• UNLIMITED

    Die eigentlichen Schätze der Art Basel

    Ein großartiger Bestandteil der ART Basel ist in jedem Jahr die riesige Ausstellungshalle „UNLIMITED“. Zwar sind grundsätzlich auch diese Kunstwerke vekäuflich, doch vor allem bietet sich hier für außergewöhnlich große Werke die Möglichkeit gesehen zu werden.

    Es ist ein wahrer Augenschmaus, durch die Halle zu wandeln und sich permanent von einem weiteren Kunstwerk begeistern zu lassen.

    Auch kommt es zu Begegnungen mit Künstlern. Hervorzuheben ist in diesem Jahr Michelangelo Pistoletto. Von dem 91 jährigen italienischen Maler, Aktions- und Objektkünstler wird eine Kombination zweier Installationen gezeigt. 2016 zerstörte er im Rahmen einer Performance 24 Spiegel und setzte die Teile so zusammen, dass darunter jeweils das Wort RESPEKT in verschiedenen Sprachen erscheint. Die Spiegel umrahmen  einen Spiegelglastisch aus dem Jahr 2002 in der Form des Mittelmeeres. Darum stehen Stühle unterschiedlicher kultureller Herkunft. Pistoletto kommentierte jetzt im Ausstellungsbereich persönlich, dass er gegenseitigen Respekt als wichtigste politische Vorraussetzung für die friedliche Verständigung halte. Ebenso sei der Tisch heute mehr denn je ein Symbol, über Länder- und kulturelle Grenzen hinwegt im Gespräch zu bleiben.

    Die Künstlerin Claudia Comte aus Basel (Jg. 1983) präsentiert drei große Statuen aus Carrara-Marmor in der Form einer Koralle, eines  Kaktus und eines Blattes, die sie eindrucksvoll vor einer gestreiften Wand mit Ausschnitten in gleicher Form plaziert, was die Skulpturen wellenförmig grafisch kontrastiert. „Temporal Drift“ ist ein aktuelles Beispiel, welch würdevolle Ausstrahlung der altbekannte und in der Kunst seit Jahrhunderten beliebte Stein auch in der zeitgenössischen Kunst weiterhin darzustellen vermag.

    Wunderschön ist auch ein monumentales Bild von Antonis Donef, geboren 1978 in Sofia, der jetzt in Athen lebt und arbeitet. Es ist eine Collage aus archivarischen Buchseiten aus Encyclopädien und Landkarten, die er kalligrafisch und farblich überschrieben hat.

    Didier Williams schuf einen Raum aus Skulpturen und Gemälden, die an Kolonialismus, Sklaverei und Flucht erinnern sollen. Doch das Ensemble wirkt nicht primär bedrückend, sondern fantastisch in seiner Farbigkeit und ungewöhnlichen Ausdrucksweise. So sind die Oberflächen der Figuren mit schwarzen und weißen Augen bedeckt und die Bäume abstrahiert dargestellt. Williams wurde 1983 in Port au Prince auf Haiti geboren, floh jedoch schon mit 6 Jahren mit seinen Eltern nach Miami. Inzwischen lebt er in Philadelphia, doch seine Herkunft prägt weiterhin seine Kunst.

    Wie eine Halfpipe gewölbt liegt das Gemälde von Hyunsun Jeon auf dem Hallenboden und zeigt ihre persönliche Ausdrucksweise, Natur und Abstraktion kombiniert darzustellen, die etwas an frühe Videospiele erinnert. Die Künstlerin wurde 1989 in Seoul geboren. Sie lebt und arbeitet auch weiterhin in ihrer Heimat.

    Auch wenn es auf den Fotos nur schwer nachvollziehbar ist, so löst das mosaikartige Video von Walid Raad trotzdem bei den Besuchenden eine große Faszination aus. Es handelt von Zerstörung und Wiederaufbau in ständiger Endlosschleife. Die zugrunde liegenden Aufnahmen stammen aus Beirut. Walid Raad wurde 1967  im Libanon geboren, war schon Teilnehmer der Documenta 13 (2012) und lebt jetzt in New York.

    Dies ist nur ein kleiner beispielhafter Ausschnitt aus der „unendlich“ erscheinenden  Menge herrlicher Kunstwerke der UNLIMITED, die – wie in vergangenen Jahren – allein schon den Besuch der Art Basel für Kunstbegeisterte lohnt, selbst wenn keinerlei Kaufinteressen bestehen.

    Art Basel 2025 vom 19. bis 22.Juni 2025, jedoch erneut im kommenden Jahr vom 18. bis 21.Juni 2026

  • ART Basel 2025: Was Kunstwerke kosten

    Die ART Basel gilt als die berühmteste Kunstmesse der Welt, wo die kostspieligsten Werke angeboten und verkauft werden. Unabhängig von der künstlerischen Bewertung und dem individuellen Geschmack der Autorin soll hier einmal exemplarisch davon berichtet werden, zu welchen Preisen Werke angeboten werden, über die in diesem Forum in den letzten Jahren geschrieben wurde. Die Daten der entsprechenden Blogbeiträge sind unter den Bildern zu finden.

    El Anatsui im Broad-Museum Los Angeles 27.2.2024

    Picasso-Museum Arles: 10.5.2025

    Sigmar Polke in Arles, 11.5.2025;

    Tony Cragg: Kulturhauptstadt Europa 2025, Chemnitz , 26.8.2024

    Firelei Baez im Kunstmuseum Wolfsburg 3.9.2024;

    Alicja Kwade: Chemnitz 25 Eröffnung Kulturstadtjahr 27.1.2025

    Lee Ufan im Hamburger Bahnhof Berlin 27.10.2023

    Günter Uecker : Kunst im Bundestag 30.3.2025

    Yinka Shonibare: Venedig Biennale 2024, Pavillon Nigeria,10.5.2024

    Erwin Wurm: Albertina Modern Wien 9.10.2024

    Frank Stella im Barberini Potsdam bei „Kosmos Kandinsky“ 2.3.2025

    Die Preise sind mündliche Angaben der Galeristen, die stets freundlich und offen darüber Auskunft gaben. Allerdings muss offen bleiben, ob die Werke wirklich zu diesen Preisen verkauft wurden. Zwei Galeriemitarbeiterinnen berichteten jedoch, dass sie bereits nach dem ersten Vorbesichtigungstag für Sammler wegen „Ausverkauf“ nahezu komplett umdekoriert hätten. Man muss aber auf keinen Fall Kunst besitzen, um sich daran zu erfreuen! Und hierfür bietet die Messe großartige Möglichkeiten.

    Nächste Chance: ART BASEL vom 18. bis 21. Juni 2026

  • 13. Berlin-Biennale 2025

    Wie das Denken trotz Unterdrückung einen Weg in die Freiheit findet

    „Es ist eine Biennale des Denkens.“ So beschreibt Zasha Colah, die Kuratorin aus Mumbai und Turin ihre Ausstellung. Bereits während der Pressekonferenz ist der Nachhall der Documenta 15 zu spüren. In den Reihen der Künstler*Innen sitzt eine bunte Mischung von Menschen aus vielen entlegenen Weltregionen.

    Etwa 60 künstlerischen Positionen werden gezeigt, hier eine Auswahl!

    Han Bing, 1978 in Yuzhou in China geboren, führte erstmals 2000 eine Performance auf, mit der sie auf die Übermilitarisierung und Armut in Kaschmir aufmerksam machen wollte: er ging mit einem kleinen Wägelchen an der Leine, auf den ein Kohlkopf montiert war, gassi auf dem Tiananmen-Platz in Peking wie mit einem Hund. Kohl ist in China das Grundnahrungsmittel armer Menschen. Ihre Protestaktion fand in anderen Ländern Nachahmer. Jetzt spaziert Han Bing durch Berlin. Warum? „Die Absurdität dieser performativen Spaziergänge in der Stadt kehrt die Logik ungerechtfertigter Gewalt um.“ heißt es im Katalog.

    Simon Wachsmuth 1964 in Hamburg geboren, Teilnehmer der Documenta 12, lebt in Berlin und widmet sich als Konzeptkünstler marginalen, aber exemplarischen historischen Ereignissen. Für die Biennale hat er die Geschichte von John Hardfield und Rudolf Schlichter aufbereitet. Die beiden Künstler hatten in den 1920iger Jahren für die erste DADA-Messe die Attrappe eines Offiziers mit einer Schweinemaske versehen, aufgehängt und mit einem Schild versehen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Die Künstler wurden wegen Beleidigung der Reichswehr angezeigt. 

    Im aktuellen Filmbeitrag von Simon Wachsmuth marschiert ein Mann in Uniform mit einem Schweinekopf über das Tempelhofer Feld. Im nächsten Akt sitzt er in einem Verhör einem Haftrichter gegenüber. Beide führen ein höchst skurriles dadaistisches Gespräch miteinander über Sinn und Schuld. Dies sei laut Katalog „eine Anspielung auf die Instrumentalisierung des Justizsystems zur Unterdrückung des kreativen Wirkens von Kunstschaffenden.“

    Die Argentinierin Kiki Roca brachte aus Cordoba einen riesigen BH mit. Sie zog mit ihrer Gruppe von Aktivistinnen mit diesem Teil 1995 durch ihre Stadt, um die Unsichtbarmachung von Frauen im Land auch nach dem Ende der Militärdiktatur ironisch karnevalistisch anzuprangern.

    Leicht verständlich ist auch eher die Installation von Etceteta aus Buenos Aires: LIBERATE MARS. Federico Zukerfeld aus dieser Künstlergruppe erklärt: „Der Weltraum ist voll in der Hand von Wirtschaftskonzernen, allen voran Space X von Elon Musk. Das darf nicht sein. Wir müssen ihn wieder befreien.“ Die Gruppe kommt aus dem sog. Lithium-Dreieck in Südamerika, das rücksichtslos von Elektronik-Konzernen ausgebeutet wird. Das Video zeigt die verödete Landschaft dort, die wie auf dem Mars aussieht. Ein technischer Trick projeziert uns Besucher*Innen in den Film hinein, denn wir alle sind Nutzer dieser Ausbeutung.

    Spannend ist auch die Geschichte von Sawangwongse Yawnghwe. Er gestaltet im Dachboden des KW-Instituts das Versteck eines Jungen, der sich als „Der Joker“ inszeniert. Er erstellt Listen aller Art, z.B. über den Besitz von Waffen sortiert nach Ländern. Das Hauptquartier des Jokers ist ein Gesamtkunstwerk „in Form eines Scherzes“. Lustig ist die Geschichte des Künstlers allerdings nicht. Sein Elternhaus war ein Palast in Burma, heute Myanmar, der gestürmt und zerstört wurde. Das Papiermodell in der Installation ist das Abbild des Palastes. Der Joker gilt als „störendes Element in der Gesellschaft. Er bringt Misstände zum Ausdruck“. (Katalog)

    Dass allein dieser Text der exemplarischen Schilderung einiger weniger Positionen der Berlin-Biennale so lang geworden ist, beweist, dass hier komplexe Werke gezeigt werden, bei denen das KONZEPT einen großen Raum einnimmt, was eine gründliche Recherche zum Verständnis auch bei Besuchenden nötig macht.  Viele der gezeigten Positionen bereiten eher Schwierigkeiten einen aesthetischen Funken auf uns Besuchende überspringen zu lassen.

    Zu erleben sind Dokumentationen subtiler gewaltfreier Protestaktionen aus unterdrückenden Regimen. Außerdem finden sich Berichte von Menschen, die in Unrechtsstaaten aufgrund ihrer Meinungen in Haft sind oder waren. Humorvolle Positionen, mit denen versucht wurde, Diskriminierungen sichtbar zu machen, gibt es auch. Jedoch hinterlässt die 13. Berlin-Biennale mehrheitlich Betroffenheitsgefühle.

    13. Berlin-Biennale für zeitgenössische Kunst, „Das Flüchtige weitergeben“ , 14.Juni bis 14.Sept.2025 an 4 Venues in Berlin, z.B. KW-Institut for Contemporary Art, Auguststr. 69

  • Toyin Ojih Odutola

    „U-Bahn-Linie 22“ Berlin

    Die afroamerikanische Künstlerin Toyin Ojih Odutola gestaltet für Ihre Bilder ein komplettes Szenario einer U-Bahnstation, passend zur Architektur und früheren Funktion des Ausstellungsortes, dem Hamburger Bahnhof. Eine tiefe Stimme spricht die Ansage über abfahrende Züge. Die Wände sind gefliest, Wartebänke laden zum Ausruhen ein. Doch das Highlight sind natürlich die Malereien. Sie zeigen Menschen, Passagiere, die auf der Reise sind. Sie wirken suchend, denn sie suchen ihren Platz im Leben und ein Ankommen in gefestigter Identität.

    Eine wichtige Inspiration seien die Berliner U-Bahn-Stationen gewesen, erklärt die Künstlerin. Sie erfand in Analogie zum BVG-Netz eine U-Bahn-Linie 22 mit Haltestellen, die Stationen eines Lebens sein könnten. Z.B. „Constant Struggle-Hafen, Untold Stories-Damm, When Legends Die-Allee“.

    Odutola wurde 1985 in Nigeria geboren, zog mit 5 Jahren mit ihren Eltern in die USA, zuerst nach Kalifornien, dann nach Alabama, wo sie auch heute lebt. Imigration und die Aufgabe, sich in einem neuen fremden Land einzuleben, sind somit eigene Erlebnisse.

    Die Charaktere auf den Gemälden sind people of colour. Sie zeigen in ihren Gesichtern oder in der Haltung  Unsicherheit oder Vorsicht, wie es das Sich-Zurechtfinden in einer fremden Umgebung bewirkt.  Die Portraits  ziehen unsere Blicke unweigerlich an. Sie lösen bei uns Betrachtenden spontan Fantasien über ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken und ihre Geschichten aus.

    Odutolas Bilder sind keine Ölgemälde, sondern Zeichnungen aus Pastellkreide und Stiften. SIe wirken fast fotorealistisch, jedoch in einem ganz besonderen persönlichen abstrahierenden Stil.

    Toyin Ojih Odutula „U22-Adijatu Straße“ im Hamburger Bahnhof , 13.Juni 2025 bis 4.Jan. 2026

    EXTRA-Hinweis: OPEN HOUSE

    Im Hamburger Bahnhof findet am Wochenende vom 13. bis 15.Juni 2025 erneut ein freies Wochenende statt: freier Eintritt, Performances, Künstlergespräche, Backstage-Führungen durch Werkstätten und Kuratoren-Büros und am Abend Party mit „Berlin Beats“.

    Die schönste Art, das  Museum kennen und lieben zu lernen!

  • „Nichts ist original“ in Film und Fotos

    Julian Rosefeldt im C/O Berlin

    Die gewagte These des Titels stellt Julian Rosefeld im C/O Berlin eindruckvoll und unterhaltsam unter Beweis. Gezeigt wird ein großer Querschnitt an Filmen, Bildern, Installationen und mehr des Multimediakünstlers. Dabei ist zunächst kompliziert, für seine Werke eine erklärende übergreifende Thematik zu finden, weil sie so vielfältig und jeweils einzigartig sind.

    Fragt man den Künstler selbst, meint er nur: „Ich habe keine klassische Message , die ich verbreiten will. Vielmehr horche und schaue ich, was so passiert, worüber aktuell geredet wird…und dann kommt – wie übrigens bei den meisten Künstlern – aus mir ein Gedanke hervor, eine Idee und wie ich etwas darstellen kann, mit welcher Technik und welchem Inhalt.“

    Die Ergebnisse sind im C/O mit Freude zu entdecken. Der Titel „Nothing is original“ verwirrt, doch es ist ein Zitat eines berühmten Filmregisseurs, ein Leitsatz.  Ein absolutes Original sei nie abzubilden, doch man solle und dürfe alles klauen, wenn es zu einem authentischen Bild passe. Ein weiterer Grundsatz von Jean-Luc Godard lautet: „ Es kommt nicht darauf an, woher etwas  kommt, sondern nur, wohin man es bringt.“ Diese Sätze spricht Cate Blanchett zu Beginn der Ausstellung in einem Filmausschnitt von „Manifesto“ skurrilerweise an eine Klasse von Grundschulkinder, die ein Bild malen sollen.

    „Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land“ nennt Rosefeld eine Bilderserie, die er in der Uckermark aufgenommen hat. Hier setzt er sich kritisch mit dem deutschen Heimatbegriff auseinander. Da steht ein kräftiger Neonazi an einem braunen Sumpf mit dem Rücken zum Betrachter. Der Bildaufbau ist eine deutliche, ironisierende Referenz an Caspar David Friedrich und die verklärende Sicht von Natur und Wald in der deutschen Romantik.  Auch der Mann, der den Kreidefelsen sauber fegt, damit er wieder weiß wird, gehört dazu. Dass die hundertjährige Eiche auf einem weiteren Foto von 10 deutschen Schäferhunden bewacht wird, läßt eine ähnliche Kritik vermuten.

    „American Night“ ist eine Serie von Filmsequenzen, in der sich Rosefeldt mit dem Klischee von Western auseinandersetzt. Mitten in typischen Motiven des Genres  brechen gezielt eingesezte Irritationen durch wie z.B. ein Kampfhubschrauber oder eine Puppenspielerin mit Figuren amerikanischer Präsidenten. Bei Julian Rosefeld geht es um Dekonstruktion von Mythen und Klischees, die uns die Filmindustrie in unser Gedächtnis einprägen will. Doch er vermittelt dies  auch mit Humor.

    Weitere Bilder entstanden bei Besuchen von besonderen Ereignissen oder im verborgenen Tunnelsystem unter dem Marktplatz in München, wo der Künstler plötzlich auf  von den Nazis versteckte Kunstwerke stieß oder in Industrieunternehmen.Es ist eine beeindruckende 30-Jahre-Retrospektive, die einen intensiven Blick mit Zeit und Geduld verdient.

    Nicht versäumt werden sollte auch ein Blick in die obere Etage des Hauses. Dort zeigen anläßlich des 25. Geburtstages des C/O Preisträger des Berlin Talent Award, wie vielfältig mit fotografischen Mitteln hervorragende Kunstwerke gestaltet werden können.

    „Nothing is Original“, Julian Rosefeldt im C/O Berlin, 24.Mai bis 16.Sept. 2025

    „Documentary in Flux“ Preisträger des Berlin Talent Awards, 14.Mai -16.Sept. 25

  • Kennen Sie das Grundgesetz?

    Menschenrechts-Artikel als Kunstwerke

    Das Gebäude im Regierungsviertel ist noch teilweise im Bau, zu erkennen aber an der großen goldenen Skulptur von Tony Cragg. Allein das Forum Kunst des Bundestages zeigt dort bereits seine erste thematische Kunstausstellung, noch anlässlich des 75. Jahrestages des deutschen Grundgesetzes.

    19 Grundrechte werden in 19 künstlerischen Positionen dargestellt und es ist wirklich eine hervorragende animierende Nachhilfestunde für uns alle in Sachen Menschenrechte.

    Hans Haake, der Urheber des Werkes „Der Bevölkerung“ im Bundestag hat ein Plakat -durchaus zur weiteren Verbreitung- beigetragen. Artikel 14 regelt das Eigentums- und Erbrecht und auch: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

    Artikel 10 lautet: „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“ Angesichts der heute multiplen medialen Kommunikationswege wirkt das etwas altmodisch. Doch hierauf basieren z.B. auch aktuelle Datenschutzgesetze.

    Via Lewandowski nutzt für seine Drstellung die mathematische Einstein-Kachel. Er gab jeder einzelnen symbolische Inhalte und fügte sie zu einer erkennbaren bunten vielsagenden Deutschlandkarte zusammen. Erstaunlich, wie die ungewöhnlichen geometrischen Figuren ineinander passen und auch die einzelnen Stichworte und Symbole ein gemeinschaftliches Bild heutiger SIcht auf Wahrung persönlicher Daten geben.

    Unter den Grundgesetz Artikeln ist der Artikel 7 möglicherweise der unscheinbarste. „Das gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates.“ Zwar sind Schule und Bildung Aufgaben desr Bundesländer, doch bleibt Artikel 7 stets eine Art Aufsichtspflicht beim Bund.

    Zum Problem des Schulwesens arbeitete Tobias Zielony mit dem Schüler Nick zusammen, der ihm sein Problem schilderte, dass das öffentliche Schulwesen oft keine Lösung für Individuen mit besonderen Begabungen und/oder Schwächen hat. Nick schwänzte nicht, er war krank geschrieben, weil er auf die Situaltion in wechselnden Schulen mit Herzrasen und Schweißausbrüchen reagierte. Das Gymnasium sei wohl zu schwer für ihn, wurde gesagt. Doch ein unabhängiger Test bestätigte eine Hochbegabung. Der Künstler collagierte mit Nick 4 Bilder, die seine verzwickte Lage zeigen. Eine Schule für alle ist gerade im weltweiten Vergleich eine großartige Errungenschaft, doch es gibt Lücken für einzelne Individuen.

    Marc Jung trägt ein großes Graffity-Bild mit dem Titel „King of Thorns“ bei, in dem es in seiner Vielschichtigkeit multiple Anspielungen zu entdecken gibt. Sein GG-Artikel 18 war bestimmt äußerst  schwierig, umzusetzen: „Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit, die Lehrfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Vereinigungsfreiheit, das Postgeheimnis, das Eigentum oder das Asylrecht zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.“ Das Bild fasziniert schon durch die  Farbenfreude und für Kenner findet sich auch eine Reminiszenz an Caravaggios Werk „Die Dornenkrönung Christi“.  Dieser Maler schuf auch: „Judith enthauptet Holofernes“, was vielleicht auch ein wenig in Marc Jungs Bild steckt, eine Geschichte, bei der das Gesetz nicht in der Lage war für Gerchtigkeit zu sorgen, so dass Judith Selbstjustiz verübte.

    Es finden sich so viele spannende Interpretationen international bedeutender Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung, die von Kristina Volke kuratiert wurde, aber wie üblich vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages beauftragt und begleitet wird. Das Gremium entscheidet über die Thematik bei Ausstellungen und Kunstankäufen des Parlamentes und setzt sich aus Abgeordneten aller Fraktionen zusammen. Hier also noch aus der Zeit der Ampel-Koalition. Vorsitzende ist stets die Bundestagspräsidentin. Julia Klöckner, neu in diesem Amt, eröffnete die Ausstellung am 21.5.2025.

    http://www.kunst-im-bundestag.de

    „WIR- 19 Grundrechte“,  Marie Luise Lüders-Haus, Luisenstr. 29-30, 10117 Berlin, 22.5.25 bis 21.6.2026

    geöffnet: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, kostenfrei ohne Anmeldung

    Während der gesamten Laufzeit der Ausstellung wird die Künstlerin Rebecca Raue gemeinsam mit ihrem Verein ephra https://www.ephra.de/  kostenlose Workshops in der Ausstellung für Klassen und Gruppen ab Jahrgangsstufe 4 anbieten. Bei Interesse Anmeldung bei schule@ephra.de.

  • „Over the Rainbow“ bei Beyerle

    Eurovision Song Contest 2025 in Basel

    Der Eurovision Song Contest ist eine gewaltige TV-Show, die in diesem Jahr 2025 in Basel stattfand und weltweit 160 Millionen Zuschauern die großartige Vielfalt der Kulturen Europas in Form eines Gesangswettbewerbs präsentiert.

    Die Fondation Beyerle in Basel ist in der Kunstwelt auch eine berühmte und hochklassige Institution für moderne und zeitgenössische Kunst. Daher zeigte sie anlässlich des ESC in ihrer Stadt eine Sonderausstellung aus ihrer Sammlung, die eine „Hommage an die Musik ebenso wie an die Buntheit und Vielfalt des ESC“ darstellen sollte.

    Judy Garlands Song „Over the Rainbow“ und die regenbogenfarbene Skulptur  „We are Poems“ von Ugo Rondinone über dem Portal sollten die Verbindung zur Regenbogen-Welt der ESC-Community bilden.

    Die Musiker, die den Beitrag für Albanien interpretierten, wurden zu einem Besuch der Kunstausstellung vom Schweizer Fernsehen gebracht, wodurch letzlich Beyerle ebenfalls weltweit Aufmerksamkeit bekommen konnte. Doch passen beide Welten wirklich zueinander?

    Gegen das strahlende lebendige Farbenspektakel der Life-Show auf der einen Seite konnten selbst Meisterwerke von z. B. Van Gogh, Picasso, Marc Rothko oder Andy Warhol leider nur verblassen.

    Aktuelles multimediales Bühnen-Design ist mit seinen technischen und KI-Möglichkeiten so überwältigend, dass es unsere optische Wahrnehmung komplett überflutet und begeistert. Und trotzdem ist auch dies eine Form von Kunst.

    Grundsätzlich war es ein freundlicher Versuch einer Gegenüberstellung, der jedoch nicht wirklich gelungen ist.

    Trotzdem bleibt die Fondation Beyerle auch weiterhin mit ihren kommenden außergewöhlichen Ausstellungen ein wunderbarer Hotspot der Kunstwelt.

    PS: Sieger des ESC 2025 wurde Österreich mit „Wasted Love“ , gesungen von JJ. Congratulation!

    Fondation Beyerle, Basel/Riehen, „Over the Rainbow“ 8. bis 18. Mai 2025

  • Frank Gehry’s Kunstpalast in ARLES

    Der Turm des LUMA

    In dem kleinen geruhsamen Städtchen im Süden Frankreichs, idyllisch gelegen am Rhone-Delta gibt es nicht nur das architektonische Erbe der Römerzeit mit der Arena und dem antiken Theater, sondern seit 2021 einen jener einmaligen Kunstpaläste von Frank o‘ Gehry.

    Arles bekam in einem alten Industriegelände einen silbrig glitzernden Turm, der so spektakulär seine Farbe mit der Sonneneinstrahlung wechselt wie das großartige Gebäude des Architekten in Bilbao.

    Beim LUMA ist eindeutig das Gebäude der Star am Kunsthimmel, weniger die ausgestellten Kunst. Allerdings besticht in der Innenausstattung auch das Werk eines Künstlers: Olafur Eliasson montierte über die als Doppelhelix gebaute Wendeltreppe einen drehenden Spiegel, der herrlich verwirrende Perspektiven entstehen lässt.

    Die Treppe ist möglicherweise eine Reminiszenz an die Doppelhelix-Treppe aus dem Loire-Schloss in Chambord, die auf Entwürfe von Leonardo da Vinci zurück gehen soll. Auch unsere DNA ist als Doppelhelix aufgewickelt.

    Zur Freude nicht nur von Kindern gib es im Luma eine weitere Doppelspirale. In den Röhrenrutschen kann man auch mit seinen Partnern um die Wette rutschen. Doch sie sind vor allem ein besonders dekoratives Objekt.

    Von der Dachterrasse aus hat man einen wunderbaren Ausblick über die ganze Stadt, aber auch auf das Mosaik von Kerstin Brätsch, das die Terrasse des Museumscafés bildet.

    Das Museum ist die Verwirklichung eines Traumes von Maja Hoffmann aus der Schweizer Pharmafamilie Hoffmann-La-Roche. LUMA ist ihre Stiftung mit Sitz in Zürich, die für die Finanzierung sorgte.

    Aktuell wird im Luma-Turm u.a. die Arbeit „Danny/ No More Reality“ von Philippe Parreno gezeigt, der bekannt ist für seine Verwendung komplexer digitaler Technologien bis zu künstlicher Intelligenz. Von einer Drehbühne aus sehen die Besucher*Innen diverse skulpturale Licht- und Sound-Installationen. Weitere Wechselausstellungen folgen, z.B. über Maria Lassnig.

    Es ist ein großartiger Genuss, dieses weiter architektonische Meisterwerk von Gehry zu erkunden und sich darin zu verlaufen. Der Anblick des Objektes vor dem tiefblauen mediterranen Himmel in der Abendsonne  ist außerdem fantastisch.

    Sommerzeit, Reisezeit und Zeit für Kunst; und in Kombination mit der Fondation Vincent van Gogh auch in Arles sowie der Fondation Victor Vasarely in Aix-en-Provence ein Super-Erlebnis.

    LUMA-Arles, Parc des Ateliers, 35 Avenue Victor Hugo, 13200 Arles, geöffnet mittwochs bis sonntags.

  • Sigmar Polke in ARLES

    Pure Lust am Experimentieren

    Ein Künstler, ein Fotograf, ein Glasmaler, ein Chemiker, ein Maler…. Sigmar Polke zeichnet sich dadurch aus, dass er sich zu keinem Zeitpunkt auf einen einzigen individuellen Stil festgelegt, sondern stets neue Materialien oder Techniken ausprobiert hat.

    Als 22-jähriger Student an der Düsseldorfer Kunstschule gründete er mit Gerhard Richter und anderen eine Kunstrichtung, die jedoch ironisch gemeint war: „Kapitalistischer Realismus“. Polke war 1941 in Oels geboren worden, das inzwischen zu Polen gehört und lebte bis 1953 in der DDR. Dort war den Künstlern der „Sozialistische Realismus“ staatlich verordnet. Darauf spielte Polkes Ausdruck an. Zusätzlich sollte er gegen die kapitalistische POP-Art der US-Amerikaner kontrastieren, die zunehmend Motive und Stil aus der Werbung übernahm.

    Sigmar Polke war geprägt durch die Protest-Ideen der sogenannten 68-iger.  Sie waren die Nachkriegs-Generation in der Bundesrepublik und stellten sich laut und teil aggressiv gegen ihre Vätergeneration, die ihr nationalsozialistisches Weltbild noch nicht abgelegt hatten. Polke gehörte somit zu denen, die den Aufbau und die freie demokratische Gesellschaft in Deutschland mit aufgebaut und etabliert haben; er speziell mit seinen künstlerischen Fähigkeiten.

    Wenn andere Künstler Fotos als Kunstwerke gestalteten, malte Polke Zeitungsbilder mit einzelnen Rasterpunkten auf seine Gemälde. Wenn andere auf Leinwand malten, bevorzugte Polke Industriestoffe als Untergrund, besonders gern auch bedruckte Tischdecken oder Gardinen. Duch diese Alltagsmaterialien aus einfachen Haushalten zeigte er seine Solidarität mit der Bevölkerung.

    Später verließ er auch fertige Farbe und experimentierte mit Farbpigmenten, besonders Violett, verbunden mit Öl und Benzin. Die so entstandenen Bilder veränderten ihre Farbe je nach Lichteinfall, was ihm 1986 den Goldenen Löwen der Venedig-Biennale einbrachte.

    Sein spätestes Kunstwerk war die Gestaltung von Kirchenfenstern in Zürich.

    Heute hat Polke ähnlich viel Weltruhm wie seine Zeitgenossen Joseph Beuys, Gerhard Richter, Georg Baselitz oder Jörg Immendorff, sodass auch er in Frankreich verehrt und ausgestellt wird.

    In diesem Sommer zeigt die Fondation Vincent van Gogh in Arles, Südfrankreich eine umfangreiche Ausstellung von Sigmar Polke. Die Organisation möchte Künstler im Sinn von van Gogh präsentieren, der längere Zeit dort lebte und viele seiner Werke malte. Er inspirierte die folgenden Künstlergenerationen wesentlich. Gemeinsam haben Polke und van Gogh das Motiv der Kartoffel, muss man aber suchen!

    Auf jeden Fall:  Sommerzeit, Reisezeit, Zeit für Kunst !

    Sigmar Polke „Sous les paves, la plage” (Unter dem Pflaster, der Strand; die Erde), Fondation Vincent Van Gogh, 35ter, rue du Docteur-Fanton, 13200 Arles (F) , Achtung: keine Parkplätze, noch bis 16.Okt.2025

  • Nicht nur Picasso!

    Kunstgenuss im Urlaub: Malaga

    Ein Centre Pompidou im Süden Spaniens? Und ein Picasso-Museum? Das erwartet man eigentlich nicht in der eher vom maurischen Stil beeinflussten Stadt Malaga. Doch weit gefehlt: hier wird moderne und zeitgenössische Kunst gefeiert und stolz präsentiert.

    In das Picasso-Museum wollen tausende Menschen. Dort muss man Zeitfensterkarten frühzeitig online kaufen, um die Chance auf Einlass  zu bekommen. Richtig ist, dass das Museum eine respektable Sammlung des Künstlers besitzt und präsentiert. Besonders seine Keramiken bekommen eine prominente Darstellung.

    Doch der Museumsleitung ist auch hoch anzurechnen, dass sie ihren Besuchern, die vielleicht nur wegen des berühmten Namens kommen, zusätzlich großartige Werke zeitgenössischer Kunst anbieten. So wird momentan William Kentridge präsentiert: „More Sweetly Play the Dance”. Es ist die spektakuläre 40m lange Video-Installation einer Prozession mit der Musik einer Brass-Band aus Johannisburg. Die Kohlezeichnungen des Hintergrundes und die Figuren wie aus einem Scherenschnitt sind eine typische Ausdrucksform des Künstlers.

    Es ist auch ein Vorgeschmack auf die großen Retrospektiven anlässlich des 70. Geburtstags von Kentridge, die ab September in Essen und Dresden geplant sind. Besonders in Dresden sollen angesichts des dort berühmten großen Fürstenzuges ebenfalls Kunstwerke mit Prozessionen erlebbar werden.

    Das Gebäude des Centre Pompidou in Malaga stammt von Daniel Buren, dem französischen Künstler, der für seine Streifen-Muster berühmt ist oder den Turm des Heizkraftwerkes in Chemnitz bunt gestaltete. In Malaga sind es bunte quadratische Fenster eines Würfels, deren Lichtspiel der Sonne im darunter gelegenen leeren Raum schillernde Effekte verursachen. Seit 10 Jahren werden hier thematischen Wechselausstellungen mit Werken aus dem Mutterhaus in Paris gezeigt.

    Sommerzeit, Reisezeit, Zeit für Kunst! Tip: Es ist schön kühl innen im Centre Pompidou, weil ein großer Teil des Museums in die Erde hinein gebaut ist.

    Museo Picasso, Palacio de Buenavista, C. San Augustin 8, 29015 Malaga, Spanien

    Centre Pompidou Malaga, Distrito Centro, 29016 Malaga, Spanien

    Extra: Zentrum für zeitgenössische Kunst Malaga, C.Alemania, S/N, 29001 Malaga (erst wieder im Juni geöffnet)