit im Film identisch mit der realen Zeit im Vorführraum ist. Es ist eine Sammlung von Tausenden von Filmausschnitten, die Uhren abbilden oder auf Zeit Bezug nehmen – von Turm-, Armband-, Taschen-, Küchenuhren über klingelnde Wecker bis hin zu Sonnen- und Pendeluhren sowie Szenen, in denen Menschen sich die Uhrzeit mitteilen.

    Christian Marclay berichtet, dass er mit 6 Assistent*Innen in 3 Jahren Arbeit Szenen aus Spielfilmen aus aller Welt gesammelt und geschickt ineinander verwoben habe, so dass nicht nur minutengenau die Uhren eingebaut sind, sondern auch kleine zusammenhängende Szenen entstehen.

    Zuschauer werden sofort gefangen, auch weil es reizvoll ist, einzelne Filme wiederzuentdecken. Da reiht sich „Die Blechtrommel“ an James-Bond-Sequenzen oder „Zurück in die Zukunft“; „High Noon“ an den „Glöckner von Notre Dame. Auch „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Pretty Woman“, der „Rainman“, „Dick und Doof“, „Das Leben der Anderen“ oder „Der Orientexpress“ lassen sich erkennen. Wir erleben MacGyver, Charles Bronson, Angelina Jolie, Dustin Hoffman, Hugh Grant, Tom Cruise, Woody Allen und Alain Delon in schwarz-weiß oder in Farbe. Die meisten Uhren sind analog vertreten, wenige digital und natürlich BIG BEN.

    Szenen aus Komödien, Liebes- oder Action-Filmen finden zueinander durch das Verrinnen von Zeit. Liebe, Sex, Explosionen, Krankenhausszenen, Peking-Ente und immer wieder Autos verschiedener Epochen bilden einen besonderen Reiz an dem unendlich wirkenden Filmereignis.

    Schon bei der Erstvorstellung auf der Biennale in Venedig 2011 zog The Clock die Besucher sofort in seinen Bann und gewann den Goldenen Löwen als bestes Kunstwerk.

    Jetzt in Stuttgart spricht Christian Marclay ganz bescheiden darüber, dass er stets sehr gern und bis heute mit Collagen gearbeitet habe. Es gebe einen Film „Doors“ oder auch „Telefone“ in ähnlicher Art. Auch Musik-Stückchen schneide er in spezieller Montage zusammen. Bei „The Clock“ musste mit DVDs gearbeitet werden, weil es noch kein Internet-Screening gegeben habe. Der Künstler arbeite jedoch sehr gern mit seinen Händen, auch wenn er eingesteht, dass Handy und Laptop essenziell zu seinem Leben inzwischen dazu gehören.

    Von „The Clock“ gibt es nur 6 Kopien, die weltweit von den größten Museen wie z.B. dem Centre Pompidou, dem Tate Modern oder dem MOMA in New York gekauft worden sind mit unbeschränkter Lizenz, sie zu zeigen. Kleinere Museen können dort darum bitten, das Werk für kürzere Zeiträume zu präsentieren, aber stets muss auch der Künstler sein Einverständnis geben.

    The Clock sehen zu dürfen ist eine riesige Freude, begeisternd und bereichernd zugleich, weil nicht nur die Sammlung minutengenauer Abbildungen von Uhren, sondern auch die harmonischen Szenenübergänge ein Vergnügen der besonderen Art sind. Man sollte sich wirklich viel Zeit einplanen, denn die Faszination lässt die Zeit völlig vergessen.

    Kunstmuseum Stuttgart, „The CLOCK“ von Christian Marclay vom 14.3. nur bis 25.5.2925 (10-18 Uhr), 24 Stunden-Vorführung  am 17./18.Mai 2025

  • Anselm Kiefer

    Gold und Krieg und Gigantomanie

    „Ich beschäftige mich mit dem, was in der Welt passiert und dann zeigt sich automatisch das in meinen Bildern.“ So kommentiert Anselm Kiefer, einer der bedeutendsten deutschen Künstler, beim Opening in Amsterdam die Ideengrundlage für seine Arbeit .

    Hier wird nicht nur eine umfangreiche Retrospektive über Anselm Kiefer anläßlich seines 80. Geburtstages am 8.3.25 präsentiert. Vielmehr schuf der Künstler auch ein neues gigantisches Kunstwerk, das eindrucksvoll das Treppenhaus des klassischen Baus des Stedelijk-Museums ausfüllt.

    „Sag mir wo die Blumen sind“ ist dessen Titel, zitiert nach dem berühmten Antikriegs-Song von Pete Seeger, der seine tiefgreifende Wirkung erst mit der deutschen Version von Marlene Dietrich entfaltete.

    Anselm Kiefer arbeitet hier nicht nur mit seinen typischen dick pastös aufgetragenen Farben, sondern auch mit Gräsern und Blüten. Metallmasken und große Mengen gefärbter und verschlissener Uniformen an Kleiderstangen führen zu einer hohen Dreidimensionalität der Assemblage, bestreut mit verwelkten Blütenblättern.

    „Über den Gräbern weht der Wind“ steht über dem zentralen Gemälde, das völlig eindeutig einen Leichnam zeigt.
    „Ich habe schon immer gern mit Gold gearbeitet, doch als ich jünger war, konnte ich mir immer nur kleine Mengen leisten.“ Das scheint jetzt kein Problem mehr zu sein, denn auf der aktuellen Installation ist etwa die Hälfte der etwa 500 qm mit Gold bedeckt.

    Eine schöne Ergänzung der Ausstellung ist ein Film, bei dem ein Tänzer vor den Bildern, als sie noch im Atelier in Frankreich standen, diese thematisch performativ interpretiert.

    Die Ausstellung ist die erste Zusammenarbeit zwischen Stedelijk- und Van Gogh-Museum, obwohl beide Häuser direkt nebeneinander stehen. Thematisch konzentriert sich der Teil im Van Gogh-Museum auf den Bezug der beiden außergewöhnlichen Künstler zueinander. Anselm Kiefer hatte als 17Jähriger eine Förderung für eine Bildungsreise erhalten und fuhr in Zeiten, als noch nicht jede Familie Urlaubsreisen bezahlen konnte, auf eigenen Wunsch auf den Spuren van Goghs nach Holland und Belgien bis Südfrankreich. „Auch van Gogh hat seine Bilder genau konstruiert. Uns ist z.B. gemeinsam, dass wir die Grenze zum Himmel entweder sehr tief oder sehr hoch plazieren.“ So hängen jetzt die alten Kornfelder direkt gegenüber denen von Kiefer aus echtem Stroh und Gräsern, wobei der Unterschied in der Größe nicht als Qualitätsmaßstab gelten darf.

    Wenn Anselm Kiefer etwas schafft, dann ist das in erster Linie monumental, gigantisch groß. Das ist schon allein überwältigend. Doch auch die ästhetische Präsenz und eindeutige Aussage erheben die Installation zu einem beeindruckenden Kunstwerk.

    Dass das Anti-Kriegsthema gerade heute ultra aktuell ist, wenn über Aufrüstung und Atom-Schutzschirm in allen Nachrichten gesprochen wird und männlich narzistische Staatsmänner sich gegenseitig bedrohen, ist eine erstaunliche Koinzidenz mit der Eröffnung der Ausstellung.
    Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Amsterdam, 7. März nur bis 9. Juni 2025.

    Songtext Marlene Dietrich 1962 (Auszug)
    Sag mir, wo die Blumen sind.
    Wo sind sie geblieben?..
    Mädchen pflückten sie geschwind.
    Wann wird man je verstehn?
    Sag mir, wo die Männer sind.
    Wo sind sie geblieben?
    Zogen fort, der Krieg beginnt…
    Sag, wo die Soldaten sind
    Wo sind sie geblieben?
    Über Gräbern weht der Wind…
    Sag mir, wo die Blumen sind
    Wo sind sie geblieben?….
    Wann wird man je versteh’n?

  • Kosmos Kandinsky und die Geometrische Abstraktion

    Wassily Kandinsky (geb.1866 in Moskau, gestorben 1944 in Paris) wurde zur Leitfigur der Geometrische Abstraktion, nachdem er als Lehrer am Bauhaus in Weimar 1926 ein Buch veröffentlichte, das unter dem Titel „Punkt und Linie zur Fläche“ die theoretischen Grundlagen hierfür beschrieb.  Geometrischen Elementen wurden definierte Farben zugeordnet. Es sollten sich schwebende Dreiecke, Linien, Quadrate und Kreise in einem Tanz zu einer harmonischen Sinfonie zusammenfügen. Kandinsky verband als Synästhetiker in seiner Wahrnehmung abstrakte Symbole wie Zahlen und Buchstaben, aber auch Musik mit festgelegten Farben, was diese Abhandlung wohl initiierte.

    Die Abstraktion war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Revolution der Malerei, da sie sich von Figürlichem komplett abwandte und ihre Ästhetik lediglich aus der Spannung und Balance von Formen und Farben entwickelte. Dies begann in einer Zeit, als Wissenschaft und besonders Technik ihren Aufschwung nahmen und Künstler versuchten, auch diese Phänomene bildlich darzustellen. Das soll auch der „Kosmos“ im Titel der Ausstellung veranschaulichen.

    Im Museum Barberini in Potsdam werden aktuell Schlüsselwerke der geometrischen Abstraktion verschiedener Künstler aus einer Zeitspanne von 70 Jahren gezeigt, denn diese Stilart entwickelte sich lange weiter: über Op-Art (mit optischen Effekten) und Pop-Art bis zum Minimalismus.

    Kandinsky gilt in Potsdam als Initiator, doch es folgen weitere weltbekannte Namen: Piet Mondrian von De Stijl, Julian Stanczak als Schüler vom Bauhaus-Lehrer Josef Albers, Victor Vasarely (der z.B.1972 das rautenförmige Logo von Renault kreierte), aber auch Frank Stella. Obwohl Kandinsky bereits 1944 in Paris starb, emigrierten seine Ideen mit vielen Bauhauskollegen in die USA, wo sie sich ebenfalls prägend verbreiteten.

    So bietet die Ausstellung einen großen Überblick mit 126 Werken von 70 Künstlern, (davon nur wenige Künstlerinnen), die nicht nur einen historischer Überblick darstellen, sondern eine wahre Augenweide sind.

    Museum Barberini Potsdam, „Kosmos Kandinsky“ , 15.Februar – 18.Mai 2025

  • Eine einzigartige Welt oder multiple Universen?

    Ayoung Kim schürt Zweifel an unserer Wahrnehmung

    Es ist die Geschichte von Ernst Mo. Sie arbeitet für einen Lieferservice im fiktiven ultramodernen Seoul. Das wäre zunächst ein fast langweiliges Sujet, doch bei Ayoung Kim heißen die MitarbeiterInnen „Delivery Dancer“ und „tanzen“ auf ihren Highspeed-Motorrädern durch das Straßengewirr, gesteuert von einem unerbittlichen Algorithmus, der sie zu immer höherer Geschwindigkeit antreibt.

    In dem Universum, das die Künstlerin mit diesem Plot erschafft, ist das Raum-Zeit-Kontinuum aufgelöst. Es existieren mehrere Welten gleichzeitig nebeneinander. Ernst Mo gerät durch einen Fehler, einen Riss in ihrer Realität in eines der Paralleluniversen und trifft darin auf sich selbst mit dem Namen En Storm. Beide Namen sind Anagramme von MONSTER. Da die Verdoppelung nicht existieren darf, bekämpfen sich die beiden Dancer. Doch es entsteht auch eine Beziehung geprägt von Faszination füreinander.

    Ayoung Kim nutzt für ihre Kunst alle zur Verfügung stehenden neuen Technologien. Sie involviert Videoinstallationen und benutzt Game-Engines, also Computerprogramme, mit denen Video-Games hergestellt werden. Zusätzlich arbeitet sie mit KI. Daraus resultiert eine Installation aus Skulpturen, Wandtapeten und einer Game-Variante, die die BesucherInnen steuern können.

    Im Mittelpunkt stehen jedoch zwei Mehrkanal-Projektionen, die die Delivery Dancer auf ihren Wahnsinnsfahrten begleiten. Die Route verläuft auf Straßen, durch die Luft, teils überkopf in multiplen Szenarien vom Auslieferungslager bis in Fantasy-Räume oder altertümliche Pyramiden.

    Es ist Sciences Fiction, Gaming-Welt zusammen mit einer Geschichte, die durchaus als Kritik an dem schlecht bezahlten überfordernden Job des Lieferservices gesehen werden kann. Auch die philosophische Idee, dass wir nicht Unikate sind, sondern in einer parallelen oder wenigsten weit entfernten Welt eine Doppelgängerin haben, ist ein bemerkenswerter Denkanstoß.

    Der Hamburger Bahnhof überrascht immer wieder mit künstlerischen Positionen, die in ihrer Art einzigartig sind und mit nichts zuvor vergleichbar, so auch diesmal mit der Südkoreanerin Ayoung Kim. Neue Zeit – Neue Kunst! Spannend!

    Ayoung Kim: „Many Worlds Over“, Hamburger Bahnhof  Berlin, 28.Februar – 20.Juli 2025

  • Mehr Berlinale-Filme der besonderen Art

    Über 200 Filme werden in den 10 Tagen der Berlinale gezeigt. Verständlich ist, dass auch Arthouse-Film-Begeisterte nur einen Bruchteil davon anschauen können. Hier sollen trotzdem noch einige davon mit ganz persönlichem Eindruck vorgestellt werden.

    Der Kuss des Grashüpfers

    Der georgische Autor und Regisseur Elmar Imanow erzählt die Geschichte von Bernard, dessen Vater im Lauf der Filmhandlung an einem Hirntumor stirbt. Die Beziehung der beiden ist einerseits sehr, fast zu eng, andererseits existiert auch eine innere Distanz.

    In diesen Tagen des Abschieds erlebt Bernard multiple skurrile symbolträchtige Situationen. Da ist ein schrecklich hässlicher Mann, der den Vater zu Boden schubst: Symbol für den Krebs. Der Grashüpfer landet als echtes Tier auf der Wange von Bernhards Freundin, dann ist er 180 cm groß lebendig in dem Club, wo alle tanzen und rummachen und Bernard gibt dem unechten Wesen einen Zungenkuss. Etwas später liegt ein etwa 1 m großer Grashüpfer tot am Boden: Er symbolisiert das Sterben, vom Vorboten bis zum Tod. Ein Müllwagen sammelt nicht den Abfall, sondern verstreut ihn auf der Straße, darin viele Spielzeuge. Bernard findet eine Puppe, die erst pseudolebendig blinzelt, dann aber „stirbt“. “ Wenn Eltern sterben, verlieren wir den letzten Anteil unserer Kindheit.“ erklärt Regisseur und Autor Imanow beim anschließenden Q and A.

    Die emotionalen Krisen in der durchgehend dunkelgrün/grauen Kulisse mit der permanent depressiven antriebslosen Hauptfigur sind schwer zu ertragen, zumal sie schon bestehen, während der Vater noch problemlos lebt.

    Eine schizophrene Psychose mit Halluzinationen ist keine Erklärung für den Film, man fühlt sich eher in die Oberstufenzeit zurück versetzt und mit der Aufgabe der Interpretation eines Textes konfrontiert, der mehr an Franz Kafka oder Surrealismus erinnert. Künstlerisch herrlich skurril und anregend. Kinostart: noch offen.

    Islands

    Der junge sehr beliebte und gute Tennislehrer Tom auf Fuerteventura  lebt vermeintlich frei und ungebunden im Paradies seinen Lebenstraum. Doch letztlich ohne feste Bindungen verbringt er seine Freizeit mit Alkohol und Koks im Club recht lieb- und sinnlos.

    Dann fasziniert ihn die Touristin Anne, die ihren 7-jährigen Sohn Anton zum Tennisunterricht bringt. Tom kommt in intensiven Kontakt mit der ganzen Familie, der er die geheimen schönen Plätze der Insel zeigt. Doch dann ist der Ehemann Dave plötzlich verschwunden und es entspinnt sich eine komplizierte Suchaktion.

    Ausgezeichnet gespielt und mit überraschendem Ende.

    Regie: Jan-Ole Gerster

    Kinostart: 8.Mai 2025

    How to be normal and the Oddness of the other world

    Wie kann man normal sein, wenn die ganze andere Welt völlig skurril und verworren ist?

    Warum der englische Titel für den Film aus Österreich? Nun, womöglich war die dargestellte andere Welt, wie sie die Hauptfigur erlebt, den Machern so unerklärlich, dass sie auch eine andere Sprache hierfür brauchten.

    Der Film stellt anschaulich dar, wie sich eine schizophren psychotische Phase mit den multiplen Fehlwahrnehmungen und optischen sowie akustischen Halluzinationen entwickelt, wobei dies aus der Sicht der Betroffenen mit schauspielerischen und kameratechnischen Mitteln grandios erfolgt. Außerdem wird die Perspektive von Familie und Freunden gezeigt, deren Leben ebenso heftig ins Wanken gerät, bis es zerbricht.

    Pia wird erfolgreich medikamentös eingestellt aus der Psychiatrie nachhause entlassen, wo sie jedoch spürt, dass von ihrer eigenen Persönlichkeit kaum noch etwas übrig ist. Daher wirft sie die Psychopharmaka in die Toilette und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, übrigens ein sehr typisches Verhalten!

    Letztlich wird auch die Zerrissenheit der Eltern deutlich. Alles Bemühen, der Tochter mit Liebe und Verständnis (und auch Plastikgeschirr!) zu helfen, wird von der Krankheit zunichte gemacht. Sie wollen aber auch vermeiden, sie erneut in die Psychiatrie einweisen zu lassen.

    Wie gehen solche Schicksale und damit auch so ein Film letztlich aus?

    Ein Klinikaufenthalt könnte wieder eine hoffentlich längere Besserung bewirken.

    Pia könnte sich womöglich auf einem Hochhausdach wiederfinden in der festen Überzeugung fliegen zu können und mit dem Befehl der inneren Stimme im Kopf, endlich zu springen?

    Ein bewusster Suizid wäre auch eine Chance, den Film zu beenden.

    Oder wird Pia in der kranheitsbedingten Überzeugung, verfolgt und bedroht zu sein zu einer Gefahr für eine andere Person? Vielleicht ein Kind? Mit folgendem spannungsgeladenen Polizeieinsatz?

    Diese Fragen sollen hier offen bleiben, um den Filmgenuss nicht zu verderben.

    Angesichts aktueller öffentlicher Diskussionen über psychisch kranke Attentäter könnte solch ein Film helfen, ein wenig die absolut chaotischen unerträglichen Gedankengänge der Erkrankten inklusiver unerträglicher Angstzustände ein wenig nachzuvollziehen, ohne selbstverständlich ihr Handeln gutzuheißen. Sehr empfehlenswert!

    Regie: Florian Pochlatko; mit der großartigen Louisa-Celine Gaffron in der Hauptrolle. Kinostart: noch offen

    Sir Isaac Julien

    Der preisgekrönte Video Künstler zeigt mit „Looking for Langston“ eine ausgelassene Feier unter heterosexuellen jungen men of colour, die schwarzweiß besonders elegant in Szene gesetzt ist. Sie spielt in den 1920ger Jahren in der Harlem-Renaissace. Doch am Ende kommt eine weiße Schlägertruppe mit Baseballschlägern und zerstört alles. Es gibt sogar einen Toten.

    Im zweiten Film „Once again“ gehen afroamerikanische Experten durch die Afrika Sammlungen der Museen in Oxford und Philadephia und diskutieren über den Wert der Kunst aus Afrika. Es sind keine volkstümliche Touristensouvenirs, sondern künstlerische Zeugnisse kulturellen Lebens.

    Isaac Julien ist vor allem mit Multi-Leinwand Videoinstallationen über weltpolitische Themen wie den Kapitalismus und die Islandkrise bekannt geworden, hier macht er jedoch speziell auf Black-Gay-Probleme aufmerksam.

    Leibniz (Chronik eines verschollenen Bildes)

    Der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716) dargestellt von Edgar Selge soll portraitiert werden für seine junge ehemalige Schülerin Charlotte, inzwischen Königin von Preußen. Der erste beauftragte Maler (Lars Eidinger) bricht seine Arbeit verärgert ab, weil Leibniz permanent dazwischen redet und nicht aufhören kann ihn mit seinen Sinnsprüchen zuzutexten.

    Die junge holländische Malerin lässt sich auf die tiefen philosophischen Exkurse ein, doch die junge Königin stirbt vor Fertigstellung des Bildes. In der Rolle der Königin-Mutter Barbara Sukowa.

    Ein hervorragend inszenierter Historienfilm mit großartigen Schauspielern Man sollte jedoch Freude an viel Philosophie mitbringen.

    Heldin

    Eine Intensivstation in der Schweiz und eine Krankenpflegerin, die jeden einzelnen Patienten emotional und fachlich kompetent hervorragend versorgt. Dabei haben Patienten und Angehörige total hohe Ansprüchlichkeiten: der Tee ist der falsche, die Brille der Oma soll von der anderen Station geholt werden und der OP ruft den Patienten ab, während kein Transportdienst zur Verfügung steht. Die Schmerzinfusion muss erneuert werden, was die Protagonistin Floria Lind perfekt im Eiltempo erledigt. Kaum ist eine Aufgabe fertig, klingelt das Telefon oder der Notknopf auf der Station. Eine Patientin atmet nicht mehr und wer beginnt die Herzdruckmassage, bis irgendwann ein Team mit Arzt kommt? Natürlich die Pflegefachkraft.

    Es ist ein Wettrennen zwischen anspruchsvoller Versorgung und Krise ohne Chance auf eine Pause und es entspricht dem realen Alltag in Krankenhäusern. Bewundernswert professionell verrichtet die Hauptdarstellerin alle Tätigkeiten. Es ist fantastisch, wenn man bedenkt, dass Leonie Benesch Schauspielerin ist. Das ist ein Glücksfall, denn sie kann dementsprechend stets auch noch die richtige Emotion in ihrer Mimik und Gestik nachfühlbar darstellen.

    Es bleibt der hohe Respekt vor den wirklichen Fachkräften! Spürbar bleibt stets, dass ein sehr befriedigender schöner Beruf ist, wenn nicht nur 2 Pflegerinnen das Pensum erfüllen sollen, sondern 4 bis 6 zur Verfügung stünden.

    „Heldin“ mit Leonie Benisch von Petra Volpe (Buch und Regie)

    Kinostart : 27.Februar 2025

    Hot Milk

    Eine Mutter, eine Tochter, (Fotos oben!) ein Psychosomatik-Arzt und eine verführerische aber verstörte junge Frau an einem idyllischen Strand…. und schon sind multiple Probleme vorprogrammiert.

    Mutter und Tochter leben zusammen, die ältere ist auf den Rollstuhl angewiesen und vereinnahmt die Tochter diktatorisch als Pflegerin. Sie hat keine Chance auf ein eigenes Leben. Doch jetzt verliebt sie sich in die rätselhafte frei lebende junge Frau im Strandhaus. Dazu kommen die psychosozialen traumatischen Geheimnisse aller Personen. Ein Gespinst aus multiplen Beziehungsverwicklungen nimmt seinen Lauf in dieser Romanverfilmung von Deborah Levi.

    Spannend und gefühlsintensiv inszeniert bis zum Schluss! Empfehlenswert!

    Kinostart: 29.Mai 2025

    Other People’s Money, Die Affäre Cum-Ex

    In der 8-teiligen ZDF-Serie wird über die Cu-Ex-Geschäfte berichtet, bei denen sich reiche Investoren und Banken an deutschen Steuergeldern ungestraft und offenbar völlig legal bereichert haben. Verantwortlich dafür waren an deutschen Unis ausgebildete Anwälte, die eine Gesetzeslücke gesucht und gefunden haben. Auch wird im Rahmen einer Spielfilmhandlung erzählt, wie schwierig es war, die Machenschaften am Ende juristisch korrekt zu unterbinden und dass es bisher überhaupt nicht möglich war, das Geld für den Staat zurückzubekommen.

    Zur Berlinale waren die ersten 4 Folgen zu sehen, die von Beginn an die Aufmerksamkeit fesselten. Hervorragende Schauspieler machen die Serie zu einem besonderen Genuss. Etwas störend war das Sprachen-Wirrwarr. Die Szenen, die Dänemark betreffen, werden auf Dänisch gesprochen mit lediglich englischen Untertiteln, was bei der komplexen Bankensprache und den schwer verständlichen Zusammenhängen dem Zuschauer kaum Erleichterung bot. Es bleibt jedoch große Freude auf die TV-Ausstrahlung im ZDF , zumal wir uns hoffentlich auf eine deutsch synchronisierte Fassung freuen können. Noch kein Ausstrahlungstermin bekannt.

    La Tour de Glace

    Jeanne läuft aus einem einsamen Haus in verschneiten Bergen weg und verläuft sich in einem Filmset für „Die Eiskönigin“. Darin verliert sie sich in ihrem Lieblingsmärchen und der Schwärmerei für die schöne Hauptdarstellerin. Es entsteht eine Mischung aus Träumen, Fantasie, Filmkulisse und real schwer gestörten Charakteren.

    Völlig kranke Story mit sinnentleerten Längen.

    Delicious

    Nichts deutete in der Beschreibung des Films für die Berlinale auf das geschmacklose Ende hin. Doch wahrscheinlich gab es die Annahme, dass diese Netflix-Produktion ein Publikum erreichen soll, das so etwas von dem Streaming-Dienst erwartet. Mehr darüber zu berichten wäre absolutes Spoilern und auch zu viel unverdiente Ehre, deshalb hier kein weiteres Wort.

    Bald auf NETFLIX für Unerschrockene.

    Viel Spaß in den guten Programmkinos überall im Land!

  • 75. Berlinale 2025, DAS Filmfestival

    Ein fulminanter Eröffnungsfilm, wundervolle fremdsprachige Filme mit doppelten Untertiteln und Tausende interessante und kenntnisreiche Kinoliebhaber in der Hauptstadt! Es ist wieder ein großes Fest, wenn Konzertsäle für Filme mit über 1000 Zuschauern gefüllt sind, die aufgeregt und ohne Popcorn auf Meisterwerke warten. Es ist die erste Berlinale, die Tricia Tuttle leitet und alles ist wie immer spektakulär. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt in diesem Jahr Tilda Swinton.

    „Das Licht“ ist der Eröffnungsfilm außer Konkurrenz des Wettbewerbs, in dem Tom Tykwer alle Register an Filmkunst zieht. Er spielt mit extrem überzeichneten Klischee-Charakteren einer öko-liberalen Akademiker-Familie in einer ebenso woken Altbauwohnung am Prenzlauer Berg, die aber keine Zeit für so profane Aufgaben wie Haushalt hat. Die alte Haushälterin liegt tot auf dem Küchenfußboden und gleich wird eine neue eingestellt. Farrah kommt aus Syrien und ist eigentlich eine Psychotherapeutin, die mit einer eigentümlichen Lampe arbeitet. Diese versetzt mit Flackerlicht Menschen in eine Art Seance. Hiermit kommt eine große Portion Übersinnliches mit ins Spiel. Doch zusätzlich  durchziehen die Handlung weitere schmückende Perlen der Filmkunst das Werk: animierte Comic-Szenen und perfekte Tanzakrobatik an der roten Ampel oder Bewegungsmuster eines Video-games in reale Stadtkulisse übertragen und immer wieder die „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Tykwer lässt großartige schauspielerische Leistungen glänzen mit Lars Eidinger als Gutmensch-Werbemanager, Nicolette Krebitz als Entwicklungshelferin in Nairobi und Tola Al-Deen als skurrile Haushaltshilfe mit einem großen Geheimnis.

    Ist dieser Film mehr Psychodynamik oder ein Politikum? Alles, einfach alles, was uns Menschen in dieser Zeit bewegt, ist im „Licht“ angesprochen! Und es regnet permanent, sogar in Nairobi!

    262 Minuten ohne eine Sekunde Langeweile sind ein Genuss der besonderen Art. Fragt sich nur, warum gerade einige Berliner Medien negative Kritik äußern. Ist die Situation dieser Generation in dieser Stadt vielleicht zu gut getroffen?

    Tom Tykwer: „Das Licht“ Kinostart ab 20.März

    „ARI“ von der Französin Léonor Serraille zeigt vorwiegend die Dilemmata von Männern um die 30. Als von der Mutter wie ein schützenswürdiges  feinsinniges Juwel behandeltes Kind wird ARI Lehrer einer Vorschulklasse. Als er für eine Lehrprobe den Kleinen ein Seepferdchen plötzlich wissenschaftlich inklusive Sexualität (Der Vater trägt die Babys aus, ist so auch die Mutter) erklären will, hören die Kinder nicht zu, machen Unfug und Ari kommt mit einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Es folgt die berühmte „Sinnkrise“. „Arbeit ist nichts für mich, ich kann das nicht. Ich bin 2 Monate krankgeschrieben.“ Ari besucht Kumpels, von denen er annahm, dass sie viel erfolgreicher sind als er und merkt, dass auch diese nicht wirklich etwas Konstruktives leisten und ebenso ohne Tätigkeit sinnlos herumhängen.

    Die Wendung zum absolut Guten wirkt dann so banal und kitschig, dass es nur nachvollziehbar wird, wenn man einen Bezug zu der Generation der Elternschaftsverweigerer herstellen will. ARI erfährt, dass er von seiner Ex-Freundin eine kleine Tochter hat. Er ist verzückt, spielt mit ihr, kann wieder arbeiten und die Sinnfrage ist gelöst.

    ARI , Filmstart 6.4.2025

    „Dreams“ des mexikanischen Regisseurs Michel Franco: Der junge gut gebaute mexikanische Tänzer überquert unter extremen Strapazen illegal die Grenze von Mexiko in die USA und hofft auf Unterstützung seiner älteren Geliebten in San Francisco. Sie ist die Tochter eines reichen US-Mäzens, die mithilfe der Familien-Stiftung ein Tanz-Projekt in Mexiko aufgebaut hat, jedoch nicht uneigennützig. Vielmehr kann sie so ungesehen von der US-Society ihre Liebschaft ausleben. Als er jetzt in ihrem Land auftaucht, ist er nur noch ein benutzter Lover, der mit seinen Wünschen nach einer Beziehung auf Augenhöhe nicht tragbar ist. Es kommt zu Machtkämpfen, die immer aggressiver ausufern. Sehr deutlich wird, dass die Träume beider Protagonisten völlig unterschiedlich sind und so miteinander kollidieren.

    Der Film ist eine Mischung aus intrapsychischen Konflikten und angesichts des Amtsantritts von Donald Trump mit der Verschärfung des Grenzkonfliktes zu Mexiko hoch politischer Brisanz. Geschickt geschnittene Sex- und fantastische  Tanzszenen sind eine reizvolle Bereicherung.

    „Dreams“ mit Jessica Chastain und Isaac Hernandes, Kinostart noch offen

    75. BERLINALE des internationalen Films noch bis 23.Februar 2025. Tickets nur online, jeweils 3 Tage vor der Aufführung

  • Samuel Fosso

    „Black Pope“ oder warum muss der Papst immer weiss sein?

    Samuel Fosso’s Selbstportraits sind Zeitzeugen einer modernen Entwicklung der Fotografie Afrikas und deren Wandlung. 1962 in Kamerun geboren eröffnete er schon 1972 mit 13 Jahren ein Fotostudio für Passfotos und private Portraits, von dem er leben konnte und musste. Doch abends nach Feierabend inszenierte er sich selbst in unterschiedlichem Fashion-Style.

    Als er später als Modefotograf bekannter wurde, setzte er durch, dass er die von der Modefirmen gelieferten Kleidungsstücke für ein Kaufhaus nicht an Models sondern an sich selbst präsentieren durfte, womit er Erfolg hatte.

    Samuel Fosso entwickelte zunehmend Inszenierungen seiner selbst, bei denen er in unterschiedliche Rollen schlüpfte. So stellt er sich sowohl als stolzer Mann eines indigenen Stammes dar, wie es sich sein Großvater gewünscht hätte, als auch als genderunabhängige Fashion-Ikone. 

    Außerdem zeigt er sich als wichtige Persönlichkeiten der Zeitgeschichte dar: z.B. Martin Luther King, Black-Power-Sportler oder Mohammed Ali.

    Ironisch  wird das Kunstwerk von Maurizio Cattelan interpretiert, der den Papst von einem Meteoriten  erschlagen ließ. Bei Fosso triumphiert der schwarze Papstüber den Meteoriten wie ein Herrscher.

    Mao Tse Tung  und Kim Jong-un sind ebenfalls Rollen-Vorbilder.

    Samuel Fosso ist mit seinen Selbstinszenierungen einer der bekanntesten Fotokünstler des afrikanischen Kontinents geworden. Ein Werk, das uns weißen privilegierten Menschen mit fröhlicher Ironie doch einen kritischen Spiegel vor Augen hält.

    Samuel Fosso: „Black Pope“ Werke von 1975 bis 2017, KINDL Museum für zeitgenössische Kunst, Berlin 15.9.2024 bis 16.2.2025

  • Nick Cave and the Devil’s Life

    Was macht ein weltweit gefeierter und permanent aktiver Rockmusiker, wenn er plötzlich zur Tatenlosigkeit gezwungen ist? Der Australier Nick Cave (Jg 1957) war plötzlich-  wie wir alle – in der Corona-Pandemie hiermit konfrontiert und manchmal führt diese Langeweile zu unerwarteter und außergewöhnlicher Kreativität.

    Nick Cave erinnerte sich an seine kleinen Töpferseminare als Kind und sah gleichzeitig seine Sammlung an Keramikfiguren aus Staffordshire aus dem 18./19. Jahrhundert, die in England besonders beliebt sind. Seine teils düsteren Storys in seinem Kopf und die eigenen schlimmen Life-Events verarbeitete er jetzt nicht in Songtexten, sondern töpferte sie stattdessen zwischen September 2020 und August 2022 als Keramikfiguren. So entstand eine Lebens- und Sterbensgeschichte des Teufels, der jedoch unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Weltstar selbst aufweist.

    Kunst ist stets Ausdruck einer Idee eines Künstlers, die er auf unterschiedliche Weise ausdrückt. Kreative Menschen wechseln durchaus ihre Medien und Techniken in unterschiedlichen Schaffensperioden.

    Letztlich bleibt es unerheblich, wie hoch der künstlerische Wert der Figuren zu bewerten ist, denn DAS KUNSTWERK ist in diesem Fall das Gesamtkunstwerk „NICK CAVE“ in allen Facetten seiner  Selbstinszenierung, Musik und Persönlichkeit , die seinen Weltruhm begründen.

    Nick Cave „The Devil – A Life“, Privatmuseum Voorlinden in Wassenaar, Niederlande, 14.12.2024 bis 16.März 2025

  • Afrika aus der Sicht Afrikas

    Contemporary African Photography im C/O Berlin

    Der Blick auf Afrika nicht mit den Augen der ehemaligen Kolonial-Länder von außen, sondern aus dem Inneren Afrikas selbst heraus: den möchten diese Fotoserien von 23 Künstlerinnen und Künstlern mit afrikanischer Herkunft in dieser Ausstellung vermitteln. „A World in Common“, eine gemeinsame Welt. Ist es die gemeinsame Identität der afrikanischen Welt oder der Hinweis auf die Gemeinsamkeit von uns allen Menschen in dieser Welt?

    Im ersten Kapitel thematisieren die Fotos“ Identität und Tradition“. Sofort beeindruckt eine Serie von George Osodi mit afrikanischen Monarchen in prunkvollen Gewändern und Räumen. Offensichtlich ist der Mix aus alter afrikanischer Tradition und auch der Ähnlichkeit mit königlichen europäischen Gewändern, aus denen stolze Herrscher blicken. Hier spiegelt sich die komplette Historie Afrikas wider.

    Edson Chagas sammelte Masken, die auf Märkten in Angola für Touristen angeboten wurden und fotografierte moderne Menschen damit. „Nein, das sind keine echten alten Masken, denn die bleiben als wichtige Erbstücke in den Familien. Ich wollte aber zeigen, in welchen Rollen Menschen sich zeigen möchten. Auch die Souvenir-Masken haben Vorbilder in denen für traditionelle Rituale und erzählen Geschichten.“ berichtet der Künstler. Er lebt heute vorwiegend in Lissabon. „Portugiesisch war bei uns in Angola eine offizielle Sprache, die alle lernten. Unsere heimischen Sprachen sind so viele unterschiedliche Dialekte, dass wir uns meist untereinander gar nicht verstehen. Deshalb geht das besser auf Portugiesisch.“

    Malala Andralavidrazana stellt ihre Identität in Historiengemälden aus Foto-Collagen dar.

    Kudzanai Chiurai brillierte bereits auf der Documenta 13 mit einer sehr speziellen afrikanischen Version von Leonardos Abendmahl. Auch seine jetzigen Fotos sind ironisch und ikonisch komponierte großartige Szenarien, in denen viel zu entdecken ist:

    Doch auch die Thematik von Umweltverschmutzung und Klimaproblemen findet in  künstlerisch hervorragenden Fotos ihren Ausdruck.

    Die Ausstellung wurde in der TATE-Modern in London konzipiert. Sie ist ein Augenschmaus, ein farbenfrohes einfühlsames Bild eines ganz modernen Kontinents.

    Interessant ist dabei auch, dass vorwiegend die junge Fotokünstlergeneration Afrikas präsentiert wird, jenseits der etablierten Namen wie Zanele Muholy, Omar Victor Diop (z.Zt in der Völklinger Hütte) oder Samuel Fosso (KINDL-Museum Berlin).

    „A World in Common“  C/O Berlin im Amerikahaus am Zoo, 1.Februar 2025 bis 7. Mai 2025.