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„Freischwimmen“ in Wolfsburg
Ein fröhliches und bereicherndes Baden in Kunst

Es gibt „Waldbaden“, jetzt also auch „Kunstbaden“. Einem Trend in der Museumswelt folgend – auch entwickelt beim Deutschen Museumsbund- eröffnet das Kunstmuseum Wolfsburg einen künstlerischen Mitmach-Parcours. Das umfassende Thema von „Freischwimmen“ ist, sich einen Tag im Freibad vorzustellen mit Eintauchen ins Wasser, hier in die Kunst, Auftauchen und Entspannen auf der Liegewiese. Es gibt Stempel in einen Pass für jede bewältigte Aufgabe und am Ende einen Freischwimmer-Button.



Wolfsburg bietet in der neuen Ausstellung mehrere Stationen mit fantastischen Werken der hauseigenen Sammlung, die eine Art Kristallisationskerne für multisensorische Empfindungen und aktives kreatives Handeln sein sollen.

Foto Kunstmuseum WOB Das Spiegelkabinett von Jeppe Hein lädt ein zu optischen Spielchen und Selfies in lustigen Posen.
Eine überdimensionierte Version eines abstrakten Bildes von Sarah Morris wird mit Schaumstoff-Bausteinen nachgebaut.

Christian Falsnaes schuf einfach eine Bühne, auf der die BesucherInnen sich nach Anweisungen aus einem Kopfhörer bewegen sollen. Performance mit Laien!
Zeitgemäß medial gibt es das bereits etablierte „Studio digital“ des Museums, erweitert mit Kombinationen der dreidimensionalen körperlichen Realität. Dieser Bereich wurde mit Hilfe einer Schülergruppe des Max-Born-Gymnasiums Backnang entwickelt, die bereits das Grundprogramm wesentlich geprägt hatte.


Die Schüler wurden beim Rundgang für die Presse per Video zugeschaltet. Auf die Frage, was sie sich von einem Museum noch mehr wünschen würden, hieß es spontan: „Mehr Sitzmöglichkeiten!“ Eine fantastische Antwort, die mit Sicherheit von allen Altersgruppen unterstützt wird.
https://studiodigital.kunstmuseum.de
Die beschriebenen Stationen stehen exemplarisch für viele Positionen der Ausstellung.
Offensichtlich möchten sich die Museen heutzutage für mehr und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen interessant machen, indem sie hochkarätige Kunst spielerisch mit allen Sinnen erfahrbar werden lassen.
Das ist keineswegs neu, denn gerade erleben wir diese partizipative Kunst in Berlin in den beiden großen Ausstellungen von Yoko Ono, die das Konzept schon vor über 60 Jahren „erfunden“ hat. Sie ging stets davon aus, dass ein Kunstwerk erst durch Mitarbeit der Besucher*Innen vollständig wird. Der Hauptbestandteil ihrer Werke sind ihre „Instruktionen“.



In Berlin funktioniert das Konzept heute wie damals hervorragend. Beim Gallery-weekend waren die Tische mit weißen Schachspielen und das Zusammensetzen von Porzellanscherben oder auch das Falten von Papierkranichen permanent voll besetzt. Gestalten für den Frieden!
Mit Sicherheit wird der Museumsbesuch im Kunstmuseum Wolfsburg eine perfekte Ergänzung im familiären Ferienprogramm, zumal in der Kombination mit der weiterhin gezeigten exzellenten „Schwerelos“-Ausstellung im großen Saal. Doch vielleicht sollte man auch Öffnungszeiten „nur für Erwachsene“ anbieten, damit sie fröhlich und frei Hemmungen vor Kunst und Kultur spielerisch ablegen können.
„Freischwimmen – Köpper in die Kunst“, Kunstmuseum Wolfsburg, 9. Mai — 28. Sept. 2025
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EMBRACE von Klara Hosnedlova
Eintauchen in einen magischen Märchenwald

Die riesige Installation in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ist eine künstlerische Reminiszenz an die tschechische Heimat der Künstlerin Klara Hosnedlova. Der harten industriellen Architektur des Gebäudes setzt sie eine weiche schmeichelnde Atmosphäre entgegen, die aus dicken Strängen aus Flachs und Hanf geflochtenen skulpturalen Figuren entsteht.


Klara Hosnedlova wurde 1990 in einem kleinen Ort der damals noch Soviet-geprägten Tschechoslowakei geboren, der heute zur tschechischen Republik gehört. Sie lebt und arbeitet jedoch auch in Berlin.


In ihre Flachs-Tapisserien hinein sind fossilienartige Rahmen aus Sandstein eingelassen, in denen fotorealistische Bilder mit extrem feinen Stickereien beeindrucken. Ähnliche Reliefs hängen auch an Metalwänden, die die Bögen der Bahnhofshalle verschließen. Mit Sandstein seien viele Fassaden von Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden in der Heimat der Künstlerin verkleidet. Ebenso gebe es dort viele brutalistische Betonbauten. Auf diese deutet sie mit den Beton-Gehwegplatten hin, die den Boden großenteils bedecken.


Die Künstlerin arbeitet auch mit Performances, die jedoch keine öffentlichen Vorführungen sind, sondern ihr Motive für Fotos, aber auch für zukünftige Projekte bieten sollen. Hierzu gibt es Beispiele in dem aktuellen Katalog.
Beim Eintauchen in die Natursymbolik der Installation wird man zusätzlich vom speziellen Sound aus Frauenstimmen und der Komposition eines tschechischen Rappers akustisch eingehüllt. So entsteht ein Gefühl, „umarmt“ zu werden: EMBRACE.

Eine Besonderheit der neuen Gestaltung der Haupthalle ist, dass es sich um die erste Arbeit mit Unterstützung des CHANEL Culture Funds handelt, mit dem der Hamburger Bahnhof eine 3-jährige Zusammenarbeit eingeht. Dabei sieht es so aus, als würde das Sponsoring keinen direktiven Einfluss auf die künstlerische Arbeit ausüben. Hierauf sollte trotz schwindender Mittel für Museen weiterhin intensiv geachtet werden, um keine amerikanischen Verhältnisse entstehen zu lassen. Die Freiheit der Kunst bleibt eine besonders schützenswerte Errungenschaft.
Auffällig ist aktuell, dass offensichtlich die künstlerische Gestaltung der historischen Halle in den letzten Jahren Frauen vorbehalten bleibt: 2020 Katharina Grosse, später Sandra Mujinga, Eva Fabregas, Alexandra Pirici und jetzt Klara Hosnedlova.

Ayoung Kim 
Eva Fabregas 
Marianna Simnett Auch in anderen Räumen des Hamburger Bahnhofs stellten und stellen auffallend viele Künstlerinnen aus: Ayoung Kim, Marianna Simnett, Nadia Kaabi-Linke, Zineb Sedira, Christina Quarles, Semiha Berksoy, Naama Tsabar, Andrea Pichl. Müssen wir vielleicht für eine Ausgewogenheit langsam über eine Männerquote nachdenken? Dies soll bitte nur als kleine Anmerkung mit einem Schmunzeln gesehen werden, denn bisher zeigten die weiblichen Kunstwerke im Hamburger Bahnhof zugegeben sämtlich unglaublich spannende Positionen von hoher Qualität.
Klara Hosnedlova: „EMBRACE“, Hamburger Bahnhof Berlin, 1.Mai bis 26. Oktober 2025
Eröffnung. 1. Mai 2025, 19 Uhr, gleichzeitig zur Eröffnung des Gallery Weekends
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Victor Vasarely
Optische Täuschungen und geometrische Farbigkeit


Vasarely gilt als einer der wichtigsten Erfinder der OP-ART: Nein, das hat nichts mit Operationen zu tun. Vielmehr begeistern die Arbeiten des 1906 in Ungarn geborenen Künstlers bis heute mit ihrer besonderen Fähigkeit, auf einer zweidimensionalen Fläche eine 3. Dimension optisch zu erzeugen, also optische Täuschungen zu produzieren. Die Meisterleistung besteht auch darin, dass er seine Werke bereits zu Zeiten geschaffen hat, in denen kein Computerprogramm oder eine KI zur Verfügung standen. Nur die exakte mühevolle geometrische Berechnung und präzise Ausführung brachten das Ergebnis zustande.


In den 70ger Jahren hingen in vielen Studentenzimmern Poster mit den beliebten Motiven von Vasarely. Er legte großen Wert darauf, dass seine Kunst für alle erschwinglich ist und ließ diese Papierdrucke in riesiger Auflage zu. So erlangte er nicht nur als 4maliger Documenta-Teilnehmer (von der ersten bis zur vierten), seine große Popularität.
Vasarely schaffte nicht nur Gemälde, sondern entwickelte als Grafiker z.B. auch das Logo von Renault, das heute noch verwendet wird.

1976 wurde das Gebäude der Fondation Vasarely in Südfrankreich in Aix-en-Provence prominent auf einem Hügel eröffnet. Der Künstler selbst hatte den Bauplan aus 16 sechseckigen Räumen entworfen, die wabenförmig angeordnet sind. Er eröffnete sein Museum damals mit großem Stolz und konnte sich bis zu seinem Tod 1997 an seinem Erfolg erfreuen.


An den Innen-Wänden ließ er monumentale Versionen seiner Kunstwerke von bis zu 6 x 8 m Größe aus verschiedenen Materialien, auch z.B. gewebten Teppichen installieren. Sie zu entdecken ist ein überwältigendes Erlebnis und eine Freude für alle Generationen und auch Touristen aus allen Ländern.


Fondation VASARELY, 1 Avenue Marcel Pagnol, 13090 Aix-en-Provence, geöffnet mittwochs bis sonntags 10.30 bis 17.30 Uhr.
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Yoko Ono
All we are saying ….. is: Give Peace a Chance!


Dieser Aufruf ist Botschaft und unauslöschlicher Ohrwurm beim Rundgang durch die Kunstwerke von Yoko Ono, die aktuell im Berliner Gropius-Bau und in der Neuen Nationalgalerie gezeigt werden.
Obwohl Yoko Ono eher als Ehefrau von John Lennon im kollektiven Gedächtnis verwurzelt ist, war sie selbst bereits lange vor und ist auch bis heute lange nach dieser wichtigen Beziehung eine wegweisende Künstlerin.
Sie prägte als eine der ersten die Konzeptkunst und zählt zur Fluxus-Kunstgattung: Kunst und reales Leben sollen dabei „fließend“ ineinander übergehen.
Yoko Onos Werke sind meist partizipativ, was bedeutet, dass sie uns Besucher*Innen zu einer Tätigkeit auffordern, ohne die das Kunstwerk nicht vollendet wäre. Dies ist ihre besondere Art, direkt mit dem Publikum zu kommunizieren. Außerdem arbeitet Yoko Ono viel mit Performances.


Eine berühmte Kombination von beidem ist ihr „Cut Piece“ (1964). Hier setzte sie sich in einem schönen Kleid auf die Bühne und forderte das Publikum auf, einzelne Stücke daraus auszuschneiden. Das ging so weit, bis sie völlig nackt war. Die Künstlerin PEACHES wird diese Performance (2.5.25, 20 Uhr) im Gropius-Bau nachspielen.
Yoko Ono wurde 1933 in Tokio geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Nach der schweren Bombardierung Tokios Anfang 1945 wurde sie als 12-Jährige mit ihrer Familie aufs Land evakuiert, erlebte aber im August noch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Diese Ereignisse waren primär prägend für ihren lebenslangen aktiven Kampf gegen jede Art von Gewalt und Krieg.
Sie studierte in Tokio Philosophie, doch ab 1952 zog sie wie ihre Familie in die USA und studierte ihre eigentliche Leidenschaft, die Komposition und Musik. Dort in New York gründete sie einen beliebten Treffpunkt für Musiker und Künstler, in dem sich viel kreatives Potential entwickelte.
1966 wurde sie nach London eingeladen um dort „Cut Piece“ aufzuführen. Ein Zuschauer dort war auch John Lennon, mit dem sie im Weiteren künstlerisch zusammenarbeitete. Erst 1968 wurden sie ein Paar und am 20.3.1969 heirateten Yoko Ono und John Lennon in Gibraltar. Die Flitterwochen wurden ein Kunst-Happening im Hilton-Hotel in Amsterdam. Das Zimmer der beiden blieb offen für Presse und Öffentlichkeit als „Bed-In“ für den Weltfrieden.


Im gleichen Jahr 1969 entstand die weltweite Plakataktion „ WAR IS OVER! If you want it, Happy Christmas from John & Yoko“. Auch in Berlin gab es große Plakatwände.

Berlin 
London Am 8.Dez.1980 starb John Lennon in New York durch Schüsse eines „geistig gestörten Attentäters“. Yoko Ono war jetzt mit erst 47 Jahren Witwe, aber weiterhin sanft kämpfende Friedensaktivistin.
Unter dem Titel. „Music of the mind“ (Klang des Geistes) zeigt der Gropius-Bau 200 Werke aus 70 Jahren künstlerischen Schaffens. Wir begegnen vielen künstlerischen Instruktionen. So stehen in dem großen Innenhof sogenannte „Wish-Trees“. Es sollen von den Anwesenden persönliche Wünsche auf weiße Anhänger geschrieben und angehängt werden, die später von Yoko Ono in einer Sammlung veröffentlicht werden.

In der Neuen Nationalgalerie kann man aus Porzellan-Scherben, Klebeband und Bindfaden ein neues Stück zusammenbauen, eine künstlerische Reparatur; oder an einem langen Tisch an 10 Schachbrettern spielen. Doch als Metapher gegen jegliche Kampfaktionen sind alle Figuren und Felder nur weiß.


Yoko Onos Kunst ist großenteils weiß, eine „weiße Fahne für den Frieden“? Die Instruktionen und das Mitmachen bewirken einen lebendigen Ausstellungsbesuch, bei dem sich die Friedensbotschaft permanent und nachhaltig einprägt. Die Künstlerin ist inzwischen 93 Jahre alt, doch ihre Message ist heute -leider- immer noch so bedeutend und aktuell wie je zuvor: “Give Peace a Chance!”
YOKO ONO: “Musik of the Mind”, Gropius-Bau Berlin 11. April bis 31.August 2025
YOKO ONO: „Dream Together“, Neue Nationalgalerie Berlin; 11. April bis 14. Sept. 2025, als Abschluss hier: 14.9.2025: Performance „Bells for Peace“
Mit einer Kundenkarte der Berliner Sparkasse ist der Besuch an jedem Mittwoch im Juni im Gropius-Bau kostenlos.
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Documenta 16: große Erwartungen an Skandalfreiheit
Naomi Beckwith’ Antrittsrede über ihre kuratorische Grundhaltung


In Kassel stellte am letzten Dienstag die designierte Kuratorin der Documenta 16 in zwei Jahren, Naomi Beckwith ihr kuratorisches Konzept für die kommende Weltkunstschau vor. Nachdem der mediale Sturm politischer Kritik an der letzten documenta 15 deren großartigen komplett neuartigen Ideen für die Kunstwelt völlig überschattet hatte und sogar Bedenken an einer Neuauflage im Raum standen, gibt ein sogenannter Code of Conduct jetzt verbindlich für die neue künstlerische Leitung vor, dass sie sich zu Beginn über ihre Ausrichtung öffentlich äußert. So fragwürdig diese Pflichtaufgabe einer Art Gesinnungsprüfung auch sein mag, so deutlich konnte Naomi Beckwith jeglichen Zweifel an ihrer aufrichtigen und kompetenten Art ausräumen. Ihre Rede bewirkte viel Applaus bei den etwa 700 Zuhörern aus Fachleuten, Presse und Kassler Bevölkerung. Es war eine gelungene Vertrauensbildung.
Naomi Beckwith begann mit der Schilderung ihrer Herkunft, als sie sich in der schwarzen Community in Chicago familiär aufgehoben fühlte, weil sie hier auch einen kulturellen und sozialen Zusammenhalt erlebte, aus dem sich in Kunst und Musik immer Neues entwickeln konnte. So fühle sich sich auch weiterhin als Teil der weltweiten panafrikanischen Gemeinschaft, aber mit dem Ziel eines versöhnlichen Zusammenlebens aller Menschen in Respekt und auf Augenhöhe.
Naomi Beckwith sagte, sie könne nicht vorhersagen, was passieren werde, wenn die Künstlerlisten und Werke öffentlich werden. Diskurse seien aber grundsätzlich richtig, denn es sei wichtig über die jeweiligen Begriffe zu streiten, sie jedoch nicht als Waffen gegeneinander zu verwenden. Es brauche auf allen Seiten Verständnis für gegenteilige Perspektiven auf einen Sachverhalt, die beide gleichwertig akzeptiert werden müssten.

In ihrer bisherigen Arbeit als stellvertretende Direktorin und leitende Kuratorin am Guggenheim Museum in New York habe sie protestierenden Aktivistinnen wie z.B. der Gruppe P.A.I.N um Nan Goldin durchaus eine Bühne für ihre Aktion gegen die Pharmafamilie Sackler überlassen, jedoch sei immer oberstes Gebot, keinerlei physische, verbale oder systemische Gewalt zuzulassen.
Bei all dem sei sie eine Verfechterin von Redefreiheit. Kulturelle Diskurse müssten verständlich gemacht werden. Kontextualisieren ist der Begriff dafür, der eine Documenta mit viel Erklärungen und Diskussioen erwarten lässt. „Unterschiedliche Geografien erfordern unterschiedliche Lösungen“, heißt es bei ihr, was sich auf die Besonderheit der deutschen Geschichte und die dadurch geprägten öffentlichen Auswirkungen bei der damaligen D15 bezieht. Sie sei sich darüber bewußt, dass sie Verantwortung für die gegenseitigen Rücksichtnahmen habe.
Detaillierte kuratorische Themen oder Künstlernamen waren an dem Abend noch nicht zu erfahren.
Was brauche aber die D16?
Die Kunst der Documenta habe immer nach der Sinnstiftung gefragt und einen Blick auf die aktuelle Lage in der Welt geworfen. War es ursprünglich die Aufgabe, in den Jahren nach Ende des zweiten Weltkrieges Deutschland wieder eine aktuelle Positionierung in der Kunstwelt zu geben, so müsste heute ein anderer Blick auf den globalen Zustand beachtet werden. Es herrsche eine ZEIT DER ENTTÄUSCHTEN ERWARTUNGEN, ein Ausverkauf von Menschenrechten und Überwertung wirtschaftlicher Interessen.
KünstlerInnen hätten stets auf den Zeitgeist, auch gerade in Krisen reagiert und neue Welten visioniert und Utopien entwickelt, die Neuentwicklungen voranbringen können. Ihre Documenta biete in dem Sinn weiterhin ein Feld zum Experimentieren und transkulturellen Denken. „Dabei ist mir auch bewußt, welchen Blick die Welt gerade heute auf mein Land hat.“
Eine Besonderheit der Documenta sei stets, dass ein Kulturaustausch mit dem Ziel des Miteinander ermöglicht werden soll. Dies stehe im Gegensatz zur Biennale in Venedig, wo die Länderzugehörigkeit eine bedeutende Rolle spielt.


Erste Autogrammwünsche 
Die Kuratorin sieht sich auch in der Tradition ehemaliger Kuratoren wie Owui Enwesor (Documenta 11), von dem sie in der Zusammenarbeit viel gelernt habe. Es gehe darum, gemeinsam mit den Künstlern, den Kunstwerken und den BesucherInnen die Bedeutungen zu erarbeiten. „Eine Documenta funktioniert nicht, ohne dass jede/r Besucher/in hinterher irgendetwas verstanden hat.“ Die Kunstvermittlung nehme daher einen hohen Stellenwert ein und müsse gut vorbereitet werden.
Wird es bei all den Grundsätzen von Gerechtigkeit, Respekt, Rücksichtnahmen letztlich eine brave, konservative Documenta16? Der Kunstkritiker Carsten Probst erwartet in seinem Statement im DLF Kultur „eine mäßig innovative Documenta im abgesicherten Modus.“ Dies könnte aus der Rede von Naomi Beckwith durchaus gefolgert werden. Doch ist das schlimm? Könnte es für uns Kunstbegeisterte nicht auch besonders erleichternd und attraktiv sein, wenn wir uns wieder ausschließlich und störungsfrei spannenden ästhetischen Erlebnissen zuwenden können?
Naomi Beckwith vermittelt genau das und lässt uns zuversichtlich und vertrauensvoll auf die nächste Weltkunstschau in Kassel freuen. Sie erwies sich bei der Veranstaltung mit ihrer warmherzigen empathischen Ausstrahlung als große Sympathieträgerin für das Publikum.
Documenta 16 , Kassel, 12. Juni bis 19. September 2027
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THE CLOCK, ein „Zeit-Dokument“
Christian Marclays preisgekröntes Jahrhundertwerk in Stuttgart

24 Stunden Film-Geschichten mit Uhren in einer atemberaubenden Präzision ohne einen Augenblick der Langeweile! Dieses Mammut-Kunstwerk wurde vor kurzem im amerikanischen Artnews-Magazin als eins der wichtigsten Kunstwerke des 21.Jahrhunderts gewürdigt. Es belegte Platz 6 von 100 und wird jetzt im Kunstmuseum Stuttgart erstmals in Deutschland vorgeführt.


Das Besondere an „The Clock“ ist, dass die Uhrzeit im Film identisch mit der realen Zeit im Vorführraum ist. Es ist eine Sammlung von Tausenden von Filmausschnitten, die Uhren abbilden oder auf Zeit Bezug nehmen – von Turm-, Armband-, Taschen-, Küchenuhren über klingelnde Wecker bis hin zu Sonnen- und Pendeluhren sowie Szenen, in denen Menschen sich die Uhrzeit mitteilen.

Christian Marclay berichtet, dass er mit 6 Assistent*Innen in 3 Jahren Arbeit Szenen aus Spielfilmen aus aller Welt gesammelt und geschickt ineinander verwoben habe, so dass nicht nur minutengenau die Uhren eingebaut sind, sondern auch kleine zusammenhängende Szenen entstehen.
Zuschauer werden sofort gefangen, auch weil es reizvoll ist, einzelne Filme wiederzuentdecken. Da reiht sich „Die Blechtrommel“ an James-Bond-Sequenzen oder „Zurück in die Zukunft“; „High Noon“ an den „Glöckner von Notre Dame. Auch „Mit Schirm, Charme und Melone“, „Pretty Woman“, der „Rainman“, „Dick und Doof“, „Das Leben der Anderen“ oder „Der Orientexpress“ lassen sich erkennen. Wir erleben MacGyver, Charles Bronson, Angelina Jolie, Dustin Hoffman, Hugh Grant, Tom Cruise, Woody Allen und Alain Delon in schwarz-weiß oder in Farbe. Die meisten Uhren sind analog vertreten, wenige digital und natürlich BIG BEN.


Szenen aus Komödien, Liebes- oder Action-Filmen finden zueinander durch das Verrinnen von Zeit. Liebe, Sex, Explosionen, Krankenhausszenen, Peking-Ente und immer wieder Autos verschiedener Epochen bilden einen besonderen Reiz an dem unendlich wirkenden Filmereignis.
Schon bei der Erstvorstellung auf der Biennale in Venedig 2011 zog The Clock die Besucher sofort in seinen Bann und gewann den Goldenen Löwen als bestes Kunstwerk.

Kunstmuseum Stuttgart 
Christian Marclay Jetzt in Stuttgart spricht Christian Marclay ganz bescheiden darüber, dass er stets sehr gern und bis heute mit Collagen gearbeitet habe. Es gebe einen Film „Doors“ oder auch „Telefone“ in ähnlicher Art. Auch Musik-Stückchen schneide er in spezieller Montage zusammen. Bei „The Clock“ musste mit DVDs gearbeitet werden, weil es noch kein Internet-Screening gegeben habe. Der Künstler arbeite jedoch sehr gern mit seinen Händen, auch wenn er eingesteht, dass Handy und Laptop essenziell zu seinem Leben inzwischen dazu gehören.


Von „The Clock“ gibt es nur 6 Kopien, die weltweit von den größten Museen wie z.B. dem Centre Pompidou, dem Tate Modern oder dem MOMA in New York gekauft worden sind mit unbeschränkter Lizenz, sie zu zeigen. Kleinere Museen können dort darum bitten, das Werk für kürzere Zeiträume zu präsentieren, aber stets muss auch der Künstler sein Einverständnis geben.
The Clock sehen zu dürfen ist eine riesige Freude, begeisternd und bereichernd zugleich, weil nicht nur die Sammlung minutengenauer Abbildungen von Uhren, sondern auch die harmonischen Szenenübergänge ein Vergnügen der besonderen Art sind. Man sollte sich wirklich viel Zeit einplanen, denn die Faszination lässt die Zeit völlig vergessen.
Kunstmuseum Stuttgart, „The CLOCK“ von Christian Marclay vom 14.3. nur bis 25.5.2925 (10-18 Uhr), 24 Stunden-Vorführung am 17./18.Mai 2025
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Anselm Kiefer
Gold und Krieg und Gigantomanie


„Ich beschäftige mich mit dem, was in der Welt passiert und dann zeigt sich automatisch das in meinen Bildern.“ So kommentiert Anselm Kiefer, einer der bedeutendsten deutschen Künstler, beim Opening in Amsterdam die Ideengrundlage für seine Arbeit .

Hier wird nicht nur eine umfangreiche Retrospektive über Anselm Kiefer anläßlich seines 80. Geburtstages am 8.3.25 präsentiert. Vielmehr schuf der Künstler auch ein neues gigantisches Kunstwerk, das eindrucksvoll das Treppenhaus des klassischen Baus des Stedelijk-Museums ausfüllt.

„Sag mir wo die Blumen sind“ ist dessen Titel, zitiert nach dem berühmten Antikriegs-Song von Pete Seeger, der seine tiefgreifende Wirkung erst mit der deutschen Version von Marlene Dietrich entfaltete.
Anselm Kiefer arbeitet hier nicht nur mit seinen typischen dick pastös aufgetragenen Farben, sondern auch mit Gräsern und Blüten. Metallmasken und große Mengen gefärbter und verschlissener Uniformen an Kleiderstangen führen zu einer hohen Dreidimensionalität der Assemblage, bestreut mit verwelkten Blütenblättern.



„Über den Gräbern weht der Wind“ steht über dem zentralen Gemälde, das völlig eindeutig einen Leichnam zeigt.
„Ich habe schon immer gern mit Gold gearbeitet, doch als ich jünger war, konnte ich mir immer nur kleine Mengen leisten.“ Das scheint jetzt kein Problem mehr zu sein, denn auf der aktuellen Installation ist etwa die Hälfte der etwa 500 qm mit Gold bedeckt.
Eine schöne Ergänzung der Ausstellung ist ein Film, bei dem ein Tänzer vor den Bildern, als sie noch im Atelier in Frankreich standen, diese thematisch performativ interpretiert.


Die Ausstellung ist die erste Zusammenarbeit zwischen Stedelijk- und Van Gogh-Museum, obwohl beide Häuser direkt nebeneinander stehen. Thematisch konzentriert sich der Teil im Van Gogh-Museum auf den Bezug der beiden außergewöhnlichen Künstler zueinander. Anselm Kiefer hatte als 17Jähriger eine Förderung für eine Bildungsreise erhalten und fuhr in Zeiten, als noch nicht jede Familie Urlaubsreisen bezahlen konnte, auf eigenen Wunsch auf den Spuren van Goghs nach Holland und Belgien bis Südfrankreich. „Auch van Gogh hat seine Bilder genau konstruiert. Uns ist z.B. gemeinsam, dass wir die Grenze zum Himmel entweder sehr tief oder sehr hoch plazieren.“ So hängen jetzt die alten Kornfelder direkt gegenüber denen von Kiefer aus echtem Stroh und Gräsern, wobei der Unterschied in der Größe nicht als Qualitätsmaßstab gelten darf.


Wenn Anselm Kiefer etwas schafft, dann ist das in erster Linie monumental, gigantisch groß. Das ist schon allein überwältigend. Doch auch die ästhetische Präsenz und eindeutige Aussage erheben die Installation zu einem beeindruckenden Kunstwerk.

Dass das Anti-Kriegsthema gerade heute ultra aktuell ist, wenn über Aufrüstung und Atom-Schutzschirm in allen Nachrichten gesprochen wird und männlich narzistische Staatsmänner sich gegenseitig bedrohen, ist eine erstaunliche Koinzidenz mit der Eröffnung der Ausstellung.
Anselm Kiefer: „Sag mir, wo die Blumen sind.“ Amsterdam, 7. März nur bis 9. Juni 2025.Songtext Marlene Dietrich 1962 (Auszug)
Sag mir, wo die Blumen sind.
Wo sind sie geblieben?..
Mädchen pflückten sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Sag mir, wo die Männer sind.
Wo sind sie geblieben?
Zogen fort, der Krieg beginnt…
Sag, wo die Soldaten sind
Wo sind sie geblieben?
Über Gräbern weht der Wind…
Sag mir, wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben?….
Wann wird man je versteh’n? -
Kosmos Kandinsky und die Geometrische Abstraktion

Wassily Kandinsky (geb.1866 in Moskau, gestorben 1944 in Paris) wurde zur Leitfigur der Geometrische Abstraktion, nachdem er als Lehrer am Bauhaus in Weimar 1926 ein Buch veröffentlichte, das unter dem Titel „Punkt und Linie zur Fläche“ die theoretischen Grundlagen hierfür beschrieb. Geometrischen Elementen wurden definierte Farben zugeordnet. Es sollten sich schwebende Dreiecke, Linien, Quadrate und Kreise in einem Tanz zu einer harmonischen Sinfonie zusammenfügen. Kandinsky verband als Synästhetiker in seiner Wahrnehmung abstrakte Symbole wie Zahlen und Buchstaben, aber auch Musik mit festgelegten Farben, was diese Abhandlung wohl initiierte.


Piet Mondrian Die Abstraktion war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Revolution der Malerei, da sie sich von Figürlichem komplett abwandte und ihre Ästhetik lediglich aus der Spannung und Balance von Formen und Farben entwickelte. Dies begann in einer Zeit, als Wissenschaft und besonders Technik ihren Aufschwung nahmen und Künstler versuchten, auch diese Phänomene bildlich darzustellen. Das soll auch der „Kosmos“ im Titel der Ausstellung veranschaulichen.

Frank Stella Im Museum Barberini in Potsdam werden aktuell Schlüsselwerke der geometrischen Abstraktion verschiedener Künstler aus einer Zeitspanne von 70 Jahren gezeigt, denn diese Stilart entwickelte sich lange weiter: über Op-Art (mit optischen Effekten) und Pop-Art bis zum Minimalismus.

Victor Vasarely Kandinsky gilt in Potsdam als Initiator, doch es folgen weitere weltbekannte Namen: Piet Mondrian von De Stijl, Julian Stanczak als Schüler vom Bauhaus-Lehrer Josef Albers, Victor Vasarely (der z.B.1972 das rautenförmige Logo von Renault kreierte), aber auch Frank Stella. Obwohl Kandinsky bereits 1944 in Paris starb, emigrierten seine Ideen mit vielen Bauhauskollegen in die USA, wo sie sich ebenfalls prägend verbreiteten.



So bietet die Ausstellung einen großen Überblick mit 126 Werken von 70 Künstlern, (davon nur wenige Künstlerinnen), die nicht nur einen historischer Überblick darstellen, sondern eine wahre Augenweide sind.
Museum Barberini Potsdam, „Kosmos Kandinsky“ , 15.Februar – 18.Mai 2025
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Eine einzigartige Welt oder multiple Universen?
Ayoung Kim schürt Zweifel an unserer Wahrnehmung


Es ist die Geschichte von Ernst Mo. Sie arbeitet für einen Lieferservice im fiktiven ultramodernen Seoul. Das wäre zunächst ein fast langweiliges Sujet, doch bei Ayoung Kim heißen die MitarbeiterInnen „Delivery Dancer“ und „tanzen“ auf ihren Highspeed-Motorrädern durch das Straßengewirr, gesteuert von einem unerbittlichen Algorithmus, der sie zu immer höherer Geschwindigkeit antreibt.

Ayoung Kim 
In dem Universum, das die Künstlerin mit diesem Plot erschafft, ist das Raum-Zeit-Kontinuum aufgelöst. Es existieren mehrere Welten gleichzeitig nebeneinander. Ernst Mo gerät durch einen Fehler, einen Riss in ihrer Realität in eines der Paralleluniversen und trifft darin auf sich selbst mit dem Namen En Storm. Beide Namen sind Anagramme von MONSTER. Da die Verdoppelung nicht existieren darf, bekämpfen sich die beiden Dancer. Doch es entsteht auch eine Beziehung geprägt von Faszination füreinander.


Ayoung Kim nutzt für ihre Kunst alle zur Verfügung stehenden neuen Technologien. Sie involviert Videoinstallationen und benutzt Game-Engines, also Computerprogramme, mit denen Video-Games hergestellt werden. Zusätzlich arbeitet sie mit KI. Daraus resultiert eine Installation aus Skulpturen, Wandtapeten und einer Game-Variante, die die BesucherInnen steuern können.


Im Mittelpunkt stehen jedoch zwei Mehrkanal-Projektionen, die die Delivery Dancer auf ihren Wahnsinnsfahrten begleiten. Die Route verläuft auf Straßen, durch die Luft, teils überkopf in multiplen Szenarien vom Auslieferungslager bis in Fantasy-Räume oder altertümliche Pyramiden.


Es ist Sciences Fiction, Gaming-Welt zusammen mit einer Geschichte, die durchaus als Kritik an dem schlecht bezahlten überfordernden Job des Lieferservices gesehen werden kann. Auch die philosophische Idee, dass wir nicht Unikate sind, sondern in einer parallelen oder wenigsten weit entfernten Welt eine Doppelgängerin haben, ist ein bemerkenswerter Denkanstoß.

Der Hamburger Bahnhof überrascht immer wieder mit künstlerischen Positionen, die in ihrer Art einzigartig sind und mit nichts zuvor vergleichbar, so auch diesmal mit der Südkoreanerin Ayoung Kim. Neue Zeit – Neue Kunst! Spannend!

Ayoung Kim: „Many Worlds Over“, Hamburger Bahnhof Berlin, 28.Februar – 20.Juli 2025

















