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WILLIAM der GROSSE!
Deutschland im Kentridge-Super-Hype



Alle reden über Kentridge. WIR AUCH! Doch nicht nur, weil momentan sowohl in Essen als auch in Dresden riesige Ausstellungen den südafrikanischen Künstler zu seinem 70. Geburtstag feiern, sondern weil sein Werk wirklich großartig ist.
Seit 50 Jahren ist William Kentridge künstlerisch tätig und spätestens seit der dOCUMENTA(13) 2012 verbreitete sich seine Beliebtheit exponentiell. Damals schuf er mit „The Refusial of Time“ eine herrliche immersive Installation, als dieser Begriff noch gar nicht benutzt wurde. Ein Raum, in den man eintrat und sofort in die philosophische Auseinandersetzung mit der uns dominierenden ZEIT-Taktung mit allen Sinnen eintauchte.


Im Folkwang-Museum in Essen wird aktuell aus dem umfangreichen Werk des Künstlers zunächst das Thema Bergbau in den Vordergrund gestellt, ein verbindendes Element zwischen dem Ruhrgebiet und Johannisburg, der Heimat des Künstlers. Etwa ein Viertel des weltweiten Goldes stammt aus Minen der Umgebung. In beiden Regionen findet jetzt jedoch kein aktiber Bergbau mehr statt, sondern eine Transformation von Arbeit und Gesellschaft. Die Kunstwerke haben sich dementsprechend von schweren Bedingungen für die Bergleute zu Landschaften und Kunst, auch aus Literatur und Theater verändert.


Ein zweiter Themenbereich sind die Auswirkungen des Kolonialismus in Afrika. Hierzu wird bespielsweise ein automatisches Theater mit Zeichnungen und Figuren gezeigt, das den Völkermord an den Herero durch die kaiserliche deutsche Armee in Süd-West-Afrika verübt hat.


Doch auch die Migrationsbewegungen, die bis heute folgten, sind künstlerisches Thema in der Ausstellung. Zu sehen ist u.a. ein riesiger Wandteppich mit einem Boot-Motiv. Gefragt wurde, wie und wer ihn hergestellt habe. William Kentridge erklärt:“Ich habe nie gedacht: Oh, ich will einen Teppich, dann suche ich mal in der Welt eine Fabrik. Nein, die Werkstätte für die Tappisserie gab es vorher schon ganz nah an Johannisburg. Wir hatten uns getroffen und gemeinsam überlegt, was wir zusammen machen könnten. Dann haben viele fleißige Hände aus Mohairwolle der Region das Bild gewebt.“ Auch die kleine Vorlage hierfür ist in der Ausstellung zu sehen.


Bei all diesen dramatischen Geschichten schwingt bei Kentridge oft auch eine heitere humorvolle Machart mit. Danach befragt erklärt der Künstler, dass er dies eher als Groteske meine. Massaker und Kriege seien letztlich doch unsinnig und grotesk.
Man braucht für die Freude an der Kunst von William Kentridge jedoch gar nicht alle Themen sofort zu verstehen, sondern kann von der feinen perfekten Art des Zeichnens und der Spannung in der Zusammensetzung von Linien und Kollagen einfach begeistert sein. Es sind grafische Meisterwerke und gleichzeitig Suchbilder.


Berühmt ist der multimediale Künstler auch für seine Animationsfilme, die er in Einzelbildern durch kleine Veränderungen von Kohlezeichnungen aufnimmt. Doch auch Theaterstücke oder Opern inszeniert er, meist mit KünstlerInnen aus Johannisburg inkusive Brass-Band.

Das ging plötzlich nicht mehr, als wir alle zur Tatenlosigkeit im Corona-Lockdown verpflichtet wurden. Kentridge ging allein in sein Atelier – seinen Lieblings-Lebensraum – und produzierte eine 9teilige Filmsequenz, in der er mit einem Doppelgänger über sein Leben und Schaffen philosophierte. Gleichzeitig gibt er hierin einen wunderbaren Einblick in seine Arbeitsweise. „Self-Portrait as a Coffee Pot“ ist genau das groteske und gerade deshalb das ehrlichste seiner Werke. (Fun-fact: Er möge den Kaffee aus dieser Zubereitung eigentlich gar nicht, sondern lieber French-Press!) Wer sich die 9×30 Minuten komplett anschauen möchte, findet sie nicht nur in der Ausstellung, sondern auch bei MUBI.

Ganz Deutschland scheint im Kentridge-Fieber zu sein: In Berlin wird sein Stück „The great YES and the great NO“ im November aufgeführt. In Weimar gibt es eine Wiederkehr von „Faustus in Africa!“, eine alternative Puppenspiel-Adaptation, die Kentridge vor 30 Jahren beim Kunstfest Weimar vorgestellt hatte.
Weiterhin präsentiert die Dresdner Kunstsammlung die zweite Hälfte von „Listen to the Echo“ in drei Häusern. Eröffnet wurde sie spektakulär mit einer Live-Prozession in der Art von Kentridge vorbei am berühmten Fürstenzug, dem Wandbild aus Meißner Porzellan-Kacheln. (Fotos: B. Rühl)



Kentridge mag Prozessionen. So wird auch „More Sweetly Play The Dance“ auf 9 Leinwänden im Albertinum gezeigt, ein Ablauf des Lebens und Sterbens. Es gebe multiple Arten von Prozessionen, nicht nur spirituelle, meint der Künstler. Auch Protestmärsche gehören dazu. Z.B. zogen am Dresdner Fürstenzug schon „Fridays for-Future“-Schüler vorbei, doch auch rechtsextremistische ausländerfeindliche Demos oder Trauerzüge von Polizisten für ihre getöteten Kollegen. Viele Analogien sprachen für das Werk von William Kentridge an diesem Ort.



Es gibt eine Fülle an fantastischen Kunstwerken des sympatischen und nachdenklichen William Kentridge momentan wiederzusehen oder neu zu entdecken. Ein absolutes Pflichtprogramm für leidenschaftliche Kunstliebhaber*Innen!





William Kentridge: „Listen to the ECHO“
Museum Folkwang, Essen: 4.September 2025 bis 18.Januar 2026
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum: 6. Sep.2025 -4. Jan. 2026 Puppentheatersammlung: 6.9.25 -28.6.2026, Kupferstich-Kabinett: 6.9.25 – 15.2.2026
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Helsinki Biennale 2025

Sissel M Bergh (Norw. Sami) 
Pia Siren (Finnland) Im Karussel der Kunstbiennalen entwickelt sich im europäischen Norden ein kleiner Diamant: die Helsinki Biennale! Zum dritten Mal findet sie nicht nur im HAM (Helsinki Art Museum), sondern besonders idyllisch auch auf der Insel Vallisaari statt. Vorwiegend wurden skandinavische Kunstschaffende eingeladen, doch auch international renomierte Künstlerinnen und Künstler.


Olafur Eliasson(Island/Berlin) ist einer der wenigen Künstler-Stars. Er brachte eine „Viewing machine“ nach Vallissari, die an einem nebligen Tag Mosaike entstehen läßt wie auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto.



Eindrucksvoll und wunderschön stehen die Glasskulpturen von Tania Candiani aus Mexiko in einem ehemaligen Munitionsdepot. Sie sind Kleinstlebewesen aus der Tiefsee nachemfunden und strahlen in vielfältigen Farben.
Wie unter riesigen Vogelschwingen geborgen sollen wir uns unter dem zeltähnlichen Bau des Brasilianers Ernesto Neto fühlen, einer Reminiszenz an die Vielfalt der Vogelwelt der Insel und ebenfalls ein Statement für den Schutz der Natur.


Nomeda &Gediminas Urbonas aus Littauen bauten aus blauen Wasserleitungen mit unterschiedlicher Länge und Durchmesser ein schickes Klettergerüst, das jedoch an feuchten Tagen sehr rutschig ist.
Vallisaari war früher eine Militär-Insel, deren Zugang bis 2021 verboten war, zumal noch 1937 alte Munition explodierte. Auch heute sind 2/3 des Geländes wegen Explosions- und Vergiftungsgefahr eingezäunt und für Besucher unzugänglich. Im freien Bereich bereitet jedoch eine unverfälschte üppige Pflanzenwelt nicht nur Botanikern viel Freude.

Im Museum HAM inspiriert ein Video der norwegischen Sami-Künstler Jenni Laiti & Carl-Johan Utsi über das eigentümliche Herdenverhalten von Tausenden Retieren in eisig glitzernder Natur, doch wirft es auch viele Fragen auf, die nicht erklärt werden.


Die Künstlerin Aluainy Kaumakan stammt aus einer indigenen Bevölkerung Taiwans und präsentiert eine riesige flatternde feine textile Skulptur. Sie ist eine Hommage an die altertümlichen Möglichkeiten des Überlebens in einer schwierigen Umgebung.
Dies sind nur einige Positionen, die nicht gerade dem Mainstream künstlerischer Werke entsprechen, dafür aber spannend als Neuentdeckungen sind.


Doch zusätzlich sind auch ein typischer Bronze-Baum mit Stein von Giuseppe Penone und eine Blume von Yayoi Kusama zu sehen.
Helsinki Biennale 2025, noch bis 21.9.2025
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Monira Al Qadiri: in Helsinki

Die kuwaitische Künstlerin eröffnete vor kurzem noch ihre Ausstellung in Berlin. Doch auch das Finnische Museum für Moderne Kunst in Helsinki KIASMA widmet ihr deren großen Saal unter dem Dach für eine Einzelausstellung.


Die persönliche Thematik von Erdöl im Spannungsfeld zwischen Schönheit und zerstörerischer Kraft ist auch hier sichtbar, allerdings in ganz anderen Werkgruppen. Die großen schwebenden ballonartigen Molekularmodelle sind aus Kunststoff auf Erdölbasis hergestellt und schimmern ebenso herrlich wie erneut die Bohrköpfe der Erdölindustrie in Autolackfarben.

In einem Video inszeniert Monira Al Qadiri eine Ölraffinerie in Nachtbeleuchtung als prachtvollen „Palast“, der wie aus einem Weltraum-Sciencefictionroman schwerelos im All schwebt, während gegenüber aus einer Badewanne voller Öl die Arme eines Ertrinkenden ragen.


Monira Al Qadiri: „DEEP FATE” im KIASMA, Helsinki noch bis 7.9.2025
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Tony Cragg „Line of Thought“

In seinem eigenen Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal hat Tony Cragg, einer der zurzeit bedeutendsten Bildhauer schon vielen Kollegen Ausstellungen ermöglicht, doch diesmal zeigt er eine Auswahl eigener Werke aus mehreren Jahrzehnten.
Als ehemaliger Hochschullehrer in Düsseldorf und Berlin kann er selbst auch hervorragend über seine Arbeit und Ansichten berichten.


Wie ist diese fast florale Skulptur entstanden?
„Sie ist aus Aluminium, was eine Seltenheit für meine Arbeiten ist. Doch so eine komplizierte Arbeit kann man nicht in Bronze gießen, das würde viel zu schwer werden. Außerdem ist die Form viel zu kompliziert. Die Skulptur ist wegen des leichten Aluminiums gar nicht so schwer, nur etwa 1,5 Tonnen(= 1500 kg). Sie ist vor etwa 10 bis 15 Jahren entstanden.“



Welche Rolle spielt der Computer, wenn sie ihre Kunstwerke entwerfen? Wir sehen sonst eigentlich nur Zeichnungen von Ihnen.
„Der Computer spielt gar keine Rolle für mich beim Erdenken und Entwerfen meiner Werke. Doch ich habe einen jungen Mann, der damit für den Herstellungprozess sehr gut arbeitet. Wir bauen alle Formen immer zunächst mit den Händen. Alle Formen entstehen im Atelier in Gips oder Holz oder Polyuretan. Man hat früher sowas dann abgeformt in eine Negativ-Form und später gegossen. Das verbrauchte wahnsinnig viel Material. Heutzutage kann man sie einscannen. Der Computer ist für mich ein Werkzeug, das sehr nützlich ist in der Herstellung, aber nicht beim Entwurf eines Kunstwerks. Junge Leute fragen mich durchaus oft, welches Programm ich benutze, doch als ich 1985 anfing, gab es ja überhaupt noch keine Programme für Gestaltung. Ab 2005 haben wir mit ein paar jungen Leuten probiert, mit dem Computer einige Werke zu bauen. Allerdings ist das für mich sinnlos. Solche Entwürfe bleiben für mich völlig emotionslos. Eine gute amerikanische Kollegin hatte den Computer entdeckt und macht seither große schwebende Objekte, doch der Effekt ist für mich emotional gleich null. Für die Herstellung benutzen wir aber auch neuste industrielle Methoden, die aus eingescannten Daten die Objekte herstellen können, besonders die Negativformen.“

Eduardo Chiliida wurde in seiner Kunst von den Eisengießereien in seiner Heimat im Baskenland geprägt. Gibt es solch einen Einfluss eines Materials auch bei Ihnen?
„Nein, die Bildhauerei hat sich weiter entwickelt, wenn es um Materialien geht. Für mich ist aber das einzig wichtige Material, das mich wirklich interessiert, das höchstentwickeltste Material überhaupt, nämlich das menschliche Neuron. Das ist das menschliche Gehirn, weil es ohne das Gehirn gar nichts gäbe: keine Farben, keine Form, kein Denken, kein Fühlen, keine Kunst. Das Großartigste ist, wie wir sehen, empfinden und denken. Ich bin ein begeisterter Bildhauer und denke immer über Material nach. Das findet sich überall: die Natur, mein eigener Körper, meine Umgebung und was das alles in mir auslöst. Material ist zunächst immer etwas niedriges, erst durch den menschlichen Geist entwickelt es sich zu etwas Besonderem. Wie Ideen und Emotionen entstehen, wissen wir nicht und ich kann es nicht steuern, doch es kommt einfach aus mir heraus.“ Hier erklärt sich jetzt auch der Titel der Ausstellung: „Line of Thought“ : eine Linie oder Kette menschlicher Gedanken, die Gestalt angenommen haben.
„Wir haben eine Wahrnehmung, doch die ist sehr gering. Die Wissenschaft forscht weiter, um uns mehr Realitäten verständlich zu machen. Aber die Kunst spielt da auch eine Rolle. Wir verbringen so viel Zeit mit Alltäglichkeiten und unsinnigem häßlichen Streit. Der ganze Globus wird im Moment von Idioten und bösen Menschen regiert. Aber die Kunst nicht. Die Kunst hat niemanden umgebracht. Die Kunst ist eine wahnsinnig positive Eingebung. Sie ist das Höchste, was Menschen hervorbringen.“
Es gibt hier keine Schilder. Wie können Sie Besuchern helfen, die Kunst zu verstehen? „Kunst ist keine Unterhaltung. Kunst ist auch ein bisschen Arbeit. Man kann auch die beste Musik, Literatur oder Wissenschaft nicht verstehen, wenn man sich nicht ein wenig damit befasst. Und den Menschen, die nur durch Ausstellungen rasen und nach kurzem Blick auf Kunstwerke einfach mit: „Gefällt mir, gefällt mir nicht.“ reagieren, kann ich nicht helfen. Wenn Sie 100 Leute fragen, was ein Bild, vor dem sie stehen, aussagt, bekommen Sie 100 Antworten, denn vor dem Bild steht ein individueller Mensch mit all seinen Erfahrungen, Gefühlen und Ideen. Ich möchte die Besucher aufrufen, vor meinen Werken eigene Gedanken zu entwickeln. Wir Menschen entdecken am Ende uns selbst in der Kunst. Kunst definiert uns. Das ist das besondere einmalige Erlebnis.“



In der unteren der 3 großen lichtdurchfluteten Ausstellungshallen finden sich 200 Zeichnungen sowie Glasfiguren von Tony Cragg, die in Murano hergestellt wurden. Aus den Zeichnungen ist der Prozess der Formgestaltungen der großen Skulpturen zu entdecken.



Blutkreislauf-Analogie „Glas ist ein fantastisches Material, weil es fluide ist. Ich kann das auch nicht selbst herstellen. Das ist viel zu schwer. Die Stangen und das 1000 Grad heiße Glas wiegen 40 Kilo und mehr. Ich stehe nur dabei und sage an, wie ich die Form haben möchte. Die Glasbläser in Murano machen das hervorragend.
Dabei interessiert mich: Was macht Material mit mir? Wie reagiere ich darauf? Glas will immer eine eigene geometrische Form einnehmen, eine Tropfenform, was ein komplexes Zusammenspiel zwischen mir, dem Künstler und dem Material hervorruft.“


Die Glasskulpturen sind wesentlich kleiner, filigraner und vielfältiger in Form und Farbe, doch in den meisten ist Tony Craggs typisch organische Formensprache wiederzuerkennen.
1949 in Liverpool geboren lebt Tony Cragg seit 1976 in Wuppertal. Er stellte mehrfach Werke auf der Documenta und auf Biennalen in Venedig aus. Aktuell stehen große Bronzeplastiken von ihm im Max Ernst-Museum in Wiesbaden, auf dem Skulpturenpfad Purple Path in Chemnitz und vor dem Forum Kunst des Bundestags in Berlin.

Chemnitz 
Berlin 
Wiesbaden Der Skulpturenpark in Wuppertal ist zusätzlich voll gespickt mit dauerhaften Figuren auch anderer Bildhauer, die zwischen kühlenden Bäumen hinter jeder Wegbiegung neue Seherlebnisse bieten. Trotz des etwas beschwerlichen Aufstiegs ist jeder Ausflug eine wertvolle Mischung aus Natur- und Kunstgenuss.
Toni Cragg; Line of Thought im Skulpturenpark „Waldfrieden“ in Wuppertal. 20.August 2025 bis 1.1.2026
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Monira Al Qadiri und die Ölindustrie

Die Berlinische Galerie zeigt eine Einzelausstellung von Monira Al Qadiri mit dem Titel „HERO“. Der Titel entspricht eher einer ironischen Anspielung auf die vermeintliche Heldenhaftigkeit des gigantischen Tankers, der auf der langen Wand des Ausstellungsraumes abgebildet ist. Die Künstlerin beschäftigt sich in all ihren Arbeiten mit der Petro-Industrie, wobei sie stets die zwei Seiten des Erdöls betrachtet. Auf der einen Seite war und ist Erdöl der Motor der Industrialisierung der Menschheit, ein Garant für Fortschritt, Innovation und Wohlstand. Andererseits verursachen Transport, Verbrennung und die Chemische Industrie große Probleme für Umwelt und Gesundheit .


Monira Al Qadiri wurde in Dakar im Senegal als Tochter eines Verwaltungsmitarbeiters der marokkanischen Botschaft geboren. Doch als ihrem Vater eine lukrative Verstzung nach Kuwait angeboten wurde, zog er mit der Familie und der kleinen Tochter dorthin. Die Künstlerin erlebte selbst den Wohlstand, den auch ihr das Öl in dem hierdurch ultrareichen Lander möglichte. So konnte sie in Kuwait und später in Japan und Paris studieren. Doch sie entwickelte auch im weiteren eine sehr kritische Sensibilität gegenüber der destruktiven Komponente, die die Ölindustrie verursacht.

Solch ein LNG-Terminal steht auch in der Ostsee vor Lubmin,
von wo aus er die Raffinerie in Schwedt versorgt, die widerum für Benzin in Berlin sorgt.In Berlin stellt sie thematisch in den Mittelpunkt ihrer Message die riesigen Tanker, die über die Weltmeere fahren. Viele unterschiedliche Tanker-Modelle stehen und schweben im Raum, sämtlich mit von ihr gewählten beziehungsreichen Namen.





Am Raum-Ende findet sich eine glänzend rot lackierte Skulptur in Form einer „schnellen Birne“. So wird der Wulst an der Bugspitze der Tanker bezeichnet, der den Wasserwiderstand erheblich rediziert.


Bekannt wurde Monira Al Qadiri auf der Biennale in Venedig 2022 mit Skulpturen, die Bohrköpfen von Ölbohrungen nachempfunden sind. Sie ließ sie mit mehrfarbig schimmerndem Autolack lackieren, was ihnen eine ästhetische Schönheit gibt. Doch die Botschaft der zugrunde liegenden Umweltverschmutzung bleibt trotzdem erhalten.



Fantastische Wesen der Tiefsee sind die Portugiesischen Galeeren. Sie sind eine hochgiftige Art Qualle, die jedoch kein Einzelwesen ist, sondern mit mehreren Organismen einen völlig voneinander abhängigen „Staat“ bilden. Auch sie sind durch die Verschmutzung des Meeresbodens gefährdet. Die Künstlerin fertigte als Mahnung und Aufklärung wunderschöne gläseren Skulpturen dieser außergewöhnlichen Lebensform an.

Der Bezug zu Berlin, der stets ein besonderes Merkmal des Ausstellungsortes ist, besteht ganz einfach in der Tatsache, dass die Künstlerin inzwischen hier lebt.
Die sehenswerte aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie ist typisch für die Künstlerin: ein Ausdruck der Zwiespältigkeit zwischen Schönheit und Bedrohung, die die exessive Nutzung des Erdöls beinhaltet. Und wir sind vom Öl immer noch absolut abhängig!
Monira Al Qadiri: „HERO“ , Berlinische Galerie, 11.Juli bis 17. August 2026
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UNLIMITED
Die eigentlichen Schätze der Art Basel

Danh Vo „“In God We Trust“ 
Marinella Senatore „We rise by lifting others“ Ein großartiger Bestandteil der ART Basel ist in jedem Jahr die riesige Ausstellungshalle „UNLIMITED“. Zwar sind grundsätzlich auch diese Kunstwerke vekäuflich, doch vor allem bietet sich hier für außergewöhnlich große Werke die Möglichkeit gesehen zu werden.
Es ist ein wahrer Augenschmaus, durch die Halle zu wandeln und sich permanent von einem weiteren Kunstwerk begeistern zu lassen.


Auch kommt es zu Begegnungen mit Künstlern. Hervorzuheben ist in diesem Jahr Michelangelo Pistoletto. Von dem 91 jährigen italienischen Maler, Aktions- und Objektkünstler wird eine Kombination zweier Installationen gezeigt. 2016 zerstörte er im Rahmen einer Performance 24 Spiegel und setzte die Teile so zusammen, dass darunter jeweils das Wort RESPEKT in verschiedenen Sprachen erscheint. Die Spiegel umrahmen einen Spiegelglastisch aus dem Jahr 2002 in der Form des Mittelmeeres. Darum stehen Stühle unterschiedlicher kultureller Herkunft. Pistoletto kommentierte jetzt im Ausstellungsbereich persönlich, dass er gegenseitigen Respekt als wichtigste politische Vorraussetzung für die friedliche Verständigung halte. Ebenso sei der Tisch heute mehr denn je ein Symbol, über Länder- und kulturelle Grenzen hinwegt im Gespräch zu bleiben.

Die Künstlerin Claudia Comte aus Basel (Jg. 1983) präsentiert drei große Statuen aus Carrara-Marmor in der Form einer Koralle, eines Kaktus und eines Blattes, die sie eindrucksvoll vor einer gestreiften Wand mit Ausschnitten in gleicher Form plaziert, was die Skulpturen wellenförmig grafisch kontrastiert. „Temporal Drift“ ist ein aktuelles Beispiel, welch würdevolle Ausstrahlung der altbekannte und in der Kunst seit Jahrhunderten beliebte Stein auch in der zeitgenössischen Kunst weiterhin darzustellen vermag.


Wunderschön ist auch ein monumentales Bild von Antonis Donef, geboren 1978 in Sofia, der jetzt in Athen lebt und arbeitet. Es ist eine Collage aus archivarischen Buchseiten aus Encyclopädien und Landkarten, die er kalligrafisch und farblich überschrieben hat.


Didier Williams schuf einen Raum aus Skulpturen und Gemälden, die an Kolonialismus, Sklaverei und Flucht erinnern sollen. Doch das Ensemble wirkt nicht primär bedrückend, sondern fantastisch in seiner Farbigkeit und ungewöhnlichen Ausdrucksweise. So sind die Oberflächen der Figuren mit schwarzen und weißen Augen bedeckt und die Bäume abstrahiert dargestellt. Williams wurde 1983 in Port au Prince auf Haiti geboren, floh jedoch schon mit 6 Jahren mit seinen Eltern nach Miami. Inzwischen lebt er in Philadelphia, doch seine Herkunft prägt weiterhin seine Kunst.


„Gesture to Home“ 
Wie eine Halfpipe gewölbt liegt das Gemälde von Hyunsun Jeon auf dem Hallenboden und zeigt ihre persönliche Ausdrucksweise, Natur und Abstraktion kombiniert darzustellen, die etwas an frühe Videospiele erinnert. Die Künstlerin wurde 1989 in Seoul geboren. Sie lebt und arbeitet auch weiterhin in ihrer Heimat.


Auch wenn es auf den Fotos nur schwer nachvollziehbar ist, so löst das mosaikartige Video von Walid Raad trotzdem bei den Besuchenden eine große Faszination aus. Es handelt von Zerstörung und Wiederaufbau in ständiger Endlosschleife. Die zugrunde liegenden Aufnahmen stammen aus Beirut. Walid Raad wurde 1967 im Libanon geboren, war schon Teilnehmer der Documenta 13 (2012) und lebt jetzt in New York.


Dies ist nur ein kleiner beispielhafter Ausschnitt aus der „unendlich“ erscheinenden Menge herrlicher Kunstwerke der UNLIMITED, die – wie in vergangenen Jahren – allein schon den Besuch der Art Basel für Kunstbegeisterte lohnt, selbst wenn keinerlei Kaufinteressen bestehen.

Lee Ufan 
Joep van Lieshout 
Mimmo Palladino Art Basel 2025 vom 19. bis 22.Juni 2025, jedoch erneut im kommenden Jahr vom 18. bis 21.Juni 2026
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13. Berlin-Biennale 2025
Wie das Denken trotz Unterdrückung einen Weg in die Freiheit findet





Zasha Colah 
„Es ist eine Biennale des Denkens.“ So beschreibt Zasha Colah, die Kuratorin aus Mumbai und Turin ihre Ausstellung. Bereits während der Pressekonferenz ist der Nachhall der Documenta 15 zu spüren. In den Reihen der Künstler*Innen sitzt eine bunte Mischung von Menschen aus vielen entlegenen Weltregionen.

Etwa 60 künstlerischen Positionen werden gezeigt, hier eine Auswahl!
Han Bing, 1978 in Yuzhou in China geboren, führte erstmals 2000 eine Performance auf, mit der sie auf die Übermilitarisierung und Armut in Kaschmir aufmerksam machen wollte: er ging mit einem kleinen Wägelchen an der Leine, auf den ein Kohlkopf montiert war, gassi auf dem Tiananmen-Platz in Peking wie mit einem Hund. Kohl ist in China das Grundnahrungsmittel armer Menschen. Ihre Protestaktion fand in anderen Ländern Nachahmer. Jetzt spaziert Han Bing durch Berlin. Warum? „Die Absurdität dieser performativen Spaziergänge in der Stadt kehrt die Logik ungerechtfertigter Gewalt um.“ heißt es im Katalog.


Simon Wachsmuth 1964 in Hamburg geboren, Teilnehmer der Documenta 12, lebt in Berlin und widmet sich als Konzeptkünstler marginalen, aber exemplarischen historischen Ereignissen. Für die Biennale hat er die Geschichte von John Hardfield und Rudolf Schlichter aufbereitet. Die beiden Künstler hatten in den 1920iger Jahren für die erste DADA-Messe die Attrappe eines Offiziers mit einer Schweinemaske versehen, aufgehängt und mit einem Schild versehen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Die Künstler wurden wegen Beleidigung der Reichswehr angezeigt.



Simon Wachsmuth Im aktuellen Filmbeitrag von Simon Wachsmuth marschiert ein Mann in Uniform mit einem Schweinekopf über das Tempelhofer Feld. Im nächsten Akt sitzt er in einem Verhör einem Haftrichter gegenüber. Beide führen ein höchst skurriles dadaistisches Gespräch miteinander über Sinn und Schuld. Dies sei laut Katalog „eine Anspielung auf die Instrumentalisierung des Justizsystems zur Unterdrückung des kreativen Wirkens von Kunstschaffenden.“

Kiki Roca (rechts) Die Argentinierin Kiki Roca brachte aus Cordoba einen riesigen BH mit. Sie zog mit ihrer Gruppe von Aktivistinnen mit diesem Teil 1995 durch ihre Stadt, um die Unsichtbarmachung von Frauen im Land auch nach dem Ende der Militärdiktatur ironisch karnevalistisch anzuprangern.


Federico Zukerfeld 
Leicht verständlich ist auch eher die Installation von Etceteta aus Buenos Aires: LIBERATE MARS. Federico Zukerfeld aus dieser Künstlergruppe erklärt: „Der Weltraum ist voll in der Hand von Wirtschaftskonzernen, allen voran Space X von Elon Musk. Das darf nicht sein. Wir müssen ihn wieder befreien.“ Die Gruppe kommt aus dem sog. Lithium-Dreieck in Südamerika, das rücksichtslos von Elektronik-Konzernen ausgebeutet wird. Das Video zeigt die verödete Landschaft dort, die wie auf dem Mars aussieht. Ein technischer Trick projeziert uns Besucher*Innen in den Film hinein, denn wir alle sind Nutzer dieser Ausbeutung.



Spannend ist auch die Geschichte von Sawangwongse Yawnghwe. Er gestaltet im Dachboden des KW-Instituts das Versteck eines Jungen, der sich als „Der Joker“ inszeniert. Er erstellt Listen aller Art, z.B. über den Besitz von Waffen sortiert nach Ländern. Das Hauptquartier des Jokers ist ein Gesamtkunstwerk „in Form eines Scherzes“. Lustig ist die Geschichte des Künstlers allerdings nicht. Sein Elternhaus war ein Palast in Burma, heute Myanmar, der gestürmt und zerstört wurde. Das Papiermodell in der Installation ist das Abbild des Palastes. Der Joker gilt als „störendes Element in der Gesellschaft. Er bringt Misstände zum Ausdruck“. (Katalog)


Swangwongse Yawnghwe Dass allein dieser Text der exemplarischen Schilderung einiger weniger Positionen der Berlin-Biennale so lang geworden ist, beweist, dass hier komplexe Werke gezeigt werden, bei denen das KONZEPT einen großen Raum einnimmt, was eine gründliche Recherche zum Verständnis auch bei Besuchenden nötig macht. Viele der gezeigten Positionen bereiten eher Schwierigkeiten einen aesthetischen Funken auf uns Besuchende überspringen zu lassen.
Zu erleben sind Dokumentationen subtiler gewaltfreier Protestaktionen aus unterdrückenden Regimen. Außerdem finden sich Berichte von Menschen, die in Unrechtsstaaten aufgrund ihrer Meinungen in Haft sind oder waren. Humorvolle Positionen, mit denen versucht wurde, Diskriminierungen sichtbar zu machen, gibt es auch. Jedoch hinterlässt die 13. Berlin-Biennale mehrheitlich Betroffenheitsgefühle.



13. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst, „Das Flüchtige weitergeben“ , 14.Juni bis 14.Sept.2025 an 4 Venues in Berlin, z.B. KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69
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„Nichts ist original“ in Film und Fotos
Julian Rosefeldt im C/O Berlin

Die gewagte These des Titels stellt Julian Rosefeld im C/O Berlin eindruckvoll und unterhaltsam unter Beweis. Gezeigt wird ein großer Querschnitt an Filmen, Bildern, Installationen und mehr des Multimediakünstlers. Dabei ist zunächst kompliziert, für seine Werke eine erklärende übergreifende Thematik zu finden, weil sie so vielfältig und jeweils einzigartig sind.


Fragt man den Künstler selbst, meint er nur: „Ich habe keine klassische Message , die ich verbreiten will. Vielmehr horche und schaue ich, was so passiert, worüber aktuell geredet wird…und dann kommt – wie übrigens bei den meisten Künstlern – aus mir ein Gedanke hervor, eine Idee und wie ich etwas darstellen kann, mit welcher Technik und welchem Inhalt.“


Die Ergebnisse sind im C/O mit Freude zu entdecken. Der Titel „Nothing is original“ verwirrt, doch es ist ein Zitat eines berühmten Filmregisseurs, ein Leitsatz. Ein absolutes Original sei nie abzubilden, doch man solle und dürfe alles klauen, wenn es zu einem authentischen Bild passe. Ein weiterer Grundsatz von Jean-Luc Godard lautet: „ Es kommt nicht darauf an, woher etwas kommt, sondern nur, wohin man es bringt.“ Diese Sätze spricht Cate Blanchett zu Beginn der Ausstellung in einem Filmausschnitt von „Manifesto“ skurrilerweise an eine Klasse von Grundschulkinder, die ein Bild malen sollen.


„Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land“ nennt Rosefeld eine Bilderserie, die er in der Uckermark aufgenommen hat. Hier setzt er sich kritisch mit dem deutschen Heimatbegriff auseinander. Da steht ein kräftiger Neonazi an einem braunen Sumpf mit dem Rücken zum Betrachter. Der Bildaufbau ist eine deutliche, ironisierende Referenz an Caspar David Friedrich und die verklärende Sicht von Natur und Wald in der deutschen Romantik. Auch der Mann, der den Kreidefelsen sauber fegt, damit er wieder weiß wird, gehört dazu. Dass die hundertjährige Eiche auf einem weiteren Foto von 10 deutschen Schäferhunden bewacht wird, läßt eine ähnliche Kritik vermuten.


„American Night“ ist eine Serie von Filmsequenzen, in der sich Rosefeldt mit dem Klischee von Western auseinandersetzt. Mitten in typischen Motiven des Genres brechen gezielt eingesezte Irritationen durch wie z.B. ein Kampfhubschrauber oder eine Puppenspielerin mit Figuren amerikanischer Präsidenten. Bei Julian Rosefeld geht es um Dekonstruktion von Mythen und Klischees, die uns die Filmindustrie in unser Gedächtnis einprägen will. Doch er vermittelt dies auch mit Humor.

Weitere Bilder entstanden bei Besuchen von besonderen Ereignissen oder im verborgenen Tunnelsystem unter dem Marktplatz in München, wo der Künstler plötzlich auf von den Nazis versteckte Kunstwerke stieß oder in Industrieunternehmen.Es ist eine beeindruckende 30-Jahre-Retrospektive, die einen intensiven Blick mit Zeit und Geduld verdient.


Nicht versäumt werden sollte auch ein Blick in die obere Etage des Hauses. Dort zeigen anläßlich des 25. Geburtstages des C/O Preisträger des Berlin Talent Award, wie vielfältig mit fotografischen Mitteln hervorragende Kunstwerke gestaltet werden können.


„Nothing is Original“, Julian Rosefeldt im C/O Berlin, 24.Mai bis 16.Sept. 2025
„Documentary in Flux“ Preisträger des Berlin Talent Awards, 14.Mai -16.Sept. 25

















