Der Blick auf Afrika nicht mit den Augen der ehemaligen Kolonial-Länder von außen, sondern aus dem Inneren Afrikas selbst heraus: den möchten diese Fotoserien von 23 Künstlerinnen und Künstlern mit afrikanischer Herkunft in dieser Ausstellung vermitteln. „A World in Common“, eine gemeinsame Welt. Ist es die gemeinsame Identität der afrikanischen Welt oder der Hinweis auf die Gemeinsamkeit von uns allen Menschen in dieser Welt?
Im ersten Kapitel thematisieren die Fotos“ Identität und Tradition“. Sofort beeindruckt eine Serie von George Osodi mit afrikanischen Monarchen in prunkvollen Gewändern und Räumen. Offensichtlich ist der Mix aus alter afrikanischer Tradition und auch der Ähnlichkeit mit königlichen europäischen Gewändern, aus denen stolze Herrscher blicken. Hier spiegelt sich die komplette Historie Afrikas wider.
Edson Chagas
Edson Chagas sammelte Masken, die auf Märkten in Angola für Touristen angeboten wurden und fotografierte moderne Menschen damit. „Nein, das sind keine echten alten Masken, denn die bleiben als wichtige Erbstücke in den Familien. Ich wollte aber zeigen, in welchen Rollen Menschen sich zeigen möchten. Auch die Souvenir-Masken haben Vorbilder in denen für traditionelle Rituale und erzählen Geschichten.“ berichtet der Künstler. Er lebt heute vorwiegend in Lissabon. „Portugiesisch war bei uns in Angola eine offizielle Sprache, die alle lernten. Unsere heimischen Sprachen sind so viele unterschiedliche Dialekte, dass wir uns meist untereinander gar nicht verstehen. Deshalb geht das besser auf Portugiesisch.“
Malala Andralavidrazana stellt ihre Identität in Historiengemälden aus Foto-Collagen dar.
Malala Andralavidrazana
Kudzanai Chiurai brillierte bereits auf der Documenta 13 mit einer sehr speziellen afrikanischen Version von Leonardos Abendmahl. Auch seine jetzigen Fotos sind ironisch und ikonisch komponierte großartige Szenarien, in denen viel zu entdecken ist:
Doch auch die Thematik von Umweltverschmutzung und Klimaproblemen findet in künstlerisch hervorragenden Fotos ihren Ausdruck.
Die Ausstellung wurde in der TATE-Modern in London konzipiert. Sie ist ein Augenschmaus, ein farbenfrohes einfühlsames Bild eines ganz modernen Kontinents.
Interessant ist dabei auch, dass vorwiegend die junge Fotokünstlergeneration Afrikas präsentiert wird, jenseits der etablierten Namen wie Zanele Muholy, Omar Victor Diop (z.Zt in der Völklinger Hütte) oder Samuel Fosso (KINDL-Museum Berlin).
„A World in Common“ C/O Berlin im Amerikahaus am Zoo, 1.Februar 2025 bis 7. Mai 2025.
B.Klepsch Sächs. Ministerin Kultur, OB Sven Schulze, EU-Kommissar Glenn Micallef, Claudia Roth, Andrea Pier + Stefan Schmidtke Gesch.Führung C25
WOW: Chemnitz, die fast vergessene vormals triste ehemalige Industriestadt am östlichen Rand Deutschlands, die über 37 Jahre lang Karl-Marx-Stadt hieß, ist seit 18.1.2025 offiziell die Europäische Kulturhauptstadt 2025 und glänzt mit neuen Bauten, besserer Infrastruktur, speziellen kulturellen Projekten und ausgelassener Fröhlichkeit.
„C the Unseen“ ist das anglistische Wortspiel, das sich Chemnitz als Motto gegeben hat. Und es stimmt, denn in dieser meist unbeachteten Region, von der nur das erzgebirgische Kunsthandwerk zur Weihnachtszeit global Beachtung fand, ist jetzt wirklich Erstaunliches zu entdecken.
Bereits im letzten Sommer wurde in diesem Blog das wertvollste Kunst-Projekt vorgestellt: der Skulpturenweg „Purple Path“. Sowohl Künstlerinnen und Künstler der Region als auch solche mit internationalem Ruhm gestalten für 38 Orte der Umgebung von Chemnitz Skulpturen, die auch langfristig bisher „ungesehene“ Städtchen ins Licht der kunstbegeisterten Welt bringen. Ein Tipp: dieser weitläufige Überraschungs-Parcours ist mittels Auto und Google-Maps am ehesten zu genießen, es sei denn, man verfügt über eine ausdauernde Kondition fürs Radfahren.
Das ehrgeizige Ziel der Organisatoren, auch die Umgebung kulturell attraktiv aufzuwerten, stößt jetzt teilweise auf skurrile Probleme. Ein besonderes Merkmal von Chemnitz2025 soll die Gestaltung von der Bevölkerung für die Bevölkerung sein, kein Programm aus dem Elfenbeinturm elitärer Kunstexperten. Daher sind bei der Auswahl der Werke des Purple Path immer die Bürgermeister und „lokale Kunstkenner“ einbezogen worden. Das konnte bei der großen Zahl von 38 Skulpturen nicht wirklich gut gehen!
Alexander Ochs, KuratorStefan Schmidtke, Geschäftsführer
Augustusburg zum Beispiel sollte ein Werk von Alicija Kwade bekommen: einen für sie typischen Stein mit einem Stuhl. Die Künstlerin aus Berlin erlangte bereits Weltruhm mit einer großen Installation auf dem Dach des MOMA in New York, doch dem kleinen Ort in Sachsen gefiel das alles nicht. „Der Stadtrat hat sich gegen das Kunstwerk ausgesprochen, gar nicht mal so sehr nach Kenntnis des Kunstwerks, sondern mit dem Wunsch einen eigenen regionalen Künstler selbst auszusuchen. Da hätte jeder andere Name keine Chance gehabt, die hätten immer Nein gesagt.“ berichtet Stefan Schmidtke, Geschäftsführer von Chemnitz2025. Nach vielen vergeblichen Bemühungen um Einigung lehnte der künstlerisch verantwortliche Kurator letztendlich jeglichen Aufbau einer Skulptur ab. So bleibt Augustusburg Kunst-leer.
Ein wenig kommt hier die Erinnerung an WEIMAR 99 auf. In der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt verhinderte die Bevölkerung inklusive Stadtrat die Gestaltung eines Platzes durch den berühmten französischen Künstler Daniel Buren. Als Begründung wurde genannt: Es fallen Parkplätze weg! Weimar schien am Ende des ruhmreichen Jahres wieder in seinen provinziellen Dornröschenschlaf zurückkehren zu wollen.
In Marienberg kam ein völlig anderes Problem auf: der zentrale Marktplatz, auf dem das Kunstwerk stehen sollte, ist Teil des Welterbe Montan-Union. Hier können nicht einfach Veränderungen vorgenommen werden, doch es wird jetzt nach einem neuen Platz gesucht.
Der Purple Path in Chemnitz bietet seit unserem Bericht vom letzten Sommer weitere neue großartige Skulpturen:
„Oben-Mit“ nennt der Chemnitzer Künstler Osmar Osten seine Säule aus unterschiedlichen Steinen der Region mit abstrahierten Nussknackern und Räuchermännchen darauf. Sein „Denkmal für die guten Geister meiner Heimat“ ist Reminiszenz und Satire zugleich.
Foto: F. Ossenbrink
Auf einem Hügel mitten im landschaftlichen Nichts ragt eine Pyramide aus Holzbalken in den blauen Himmel. Olaf Holzapfel aus Dresden hat als Künstler den Zürich-Art-Prize 2024 erhalten und schon auf der Documenta 14 (2017) ausstellen dürfen. Jetzt zeigt er in Amtsberg „Zwei ineinander Verwobene“. Auch der Landgasthof Dittersdorfer Höhe direkt daneben darf sich in diesem Sommer bestimmt über viele nette Gäste freuen.
„Ich habe viel gelernt bei der Organisation des Purple Path.“ sagt Kurator Alexander Ochs. „Besonders über unvorhergesehene Probleme. Für das Werk von James Turrell ist beispielsweise schon viel Geld geflossen und plötzlich war die Gießerei pleite. Doch ich denke, wir finden noch eine Lösung hierfür.“
Foto: Freie Presse Chemnitz
Auch das kleine Burgstädt meldete mitten in der Planung der künstlerischen Neugestaltung ihres Taurasteinturmes Bedenken an. Man befürchte zu hohe Folgekosten durch die Beleuchtung. Via Lewandowsky möchte mit Projektionen und Sound-Effekten dem Turm „eine Seele“ einhauchen und den Besuchern Erlebnisspaß verbunden mit Bergwerkhistorie bieten, alles stromsparend mit LED. „Wind und Wetter“ hat weniger mit der Klimakrise zu tun als mit den „Schlagenden Wetterphänomenen “ unter Tage. Der in Dresden geborene Via Lewandowsky wurde zuletzt bekannt durch seine „Demokratie-Glocke“, die in Leipzig seit 2009 an die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR erinnert. Er spricht so begeistert von seiner Idee für Burgstädt, dass dieser Funke bestimmt auf die Stadträte und die zukünftigen Gäste überspringen wird. So bleibt unbedingt zu hoffen, dass dieses beseelte, aber auch ein bisschen gespenstisch dynamische Erlebniskunstwerk doch noch realisiert wird.
Foto: F. OssenbrinkFoto: Chemnitz2025
Etwas befremdlich bei den Feiern zum Opening war, dass die wichtigen Eröffnungsgäste ganz klein auf der Bühne am Fuße des riesigen Karl-Marx-Kopfes ihre Begrüßungsreden hielten, an erster Stelle Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, aber auch Claudia Roth als Kulturbeauftragte der Bundesregierung und der EU-Kommissar für Kultur Glenn Micallef aus Malta. Offensichtlich hat sich die Stadt mit ihrem ursprünglich aufgezwungenen zeitweisen Namensgeber inzwischen 35 Jahre nach der Wende versöhnt, denn es tanzten dort (angeblich) 80 Tausend Menschen voller Freude auf ein spektakuläres Jahr.
Andere Skulpturen des Purple Path, Artikel vom 26.08.2024
Sean ScullyGregor GaidaJeppe HeinNevin AladagUli AignerTony Cragg
Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2025
Artreview in GB macht es. Monopol macht es auch. Ein jährliches Ranking über das Kunstjahr. Der Erlebnishorizont der Autorin lässt zwar keine Bewertung von 100 TOPs zu und es gibt auch keine mehrköpfige Jury. Doch dieses rein persönliche Ranking über Kunstereignisse und Kunstwerke im vergangenen Jahr 2024 macht hoffentlich viel Freude beim Lesen.
TOP 5 der beeindruckendsten Kunstausstellungen 2024:
„The true size of Africa“ Die Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte strahlt mit besonderem Industrie-Charme. So viele fantastische Werke von über 20 internationalen Künstlerinnen und Künstlern sind beispiellos kreativ präsentiert. Mein absoluter Wow-Effekt des Jahres. https://inartberlin.com/2024/11/13/afrikas-wahre-grose/
„Schwerelos“ von Leandro Erlich. Dem Kunstmuseum Wolfsburg ist hier erneut eine fulminante Ausstellung gelungen, die nicht nur Kunstkenner, sondern auch Menschen jeden Alters magisch in diese besondere Sicht auf die Welt hineinzieht. https://inartberlin.com/2024/10/12/schwerelos-in-wolfsburg/
Manifesta 15 in Barcelona: Zwar war es mühsam, die vielen weit auseinander liegenden Venues zu erreichen, doch diese Suche endete so oft mit einer herrlichen Entdeckung. Ob im alten E-Werk oder im verlassenen Gefängnisbau, besonders auch in den „Drei Schornsteinen“ ; stets waren wunderbare Kunstwerke zu finden, die erstaunlich mit ihrer ungewöhnlichen Umgebung verschmolzen. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
Biennale di Venezia 2024: Auch wenn der von Adriano Pedrosa kuratierte Hauptpavillon in den Giardini enttäuschte, ist die Ansammlung von Kunst aus nahezu allen Ländern der Welt ein so beeindruckendes Erlebnis mit nicht enden wollenden Verzückungen. Niemals sollte man als Kunstinteressierter dieses Ereignis versäumen inklusive der Verirrungen auf der Suche nach den versteckten Pavillons in den romantischen Gassen der besonderen Lagunenstadt. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/
TOP 5 der besten Kunstwerke 2024:
Asad Raza: „Prehension“ in dem Gebäude des alten Verbrennungskraftwerks „Die drei Schornsteine“ auf der Manifesta 15 in Barcelona: Es sieht so einfach aus mit den flatternden Stoffbahnen in der großen Industriehalle, doch ihr Tanz im Wind, der vom Meer durch die leeren Fensterrahmen die Choreographie bestimmt, entfachte augenblicklich ein Lächeln und den berühmten Wow-Effekt. https://inartberlin.com/2024/09/18/manifesta-15-barcelona/
„Monte di Pieta“ von Christoph Büchel in der Fondatione Prada in Venedig. So viel Wohlstandsmüll so chaotisch und doch thematisch sauber geordnet, verwirrt, ist aber eine mehr als deutliche Provokation, über unser Leben im Überfluss mit Schulden, Zinsen, Moral und Boykott kritisch nachzudenken. Andererseits jedoch eine Augenweide, die Lust am Stöbern bereitet. https://inartberlin.com/2024/07/07/schulden-zinsen-moral-bankrott/
Marianna Simnett: „Winner“. Im Hamburger Bahnhof, Berlin: Verblüffung und Bewunderung waren die ersten Eindrücke, die die Installation auf mehreren Bildschirmen über Brutalität und Skurrilität des Fußballs auslösten. Kaum zu glauben, dass Kunst und Fußball-EM eine so passende gemeinsame Darstellung finden. https://inartberlin.com/2024/05/16/brutal-und-destruktiv-die-dunkle-seite-des-fussballs/
Bouchra Khalili: „The mapping journey project“ im Arsenale auf der Venedig Biennale. Eine spannende Visualisierung von zermürbenden Wegen, die Asylsuchende auf der Flucht aus ihrem Ursprungsland nach Europa erlebt haben. https://inartberlin.com/2024/04/29/60-venedig-biennale-2024/
Sie ist die Hoffnung und die Rettung für Kassel und die Kunstwelt. Die Künstlerische Leitung der Documenta 16 ist ernannt. Naomi Beckwith ist eine großartige Wahl für diese Aufgabe nach der heftig diskutierten 15. Documenta vor 2 Jahren. Sie bringt kuratorische Erfahrung aus Chicago und vor allem aus dem Guggenheim-Museum New York mit, wo sie Vize-Direktorin und Chefkuratorin ist. Damit ist sie auch vetraut im Umgang mit Sponsoren und mit Krisenmanagement, wie sie souverän bestätigt auf die Frage nach ihrem Umgang bei möglichen Anfeindungen der Documenta wie 2022.
Es war gelungen, den Namen der von der Findungskommission gewählten Leitung bis zur letzten Minute geheimzuhalten. Große Spannung herrschte in der gestrigen Pressekonferenz, bis der Geschäftsführer Prof. Andreas Hoffmann endlich die 48jährige Afroamerikanerin nannte und persönlich vorstellte.
Naomi Beckwith erklärte mit ihrer warmen tiefen und souveränen Stimme begeistert und voll Bewunderung, dass die Weltkunstschau Documenta eine riesige Chance für Kuratoren und Künstler biete, Neues zu probieren und zu experimentieren. Das sei weltweit sehr besonders.
Auf die Frage, wie sie Skandale vermeiden wolle, antwortete sie: „Bei mir gibt es keine Überraschungen. Ich bin in intensivem Gespräch mit allen Künstlern und weiß über jedes Kunstwerk Bescheid. Ich denke, die Documenta 16 wird nicht nur komfortabel, sondern es wird auch Meinungsverschiedenheiten geben, aber das wird kommuniziert und textualisiert.“
Naomi Beckwith bekennt sich definitiv und respektvoll zu Kassel mit tiefem Verständnis für den legendären Standort.
Gefragt, ob die Zeit der Vorbereitung jetzt nicht zu kurz sei, antwortet Beckwith lächelnd. Nein, viele große Ausstellungen fänden alle 2 oder 3 Jahre statt und „I can manage that!“
Es seien nach der Documenta fiffteen „nicht wenige gewesen, die schon die Totenglöckchen über die Documenta läuten lassen wollten.“ So formulierte es der hessische Minister für Kunst und Kultur Timon Gremmels.
Der Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta, der Oberbürgermeister von Kassel Sven Schöller sprach sichtlich erleichtert und begeistert über die designierte Kuratorin. Die „schwerste Krise“ sei jetzt überwunden.
OB Schöller, Mitglieder der Findungskommission, Naomi Beckwith (Mitte), Minister Gremmels
Es wird auch klar gestellt, dass die Rahmenbedingungen für die Documenta 16 überarbeitet wurden. Es gebe den neuen wissenschaftlichen Beirat, das Documenta-Institut und den Code of Conduct, der ein festes Bekenntnis zu Menschenrechten, aber auch künstlerischer Freiheit, sowie Ablehnung von gruppenmäßiger Diskriminierung beinhalte. Auch sei die Förderung vom Bund mit zwei Plätzen im Aufsichtsrat gesichert. Momentan gehe man von einem gleichen Etat wie bei der Documenta 15 aus in Höhe von 42,2 Millionen €.
Naomi Beckwith sei bei jeder Documenta gewesen seit der D 12. Sie fühle sich in der Tradition von Okwui Enwezor, der bei der D 11 erstmals die globale Sicht auf die Kunst einbrachte. Mit ihm habe sie auch noch kurz in New York zusammengearbeitet. Sie schätze auch aber auch Catherine David mit ihrer historischen Konzeption. Außerdem sei sie besonders glücklich und stolz, Carolyn Christov- Bakagiev eine Freundin nennen zu dürfen. Jede/r soll die Documenta genießen können.
Thematisch sollen bei der Documenta 16 in einer Zeit der Krisen und Herausforderungen wie der Transformationen für die Menschen diese Themen vorkommen. Wichtig sei aber, wie mit Krisen umgegangen werden kann, also auch Lösungsansätze zu finden. Jede Stimme ist wertvoll. Es gehe um ein gegenseitiges wahrhaftes Verstehen. Es sollte sich auch jede und jeder auf der Documenta wohl und respektiert fühlen.
Naomi Beckwith ist eine kluge und inspirierende Persönlichkeit, die gleichermaßen beruhigend und kompetent wirkt und auf jeden Fall bei uns allen eine berechtigte wundervolle Vorfreude auf die kommende Documenta zuläßt.
Die Dokumenta 16 findet in Kassel statt vom 12. Juni bis 19. September 2027
Der Schweizer Künstler Franz Gertsch (1930 – 2022) prägte als leidenschaftlicher Maler den europäischen Fotorealismus. Seine Bilder sehen von weitem wie echte Fotografien aus, doch von nahem erkennt man deutlich die Struktur des Pinselstrichs. Franz Gertsch liebte es, seine Motive auf riesige Stoffbahnen von meist 4 x 6 Metern stark vergrößert darzustellen, was sie zu monumentalen Meisterwerken macht.
1968 begann der Künstler ein Foto aus einer Zeitschrift abzufotografieren und auf Leinwand zu übertragen. Ein Reiter wird im Moment seines Kampf- und Todesschreis aufgenommen. Das Motiv stammt aus einem Antikriegsfilm von 1966, der Zeit, als die Proteste gegen den Vietnamkrieg auf ihrem Höhepunkt waren.
Nur wenig später entwickelte er die Idee, eigene Fotos als Vorlage für seine Gemälde zu nutzen; Schnappschüsse aus dem normalen Leben. Er projizierte Dias an die Leinwand und skizzierte zunächst akribisch die Konturen, die er später präzise farbig übermalte. Dieser Arbeitsprozess dauerte meist mehr als 1 Jahr pro Bild.
Kollegen und FreundeUrs Lüthi
1971/72 entstand „Medici“. Dieses Bild durfte er 1972 auf der Documenta 5 präsentieren, was seinen internationalen Durchbruch brachte. Der Titel geht nicht auf die reiche Familie der Renaissance aus Florenz zurück, sondern ist der Name der Baufirma, die das Gerüst aufgebaut hatte, an das sich die 5 jungen Männer lehnten. Der Schriftzug ist deutlich zu erkennen.
Der zweite Mann von links ist Luciano Castelli, ein junger Künstler, der noch vielfach Franz Gertsch als Model diente. Er und sein Freundeskreis inspirierten den Maler oft zu Gemälden. Gertsch besuchte z.B. die deutlich jüngeren Leute nach Partys oder begleitete sie bei Wanderungen, die er fotografisch dokumentierte. Sie waren typische Vertreter der damaligen Hippie-Generation, was die Werke von Franz Gertsch später zu Symbolen des Zeitgeistes der siebziger Jahre machte.
Luciano Castelli heute
In den 80ger Jahren wandte sich Gertsch der Holzschnitttechnik zu, die er ebenso präzise und in extra großem Format anfertigte. Jedoch kehrte er später glücklicherweise wieder zur Malerei zurück.
Die Deichtorhallen ergänzten die ursprüngliche Ausstellung des Louisiana Museums of Modern Art in Humblebaek, Dänemark um weitere 20 Gemälde, die in den riesigen Räumen in Hamburg hervorragend zur Geltung kommen. Besonders werden auch die Betrachter*Innen ihre Freude daran finden, die stets die Nase rümpfen, wenn sie bei Moderner Kunst das perfekte Handwerkliche vermissen. Hier können sie diese Qualität in Höchstkultur erleben.
Foto des Ateliers
Franz Gertsch: „Blow Up“, Deichtorhallen in Hamburg, 13. Dezember 2024 bis 4. Mai 2024
Phänomenale Malerin und Opern-Diva, eine Wiederentdeckung
Opern-Arien, Malerei, Schauspielerei, all das waren für Semiha Berksoy nur verschiedene Ausdrucksformen eines Gesamtkunstwerkes, das sie mit großer Leidenschaft und Durchsetzungskraft gestaltete. Sie war der geborene Star und die türkische Ikone des Feminismus.
Bei Betreten des Ausstellungsraumes im Hamburger Bahnhof erklingt die Opernstimme der Künstlerin und Filmsequenzen zeigen sie in der Rolle der Sängerin. Dieser Klang begleitet die Besucher*Innen in den Saal mit fantastischen Bildern.
Der Parcours führt bis zu einem dokumentarischen Schwarz-Weiß-Film, der historische Ereignisse während ihres Lebens zusammenfasst, und davon spielt vieles in Berlin.
Semiha Berksoy wurde 1910 in der Türkei geboren und wuchs in die Gesellschaft kompletter Erneuerung hinein, die Mustafa Kemal Atatürk mit seiner Regierungsübernahme 2023 initiierte. In seiner „Republik Türkei“ waren Frauen gleichberechtigt, der islamische Glaube durch letztliche Abschaffung der Kalifate deutlich entmachtet und ein demokratisches Staatsprinzip mit westlichen Werten wurde aufgebaut.
Semiha Berksoy fühlte sich seit ihrer Kindheit zum Star geboren; ihre Mutter war Malerin, ihr Vater Lyriker und sie wollte auf die großen Bühnen. Sie nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht und ließ sich auf der Akademie zur bildenden Künstlerin ausbilden.
„Özsoy“„Das Mädchen, das von ihrer Mutter vor dem Bösen beschützt wird“
In dieser Zeit der gesellschaftlichen Transformation gab Mustafa Kemal Atatürk den Auftrag zur Produktion einer türkischen Oper: „Özsoy“ (1934). Semiha Berksoy sang und spielte in Anwesenheit von Atatürk eine Hauptrolle. Die Oper erzählt die Geschichte von Zwillingen, die durch den Zorn des Teufels getrennt werden, sich aber Jahrhunderte später wieder treffen und erkennen, dass sie Brüder sind. Berksoy sang nicht nur, sondern malte auch ihre Interpretation inklusive Schrift mit vielen Symbolen ausgeschmückt.
Ihr künstlerischer Stil ist keiner anderen Gattung zuzuordnen, sondern ihre ganz persönliche Art der Illustration eigener Erlebnisse oder Geschichten der Opern, die sie spielte. Die Bilder erzählen oft von Liebe, Leidenschaft oder Ungerechtigkeit und sind in der Lage, Emotionen nachfühlbar zu übertragen.
„Ödipus rex“„Tosca“
Sie sang die Arie der Tosca von Puccini, eine dramatische Story ähnlich Romeo und Julia. Auch die Oper von Stravinsky „Ödipus rex“ illustrierte sie.
Semiha Berksoy war eine Feministin ihrer Zeit, auch wenn sie dies nicht wie ein Schild vor sich trug. Ihre ganze Persönlichkeit und ihr Lebensstil waren personifizierter Feminismus.
Zur Ausstellungseröffnung in Berlin sind auch Kuratorinnen des Istanbul-Modern-Museums nach Berlin angereist. Dort wird die Ausstellung im kommenden Jahr übernommen. Eine junge Mitarbeiterin bestätigte, dass Semiha Berksoy auch heute noch als Vorbild für die Unabhängigkeit starker Frauen in der Türkei gilt.
„Meine Mutter“„Der Sieg der Kunst“
Semiha Berksoy war ihre Karriere in Ankara und Istanbul nicht genug und deshalb zog sie nach Berlin, wo sie ebenfalls auf großen Bühnen erfolgreich war. 1932 musste sie jedoch wegen der Machtergreifung der Nazis wieder zurück. Doch auch das ließ sie sich nicht endgültig gefallen und kam immer wieder. 1942 mitten im Krieg durfte sie noch nicht bleiben, doch seit den 50ger Jahren begeisterte sie immer wieder auch das deutsche Publikum.
Kennt man ihre Geschichte ein wenig und liest man auch die Titel der Bilder, so ist deren Sensibilität und Empathie verständlich und bewundernswert.
Die Ausstellung vermittelt eine Verbundenheit zwischen türkischer und deutscher Kultur durch die Strahlkraft einer besonderen künstlerischen Persönlichkeit.
Semiha Berksoy: „Singing in Full Color”: Hamburger Bahnhof, Berlin; 6. Dezember 2024 bis 11. Mai 2025
Der Kunstverein Hannover hat den israelischen Künstler Roee Rosen für eine Einzelpräsentation vor 1 ½ Jahren eingeladen. „Auch wenn alle von Cancel-Culture reden, man kann doch einen Künstler nicht wieder ausladen. Außerdem zeugt die Kunst von Roee Rosen seit jeher von seiner kritischen Haltung gegenüber der Politik seines Landes. Da müssen propalästinensische Protestgruppen auch mal genau hinsehen, bevor sie uns kritisieren.“, betont der Direktor und Kurator des Kunstvereins Hannover Christoph Platz-Gallus anlässlich der Eröffnung der Ausstellung.
Roee Rosens Film „The Dust-Channel” war das Lieblingskunstwerk vieler BesucherInnen auf der Documenta 14 im Ausstellungsteil in Kassel. Hier kritisierte er seine Landsleute als übertriebene Sauberkeitsfanatiker, jedoch nicht nur beim Staubsaugen mit dem Dyson, sondern auch wegen der permanenten Säuberungsideen von illegalen Einwanderern.
„Kafka for Kids“ ist der neue farbenkräftige, kitschig-skurrile Musik-Film, in dem Rosen im Jahr des 100jährigen Geburtstags des Dichters seine Interpretation der „Verwandlung“ als Musikfilm zeigt. Er ist absolut nicht nur für Kinder, sondern gespickt mit Spitzen, wie Kindheit in den israelisch besetzen Gebieten durch das Militärrecht zerstört wird.
Roee Rosen kreiert auch gern fiktive Charaktere inklusive Lebenslauf, die als Schriftsteller oder Malerinnen politische Kritik gestalten: Maxim Komar-Myshkin (geb 1978 in der Sowjetunion, gestorben 2011 in Israel) wanderte 2000 nach Israel aus, weil er – wahrscheinlich wahnhaft- überzeugt war, dass Putin seine Ermordung angeordnet hätte. In einem Saal ist die – fiktive – Geschichte dieses Künstlers in über 20 Bildern und Texten ausgestellt, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit sowjetischen Ereignissen und Namen aufweisen. Maxims Tod wurde als Suizid deklariert.
Auch die Geschichte der jüdisch-belgischen Malerin Justine Frank ist ein Konstrukt des Künstlers. Sie wanderte 1934 nach Palästina aus und malte provokant surrealistisch gegen das gängige sexuelle Modell des dominanten Mannes und der krampfhaften Pflicht der Frau zu Schönheit. Sie nannte sich „Frankomas“ in Analogie zum genial kriminellen Fantomas. 1943 verließ sie das Haus, in dem sie bei ihrer Freundin wohnte und wurde nie wieder gesehen. Ein Video und viele Bilder illustrieren dieses Narrativ von Roee Rosen.
Ein anderes Thema für ihn ist Freuds Psychoanalyse. Die Titelseite der englischen Ausgabe des Standardwerkes veränderte der Künstler auf viele Arten und somit auch die Aussagen.
Sehr bedrückend und aktuell ist der letzte Raum mit den „Gaza War Tattoos“. Die Schriften der Tattoos beinhalten viele Formulierungen, die vom Militär als verharmlosende Ausdrücke für Greueltaten benutzt werden. Auf einen menschlichen Rücken projiziert der Künstler Namen, die die israelische Armee ihren Angriffen auf Gaza gegeben hat. Auf der anderen Seite deklariert Israel sogenannte „Sichere Zonen“, doch auch dort wurde heftig bombardiert.
Es ist eine Ausstellung mit klarer politischer Haltung des Künstlers zu den Taten seiner Regierung. Aber es sind auch Werke zu finden, die einfühlsam über Liebe, Krankheit, Zuwendung und Tod sprechen. Wer sich auf diese Kunst einlassen will, sollte sich Zeit fürs Lesen mitbringen. Durch die Hintergrundinformationen gewinnt diese Ausstellung enorm.
Roee Rosen: “The Kafka Companion to Wellness” im Kunstverein Hannover vom 9. November 2024 bis 12. Januar 2025
Soll das politische Statement einer Künstlerin höhere Wellen schlagen als ihre Kunstwerke? Das bleibt die große Frage.
Vor kurzem wurde die renommierte amerikanische Fotokünstlerin Nan Goldin in der Akademie der Künste mit dem Käthe Kollwitz-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und eine Show zeigte ihre sehr bewegende Darstellung einer Community von Randgruppen der Gesellschaft in den USA der 70er bis 90ger Jahre. Ihre Fotos sind nie voyeuristisch, sondern voller Vertrautheit und liebevoller Beziehungen. Sex and Drugs and Rock n Roll; so erlebte Nan Goldin die Welt der Drag-Queens und der Trans-Menschen, bei denen sie in Boston ein besseres familiäres Zuhause als ihr eigenes fand.
Jetzt wurde ihre Retrospektive in 6 Kapiteln in der Neuen Nationalgalerie eröffnet. In je einem schwarzen Pavillon innerhalb des großen Ausstellungsraumes wird eine der ursprünglichen Dia-Shows als filmischer Zusammenschnitt präsentiert. Die Konzeption stammt aus dem Moderna Museet Stockholm, kuratiert von Fredrik Liew, dem dortigen Chefkurator, der die Videos gemeinsam mit Nan Goldin erstellte.
In Stockholm und später in Amsterdam gab es großes Lob für diese Ausstellung der Künstlerin mit Weltruhm. Fredrick Liew bekräftigt, dass er sie unbedingt einem größeren Publikum präsentieren wollte und deshalb sehr froh sei über Berlin und Deutschland mit der wesentlich größeren Bevölkerungszahl.
Diese Idee übernahm offensichtlich auch die Künstlerin. So nutzte sie Berlin, wohlwissend der komplexen historischen Verantwortung Deutschlands, um mit einer gesicherten lautstarken Öffentlichkeitswirksamkeit ihrem aktuellen Kampf für Palästina Gehör zu verschaffen.
Politischer Aktivismus ist Nan Goldin nicht unbekannt. Sie hat extrem erfolgreich und dankenswert den Kampf gegen die Pharmaindustriellen-Familie Sackler in den USA geführt. Diese hatte mit der werbewirksamen Verharmlosung des Schmerzmittels Oxicodin Milliarden verdient, aber viele Menschen opiatsüchtig gemacht. Inzwischen ist es der Verdienst von Nan Goldin, dass keins der großen Museen in der Welt noch Geld der ehemaligen Mäzene annimmt und alle ehrenhaften Namensschilder entfernt wurden.
War das erfolgreiche Ende dieses wirklich bewundernswerten Engagements, das sie ausschließlich mit künstlerischen Mitteln erreicht hatte, jetzt ein Grund, sich ein neues Thema für neue Aufmerksamkeit suchen zu müssen?
In keinem der 6 Pavillons der Ausstellung mit dem verheißungsvollen Titel „This will not end well.“ zeigt sich ein Zusammenhang mit dem israelisch/palästinensichen Konflikt.
Am Vormittag beim Pressegespräch sagte Nan Goldin, die Welt sei heute so schrecklich. Auf die Frage, was sie denn damit besonders meine, antwortete sie primär spontan: „Trump!“ Dann ergänzte sie eher leise: “Palästina, Libanon, Gaza, Sudan.“ Erst mit großem Publikum am Abend und propalästinensischen Demonstranten vor dem Museum wurde ihr Statement laut, wobei sie erneut den Überfall der Hamas auf Israel als Auslöser unerwähnt ließ.
Der Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach stellte sich deutlich gegen jegliche Cancel-Culture-Ideen und bekräftigt, dass er keine Künstlerin ausladen würde, die er schon vor mehreren Jahren eingeladen hatte. Vielmehr organisierte er ein Symposium, wo die politische Sicht der Künstlerin sachlich kontextualisiert werden soll. Er und das Team des Museums würden die Sicht der Künstlerin nicht teilen, aber er möchte sich jederzeit dafür einsetzen, dass jede Meinung frei geäußert werden dürfe. Damit fand er gestern wenig Gehör.
Individualpsychologisch könnte eine Erklärung sein, dass Nan Goldin in einem jüdischen konservativen, aber lieblosen Elternhaus aufgewachsen ist. Ihre ältere Schwester Barbara wurde von den Eltern in der Pubertät wegen unpassenden Verhaltens in einem Erziehungsheim und in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht. Als sie Suizid beging, war Nan Goldin 11 Jahre alt. Im Ausstellungs- Pavillon „Sisters, Saints and Sibyls“ thematisiert sie ihre Familiengeschichte. Zusammen mit ihrem weiteren schwierigen Lebenskampf ist diese frühe Traumatisierung bestimmt persönlichkeitsprägend. Auch über die Erlebnisse mit Drogenrausch und dem Verlust lieber Menschen durch AIDS gibt die Ausstellung einen einfühlsamen, teils verstörenden Einblick.
Hat Nan Goldin jetzt aber mit Ihrem Auftritt bei der Vernissage den bedrohten Bevölkerungen im Nahen Osten, der Kunst oder sich selbst mit ihrem Statement einen Gefallen getan?
Nan Goldin: „This will not end well“; Neue Nationalgalerie Berlin 23.November 2024 bis 6. April 2025
Kulturgeschichte und Gegenwartskunst in der Völklinger Hütte
„The True Size of Africa“ ist ein Fest der Sinne, in das einzutauchen eine wahre Freude ist.
Vor 120 Jahren wurde Afrika in der von Otto von Bismarck berufenen Kongokonferenz in Berlin unter den Kolonialmächten territorial einfach aufgeteilt ohne jegliche Beteiligung der einheimischen Bevölkerung. Es folgte die systhematische Ausbeutung des Kontinents und der dort lebenden Menschen.
Jetzt wird Afrika in der Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte in seiner individuellen Schönheit, aber auch mit den aktuellen Problemfeldern künstlerisch völlig neu vorgestellt.
Über zwanzig Künstlerinnen und Künstler mit afrikanischen Wurzeln räumen auf mit Klischees und stereotypen Ansichten. Sie alle haben bereits in der Kunstwelt einen bedeutenden Namen, stellten bei den Biennalen in Venedig und Sharjah, bzw. der Documenta aus. So bietet die bemerkenswerte Ausstellung ein Ensemble qualitativ hochwertiger künstlerischer Positionen, die im Ambiente der Gebläsehalle des Industriedenkmals mit den riesigen Maschinen und Schwungrädern ihre ästhetische Präsenz besonders entfalten.
Eingestimmt durch die afrikanische Version des Steigerliedes von Emeka Ogboh im Pumpenhaus gelangt man zunächst in den Bereich historischer Artefakte auf Afrika, die mittels Media-Guide eine aktualisierte Geschichte Afrikas berichten.
Zwei Kunst-Reihen aus auf flatternde Textilien gedruckten Fotos begleiten auf beiden Seiten den Weg: Zanele Muholys schwarz-weiße Selbstportraits mit skurrilen Frisuren aus Wäscheklammern oder Ladekabeln sind eine Persiflage auf das Klischee, dass afrikanische Menschen stets exotisch aussehen müssen. Die Schönheit der Künstlerin ist jedoch in allen ihrer Arbeiten auch das Plädoyer gegen die verbreitete Diskriminierung afrikanischer Queer-Menschen.
Omar Victor Diop
Auf der anderen Hallenseite hängen die Selbstportraits von Omar Victor Diop, der sich in Outfits berühmter Forscher oder Helden abgelichtet hat; stolz, schön und selbstbewusst. Als Gag haben alle ein Sportutensil bei sich; eine Anspielung, dass heutzutage Persons of Color nur als Spitzensportler Weltruhm erlangen können.
Diop integriert in einer anderen Serie auch Fische, Vögel oder Insekten naturecht in seine Fotocollagen. „Viele meiner Landsleute kennen diese Wesen gar nicht aus ihrer Umgebung. Ich möchte ihnen zeigen, wie schön und schützenswert sie sind, so ähnlich wie ein Biologie-Buch.“
Kongo Astronaut William Kentridge
Auf der großen Bühne in der Gebläsehalle stehen glitzernde Figuren aus Kostümen der Gruppe Kongo-Astronauts. Sie sind geschmückt mit Elektroschrott aus Platinen, Tastaturen und PC-Bauteilen. Das Thema ist der für die Arbeiter gefährliche Abbau selnener Erden, Kobalt u.a, die unersetzlich für unsere Elektronikindustrie sind. Es folgt deren Ausfuhr in den Rest der Welt und am Ende kommt alles als Elektronikschrott zurück nach Afrika, wo Kinderhände die Urstoffe mühsam recyclen.
Das gleiche Thema der Wirtschaftskreisläufe seltener Bodenschätze will auch Memory Biwa mit ihrer besonderen Sound- Installation im Untergeschoss ansprechen. Sie dekoriert große Schalen mit rotem Sand ihrer Heimat Namibia mit Klängen aus Städten und dem Bergbau.
Memory Biwa
Auch die weitere TeinehmerInnenliste enthält Namen weltweit etablierter Künstlerinnen und Künstler, die es in den Nieschen der Gebläsehalle überall zu entdecken gilt:
Zum Beispiel Yinka Shonibares Monument einer Dienerin in seinen bekannten farbenprächtigen Stoffen gekleidet.
Auch die Gruppe der Plantagenarbeiter aus Lusanga CATPC steuert 3 Figuren aus Schokolade bei, wie sie sie im Niederländischen Pavillon in Venedig gerade präsentiert.
Natur- und Umweltthemen sind auch in der Dreikanal-Video-Installation von John Akumfrah zu erleben, allerdings nach einem langen Weg bis in die Erzhalle. Der Künstler, der aktuell auch den britischen Pavillon in Venedig bespielt, zeigt Afrika in allen Schönheiten wie riesigen Sonnenbluhmenfeldern oder Elefantenherden, aber auch mit den Problemen von zerstörten Landschaften, gequälten Tieren oder geschundenen Menschen im Bergbau.
So ist der Parcours zwischen den Turbinen und Rädern der Gebläsehalle bis zur Erzhalle eine wahre Augenweide und Quelle wunderbarer Erlebnisse für jeden Kunstfreund ob mit oder ohne Wunsch auf tiefe Hintergrundinformationen.
„The True Size of Africa“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bei Saarbrücken, vom 9. November 2024 bis 17. August 2025
Emeka Ogboh hat zu der großen Afrika-Ausstellung „The True Size of Africa“ in der Völklinger Hütte drei Kunstwerke neu und side-specific geschaffen. INArtberlin sprach mit ihm über seine ungewöhnliche Art des Kunstschaffens anlässlich der Ausstellungseröffnung.
Inartberlin: „Schon 2017 bei der Documenta 14 ließen Sie ein spezielles Bier damals in Einbeck brauen. Es war eine dunkle Komposition mit besonderen afrikanischen Aromen und recht hohem Alkoholgehalt. Der Name Sufferhead signalisierte die Wirkung am Tag danach.“
Emeka Ogboh: „ Für Völklingen jetzt hat das Bier keinen hohen Alkoholgehalt oder afrikanische Gewürze. Es ist rotbraun, ein Red Ale und trägt den Namen“ROST“. Es ist ein Symbol für den Stahl, der hier hergestellt wurde, ein extrem hartes Material, das aber doch von Korrosion zerstört werden kann. Und Korrosionen passieren auch mit Menschen, wenn sie geschunden und ausgebeutet werden. Der Bergbau ist eine Gemeinsamkeit zwischen dem Süden Afrikas und dem Saarland. Es bleibt bei der Produktion rote Schlacke übrig. In Afrika färbt zusätzlich roter Sand die Luft. Das Bier aber wird von allen Bergleuten nach einem schweren Arbeitstag an der Theke getrunken!“
Auch das zweite Werk für die aktuelle Ausstellung knüpft an die gemeinsame Bergbautradition an. Als Mehrkanal-Soundinstallation lässt Ogboh afrikanische Sänger das Steigerlied singen, jedoch auf einer afrikanischen Sprache Namibias mit von ihm neu verfassten Text. Dieser handelt vom Leid der Arbeiter durch Ausbeutung in der Kolonialzeit. Der Klang ist gleich am Eingang eine immersive Einstimmung der Besucher auf die Welt Afrikas oder Unter Tage.
Inartberlin: Sie sind aus Nigeria, aus Lagos und leben jetzt in Berlin. Warum?
Emeka Ogboh: „Sound-Kunst kann ich nicht in Lagos machen. Da ist es unglaublich laut. Sie denken, Berlin sei laut. Doch das bisschen Straßenlärm ist gar nichts gegen Lagos. Da würde jede Soundinstallation übertönt.“
Als drittes Kunstwerk ist „Der Chor der Aufgegebenen“ im Außengelände der Völklinger Hütte zu erleben. Fünf ausrangierte Hängebahn-Loren werden durch kleine Motoren in wechselnder Choreographie „zum Leben erweckt“.
E.O.: „ Es klingt erst wie ein unterschiedliches Quietschen und Knarren, aber auch ein wenig wie Glocken, die die Zeit ansagen.“
I.B.: Welche nächsten Projekte können wir von Ihnen erwarten?
E.O.: „Ich möchte auch etwas Ungewöhnliches mit Speisen machen. Dafür recherchiere ich jetzt in Berlin. Es gibt dort so eine riesige fantastische Vielfalt internationaler Küchen!“
Emeka Ogboh ist mit seinen Werken der markanteste Künstler der Ausstellung „The true size of Africa“ und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wirkungsvoll Kunst auch durch Sound oder Getränke als Darstellungsformen sein kann.
Emeka Ogboh bei „The true size of Africa“ in der Völklinger Hütte, 9.11.2024 bis 17.August 2025