• Mehr Berlinale-Filme der besonderen Art

    Über 200 Filme werden in den 10 Tagen der Berlinale gezeigt. Verständlich ist, dass auch Arthouse-Film-Begeisterte nur einen Bruchteil davon anschauen können. Hier sollen trotzdem noch einige davon mit ganz persönlichem Eindruck vorgestellt werden.

    Der Kuss des Grashüpfers

    Der georgische Autor und Regisseur Elmar Imanow erzählt die Geschichte von Bernard, dessen Vater im Lauf der Filmhandlung an einem Hirntumor stirbt. Die Beziehung der beiden ist einerseits sehr, fast zu eng, andererseits existiert auch eine innere Distanz.

    In diesen Tagen des Abschieds erlebt Bernard multiple skurrile symbolträchtige Situationen. Da ist ein schrecklich hässlicher Mann, der den Vater zu Boden schubst: Symbol für den Krebs. Der Grashüpfer landet als echtes Tier auf der Wange von Bernhards Freundin, dann ist er 180 cm groß lebendig in dem Club, wo alle tanzen und rummachen und Bernard gibt dem unechten Wesen einen Zungenkuss. Etwas später liegt ein etwa 1 m großer Grashüpfer tot am Boden: Er symbolisiert das Sterben, vom Vorboten bis zum Tod. Ein Müllwagen sammelt nicht den Abfall, sondern verstreut ihn auf der Straße, darin viele Spielzeuge. Bernard findet eine Puppe, die erst pseudolebendig blinzelt, dann aber „stirbt“. “ Wenn Eltern sterben, verlieren wir den letzten Anteil unserer Kindheit.“ erklärt Regisseur und Autor Imanow beim anschließenden Q and A.

    Die emotionalen Krisen in der durchgehend dunkelgrün/grauen Kulisse mit der permanent depressiven antriebslosen Hauptfigur sind schwer zu ertragen, zumal sie schon bestehen, während der Vater noch problemlos lebt.

    Eine schizophrene Psychose mit Halluzinationen ist keine Erklärung für den Film, man fühlt sich eher in die Oberstufenzeit zurück versetzt und mit der Aufgabe der Interpretation eines Textes konfrontiert, der mehr an Franz Kafka oder Surrealismus erinnert. Künstlerisch herrlich skurril und anregend. Kinostart: noch offen.

    Islands

    Der junge sehr beliebte und gute Tennislehrer Tom auf Fuerteventura  lebt vermeintlich frei und ungebunden im Paradies seinen Lebenstraum. Doch letztlich ohne feste Bindungen verbringt er seine Freizeit mit Alkohol und Koks im Club recht lieb- und sinnlos.

    Dann fasziniert ihn die Touristin Anne, die ihren 7-jährigen Sohn Anton zum Tennisunterricht bringt. Tom kommt in intensiven Kontakt mit der ganzen Familie, der er die geheimen schönen Plätze der Insel zeigt. Doch dann ist der Ehemann Dave plötzlich verschwunden und es entspinnt sich eine komplizierte Suchaktion.

    Ausgezeichnet gespielt und mit überraschendem Ende.

    Regie: Jan-Ole Gerster

    Kinostart: 8.Mai 2025

    How to be normal and the Oddness of the other world

    Wie kann man normal sein, wenn die ganze andere Welt völlig skurril und verworren ist?

    Warum der englische Titel für den Film aus Österreich? Nun, womöglich war die dargestellte andere Welt, wie sie die Hauptfigur erlebt, den Machern so unerklärlich, dass sie auch eine andere Sprache hierfür brauchten.

    Der Film stellt anschaulich dar, wie sich eine schizophren psychotische Phase mit den multiplen Fehlwahrnehmungen und optischen sowie akustischen Halluzinationen entwickelt, wobei dies aus der Sicht der Betroffenen mit schauspielerischen und kameratechnischen Mitteln grandios erfolgt. Außerdem wird die Perspektive von Familie und Freunden gezeigt, deren Leben ebenso heftig ins Wanken gerät, bis es zerbricht.

    Pia wird erfolgreich medikamentös eingestellt aus der Psychiatrie nachhause entlassen, wo sie jedoch spürt, dass von ihrer eigenen Persönlichkeit kaum noch etwas übrig ist. Daher wirft sie die Psychopharmaka in die Toilette und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, übrigens ein sehr typisches Verhalten!

    Letztlich wird auch die Zerrissenheit der Eltern deutlich. Alles Bemühen, der Tochter mit Liebe und Verständnis (und auch Plastikgeschirr!) zu helfen, wird von der Krankheit zunichte gemacht. Sie wollen aber auch vermeiden, sie erneut in die Psychiatrie einweisen zu lassen.

    Wie gehen solche Schicksale und damit auch so ein Film letztlich aus?

    Ein Klinikaufenthalt könnte wieder eine hoffentlich längere Besserung bewirken.

    Pia könnte sich womöglich auf einem Hochhausdach wiederfinden in der festen Überzeugung fliegen zu können und mit dem Befehl der inneren Stimme im Kopf, endlich zu springen?

    Ein bewusster Suizid wäre auch eine Chance, den Film zu beenden.

    Oder wird Pia in der kranheitsbedingten Überzeugung, verfolgt und bedroht zu sein zu einer Gefahr für eine andere Person? Vielleicht ein Kind? Mit folgendem spannungsgeladenen Polizeieinsatz?

    Diese Fragen sollen hier offen bleiben, um den Filmgenuss nicht zu verderben.

    Angesichts aktueller öffentlicher Diskussionen über psychisch kranke Attentäter könnte solch ein Film helfen, ein wenig die absolut chaotischen unerträglichen Gedankengänge der Erkrankten inklusiver unerträglicher Angstzustände ein wenig nachzuvollziehen, ohne selbstverständlich ihr Handeln gutzuheißen. Sehr empfehlenswert!

    Regie: Florian Pochlatko; mit der großartigen Louisa-Celine Gaffron in der Hauptrolle. Kinostart: noch offen

    Sir Isaac Julien

    Der preisgekrönte Video Künstler zeigt mit „Looking for Langston“ eine ausgelassene Feier unter heterosexuellen jungen men of colour, die schwarzweiß besonders elegant in Szene gesetzt ist. Sie spielt in den 1920ger Jahren in der Harlem-Renaissace. Doch am Ende kommt eine weiße Schlägertruppe mit Baseballschlägern und zerstört alles. Es gibt sogar einen Toten.

    Im zweiten Film „Once again“ gehen afroamerikanische Experten durch die Afrika Sammlungen der Museen in Oxford und Philadephia und diskutieren über den Wert der Kunst aus Afrika. Es sind keine volkstümliche Touristensouvenirs, sondern künstlerische Zeugnisse kulturellen Lebens.

    Isaac Julien ist vor allem mit Multi-Leinwand Videoinstallationen über weltpolitische Themen wie den Kapitalismus und die Islandkrise bekannt geworden, hier macht er jedoch speziell auf Black-Gay-Probleme aufmerksam.

    Leibniz (Chronik eines verschollenen Bildes)

    Der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716) dargestellt von Edgar Selge soll portraitiert werden für seine junge ehemalige Schülerin Charlotte, inzwischen Königin von Preußen. Der erste beauftragte Maler (Lars Eidinger) bricht seine Arbeit verärgert ab, weil Leibniz permanent dazwischen redet und nicht aufhören kann ihn mit seinen Sinnsprüchen zuzutexten.

    Die junge holländische Malerin lässt sich auf die tiefen philosophischen Exkurse ein, doch die junge Königin stirbt vor Fertigstellung des Bildes. In der Rolle der Königin-Mutter Barbara Sukowa.

    Ein hervorragend inszenierter Historienfilm mit großartigen Schauspielern Man sollte jedoch Freude an viel Philosophie mitbringen.

    Heldin

    Eine Intensivstation in der Schweiz und eine Krankenpflegerin, die jeden einzelnen Patienten emotional und fachlich kompetent hervorragend versorgt. Dabei haben Patienten und Angehörige total hohe Ansprüchlichkeiten: der Tee ist der falsche, die Brille der Oma soll von der anderen Station geholt werden und der OP ruft den Patienten ab, während kein Transportdienst zur Verfügung steht. Die Schmerzinfusion muss erneuert werden, was die Protagonistin Floria Lind perfekt im Eiltempo erledigt. Kaum ist eine Aufgabe fertig, klingelt das Telefon oder der Notknopf auf der Station. Eine Patientin atmet nicht mehr und wer beginnt die Herzdruckmassage, bis irgendwann ein Team mit Arzt kommt? Natürlich die Pflegefachkraft.

    Es ist ein Wettrennen zwischen anspruchsvoller Versorgung und Krise ohne Chance auf eine Pause und es entspricht dem realen Alltag in Krankenhäusern. Bewundernswert professionell verrichtet die Hauptdarstellerin alle Tätigkeiten. Es ist fantastisch, wenn man bedenkt, dass Leonie Benesch Schauspielerin ist. Das ist ein Glücksfall, denn sie kann dementsprechend stets auch noch die richtige Emotion in ihrer Mimik und Gestik nachfühlbar darstellen.

    Es bleibt der hohe Respekt vor den wirklichen Fachkräften! Spürbar bleibt stets, dass ein sehr befriedigender schöner Beruf ist, wenn nicht nur 2 Pflegerinnen das Pensum erfüllen sollen, sondern 4 bis 6 zur Verfügung stünden.

    „Heldin“ mit Leonie Benisch von Petra Volpe (Buch und Regie)

    Kinostart : 27.Februar 2025

    Hot Milk

    Eine Mutter, eine Tochter, (Fotos oben!) ein Psychosomatik-Arzt und eine verführerische aber verstörte junge Frau an einem idyllischen Strand…. und schon sind multiple Probleme vorprogrammiert.

    Mutter und Tochter leben zusammen, die ältere ist auf den Rollstuhl angewiesen und vereinnahmt die Tochter diktatorisch als Pflegerin. Sie hat keine Chance auf ein eigenes Leben. Doch jetzt verliebt sie sich in die rätselhafte frei lebende junge Frau im Strandhaus. Dazu kommen die psychosozialen traumatischen Geheimnisse aller Personen. Ein Gespinst aus multiplen Beziehungsverwicklungen nimmt seinen Lauf in dieser Romanverfilmung von Deborah Levi.

    Spannend und gefühlsintensiv inszeniert bis zum Schluss! Empfehlenswert!

    Kinostart: 29.Mai 2025

    Other People’s Money, Die Affäre Cum-Ex

    In der 8-teiligen ZDF-Serie wird über die Cu-Ex-Geschäfte berichtet, bei denen sich reiche Investoren und Banken an deutschen Steuergeldern ungestraft und offenbar völlig legal bereichert haben. Verantwortlich dafür waren an deutschen Unis ausgebildete Anwälte, die eine Gesetzeslücke gesucht und gefunden haben. Auch wird im Rahmen einer Spielfilmhandlung erzählt, wie schwierig es war, die Machenschaften am Ende juristisch korrekt zu unterbinden und dass es bisher überhaupt nicht möglich war, das Geld für den Staat zurückzubekommen.

    Zur Berlinale waren die ersten 4 Folgen zu sehen, die von Beginn an die Aufmerksamkeit fesselten. Hervorragende Schauspieler machen die Serie zu einem besonderen Genuss. Etwas störend war das Sprachen-Wirrwarr. Die Szenen, die Dänemark betreffen, werden auf Dänisch gesprochen mit lediglich englischen Untertiteln, was bei der komplexen Bankensprache und den schwer verständlichen Zusammenhängen dem Zuschauer kaum Erleichterung bot. Es bleibt jedoch große Freude auf die TV-Ausstrahlung im ZDF , zumal wir uns hoffentlich auf eine deutsch synchronisierte Fassung freuen können. Noch kein Ausstrahlungstermin bekannt.

    La Tour de Glace

    Jeanne läuft aus einem einsamen Haus in verschneiten Bergen weg und verläuft sich in einem Filmset für „Die Eiskönigin“. Darin verliert sie sich in ihrem Lieblingsmärchen und der Schwärmerei für die schöne Hauptdarstellerin. Es entsteht eine Mischung aus Träumen, Fantasie, Filmkulisse und real schwer gestörten Charakteren.

    Völlig kranke Story mit sinnentleerten Längen.

    Delicious

    Nichts deutete in der Beschreibung des Films für die Berlinale auf das geschmacklose Ende hin. Doch wahrscheinlich gab es die Annahme, dass diese Netflix-Produktion ein Publikum erreichen soll, das so etwas von dem Streaming-Dienst erwartet. Mehr darüber zu berichten wäre absolutes Spoilern und auch zu viel unverdiente Ehre, deshalb hier kein weiteres Wort.

    Bald auf NETFLIX für Unerschrockene.

    Viel Spaß in den guten Programmkinos überall im Land!

  • 75. Berlinale 2025, DAS Filmfestival

    Ein fulminanter Eröffnungsfilm, wundervolle fremdsprachige Filme mit doppelten Untertiteln und Tausende interessante und kenntnisreiche Kinoliebhaber in der Hauptstadt! Es ist wieder ein großes Fest, wenn Konzertsäle für Filme mit über 1000 Zuschauern gefüllt sind, die aufgeregt und ohne Popcorn auf Meisterwerke warten. Es ist die erste Berlinale, die Tricia Tuttle leitet und alles ist wie immer spektakulär. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt in diesem Jahr Tilda Swinton.

    „Das Licht“ ist der Eröffnungsfilm außer Konkurrenz des Wettbewerbs, in dem Tom Tykwer alle Register an Filmkunst zieht. Er spielt mit extrem überzeichneten Klischee-Charakteren einer öko-liberalen Akademiker-Familie in einer ebenso woken Altbauwohnung am Prenzlauer Berg, die aber keine Zeit für so profane Aufgaben wie Haushalt hat. Die alte Haushälterin liegt tot auf dem Küchenfußboden und gleich wird eine neue eingestellt. Farrah kommt aus Syrien und ist eigentlich eine Psychotherapeutin, die mit einer eigentümlichen Lampe arbeitet. Diese versetzt mit Flackerlicht Menschen in eine Art Seance. Hiermit kommt eine große Portion Übersinnliches mit ins Spiel. Doch zusätzlich  durchziehen die Handlung weitere schmückende Perlen der Filmkunst das Werk: animierte Comic-Szenen und perfekte Tanzakrobatik an der roten Ampel oder Bewegungsmuster eines Video-games in reale Stadtkulisse übertragen und immer wieder die „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Tykwer lässt großartige schauspielerische Leistungen glänzen mit Lars Eidinger als Gutmensch-Werbemanager, Nicolette Krebitz als Entwicklungshelferin in Nairobi und Tola Al-Deen als skurrile Haushaltshilfe mit einem großen Geheimnis.

    Ist dieser Film mehr Psychodynamik oder ein Politikum? Alles, einfach alles, was uns Menschen in dieser Zeit bewegt, ist im „Licht“ angesprochen! Und es regnet permanent, sogar in Nairobi!

    262 Minuten ohne eine Sekunde Langeweile sind ein Genuss der besonderen Art. Fragt sich nur, warum gerade einige Berliner Medien negative Kritik äußern. Ist die Situation dieser Generation in dieser Stadt vielleicht zu gut getroffen?

    Tom Tykwer: „Das Licht“ Kinostart ab 20.März

    „ARI“ von der Französin Léonor Serraille zeigt vorwiegend die Dilemmata von Männern um die 30. Als von der Mutter wie ein schützenswürdiges  feinsinniges Juwel behandeltes Kind wird ARI Lehrer einer Vorschulklasse. Als er für eine Lehrprobe den Kleinen ein Seepferdchen plötzlich wissenschaftlich inklusive Sexualität (Der Vater trägt die Babys aus, ist so auch die Mutter) erklären will, hören die Kinder nicht zu, machen Unfug und Ari kommt mit einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Es folgt die berühmte „Sinnkrise“. „Arbeit ist nichts für mich, ich kann das nicht. Ich bin 2 Monate krankgeschrieben.“ Ari besucht Kumpels, von denen er annahm, dass sie viel erfolgreicher sind als er und merkt, dass auch diese nicht wirklich etwas Konstruktives leisten und ebenso ohne Tätigkeit sinnlos herumhängen.

    Die Wendung zum absolut Guten wirkt dann so banal und kitschig, dass es nur nachvollziehbar wird, wenn man einen Bezug zu der Generation der Elternschaftsverweigerer herstellen will. ARI erfährt, dass er von seiner Ex-Freundin eine kleine Tochter hat. Er ist verzückt, spielt mit ihr, kann wieder arbeiten und die Sinnfrage ist gelöst.

    ARI , Filmstart 6.4.2025

    „Dreams“ des mexikanischen Regisseurs Michel Franco: Der junge gut gebaute mexikanische Tänzer überquert unter extremen Strapazen illegal die Grenze von Mexiko in die USA und hofft auf Unterstützung seiner älteren Geliebten in San Francisco. Sie ist die Tochter eines reichen US-Mäzens, die mithilfe der Familien-Stiftung ein Tanz-Projekt in Mexiko aufgebaut hat, jedoch nicht uneigennützig. Vielmehr kann sie so ungesehen von der US-Society ihre Liebschaft ausleben. Als er jetzt in ihrem Land auftaucht, ist er nur noch ein benutzter Lover, der mit seinen Wünschen nach einer Beziehung auf Augenhöhe nicht tragbar ist. Es kommt zu Machtkämpfen, die immer aggressiver ausufern. Sehr deutlich wird, dass die Träume beider Protagonisten völlig unterschiedlich sind und so miteinander kollidieren.

    Der Film ist eine Mischung aus intrapsychischen Konflikten und angesichts des Amtsantritts von Donald Trump mit der Verschärfung des Grenzkonfliktes zu Mexiko hoch politischer Brisanz. Geschickt geschnittene Sex- und fantastische  Tanzszenen sind eine reizvolle Bereicherung.

    „Dreams“ mit Jessica Chastain und Isaac Hernandes, Kinostart noch offen

    75. BERLINALE des internationalen Films noch bis 23.Februar 2025. Tickets nur online, jeweils 3 Tage vor der Aufführung

  • Samuel Fosso

    „Black Pope“ oder warum muss der Papst immer weiss sein?

    Samuel Fosso’s Selbstportraits sind Zeitzeugen einer modernen Entwicklung der Fotografie Afrikas und deren Wandlung. 1962 in Kamerun geboren eröffnete er schon 1972 mit 13 Jahren ein Fotostudio für Passfotos und private Portraits, von dem er leben konnte und musste. Doch abends nach Feierabend inszenierte er sich selbst in unterschiedlichem Fashion-Style.

    Als er später als Modefotograf bekannter wurde, setzte er durch, dass er die von der Modefirmen gelieferten Kleidungsstücke für ein Kaufhaus nicht an Models sondern an sich selbst präsentieren durfte, womit er Erfolg hatte.

    Samuel Fosso entwickelte zunehmend Inszenierungen seiner selbst, bei denen er in unterschiedliche Rollen schlüpfte. So stellt er sich sowohl als stolzer Mann eines indigenen Stammes dar, wie es sich sein Großvater gewünscht hätte, als auch als genderunabhängige Fashion-Ikone. 

    Außerdem zeigt er sich als wichtige Persönlichkeiten der Zeitgeschichte dar: z.B. Martin Luther King, Black-Power-Sportler oder Mohammed Ali.

    Ironisch  wird das Kunstwerk von Maurizio Cattelan interpretiert, der den Papst von einem Meteoriten  erschlagen ließ. Bei Fosso triumphiert der schwarze Papstüber den Meteoriten wie ein Herrscher.

    Mao Tse Tung  und Kim Jong-un sind ebenfalls Rollen-Vorbilder.

    Samuel Fosso ist mit seinen Selbstinszenierungen einer der bekanntesten Fotokünstler des afrikanischen Kontinents geworden. Ein Werk, das uns weißen privilegierten Menschen mit fröhlicher Ironie doch einen kritischen Spiegel vor Augen hält.

    Samuel Fosso: „Black Pope“ Werke von 1975 bis 2017, KINDL Museum für zeitgenössische Kunst, Berlin 15.9.2024 bis 16.2.2025

  • Nick Cave and the Devil’s Life

    Was macht ein weltweit gefeierter und permanent aktiver Rockmusiker, wenn er plötzlich zur Tatenlosigkeit gezwungen ist? Der Australier Nick Cave (Jg 1957) war plötzlich-  wie wir alle – in der Corona-Pandemie hiermit konfrontiert und manchmal führt diese Langeweile zu unerwarteter und außergewöhnlicher Kreativität.

    Nick Cave erinnerte sich an seine kleinen Töpferseminare als Kind und sah gleichzeitig seine Sammlung an Keramikfiguren aus Staffordshire aus dem 18./19. Jahrhundert, die in England besonders beliebt sind. Seine teils düsteren Storys in seinem Kopf und die eigenen schlimmen Life-Events verarbeitete er jetzt nicht in Songtexten, sondern töpferte sie stattdessen zwischen September 2020 und August 2022 als Keramikfiguren. So entstand eine Lebens- und Sterbensgeschichte des Teufels, der jedoch unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Weltstar selbst aufweist.

    Kunst ist stets Ausdruck einer Idee eines Künstlers, die er auf unterschiedliche Weise ausdrückt. Kreative Menschen wechseln durchaus ihre Medien und Techniken in unterschiedlichen Schaffensperioden.

    Letztlich bleibt es unerheblich, wie hoch der künstlerische Wert der Figuren zu bewerten ist, denn DAS KUNSTWERK ist in diesem Fall das Gesamtkunstwerk „NICK CAVE“ in allen Facetten seiner  Selbstinszenierung, Musik und Persönlichkeit , die seinen Weltruhm begründen.

    Nick Cave „The Devil – A Life“, Privatmuseum Voorlinden in Wassenaar, Niederlande, 14.12.2024 bis 16.März 2025

  • Afrika aus der Sicht Afrikas

    Contemporary African Photography im C/O Berlin

    Der Blick auf Afrika nicht mit den Augen der ehemaligen Kolonial-Länder von außen, sondern aus dem Inneren Afrikas selbst heraus: den möchten diese Fotoserien von 23 Künstlerinnen und Künstlern mit afrikanischer Herkunft in dieser Ausstellung vermitteln. „A World in Common“, eine gemeinsame Welt. Ist es die gemeinsame Identität der afrikanischen Welt oder der Hinweis auf die Gemeinsamkeit von uns allen Menschen in dieser Welt?

    Im ersten Kapitel thematisieren die Fotos“ Identität und Tradition“. Sofort beeindruckt eine Serie von George Osodi mit afrikanischen Monarchen in prunkvollen Gewändern und Räumen. Offensichtlich ist der Mix aus alter afrikanischer Tradition und auch der Ähnlichkeit mit königlichen europäischen Gewändern, aus denen stolze Herrscher blicken. Hier spiegelt sich die komplette Historie Afrikas wider.

    Edson Chagas sammelte Masken, die auf Märkten in Angola für Touristen angeboten wurden und fotografierte moderne Menschen damit. „Nein, das sind keine echten alten Masken, denn die bleiben als wichtige Erbstücke in den Familien. Ich wollte aber zeigen, in welchen Rollen Menschen sich zeigen möchten. Auch die Souvenir-Masken haben Vorbilder in denen für traditionelle Rituale und erzählen Geschichten.“ berichtet der Künstler. Er lebt heute vorwiegend in Lissabon. „Portugiesisch war bei uns in Angola eine offizielle Sprache, die alle lernten. Unsere heimischen Sprachen sind so viele unterschiedliche Dialekte, dass wir uns meist untereinander gar nicht verstehen. Deshalb geht das besser auf Portugiesisch.“

    Malala Andralavidrazana stellt ihre Identität in Historiengemälden aus Foto-Collagen dar.

    Kudzanai Chiurai brillierte bereits auf der Documenta 13 mit einer sehr speziellen afrikanischen Version von Leonardos Abendmahl. Auch seine jetzigen Fotos sind ironisch und ikonisch komponierte großartige Szenarien, in denen viel zu entdecken ist:

    Doch auch die Thematik von Umweltverschmutzung und Klimaproblemen findet in  künstlerisch hervorragenden Fotos ihren Ausdruck.

    Die Ausstellung wurde in der TATE-Modern in London konzipiert. Sie ist ein Augenschmaus, ein farbenfrohes einfühlsames Bild eines ganz modernen Kontinents.

    Interessant ist dabei auch, dass vorwiegend die junge Fotokünstlergeneration Afrikas präsentiert wird, jenseits der etablierten Namen wie Zanele Muholy, Omar Victor Diop (z.Zt in der Völklinger Hütte) oder Samuel Fosso (KINDL-Museum Berlin).

    „A World in Common“  C/O Berlin im Amerikahaus am Zoo, 1.Februar 2025 bis 7. Mai 2025.

  • Kultur  – Europa – CHEMNITZ ! 2025

    WOW: Chemnitz, die fast vergessene vormals triste ehemalige Industriestadt am östlichen Rand Deutschlands, die über 37 Jahre lang Karl-Marx-Stadt hieß, ist seit 18.1.2025 offiziell die Europäische Kulturhauptstadt 2025 und glänzt mit neuen Bauten, besserer Infrastruktur, speziellen kulturellen Projekten und ausgelassener Fröhlichkeit.

    „C the Unseen“ ist das anglistische Wortspiel, das sich Chemnitz als Motto gegeben hat. Und es stimmt, denn in dieser meist unbeachteten Region, von der nur das erzgebirgische Kunsthandwerk zur Weihnachtszeit global Beachtung fand, ist jetzt wirklich Erstaunliches zu entdecken.

    Bereits im letzten Sommer wurde in diesem Blog das wertvollste Kunst-Projekt vorgestellt: der Skulpturenweg „Purple Path“. Sowohl Künstlerinnen und Künstler der Region als auch solche mit internationalem Ruhm gestalten für 38 Orte der Umgebung von Chemnitz Skulpturen, die auch langfristig bisher „ungesehene“ Städtchen ins Licht der kunstbegeisterten Welt bringen. Ein Tipp: dieser weitläufige Überraschungs-Parcours ist mittels Auto und Google-Maps am ehesten zu genießen, es sei denn, man verfügt über eine ausdauernde Kondition fürs Radfahren.

    Das ehrgeizige Ziel der Organisatoren, auch die Umgebung kulturell attraktiv aufzuwerten, stößt jetzt teilweise auf skurrile Probleme. Ein besonderes Merkmal von Chemnitz2025 soll die Gestaltung von der Bevölkerung  für die Bevölkerung sein, kein Programm aus dem Elfenbeinturm elitärer Kunstexperten. Daher sind bei der Auswahl der Werke des Purple Path immer die Bürgermeister und „lokale Kunstkenner“ einbezogen worden. Das konnte bei der großen Zahl von 38 Skulpturen nicht wirklich gut gehen!

    Augustusburg zum Beispiel sollte ein Werk von Alicija Kwade bekommen: einen für sie typischen Stein mit einem Stuhl. Die Künstlerin aus Berlin erlangte bereits Weltruhm mit einer großen Installation auf dem Dach des MOMA in New York, doch dem kleinen Ort in Sachsen gefiel das alles nicht. „Der Stadtrat hat sich gegen das Kunstwerk ausgesprochen, gar nicht mal so sehr nach Kenntnis des Kunstwerks, sondern mit dem Wunsch einen eigenen regionalen Künstler selbst auszusuchen. Da hätte jeder andere Name keine Chance gehabt, die hätten immer Nein gesagt.“  berichtet Stefan Schmidtke, Geschäftsführer von Chemnitz2025. Nach vielen vergeblichen Bemühungen um Einigung  lehnte der künstlerisch verantwortliche Kurator letztendlich jeglichen Aufbau einer Skulptur ab. So bleibt Augustusburg Kunst-leer.

    Ein wenig kommt hier die Erinnerung an WEIMAR 99 auf. In der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt verhinderte die Bevölkerung inklusive Stadtrat die Gestaltung eines Platzes durch den berühmten französischen Künstler Daniel Buren. Als Begründung wurde genannt: Es fallen Parkplätze weg! Weimar schien am Ende des ruhmreichen Jahres wieder in seinen provinziellen Dornröschenschlaf zurückkehren zu wollen.

    In Marienberg kam ein völlig anderes Problem auf: der zentrale Marktplatz, auf dem das Kunstwerk stehen sollte, ist Teil des Welterbe Montan-Union. Hier können nicht einfach Veränderungen vorgenommen werden, doch es wird jetzt nach einem neuen Platz gesucht.

    Der Purple Path in Chemnitz bietet seit unserem Bericht vom letzten Sommer weitere neue großartige Skulpturen:

     „Oben-Mit“ nennt der Chemnitzer Künstler Osmar Osten seine Säule aus unterschiedlichen Steinen der Region mit abstrahierten Nussknackern und Räuchermännchen darauf. Sein „Denkmal für die guten Geister meiner Heimat“ ist Reminiszenz und Satire zugleich.

    Auf einem Hügel mitten im landschaftlichen Nichts ragt eine Pyramide aus Holzbalken in den blauen Himmel. Olaf Holzapfel aus Dresden hat als Künstler den Zürich-Art-Prize 2024 erhalten und schon auf der Documenta 14 (2017) ausstellen dürfen. Jetzt zeigt er in Amtsberg „Zwei ineinander Verwobene“. Auch der Landgasthof Dittersdorfer Höhe direkt daneben darf sich in diesem Sommer bestimmt über viele nette Gäste freuen.

    „Ich habe viel gelernt bei der Organisation des Purple Path.“ sagt Kurator Alexander Ochs. „Besonders über unvorhergesehene Probleme. Für das Werk von James Turrell ist beispielsweise  schon viel Geld geflossen und plötzlich war die Gießerei pleite. Doch ich denke, wir finden noch eine Lösung hierfür.“

    Auch das kleine Burgstädt meldete mitten in der Planung der künstlerischen Neugestaltung ihres Taurasteinturmes Bedenken an. Man befürchte zu hohe Folgekosten durch die Beleuchtung. Via Lewandowsky möchte mit Projektionen und Sound-Effekten dem Turm „eine Seele“ einhauchen und den Besuchern Erlebnisspaß verbunden mit Bergwerkhistorie bieten, alles stromsparend mit LED.  „Wind und Wetter“ hat weniger mit der Klimakrise zu tun als mit den „Schlagenden Wetterphänomenen “ unter Tage. Der in Dresden geborene Via Lewandowsky wurde zuletzt bekannt durch seine „Demokratie-Glocke“, die in Leipzig seit 2009 an die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR erinnert. Er spricht so begeistert von seiner Idee für Burgstädt, dass dieser Funke bestimmt auf die Stadträte und die zukünftigen Gäste überspringen wird. So bleibt unbedingt zu hoffen, dass dieses beseelte, aber auch ein bisschen gespenstisch dynamische Erlebniskunstwerk doch noch realisiert wird.

    Etwas befremdlich bei den Feiern zum Opening war, dass die wichtigen Eröffnungsgäste ganz klein auf der Bühne am Fuße des riesigen Karl-Marx-Kopfes ihre Begrüßungsreden hielten, an erster Stelle Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, aber auch Claudia Roth als Kulturbeauftragte der Bundesregierung und der EU-Kommissar für Kultur Glenn Micallef aus Malta. Offensichtlich hat sich die Stadt mit ihrem ursprünglich aufgezwungenen zeitweisen Namensgeber inzwischen 35 Jahre nach der Wende versöhnt, denn es tanzten dort (angeblich) 80 Tausend Menschen voller Freude auf ein spektakuläres Jahr.

    Andere Skulpturen des Purple Path, Artikel vom 26.08.2024

    Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2025

  • TOP ohne FLOP in der Kunstszene 2024

    Ein subjektives Ranking von INArtberlin.com

    Artreview in GB macht es. Monopol macht es auch. Ein jährliches Ranking über das Kunstjahr. Der Erlebnishorizont der Autorin lässt zwar keine Bewertung von 100 TOPs zu und es gibt auch keine mehrköpfige Jury. Doch dieses rein persönliche Ranking über Kunstereignisse und Kunstwerke im vergangenen Jahr 2024 macht hoffentlich viel Freude beim Lesen.

    TOP 5 der beeindruckendsten Kunstausstellungen 2024:

    1. „The true size of Africa“ Die Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte strahlt mit besonderem Industrie-Charme. So viele fantastische Werke von über 20 internationalen Künstlerinnen und Künstlern sind beispiellos kreativ präsentiert. Mein absoluter Wow-Effekt des Jahres. https://inartberlin.com/2024/11/13/afrikas-wahre-grose/
    2. „Schwerelos“ von Leandro Erlich. Dem Kunstmuseum Wolfsburg ist hier erneut eine fulminante Ausstellung gelungen, die nicht nur Kunstkenner, sondern auch Menschen jeden Alters magisch in diese besondere Sicht auf die Welt hineinzieht. https://inartberlin.com/2024/10/12/schwerelos-in-wolfsburg/
    3. Jim Dine präsentiert vom Göttinger Steidl-Verlag unter dem Titel: „Dog on the Forge“:  In einem typischen prunkvollen Palast in Venedig entfalteten die dicken bunten Gemälde und Skulpturen einen besonderen Glanz. https://inartberlin.com/2024/07/24/ein-weiterer-kunst-spaziergang-durch-venedig/
    4. Manifesta 15 in Barcelona: Zwar war es mühsam, die vielen weit auseinander liegenden Venues zu erreichen, doch diese Suche endete so oft mit einer herrlichen Entdeckung. Ob im alten E-Werk oder im verlassenen Gefängnisbau, besonders auch in den „Drei Schornsteinen“ ; stets waren wunderbare Kunstwerke zu finden, die erstaunlich mit ihrer ungewöhnlichen Umgebung verschmolzen. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
    5. Biennale di Venezia 2024: Auch wenn der von Adriano Pedrosa kuratierte Hauptpavillon in den Giardini enttäuschte, ist die Ansammlung von Kunst aus nahezu allen Ländern der Welt ein so beeindruckendes Erlebnis mit nicht enden wollenden Verzückungen. Niemals sollte man als Kunstinteressierter dieses Ereignis versäumen inklusive der Verirrungen auf der Suche nach den versteckten Pavillons in den romantischen Gassen der besonderen Lagunenstadt. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/

    TOP 5 der besten Kunstwerke 2024:

    1. Asad Raza: „Prehension“ in dem Gebäude des alten Verbrennungskraftwerks „Die drei Schornsteine“ auf der Manifesta 15 in Barcelona: Es sieht so einfach aus mit den flatternden Stoffbahnen in der großen Industriehalle, doch ihr Tanz im Wind, der vom Meer durch die leeren Fensterrahmen die Choreographie bestimmt, entfachte augenblicklich ein Lächeln und den berühmten Wow-Effekt. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
    2. „Monte di Pieta“ von Christoph Büchel in der Fondatione Prada in Venedig. So viel Wohlstandsmüll so chaotisch und doch thematisch sauber geordnet, verwirrt, ist aber eine mehr als deutliche Provokation, über unser Leben im Überfluss mit Schulden, Zinsen, Moral und Boykott kritisch nachzudenken. Andererseits jedoch eine Augenweide, die Lust am Stöbern bereitet. https://inartberlin.com/2024/07/07/schulden-zinsen-moral-bankrott/
    3. Marianna Simnett: „Winner“. Im Hamburger Bahnhof, Berlin: Verblüffung und Bewunderung waren die ersten Eindrücke, die die Installation auf mehreren Bildschirmen über Brutalität und Skurrilität des Fußballs auslösten. Kaum zu glauben, dass Kunst und Fußball-EM eine so passende gemeinsame Darstellung finden. https://inartberlin.com/2024/05/16/brutal-und-destruktiv-die-dunkle-seite-des-fussballs/
    4. Bouchra Khalili: „The mapping journey project“ im Arsenale auf der Venedig Biennale. Eine spannende Visualisierung von zermürbenden Wegen, die Asylsuchende auf der Flucht aus ihrem Ursprungsland nach Europa erlebt haben. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/
    5. Firelei Baez im Kunstmuseum Wolfsburg. Ihre farbenfrohen faszinierenden Bilder lassen einfach die Herzen höherschlagen. https://inartberlin.com/2024/09/03/firelei-baez-in-wolfsburg/

    Freuen wir uns auf 2025!

  • NAOMI BECKWITH

    Der Name für die Documenta 16

    Sie ist die Hoffnung und die Rettung für Kassel und die Kunstwelt. Die Künstlerische Leitung der Documenta 16 ist ernannt. Naomi Beckwith ist eine großartige Wahl für diese Aufgabe nach der heftig diskutierten 15. Documenta vor 2 Jahren. Sie bringt kuratorische Erfahrung aus Chicago und vor allem aus dem Guggenheim-Museum New York mit, wo sie Vize-Direktorin und Chefkuratorin ist. Damit ist sie auch vetraut im Umgang mit Sponsoren und mit Krisenmanagement, wie sie souverän bestätigt auf die Frage nach ihrem Umgang bei möglichen Anfeindungen der Documenta wie 2022.

    Es war gelungen, den Namen der von der Findungskommission gewählten Leitung bis zur letzten Minute geheimzuhalten. Große Spannung herrschte in der gestrigen Pressekonferenz, bis der Geschäftsführer Prof. Andreas Hoffmann endlich die 48jährige Afroamerikanerin nannte und persönlich vorstellte.

    Naomi Beckwith erklärte mit ihrer warmen tiefen und souveränen Stimme begeistert und voll Bewunderung, dass die Weltkunstschau Documenta eine riesige Chance für Kuratoren und Künstler biete, Neues zu probieren und zu experimentieren. Das sei weltweit sehr besonders.

    Auf die Frage, wie sie Skandale vermeiden wolle, antwortete sie: „Bei mir gibt es keine Überraschungen. Ich bin in intensivem Gespräch mit allen Künstlern und weiß über jedes Kunstwerk Bescheid. Ich denke, die Documenta 16 wird nicht nur komfortabel, sondern es wird auch Meinungsverschiedenheiten geben, aber das wird kommuniziert und textualisiert.“

    Naomi Beckwith bekennt sich definitiv und respektvoll zu Kassel mit tiefem Verständnis für den legendären Standort.

    Gefragt, ob die Zeit der Vorbereitung jetzt nicht zu kurz sei, antwortet Beckwith lächelnd. Nein, viele große Ausstellungen fänden alle 2 oder 3 Jahre statt und „I can manage that!“

    Es seien nach der Documenta fiffteen „nicht wenige gewesen, die schon die Totenglöckchen über die Documenta läuten lassen wollten.“ So formulierte es der hessische Minister für Kunst und Kultur Timon Gremmels.

    Der Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta, der Oberbürgermeister von Kassel Sven Schöller sprach sichtlich erleichtert und begeistert über die designierte Kuratorin. Die „schwerste Krise“ sei jetzt überwunden.

    Es wird auch klar gestellt, dass die Rahmenbedingungen für die Documenta 16 überarbeitet wurden. Es gebe den neuen wissenschaftlichen Beirat, das Documenta-Institut und den Code of Conduct, der ein festes Bekenntnis zu Menschenrechten, aber auch künstlerischer Freiheit, sowie Ablehnung von gruppenmäßiger Diskriminierung beinhalte. Auch sei die Förderung vom Bund mit zwei Plätzen im Aufsichtsrat gesichert. Momentan gehe man von einem gleichen Etat wie bei der Documenta 15 aus in Höhe von 42,2 Millionen €.

    Naomi Beckwith sei bei jeder Documenta gewesen seit der D 12. Sie fühle sich in der Tradition von Okwui Enwezor, der bei der D 11 erstmals die globale Sicht auf die Kunst einbrachte. Mit ihm habe sie auch noch kurz in New York zusammengearbeitet. Sie schätze auch aber auch Catherine David mit ihrer historischen Konzeption. Außerdem sei sie besonders glücklich und stolz, Carolyn Christov- Bakagiev eine Freundin nennen zu dürfen. Jede/r soll die Documenta genießen können.

    Thematisch sollen bei der Documenta 16 in einer Zeit der Krisen und Herausforderungen wie der Transformationen für die Menschen diese Themen vorkommen. Wichtig sei aber, wie mit Krisen umgegangen werden kann, also auch Lösungsansätze zu finden. Jede Stimme ist wertvoll. Es gehe um ein gegenseitiges wahrhaftes Verstehen. Es sollte sich auch jede und jeder auf der Documenta wohl und respektiert fühlen.

    Naomi Beckwith ist eine kluge und inspirierende Persönlichkeit, die gleichermaßen beruhigend und kompetent wirkt und auf jeden Fall bei uns allen eine berechtigte wundervolle Vorfreude auf die kommende Documenta zuläßt.

    Die Dokumenta 16 findet in Kassel statt vom 12. Juni bis 19. September 2027

  • Franz Gertsch

    …und es kommt doch auf die Größe an

    Der Schweizer Künstler Franz Gertsch (1930 – 2022) prägte als leidenschaftlicher Maler den europäischen Fotorealismus. Seine Bilder sehen von weitem wie echte Fotografien aus, doch von nahem erkennt man deutlich die Struktur des Pinselstrichs. Franz Gertsch liebte es, seine Motive auf riesige Stoffbahnen von meist 4 x 6 Metern stark vergrößert darzustellen, was sie zu monumentalen Meisterwerken macht.

    1968 begann der Künstler ein Foto aus einer Zeitschrift abzufotografieren und auf Leinwand zu übertragen. Ein Reiter wird im Moment seines Kampf- und Todesschreis aufgenommen. Das Motiv stammt aus einem Antikriegsfilm von 1966, der Zeit, als die Proteste gegen den Vietnamkrieg auf ihrem Höhepunkt waren.

    Nur wenig später entwickelte er die Idee, eigene Fotos als Vorlage für seine Gemälde zu nutzen; Schnappschüsse aus dem normalen Leben. Er projizierte Dias an die Leinwand und skizzierte zunächst akribisch die Konturen, die er später präzise farbig übermalte. Dieser Arbeitsprozess dauerte meist mehr als 1 Jahr pro Bild.

    1971/72 entstand „Medici“. Dieses Bild durfte er 1972 auf der Documenta 5 präsentieren, was seinen internationalen Durchbruch brachte. Der Titel geht nicht auf die reiche Familie der Renaissance aus Florenz zurück, sondern ist der Name der Baufirma, die das Gerüst aufgebaut hatte, an das sich die 5 jungen Männer lehnten. Der Schriftzug ist deutlich zu erkennen.

    Der zweite Mann von links ist Luciano Castelli, ein junger Künstler, der noch vielfach Franz Gertsch als Model diente. Er und sein Freundeskreis inspirierten den Maler oft zu Gemälden. Gertsch besuchte z.B. die deutlich jüngeren Leute nach Partys oder begleitete sie bei Wanderungen, die er fotografisch dokumentierte. Sie waren typische Vertreter der damaligen Hippie-Generation, was die Werke von Franz Gertsch später zu Symbolen des Zeitgeistes der siebziger Jahre machte.

    In den 80ger Jahren wandte sich Gertsch der Holzschnitttechnik zu, die er ebenso präzise und in extra großem Format anfertigte. Jedoch kehrte er später glücklicherweise wieder zur Malerei zurück.

    Die Deichtorhallen ergänzten die ursprüngliche Ausstellung des Louisiana Museums of Modern Art in Humblebaek, Dänemark um weitere 20 Gemälde, die in den riesigen Räumen in Hamburg hervorragend zur Geltung kommen. Besonders werden auch die Betrachter*Innen ihre Freude daran finden, die stets die Nase rümpfen, wenn sie bei Moderner Kunst das perfekte Handwerkliche vermissen. Hier können sie diese Qualität in Höchstkultur erleben.

    Franz Gertsch: „Blow Up“, Deichtorhallen in Hamburg, 13. Dezember 2024 bis 4. Mai 2024

  • Semiha Berksoy (1910 -2004)

    Phänomenale Malerin und Opern-Diva, eine Wiederentdeckung

    Opern-Arien, Malerei, Schauspielerei, all das waren für Semiha Berksoy nur verschiedene Ausdrucksformen eines Gesamtkunstwerkes, das sie mit großer Leidenschaft und Durchsetzungskraft gestaltete. Sie war der geborene Star und die türkische Ikone des Feminismus.

    Bei Betreten des Ausstellungsraumes im Hamburger Bahnhof erklingt die Opernstimme der Künstlerin und Filmsequenzen zeigen sie in der Rolle der Sängerin. Dieser Klang begleitet die Besucher*Innen in den Saal mit fantastischen Bildern.

    Der Parcours führt bis zu einem dokumentarischen Schwarz-Weiß-Film, der historische Ereignisse während ihres Lebens zusammenfasst, und davon spielt vieles in Berlin.

    Semiha Berksoy wurde 1910 in der Türkei geboren und wuchs in die Gesellschaft kompletter Erneuerung hinein, die Mustafa Kemal Atatürk mit seiner Regierungsübernahme 2023 initiierte. In seiner „Republik Türkei“ waren Frauen gleichberechtigt, der islamische Glaube durch letztliche Abschaffung der Kalifate deutlich entmachtet und ein demokratisches Staatsprinzip mit westlichen Werten wurde aufgebaut.

    Semiha Berksoy fühlte sich seit ihrer Kindheit zum Star geboren; ihre Mutter war Malerin, ihr Vater Lyriker und sie wollte auf die großen Bühnen. Sie nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht und ließ sich auf der Akademie zur bildenden Künstlerin ausbilden.

    In dieser Zeit der gesellschaftlichen Transformation gab Mustafa Kemal Atatürk den Auftrag zur Produktion einer türkischen Oper: „Özsoy“ (1934). Semiha Berksoy sang und spielte in Anwesenheit von Atatürk eine Hauptrolle. Die Oper erzählt die Geschichte von Zwillingen, die durch den Zorn des Teufels getrennt werden, sich aber Jahrhunderte später wieder treffen und erkennen, dass sie Brüder sind. Berksoy sang nicht nur, sondern malte auch ihre Interpretation inklusive Schrift mit vielen Symbolen ausgeschmückt.

    Ihr künstlerischer Stil ist keiner anderen Gattung zuzuordnen, sondern ihre ganz persönliche Art der Illustration eigener Erlebnisse oder Geschichten der Opern, die sie spielte. Die Bilder erzählen oft von Liebe, Leidenschaft oder Ungerechtigkeit und sind in der Lage, Emotionen nachfühlbar zu übertragen.

    Sie sang die Arie der Tosca von Puccini, eine dramatische Story ähnlich Romeo und Julia. Auch die Oper von Stravinsky „Ödipus rex“ illustrierte sie.

    Semiha Berksoy war eine Feministin ihrer Zeit, auch wenn sie dies nicht wie ein Schild vor sich trug. Ihre ganze Persönlichkeit und ihr Lebensstil waren personifizierter Feminismus.

    Zur Ausstellungseröffnung in Berlin sind auch Kuratorinnen des Istanbul-Modern-Museums nach Berlin angereist. Dort wird die Ausstellung im kommenden Jahr übernommen. Eine junge Mitarbeiterin bestätigte, dass Semiha Berksoy auch heute noch als Vorbild für die Unabhängigkeit starker Frauen in der Türkei gilt.

    Semiha Berksoy war ihre Karriere in Ankara und Istanbul nicht genug und deshalb zog sie nach Berlin, wo sie ebenfalls auf großen Bühnen erfolgreich war. 1932 musste sie jedoch wegen der Machtergreifung der Nazis wieder zurück. Doch auch das ließ sie sich nicht endgültig gefallen und kam immer wieder. 1942 mitten im Krieg durfte sie noch nicht bleiben, doch seit den 50ger Jahren begeisterte sie immer wieder auch das deutsche Publikum.

    Kennt man ihre Geschichte ein wenig und liest man auch die Titel der Bilder, so ist deren Sensibilität und Empathie verständlich und bewundernswert.

    Die Ausstellung vermittelt eine Verbundenheit zwischen türkischer und deutscher Kultur durch die Strahlkraft einer besonderen künstlerischen Persönlichkeit.

    Semiha Berksoy: „Singing in Full Color”: Hamburger Bahnhof, Berlin; 6. Dezember 2024 bis 11. Mai 2025