• Roee Rosen

    Israelischer Künstler in Hannover

    Der Kunstverein Hannover hat den israelischen Künstler Roee Rosen für eine Einzelpräsentation vor 1 ½ Jahren eingeladen. „Auch wenn alle von Cancel-Culture reden, man kann doch einen Künstler nicht wieder ausladen. Außerdem zeugt die Kunst von Roee Rosen seit jeher von seiner kritischen Haltung gegenüber der Politik seines Landes. Da müssen propalästinensische Protestgruppen auch mal genau hinsehen, bevor sie uns kritisieren.“, betont der Direktor und Kurator des Kunstvereins Hannover Christoph Platz-Gallus anlässlich der Eröffnung der Ausstellung.

    Roee Rosens Film „The Dust-Channel” war das Lieblingskunstwerk vieler BesucherInnen auf der Documenta 14 im Ausstellungsteil in Kassel. Hier kritisierte er seine Landsleute als übertriebene Sauberkeitsfanatiker, jedoch nicht nur beim Staubsaugen mit dem Dyson, sondern auch wegen der permanenten Säuberungsideen von illegalen Einwanderern.

    „Kafka for Kids“ ist der neue farbenkräftige, kitschig-skurrile Musik-Film, in dem Rosen im Jahr des 100jährigen Geburtstags des Dichters seine Interpretation der „Verwandlung“ als Musikfilm zeigt. Er ist absolut nicht nur für Kinder, sondern gespickt mit Spitzen, wie Kindheit in den israelisch besetzen Gebieten durch das Militärrecht zerstört wird.  

    Roee Rosen kreiert auch gern fiktive Charaktere inklusive Lebenslauf, die als Schriftsteller oder Malerinnen politische Kritik gestalten: Maxim Komar-Myshkin (geb 1978 in der Sowjetunion, gestorben 2011 in Israel) wanderte 2000 nach Israel aus, weil er – wahrscheinlich wahnhaft- überzeugt war, dass Putin seine Ermordung angeordnet hätte. In einem Saal ist die – fiktive – Geschichte dieses Künstlers in über 20 Bildern und Texten ausgestellt, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit sowjetischen Ereignissen und Namen aufweisen. Maxims Tod wurde als Suizid deklariert.

    Auch die Geschichte der jüdisch-belgischen Malerin Justine Frank ist ein Konstrukt des Künstlers. Sie wanderte 1934 nach Palästina aus und malte provokant surrealistisch gegen das gängige sexuelle Modell des dominanten Mannes und der krampfhaften Pflicht der Frau zu Schönheit. Sie nannte sich „Frankomas“ in Analogie zum genial kriminellen Fantomas. 1943 verließ sie das Haus, in dem sie bei ihrer Freundin wohnte und wurde nie wieder gesehen. Ein Video und viele Bilder illustrieren dieses Narrativ von Roee Rosen.

    Ein anderes Thema für ihn ist Freuds Psychoanalyse. Die Titelseite der englischen Ausgabe des Standardwerkes veränderte der Künstler auf viele Arten und somit auch die Aussagen.

    Sehr bedrückend und aktuell ist der letzte Raum mit den „Gaza War Tattoos“. Die Schriften der Tattoos beinhalten viele Formulierungen, die vom Militär als verharmlosende Ausdrücke für Greueltaten benutzt werden. Auf einen menschlichen Rücken projiziert der Künstler Namen, die die israelische Armee ihren Angriffen auf Gaza gegeben hat. Auf der anderen Seite deklariert Israel sogenannte „Sichere Zonen“, doch auch dort wurde heftig bombardiert.

    Es ist eine Ausstellung mit klarer politischer Haltung des Künstlers zu den Taten seiner Regierung. Aber es sind auch Werke zu finden, die einfühlsam über Liebe, Krankheit, Zuwendung und Tod sprechen. Wer sich auf diese Kunst einlassen will, sollte sich Zeit fürs Lesen mitbringen. Durch die Hintergrundinformationen gewinnt diese Ausstellung enorm.

    Roee Rosen: “The Kafka Companion to Wellness” im Kunstverein Hannover vom 9. November 2024 bis 12. Januar 2025

  • Nan Goldin 2024 in Berlin

    Trennung von Kunst und Politik: Fehlgeschlagen!

    Soll das politische Statement einer Künstlerin höhere Wellen schlagen als ihre Kunstwerke? Das bleibt die große Frage.

    Vor kurzem wurde die renommierte amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin in der Akademie der Künste mit dem Käthe Kollwitz-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und eine Show zeigte ihre sehr bewegende Darstellung einer Community von Randgruppen der Gesellschaft in den USA der 70er bis 90ger Jahre. Ihre Fotos sind nie voyeuristisch, sondern voller Vertrautheit und liebevoller Beziehungen. Sex and Drugs and Rock n Roll; so erlebte Nan Goldin die Welt der Drag-Queens und der Trans-Menschen, bei denen sie in Boston ein besseres familiäres Zuhause als ihr eigenes fand.

    Jetzt wurde ihre Retrospektive in 6 Kapiteln in der Neuen Nationalgalerie eröffnet. In je einem schwarzen Pavillon innerhalb des großen Ausstellungsraumes wird eine der ursprünglichen Dia-Shows als filmischer Zusammenschnitt präsentiert. Die Konzeption stammt aus dem Moderna Museet Stockholm, kuratiert von Fredrik Liew, dem dortigen Chefkurator, der die Videos gemeinsam mit Nan Goldin erstellte.

    In Stockholm und später in Amsterdam gab es großes Lob für diese Ausstellung der Künstlerin mit Weltruhm. Fredrick Liew bekräftigt, dass er sie unbedingt einem größeren Publikum präsentieren wollte und deshalb sehr froh sei über Berlin und Deutschland mit der wesentlich größeren Bevölkerungszahl.

    Diese Idee übernahm offensichtlich auch die Künstlerin. So nutzte sie Berlin, wohlwissend der komplexen historischen Verantwortung Deutschlands, um mit einer gesicherten lautstarken Öffentlichkeitswirksamkeit ihrem aktuellen Kampf für Palästina Gehör zu verschaffen.

    Politischer Aktivismus ist Nan Goldin nicht unbekannt. Sie hat extrem erfolgreich und dankenswert den Kampf gegen die Pharmaindustriellen-Familie Sackler in den USA geführt. Diese hatte mit der werbewirksamen Verharmlosung des Schmerzmittels Oxicodin Milliarden verdient, aber viele Menschen opiatsüchtig gemacht. Inzwischen ist es der Verdienst von Nan Goldin, dass keins der großen Museen in der Welt noch Geld der ehemaligen Mäzene annimmt und alle ehrenhaften Namensschilder entfernt wurden.

    War das erfolgreiche Ende dieses wirklich bewundernswerten Engagements, das sie ausschließlich mit künstlerischen Mitteln erreicht hatte, jetzt ein Grund, sich ein neues Thema für neue Aufmerksamkeit suchen zu müssen?

    In keinem der 6 Pavillons der Ausstellung mit dem verheißungsvollen Titel „This will not end well.“ zeigt sich ein Zusammenhang mit dem israelisch/palästinensichen Konflikt.

    Am Vormittag beim Pressegespräch sagte Nan Goldin, die Welt sei heute so schrecklich. Auf die Frage, was sie denn damit besonders meine, antwortete sie primär spontan: „Trump!“ Dann ergänzte sie eher leise: “Palästina, Libanon, Gaza, Sudan.“ Erst mit großem Publikum am Abend und propalästinensischen Demonstranten vor dem Museum wurde ihr Statement laut, wobei sie erneut den Überfall der Hamas auf Israel als Auslöser unerwähnt ließ.

    Der Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach stellte sich deutlich gegen jegliche Cancel-Culture-Ideen und bekräftigt, dass er keine Künstlerin ausladen würde, die er schon vor mehreren Jahren eingeladen hatte. Vielmehr organisierte er ein Symposium, wo die politische Sicht der Künstlerin sachlich kontextualisiert werden soll. Er und das Team des Museums würden die Sicht der Künstlerin nicht teilen, aber er möchte sich jederzeit dafür einsetzen, dass jede Meinung frei geäußert werden dürfe. Damit fand er gestern wenig Gehör.

    Individualpsychologisch könnte eine Erklärung sein, dass Nan Goldin in einem jüdischen konservativen, aber lieblosen Elternhaus aufgewachsen ist. Ihre ältere Schwester Barbara wurde von den Eltern in der Pubertät wegen unpassenden Verhaltens in einem Erziehungsheim und in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht. Als sie Suizid beging, war Nan Goldin 11 Jahre alt. Im Ausstellungs- Pavillon „Sisters, Saints and Sibyls“ thematisiert sie ihre Familiengeschichte. Zusammen mit ihrem weiteren schwierigen Lebenskampf ist diese frühe Traumatisierung bestimmt persönlichkeitsprägend. Auch über die Erlebnisse mit Drogenrausch und dem Verlust lieber Menschen durch AIDS gibt die Ausstellung einen einfühlsamen, teils verstörenden Einblick.

    Hat Nan Goldin jetzt aber mit Ihrem Auftritt bei der Vernissage den bedrohten Bevölkerungen im Nahen Osten, der Kunst oder sich selbst mit ihrem Statement einen Gefallen getan?

    Nan Goldin: „This will not end well“; Neue Nationalgalerie Berlin 23.November 2024 bis 6. April 2025

    Weitere Beiträge über Nan Goldin in diesem Blog: https://inartberlin.com/2023/01/24/nan-goldin/

    https://inartberlin.com/2023/03/06/nan-goldin-der-film/

  • Afrikas wahre Größe

    Kulturgeschichte und Gegenwartskunst in der Völklinger Hütte

    „The True Size of Africa“ ist ein Fest der Sinne, in das einzutauchen eine wahre Freude ist.

    Vor 120 Jahren wurde Afrika in der von Otto von Bismarck berufenen Kongokonferenz in Berlin unter den Kolonialmächten territorial einfach aufgeteilt ohne jegliche Beteiligung der einheimischen Bevölkerung. Es folgte die systhematische Ausbeutung des Kontinents und der dort lebenden Menschen.

    Jetzt wird Afrika in der Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte in seiner individuellen Schönheit, aber auch mit den aktuellen Problemfeldern künstlerisch völlig neu vorgestellt.

    Über zwanzig Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln räumen auf mit Klischees und stereotypen Ansichten. Sie alle haben bereits in der Kunstwelt einen bedeutenden Namen, stellten bei den Biennalen in Venedig und Sharjah, bzw. der Documenta aus. So bietet die bemerkenswerte Ausstellung ein Ensemble qualitativ hochwertiger künstlerischer Positionen, die im Ambiente der Gebläsehalle des Industriedenkmals mit den riesigen Maschinen und Schwungrädern ihre ästhetische Präsenz besonders entfalten.

    Eingestimmt durch die afrikanische Version des Steigerliedes von Emeka Ogboh im Pumpenhaus gelangt man zunächst in den Bereich historischer Artefakte auf Afrika, die mittels Media-Guide eine aktualisierte Geschichte Afrikas berichten.

    Zwei Kunst-Reihen aus auf flatternde Textilien gedruckten Fotos begleiten auf beiden Seiten den Weg: Zanele Muholys schwarz-weiße Selbstportraits mit skurrilen Frisuren aus Wäscheklammern oder Ladekabeln sind eine Persiflage auf das Klischee, dass afrikanische Menschen stets exotisch aussehen müssen. Die Schönheit der Künstlerin ist jedoch in allen ihrer Arbeiten auch das Plädoyer gegen die verbreitete Diskriminierung afrikanischer Queer-Menschen.

    Auf der anderen Hallenseite hängen die Selbstportraits von Omar Victor Diop, der sich in Outfits berühmter Forscher oder Helden abgelichtet hat; stolz, schön und selbstbewusst. Als Gag haben alle ein Sportutensil bei sich; eine Anspielung, dass heutzutage Persons of Color nur als Spitzensportler Weltruhm erlangen können.

    Diop integriert in einer anderen Serie auch Fische, Vögel oder Insekten naturecht in seine Fotocollagen. „Viele meiner Landsleute kennen diese Wesen gar nicht aus ihrer Umgebung. Ich möchte ihnen zeigen, wie schön und schützenswert sie sind, so ähnlich wie ein Biologie-Buch.“

    Auf der großen Bühne in der Gebläsehalle stehen glitzernde Figuren aus Kostümen der Gruppe Kongo-Astronauts. Sie sind geschmückt mit Elektroschrott aus Platinen, Tastaturen und PC-Bauteilen. Das Thema ist der für die Arbeiter gefährliche Abbau selnener Erden, Kobalt u.a, die unersetzlich für unsere Elektronikindustrie sind. Es folgt deren Ausfuhr in den Rest der Welt und am Ende kommt alles als Elektronikschrott zurück nach Afrika, wo Kinderhände die Urstoffe mühsam recyclen.

    Das gleiche Thema der Wirtschaftskreisläufe seltener Bodenschätze will auch Memory Biwa mit ihrer besonderen Sound- Installation im Untergeschoss ansprechen. Sie dekoriert große Schalen mit rotem Sand ihrer Heimat Namibia mit Klängen aus Städten und dem Bergbau.

    Auch die weitere TeinehmerInnenliste enthält Namen weltweit etablierter Künstlerinnen und Künstler, die es in den Nieschen der Gebläsehalle überall zu entdecken gilt:

    Zum Beispiel Yinka Shonibares Monument einer Dienerin in seinen bekannten farbenprächtigen Stoffen gekleidet.

    Auch die Gruppe der Plantagenarbeiter aus Lusanga CATPC steuert 3 Figuren aus Schokolade bei, wie sie sie im Niederländischen Pavillon in Venedig gerade präsentiert.

    Natur- und Umweltthemen sind auch in der Dreikanal-Video-Installation von John Akumfrah zu erleben, allerdings nach einem langen Weg bis in die Erzhalle. Der Künstler, der aktuell auch den britischen Pavillon in Venedig bespielt, zeigt Afrika in allen Schönheiten wie riesigen Sonnenbluhmenfeldern oder Elefantenherden, aber auch mit den Problemen von zerstörten Landschaften, gequälten Tieren oder geschundenen Menschen im Bergbau.

    So ist der Parcours zwischen den Turbinen und Rädern der Gebläsehalle bis zur Erzhalle eine wahre Augenweide und Quelle wunderbarer Erlebnisse für jeden Kunstfreund ob mit oder ohne Wunsch auf tiefe Hintergrundinformationen.

    „The True Size of Africa“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bei Saarbrücken, vom 9. November 2024 bis 17. August 2025

  • Emeka Ogboh

    Sound- und Bier-Künstler aus Nigeria

    Emeka Ogboh hat zu der großen Afrika-Ausstellung „The True Size of Africa“ in der Völklinger Hütte drei Kunstwerke neu und side-specific geschaffen. INArtberlin sprach mit ihm über seine ungewöhnliche Art des Kunstschaffens anlässlich der Ausstellungseröffnung.

    Inartberlin: „Schon 2017 bei der Documenta 14 ließen Sie ein spezielles Bier damals in Einbeck brauen. Es war eine dunkle Komposition mit besonderen afrikanischen Aromen und recht hohem Alkoholgehalt. Der Name Sufferhead signalisierte die Wirkung am Tag danach.“

    Emeka Ogboh: „ Für Völklingen jetzt hat das Bier keinen hohen Alkoholgehalt oder afrikanische Gewürze. Es ist rotbraun, ein Red Ale und trägt den Namen“ROST“. Es ist ein Symbol für den Stahl, der hier hergestellt wurde, ein extrem hartes Material, das aber doch von Korrosion zerstört werden kann. Und Korrosionen passieren auch mit Menschen, wenn sie geschunden und ausgebeutet werden. Der Bergbau ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Süden Afrikas und dem Saarland. Es bleibt bei der Produktion rote Schlacke übrig. In Afrika färbt zusätzlich roter Sand die Luft. Das Bier aber wird von allen Bergleuten nach einem schweren Arbeitstag an der Theke getrunken!“

    Auch das zweite Werk für die aktuelle Ausstellung knüpft an die gemeinsame Bergbautradition an. Als Mehrkanal-Soundinstallation lässt Ogboh afrikanische Sänger das Steigerlied singen, jedoch auf einer afrikanischen Sprache Namibias mit von ihm neu verfassten Text. Dieser handelt vom Leid der Arbeiter durch Ausbeutung in der Kolonialzeit. Der Klang ist gleich am Eingang eine immersive Einstimmung der Besucher auf die Welt Afrikas oder Unter Tage.

    Inartberlin: Sie sind aus Nigeria, aus Lagos und leben jetzt in Berlin. Warum?

    Emeka Ogboh: „Sound-Kunst kann ich nicht in Lagos machen. Da ist es unglaublich laut. Sie denken, Berlin sei laut. Doch das bisschen Straßenlärm ist gar nichts gegen Lagos. Da würde jede Soundinstallation übertönt.“

    Als drittes Kunstwerk ist „Der Chor der Aufgegebenen“ im Außengelände der Völklinger Hütte zu erleben. Fünf ausrangierte Hängebahn-Loren werden durch kleine Motoren in wechselnder Choreographie „zum Leben erweckt“.

    E.O.: „ Es klingt erst wie ein unterschiedliches Quietschen und Knarren, aber auch ein wenig wie Glocken, die die Zeit ansagen.“

    I.B.: Welche nächsten Projekte können wir von Ihnen erwarten?

    E.O.: „Ich möchte auch etwas Ungewöhnliches mit Speisen machen. Dafür recherchiere ich jetzt in Berlin. Es gibt dort so eine riesige fantastische Vielfalt internationaler Küchen!“

    Emeka Ogboh ist mit seinen Werken der markanteste Künstler der Ausstellung „The true size of Africa“ und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wirkungsvoll Kunst auch durch Sound oder Getränke als Darstellungsformen sein kann.

    Emeka Ogboh bei „The true size of Africa“ in der Völklinger Hütte, 9.11.2024 bis 17.August 2025

  • Internationaler Folkwang-Preis für William Kentridge

    Er ist einer der vielseitigsten Künstler und stammt aus Johannisburg, doch seine Kunstwerke begeistern Menschen auf allen Kontinenten.

    William Kentridge (Jg1955) arbeitet mit Kohlezeichnungen, Animationsfilmen, Papiercollagen, Installationen, Bühnenbildern oder führt Regie bei Theaterstücken.

    In Deutschland ist er vielen Besuchern der dOCUMENTA(13) in Erinnerung geblieben. Seine dortige Installation 2012 im Kulturbahnhof zeigte auf vier Wänden in dem alten Lagerraum Szenen aus dem Leben von Familien, experimentierenden Wissenschaftlern oder die scherenschnittartige Darstellung von Prozessionen. In der Mitte des Raumes gab eine hölzerne Maschine den Arbeitstakt an, ebenso wie die Metronome in den Filmsequenzen. „The Refusal of Time“ war der Titel und stellte mahnend dar, wie unsere permanent getacktete Zeitplanung gefährlich ist und jegliche Kreativität verhindert.

    Im Pressegespräch am 4.November 2024 in Essen anlässlich der aktuellen Preisverleihung erzählt William Kentridge von seiner Arbeit im Atelier, als er ganz allein die 9 Episodenfilme „Self-Portrait as a Coffee-Pot“ während der Pandemie herstellte. Er arbeite immer mit Einzelbildaufnahmen, bei denen er nach jedem Bild seine Zeichnung selbst kurz verändert. Nein, er habe eine Assistenz nicht vermisst. „Ich laufe immer zwischen Kamera und Leinwand hin und her. Das mag ich, denn wenn da ein Assistent auf den Auslöser drückt, kommt eine Hektik auf, man denkt, man muss immer schneller werden und darunter leidet meine Kreativität.“

    Die jeweils 30minütigen Filme sind zurzeit in Venedig nahe den Giardini der Biennale zu sehen, aber auch auf der Internetplattform „MUBI“.

    INart.berlin: „Abgesehen von der Arbeitsweise, welche Inhalte möchten Sie mit Ihrer Kunst vermitteln? In Ihren älteren Arbeiten ging es oft um das Leben in Südafrika und die Ungerechtigkeiten hierdurch in der Gesellschaft. Heute diskutieren Sie in den Coffee-Pot Szenen mit sich selbst über Ihre Rolle als Künstler für die Menschheit.“

    W.K.: „Richtig! Mir geht es grundsätzlich um Kolonialismus überall. Doch ebenso um Optimismus. Beispielsweise ist die BRAS-Band aus „Refusal of Time“ ein Symbol für Optimismus.

    Die politischen Themen kommen immer automatisch von überall draußen in die Arbeit hinein, auch in das geschlossene Atelier. In den aktuellen Filmen wollte ich die Frage aufwerfen, ob aber nicht ebenso gut ein Coffee-Pot oder ein anderer Gegenstand die Rolle des Künstlers einnehmen kann, der die Fragen der Zeit aufgreift. Ein Gedankenspiel.“

    Den Preis erhält William Kentridge zum 70sten Geburtstag. In Deutschland wird er mit einer Doppelausstellung im September 2025 unter dem Titel „Listen to the Echo“ hierfür geehrt.

    Im Museum Folkwang in Essen soll der Schwerpunkt auf dem Bergbau als Verbindung zwischen Johannisburg und dem Ruhrgebiet liegen. Bergbau ist ein oft wiederkehrendes Thema bei William Kentridge,, ebenso wie die Verwendung von Kohle zum Zeichnen.

    Gleichzeitig werden in der Dresdener Albertina die Prozessionen, die so oft in Werken von Kentridge vorkommen, in Bezug auf den berühmten Dresdner Fürstenzug gesetzt. Können wir uns dort vielleicht auf die Optimismus-Musik der südafrikanischen Brass-Band freuen?

    Auch von INArtberlin ein Herzlicher Glückwunsch zu dem wichtigen Kunst-Preis an WILLIAM KENTRIDGE!

  • „Drei Zellentüren“

    Ein Kunstwerk erzählt die Geschichte des Maßregelvollzugs

    Manchmal ist es ein Glücksfall, wenn nicht gleich alles im Müll oder beim Schrotthändler entsorgt wird. So kamen 3 schwere Zellentüren eines über hundert Jahre lang betriebenen „Verwahrhauses für verbrecherische Geisteskranke“ in Göttingen zu der späten Ehre, ein Kunstwerk und Mahnmal zu werden.

    Am 25.10.2024 wurde das Kunstwerk „Drei Zellentüren“ eingeweiht. Es steht als „Site-specific sculpture“ neben dem Neubau des Maßregelvollzugszentrums für psychisch kranke Straftäter und nur wenige hundert Meter entfernt vom historischen Verwahrhaus.

    „Diese Zellentüren erzählen die Geschichte des Wandels“, sagte der Künstler Andreas Spengler. „Sie sind auch eine Mahnung, die menschliche Würde in den Mittelpunkt zu stellen.“ Spengler, der neben seiner früheren Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Klinik in Wunstorf auch ein angesehener Künstler ist, schuf das Werk im Geiste des „Object trouvé“ oder „Ready made“ : alltägliche Gegenstände, denen durch neue Kontexte und Perspektiven eine tiefere Bedeutung verliehen wird.

    Bis zum Umzug der Klinik in einen Neubau 2016 wurden die Zellentüren noch im alten Gebäude genutzt. Jetzt schauen sie als „Einäugige“ den Vorbeigehenden entgegen. Sie beugen sich in alle Richtungen, fallen aber nicht um. Welche Szenen spielten sich womöglich hinter diesen Türen ab? Sie haben nur auf einer Seite Bohrlöcher für eine Türklinke, auf der anderen gibt es keine Montagemöglichkeit, nicht einmal für einen Türknauf.

    Kunst als Brücke zwischen der Gesellschaft und Ausgeschlossenen war beispielsweise auch auf der Venedig-Biennale eine künstlerischen Position. Der Vatikan hatte Künstler beauftragt, im Frauengefängnis von Venedig Werke, passend zum Ort und gemeinsam mit den Insassinnen zu installieren. Der Kontakt über die Kunstwerke war durch die folgenden öffentlichen Führungen für beide Seiten eine gelungene humane verständnisfördernde Annäherung.

    Auch die Installation in Göttingen bietet als Kunstwerk die Chance einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den Menschen im dortigen Maßregelvollzug, sowohl mit den Untergebrachten als auch den dort tätigen Pflegekräften und Therapeuten. Ein bewegendes Werk als „Denk mal!“

    Hier noch Impressionen aus dem alten „Verwahrhaus“, später „Festem Haus“

    Adresse des Standortes der „Drei Zellentüren“: Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, Ulrich Venzlaff Str., 37081 Göttingen

    Zum Pavillon des Vatikans auf der Venedig Biennale:

  • SCHWERELOS in Wolfsburg

    Leandro Erlich stellt unsere Weltsicht auf den Kopf

    Das Kunstmuseum erinnert zuerst an einen Hollywood-Freizeitpark, doch es ist weit mehr als reines Vergnügen, die Ausstellung mit allen Sinnen zu entdecken.

    Leandro Erlich hat riesige Installationen geschaffen, die unsere Wahrnehmung verwirren und uns anregen, die darin liegenden Rätsel zu lösen.

    Ein komplettes Haus schwebt in der Luft, herausgerissen aus seiner Umgebung, aber es hängen noch Wurzeln unter der Bodenplatte.

    Der Mond scheint im Gegensatz dazu auf der Erde gelandet zu sein. In dieser 12 m hohen Kuppel mit 20 m Durchmesser können wir in das uns komplett umgebende Universum eintauchen und werden taumeln.

    Die Erdoberfläche hängt dagegen über unseren Köpfen als Landschaft unter der Museumsdecke.

    Außerdem steht eine Rakete startbereit senkrecht, doch unser Blick hinein sieht das Innere horizontal vor uns, während darin andere Besucher in Schwerelosigkeit zu schweben scheinen.

    Eine Ausstellung voller Fragen, die unglaublich neugierig macht.

    Künstlerinterview:

    INArtberlin sprach mit dem sympathischen argentinischen Künstler Leandro Erlich (Jg.73) anlässlich der Eröffnung der Ausstellung:

    I.B.: Wie entstand dieses Projekt und warum gerade in Wolfsburg?

    L.E.: Der Museumsleiter Andreas Beitin lud mich ein, weil er meine Arbeiten mochte und sein Gebäude für besonders geeignet für meine Ideen hielt. So reiste ich hierher und war auch begeistert. Man findet kaum ein Museum mit solch einem riesigen Raum. Das inspirierte mich sofort.

    I.B.: Sie hätten Ihre großen Objekte auch in einer alten Industriehalle aufbauen können?

    L.E.: Nein, das ist nicht dasselbe. Ich möchte Menschen verblüffen und in Ihnen Zweifel und Neugier wecken. In einem Museum erwarten sie sonst Kunstobjekte, die sie passiv anzuschauen sollen. Doch man kann niemanden zum Denken aktivieren, indem man ihn auf eine Bank setzt und sagt, schau dir das an und lies den Text.

    In meine Objekte kann man hineingehen, erlebt optische Phänomene und denkt kreativ nach, wie so etwas wohl funktioniert.

    I.B.: Im Mond stehen wir komplett im Universum, Galaxien umkreisen uns aus allen Richtungen. Doch man sieht keinen Sternenprojektor wie im Planetarium. Wie funktioniert das?

    L.E. Ja, das ist genau so eine Wahrnehmung, die schwindelig macht und Fragen aufwirft. Wir haben 8 Projektoren hinter der Wand im Kreis versteckt mit nur je einer kleinen durchgehenden Optik. Wie die Kugel im unteren Bereich funktioniert, sollten Sie selbst herausfinden!

    I.B.: Auch die Rakete stellt die Gravitationsgesetze auf den Kopf.

    L.E.: Meine Werke sind immer erst komplett, wenn die Besucher sie voller Zweifel erklettern und versuchen die Rätsel zu lösen, und zwar spielerisch mit viel Humor und Freude. Wir brauchen kritisch und kreativ denkende Menschen, um die großen Probleme unserer Zeit zu bewältigen.

    I.B.: Auf der Empore stehen einige kleine Skulpturen. Eine erinnert an die Modelle von Mike Kelley, die Superman‘s geschrumpfte Heimatstadt auf Krypton darstellen sollten.

    L.E.: Mein Quarz-Kristall soll die enge Verknüpfung von natürlichem Material und den baulichen Veränderungen durch die Menschheit darstellen. Deshalb wachsen Mini-Hochhäuser daraus hervor. Nein, ich wollte keinen Zusammenhang mit Superman zeigen.

    Auch die anderen Skulpturen wie die Schlange mit menschlichen Händen sind Symbole für die Verbundenheit zwischen menschlichem Leben und der Natur.

    I.B.: Das entwurzelte Haus schwebt bodenlos im Raum, als wolle es in einen Orbit um den am Boden gelandeten Mond herum kreisen. Im Inneren des Hauses schweben alle Gegenstände schwerelos.

    L.E.: Symbolisch soll es daran erinnern, dass viele Menschen aktuell in Migrationssituationen leben. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie dort durch Kriege oder Katastrophen bedroht sind. Sie sind entwurzelt und es bleibt stets die Frage, wo wir unsere Heimat empfinden und ob wir uns wieder neu verwurzeln können.

    Doch heutzutage haben Menschen auch ohne Not ihren Ursprungsort verlassen. Auch ich zum Beispiel: ich bin in Argentinien aufgewachsen, bin zum Philosophiestudium nach Huston /Texas gegangen, später nach Paris und England. Heute lebe ich in Frankreich oder Buenos Aires. Mein Name hat einen deutschen und jüdischen Ursprung. Meine Vorfahren sind schon früh vor der Nazizeit aus der Ukraine nach Argentinien immigriert. Wir denken, dass damals durch einen Schreibfehler uns womöglich das „H“ im Namen verloren gegangen ist. Mein Sohn lebt jetzt in Barcelona. Migration ist also ubiquitär. Ich philosophiere oft über dieses Thema; auch immer gern mit anderen Menschen, die ich treffe.  

    Mein Eindruck ist, dass auch die Menschen in Deutschland viel Philosophie in ihrem Denken haben. Nicht nur Goethe, Schiller und Nietzsche, sondern z.B. auch Karl Marx stammen hierher. Ich meine nicht den Marxismus als Staatsform, sondern die philosophischen Thesen von Marx.

    Die Besucher in Wolfsburg werden sich von meinen Werken bestimmt zum intensiven Nachdenken anregen lassen. Doch sie sollen auch viel Spaß bei ihren Entdeckungen haben.

    I.B.: Vielen Dank für Ihre Gedanken und die fantastische Ausstellung.

    Leandro Erlich: „Schwerelos“ im Kunstmuseum Wolfsburg, 12.Oktober 2024 bis 13.Juli 2025

  • Erwin Wurm

    Humorvoll, skurril und zeitkritisch zugleich

    „Humor ist eine Waffe“, hat Erwin Wurm einmal gesagt. Doch er versteht sich nicht als Humorist. Vielmehr setzt er seinen Witz ein, um den „Alltag aus einer anderen Perspektive“ zu zeigen.

    Die Albertina Modern in Wien zeigt anlässlich seines 70. Geburtstages eine Retrospektive des österreichischen Künstlers mit vielen Skulpturen, voll von skurrilem Humor getragen. So sitzt beispielsweise eine Handtasche, die einem Klassiker von Hermes mit einem Wert von etwa 7000 € täuschend ähnlich ist, balancierend auf zwei ultraschlanken Beinen. Eine Gruppe von Würstchen stellt er eng umschlungen wie in einem erotischen Tanz dar.

    Wurm kippt die gewohnte Wahrnehmung der uns umgebenden Realität und eröffnet mit seinen Kunstwerken Möglichkeiten, neue Perspektiven und Fragen aufzuwerfen: Was passiert, wenn ich die Schwerkraft missachte, was, wenn Häuser zu schmelzen beginnen.

    Schon 2017 hatte er den Auftrag zur Gestaltung des österreichischen Pavillons auf der Biennale in Venedig. Er stellte davor einen echten LKW, jedoch senkrecht mit der Front auf den Boden, so dass er eine permanente Angst auslöste, er könne sofort umkippen.

    Auf der aktuellen Ausstellung zeigt Wurm Modelle berühmter Gebäude, die zusammenschmelzen.

    Aus einem sonst flotten Cabrio wird ein aufgequollenes üppiges Luxusauto; ein „Fat Car“ als Symbol von Gier, Überfluss und Warenfetischismus in unserer Gesellschaft.

    Der Künstler arbeitet auch mit performativen Interventionen. Einige Skulpturen laden explizit zu Interaktionen ein. Das nennt Wurm: „one minute sculptur“ . Besonders Jugendliche haben eine große Freude dabei, darauf herumzuklettern und sich selbst zum Teil der Kunstwerke zu inszenieren.

    Das Paradoxe und Absurde unserer Welt möchte er auch beleuchten. Erwin Wurt baut menschliche Figuren, lässt aber die Körper einfach weg, so dass lediglich die Kleidung als geisterhaftes Relikt wie ein Phantom zurückbleibt.

    Die Ausstellung lädt Besucherinnen und Besucher ein, insbesondere das Paradoxe und Absurde unserer Welt, unseres Lebens und Alltags zu reflektieren, was enorm viel Freude macht, ohne banal zu werden.

    ALBERTINA modern, Wien; 13.Sept. 2024 bis 9.März 2025

  • 17. Biennale de LYON

    “Les voix des fleuves, crossing the water”

    Der Titel „Biennale“ ist für sich keineswegs ein Qualitätssiegel, er bezeichnet lediglich ein Ereignis, das alle zwei Jahre stattfindet. Doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst sind die Erwartungen einer großartigen Präsentation aktueller Kunst allein schon mit diesem Begriff verbunden, weil es nahe liegt, jede Ausstellung mit dem Namen Biennale zunächst an der größten, ältesten und international renommiertesten Biennale, nämlich der in Venedig zu messen. Doch dieses Niveau wird weltweit an keinem anderen Ort erreicht. Daher ist es angemessener, auch in Lyon die Maßstäbe etwas bescheidener zu setzen. Unter dieser Prämisse sind auf dieser französischen Biennale auch 2024 viele interessante Perlen zeitgenössischer Kunst zu entdecken.

    Gestaltet wurde die Lyon-Biennale von der Art-Direktorin Isabella Bertolotti und der Kuratorin Alexia Fabre, die stets im Duo in trauter Einigkeit auftreten.

    Die größte Location in Lyon sind die riesigen Lockhallen, in denen die ausgewählten Künstler und Künstlerinnen Größe zeigen können, aber auch müssen. Einige Beispiele:

    Die 27-jährige Französin Mona Cara zeigt eine textile Installation, die sie Kaktus genannt hat. Ihre eigene Erklärung ist, dass ein Kaktus auch bei Wassermangel überleben könne und somit ein Fluchtpunkt für alle möglichen Lebewesen sei. Sie übertrug dies auf eine Herberge mit Café für Menschen und ließ ihren Computer-Entwurf von einer speziellen Weberei gestalten. Der bunte beeindruckend große Webteppich fällt sofort ins Auge und bereitet nicht nur den Kindern viel Freude.

    Der Österreicher Hans Schabus (Jg 1970) baute in den Dimensionen des Airbus A 321, der in Toulouse gebaut wird, aus Holz eine Röhre, die eine besondere Empfindung beim Durchschreiten erzeugt. Er verrät im Gespräch, dass er die Mobilität von uns Menschen thematisieren möchte, diese jedoch erheblich verlangsamt. Hierfür symbolisch werden die haltenden Holzringe von Schildkröten gestützt. Doch der große Tunnel sei ebenfalls geeignet, im Sinn des Ausstellungstitels (Crossing the water) einen Fluss zu überbrücken. Das Kunstwerk liegt majestätisch in der großen Lockhalle und duftet herrlich nach dem Holz.

    Die „Healthy Boy Band“ aus Wien ist eine Gruppe von drei jungen Koch-Künstlern. Sie haben auf der Lyon-Biennale einen langen Tisch aufgestellt als Anreiz, gesellig zusammen zu sitzen. Ergänzt wird diese Installation von Automaten mit selbst-kreiertem Saft-Cocktail (sehr lecker mit Karottengeschmack, leichter Chili-Note und mehr). Ihre künstlerische Botschaft sei, wie Felix Schellhorn im Interview erklärte, dass nicht nur ein exzellentes Menu die Qualität eines Restaurants ausmachen soll, sondern immer auch die kreative Art, Menschen beim Essen und Trinken zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenzuführen. Die „Healthy Boy Band“ hat bereits im deutschen TV ihre Kochkunst durch einen Sieg im Duell gegen Tim Mälzer unter Beweis gestellt. Kochen als Kunstwerk? Durchaus! Man kann dies analog zu Rirkrit Taravanija (aktuelle Präsentation im Gropius-Bau in Berlin) als soziale Skulptur, einen etablierter Kunstbegriff, definieren.

    Jeremy Deller (London, 1976) stellte Banner in bunter Vielfalt zusammen, wie sie bei Demonstrationen oder Prozessionen von Menschen durch die Straßen getragen werden könnten. Die Botschaften sollen leicht verstehbar sein, wobei der kritische Inhalt mit der fröhlichen Farbenfreudigkeit kontrastiert.

    In einem Gebäude in der charmanten City von Lyon, der „Cité internationale de la Gastronomie – Grand Hotel-Dieu“ finden sich ästhetisch beeindruckende Kunstwerke, deren Schönheit sich besonders im kompositorischen Arrangement in den historischen Räumen entfaltet.

    Ein weiterer Ausstellungsort ist das IAC- Institut d’art contemporain, in dem die Besucher*Innen ein wahres Labyrinth extrem unterschiedlich gestalteter fantasievoller Räume durchschreiten müssen und immer wieder herrlich überrascht werden.

    Das MacLYON ist das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem Werke der Biennale zwischen denen der Dauerausstellung hängen. Als Ort wenig interessant, da es nach dem Prinzip des White Cube in keiner Weise die Spannung aufbauen kann wie zum Beispiel die alte verlassene Industriehalle  „Grandes Locos“.

    Die Lyon Biennale zeigt durchaus ansprechende Highlights zeitgenössischer Künstler*Innen, auch wenn es beispielsweise in der großen Lockhalle an den Vorbesichtigungstagen etwas leer und verloren wirkte. Doch dann strömten nach der offiziellen Eröffnungsrede plötzlich wirkliche Massen an Kunstinteressierten aller Altersklassen und Nationalitäten durch die geöffnete Absperrung und feierten die Kunst bei Musik im Sonnenuntergang, und nicht nur am Getränkestand, sondern auch bei den Kunstwerken, wo gelacht, getanzt und intensiv diskutiert wurde. Ein fantastisches Fest für die Kunst!

    17. Biennale de Lyon (Frankreich), 21.Sept. 2024 bis 5.Jan. 2025

  • Das Phänomen Anne Imhof

    Finissage im Kunsthaus Bregenz

    Dem Phänomen Anne Imhof auf die Spur zu kommen, kann nie vollkommen objektiv sein. Vielmehr vermischen sich Fakten mit Emotionen der Rezipienten, ebenso wie die Werke der Künstlerin Mixes aus einer Art Bühnen-Installation, Klangteppich, Beleuchtung und Aufführung sind. Die Performance ist Anne Imhofs lebendiges vorrangiges Medium, mit dem sie ihre widersprüchlichen emotional gespickten künstlerischen Messages ausstrahlt.

    „Wish you were gay“ war der Titel ihrer Ausstellung in diesem Sommer 2024 in Bregenz, diesmal ohne Performance. Er entwickelte eine Eigendynamik, indem die Plakate in der österreichischen Stadt mehrfach zerstört wurden. Das Wort „GAY“ wurde heimlich nachts aus den großen Bannern herausgeschnitten oder übermalt. Der Zeitpunkt gerade jetzt vor den aktuellen Nationalratswahlen in Österreich zeugt von einem politischen Hintergrund angesichts der starken rechten Bewegung besonders durch die Partei FPÖ. Doch auch der grundsätzliche Angriff auf künstlerische Freiheit drückt sich hier exemplarisch für einen beängstigenden Zeitgeist aus, nicht nur in dem kleinen Alpenland. Die Kunst kam in die Schlagzeilen. Doch war es provokativ gemeint und gewollt?

    Zum Ausstellungsende wurde darüber in einem Künstlergespräch mit Anne Imhof diskutiert. „Wish you were gay“ ist auch ein Songtitel von Billie Eilish. Darin erzählt die Sängerin, wie sie sich heftig in einen Jungen verliebt hatte, der aber ihre Liebe nicht erwiderte. Sie bat innerlich darum, dass er schwul sei und sie deshalb nicht attraktiv finden konnte. Anne Imhof meinte dazu: „Ja, ich kenne diesen Song, doch darauf habe ich meinen Titel nicht bezogen.

    Sie liebe das Musical Westside-Story und sei völlig überraschend auf die Textzeile von Maria gestoßen: „……I feel pretty and witty and gay…“ In dem Song wäre Maria überglücklich verliebt gewesen. „Für mich ist „gay“ vielmehr ein Ausdruck von völliger Freiheit und Freude, in der man alles tun kann, was man möchte.“ An der Wand im großen Saal läuft ein Video von Anne Imhof, in dem sie zu dem Song „I feel pretty“ Boxübungen vollführt.  „Ich wollte mit dem Titel eben diese Lebensfreude ausdrücken.“ sagte die Künstlerin. Sie sei dann sehr erschüttert gewesen, dass die Zerstörung ein offensichtlicher Angriff auf LGBTQ-Menschen gewesen sei. „Nein, ich selbst fühle mich nicht bedroht, es war ein Angriff auf ein Plakat, nicht auf einen Menschen. Doch ich sprach mit meinem Team in Berlin, von denen viele zur LGBTQ-Community gehören. Sie hätten durchaus ein bedrohliches Gefühl auf ihrem täglichen Nachhauseweg.“

    In Bregenz sah man in tiefes Rot getauchte Räume mit Bildern von Atompilzen zusammen mit realen Absperrbarrieren. „Ich wollte die Bedrohung der Welt zeigen, an die ich mich aus meiner Kindheit schon in Form von Abbildungen atomarer Explosionen erinnerte. Jetzt fühlt sich die Welt wieder bedrohlich an. Das soll das rote Licht betonen. Es ist heute mit den kriegerischen Situationen in der Ukraine und in Gaza aktuell wie zuvor.“

    Ganz besonders persönliche Einblicke gewährten Videos aus Anne Imhofs frühen Jahren, als sie in Frankfurt in einem besetzen Haus mit anderen Künstler*Innen, Schauspieler*Innen und Tänzer*Innen zusammenwohnte. Die Filme vermitteln einen erstaunlich offenen Einblick in die noch unfertigen Entwicklungsprozesse ihrer künstlerischen Persönlichkeit.

    Das Gespräch auf der Finissage führte Susanne Pfeffer. Die inzwischen ebenfalls erfolgreiche Kuratorin hatte mit Anne Imhof den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 2017 gestaltet, der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Es war damals ein verblüffendes bewegendes Empfinden, als Besucher plötzlich Teil der Performance zu werden, während man sich inmitten der darstellenden Performer befand oder sie unter dem gläsernen Boden bei fantastischen Bewegungen beobachtete. Fast entwickelte sich Peinlichkeit beim Blicken auf die teilweise entblößten Agierenden, weil es so voyeuristisch war. Sound und Raum verschmolzen mit aktiven Menschen und ratlos wirkenden Besuchergruppen. 2017 war es noch befremdlich und neuartig, dass die Künstlerin unauffällig am Rand sitzend über ein Handy den Performer*Innen Anweisungen gab.

    Es war der Höhepunkt des schnellen Aufstieges von Anne Imhof als innovative Performance-Künstlerin. „Ich hatte auch etwas Glück damals, denn in Frankfurt hörte William Forsythe mit seiner Dance-Company auf. Einige seiner Tänzer lebten in unserer WG und waren plötzlich arbeitslos. So bekam ich diese wundervollen Tänzer für meine Performances.“

    Die unterschiedlichen künstlerischen Ideen Anne Imhofs und die ganz spezielle Art, sie auszudrücken, wirken auch nachdem ihre Einstellungen gehört werden konnten, assoziativ aus eigenem Erleben heraus, aber auch mit wilder Lebendigkeit professionell inszeniert, was wohl diese einzigartige Wirkung ausmacht, die von Frankfurt und Berlin aus über Paris und New York überall Begeisterung auslöst.