Melvin Edwards wurde 1937 in Housten/Texas geboren. Als Afroamerikaner erlebte er seither Rassendiskriminierung hautnah. Die Kritik an jeglichem Rassismus durchzieht auch thematisch seine Werke.
Im Fridericianum in Kassel wird mit ihm auch zwischen den Documenta Ausstellungen hervorragende Kunst gezeigt. Aktuell sind 50 Werke des US-Amerikaners in den großen Räumen zu erleben.
Some bright Mornung 1963
1963 entstand das erste Wandrelief der Serie, die Melvin Edwards Lynch-Fragmente nannte. Dessen Titel „Some bright morning“ steht auch für die komplette Ausstellung und bezieht sich auf einen Bericht über eine schwarze Familie, die frisch in eine weiße Siedlung gezogen von Lynchjustiz offen bedroht wurde. Weiße Trupps von Nachbarn kamen „eines schönen Morgens“ an ihre Tür, um sie zu vertreiben. Der Familie gelang es sich durch rechtzeitige Bewaffnung davor zu schützen. Symbolisch sollen die an Klingen erinnernden spitzen Ecken des Kunstwerkes darauf hinweisen.
Auch hier arbeitet Edwards bereits mit Kettenelementen. Sie tauchen ebenfalls in großen Außenskulpturen aus Stahl auf und werden in seinen Papierarbeiten als eine Art Schablone benutzt. Die farbenfrohen Bilder wirken zwar fröhlich, behalten aber auch die Schwere der metallischen Kettenglieder.
Ketten treten in Edwards Werk in doppelter Bedeutung auf. So sind sie stets ein Symbol für Verbundenheit, aber gleichzeitig auch für erzwungene Unfreiheit, wenn sie, schon seit es Sklaverei gab, der afroamerikanischen Bevölkerung angelegt wurden.
Stacheldraht ist ein weiteres bevorzugtes Material des Künstlers: einerseits wie zarte Fäden verwendet und andererseits gefährlich scharf.
Melvin Edwards studierte Malerei in Los Angeles, wo ihn zusätzlich Hollywoods Filmstudios beeinflussten, auch bei seinem Job bei „Grafic Films“. Später lernte er Schweißen und den Umgang mit schweren Materialien. Dies war der Ursprung, sich mit Skulpturen künstlerisch auszudrücken. 1970 zog er nach New York, erneut in eine wichtige Kunstmetropole.
Im Jahr 2000 reiste Edwards nach Afrika und richtete sich sogar in Dakar ein Atelier ein, um die künstlerischen Positionen in den Ländern seiner Vorvorfahren zu erkunden. Melvin Edwards Werk spiegelt somit eine Verbindung der unterschiedlichen Kulturen wider. Der Künstler richtet jetzt beim Eröffnungsrundgang auch einen mitreißenden Apell an die Besucher, sich dafür einzusetzen, dass die Benin-Kunstwerke an ihr Herkunftsland zurückgegeben werden.
In Europa wurde der Künstler durch Teilnahme an der Biennale 2015 bekannt, die Okwui Enwezor kuratierte. Kassel sieht sich in Reminiszenz an diesen großartigen Documenta 11 -Kurator (2002) und ist die erste Station, die Melvin Edwards in einer Einzelpräsentation zeigt. Die Ausstellung wandert weiter zur Kunsthalle in Bern und das Palais de Tokyo in Paris.
Melvin Edwards „Some bright morning”, Fridericianum Kassel 11. August 2024 bis 12. Januar 2025.
Vorboten des Europäischen Kulturstadtjahres, Kunstschätze beleben die entlegene Region
Im tiefsten Sachsen in und um Chemnitz herum findet eine bemerkenswerte Transformation statt. Kleine Dörfer, die einst in Vergessenheit schlummerten, erwachen jetzt, nicht durch erneuten Industrielärm, sondern durch den Reiz erstklassiger Kunst. Dieser Wandel wird durch den Skulpturenpfad „Purple Path“ vorangetrieben, das ehrgeizigste Projekt der Kulturhauptstadt Europas 2025.
„Glance“ von Tanja Rochelmeyer in Flöha
Der „Purple Path“ist nicht nur eine Sammlung von Skulpturen, sondern ein lebendiger Leitfaden durch die reiche Geschichte, Kultur und Identität dieser oft übersehenen Region. Das von Alexander Ochs kuratierte Projekt brachte international anerkannte Künstler und Künstlerinnen mit 38 Bürgermeister*Innen des Erzgebirges zusammen. Durch die lokalen Gespräche erfuhren die Kunstschaffenden alle spezifischen Narrative des jeweiligen Ortes und schufen mit diesem Wissen ortsspezifische Skulpturen unter dem verbindenden Thema „Alles kommt vom Berg her“. Dieses Konzept ist eine Hommage an das tief verwurzelte Bergbauerbe der Region, in der bereits im 12. Jahrhundert Silber, später Zinn, Kobalt und Eisen abgebaut wurden. Die geförderten Uranmengen lieferten Russland über Jahrzehnte bis zu 60% ihres Bedarfs, während Bergleute in Aue an Bronchialkarzinomen aufgrund chronischer Strahlenexposition im Bergbau starben.
Kurator Alexander OchsMichael Sailstorfer
Die Skulpturen sind mehr als nur ästhetische Ergänzungen dieser Dörfer – sie sind in Metall, Stein und andere Materialien gespeicherte Erzählungen. Jedes Stück spiegelt die lokalen Geschichten über die Industrie und die Erlebnisse der Menschen wider, die dort leben. In Zschopau einer Stadt, die einst für ihre Motorradproduktion im VEB Motorradwerk bekannt war, hat der Künstler Michael Sailstorfer am Ufer des idyllisch plätschernden Flusses, dem der Ort seinen Namen verdankt, eine riesige Motorradspiegelskulptur installiert. Anders als typische Original-Spiegel reflektiert dieser auf beiden Seiten und symbolisiert die Dualität der Perspektiven – eine Anspielung auf die industrielle Vergangenheit der Region und ihre sich entwickelnde neue Identität.
Gregor Gaida „Polygonales Pferd“ in Gahlenz
Viele Skulpturen des Purple Path sind bereits an ihren Standorten verankert, so dass schon jetzt eine Rundfahrt spannend ist. Dabei werden abgelegene, stille Orte durchquert, in denen fast keine Menschen auf den Straßen zu sehen sind. Es schleicht sich ein Gefühl von Dornröschenschlaf ein, der vielleicht durch die Kunstwerke zunehmend aufgeweckt wird.
Weiter entlang des Weges, in Schneeberg, hat der britisch-amerikanische Künstler Sean Scully einen abstrahierten Münzstapel aus Bronze geschaffen. Dieses Stück ist nicht nur eine zufällige Anordnung. Sie erinnert an die Silberbergbautradition der Stadt und an die Geschichte des Vaters des Künstlers, eines Friseurs, der jeden Abend sorgfältig seinen Verdienst aufstapelte. Die Skulptur erinnert auch an einen bedeutenden Moment in der Arbeitergeschichte, möglicherweise an den ersten Arbeiterstreik, als die Bergleute gegen Lohnkürzungen aus Protest die Arbeit verweigerten.
In Aue-Bad Schlema steht prominent im Kurpark eine faszinierende riesige Bronze-Skulptur von Tony Cragg. Einige der Skulpturen seien laut Kurator Alexander Ochs auch geliehen, was bei den üblicherweise erzielten Verkaufspreisen dieses Künstlers angesichts des doch begrenzten Etats möglich erscheint.
In Zwönitz hat sich die in Berlin lebende Künstlerin mit türkischem Migrationshintergrund Nevin Aladag von der Strumpfwarenindustrie der Stadt inspirieren lassen. Die Installation der Documenta 14-Teilnehmerin besteht aus bunten Laternen aus Strumpfstoff, der über Metallrahmen gespannt ist. Diese Laternen, die in der Nacht sanft leuchten, symbolisieren das Licht, nach dem sich die Bergleute sehnten, wenn sie im Dunkeln arbeiteten – eine schöne Metapher, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.
Die öffentliche Interaktion mit den Kunstwerken wird nicht nur gefördert, sondern gefeiert. In Jahnsdorf beispielsweise lädt die komplex gewundene Parkbank in hellem Grün des dänischen Künstlers Jeppe Hein sowohl zum entspannten Nachdenken als auch zum Spielen ein. Bei einem kürzlichen Besuch verwandelten ein Vater und seine Kinder die Bank in einen Spielplatz, und ihr Lachen hallte durch das Dorf – ein lebendiges Zeugnis der Vision des Künstlers, Nähe und Kommunikation im öffentlichen Raum zu fördern. Über Jeppe Hain wurde in diesem Blog vor kurzem berichtet, weil die Galerie König im mondänen Bergson Kunstkraftwerk in München aktuell eine Einzelpräsentation des Künstlers zeigt. Auch hier steht unter anderem eine ähnliche verschlungene Bank in gelb, zu der er von den Bänken im New Yorker Central Park inspiriert wurde.
Die Fähigkeit der Kunst, zu fesseln und zu inspirieren, zeigt sich auch in Freiberg, wo Wilhelm Mundts glänzender Silberstein zu einem Magneten für Kinder geworden ist, die eifrig seine glatten Oberflächen erkunden und erklettern. Diese lebendige Interaktion unterstreicht die Überzeugung, dass öffentliche Kunst gelebt und erlebt und nicht nur aus der Ferne betrachtet werden sollte.
Allerdings sind nicht alle Installationen von Destruktionen verschont geblieben. In Lößnitz steht eine Porzellanskulptur von Uli Aigner, die offensichtlich zerstört ist. Doch hier herrschte kein Vandalismus, denn sie brach schon während der Herstellung in China zusammen. Die Künstlerin veränderte sie jedoch nicht, denn in ihrem zerbrochenen Zustand kann die Skulptur noch Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Ai Weiweis sturmgeschädigte Installation auf der Documenta 12 in Kassel, die zum Symbol der unberechenbaren Kraft der Natur wurde, ist Aigners Skulptur ein Beweis für die physikalischen Genzen, an die wir Menschen immer noch stoßen.
Der „Purple Path“ ist mehr als ein Kunstpfad – es ist eine mutige Initiative, die einer Region, die lange Zeit eher für ihre industrielle Produktion als für ihre kulturellen Beiträge bekannt war, neues Leben einhaucht. Während sich Chemnitz darauf vorbereitet, im Jahr 2025 als Kulturhauptstadt Europas in den Mittelpunkt zu rücken, wird dieses Projekt hoffentlich ein Beweis für die transformative Kraft der Kunst selbst in den entlegensten Winkeln Europas.
Für Besucher bietet der Purple Path eine aufregende Entdeckungsreise, ähnlich den Skulpturenprojekten in Münster oder den kollateralen Pavillons der Biennale in Venedig. Es ist eine Chance, die verborgenen Schätze Sachsens zu erkunden, wo Kunst von Weltklasse an den unerwartetsten Orten blüht. Allerdings ist ein modernes Navigationssystem unerlässlich.
Bahnhof Flöha wird noch bis 2025 saniertChemnitz: Claire Fontain Projekt von Forensic Architectur . Heizkraftwerk Chemnitz, umgestaltet von Daniel Buren 2013Chemnitz historisch: Karl Marx
Seit die Europäische Union 1985 begann, Kulturhauptstädte zu ernennen, hat die Initiative den Fokus schrittweise von etablierten Kulturzentren wie Athen, Paris, Berlin oder Weimar auf Regionen verlagert, die keine solche Tradition haben. Diese Verlagerung hat es Gebieten wie Chemnitz und dem Erzgebirge ermöglicht, sich neu zu definieren und über ihr industrielles Erbe hinauszugehen. Während die ehemalige Karl-Marx-Stadt mit ihrem Umland ihre neue kulturelle Identität annimmt, besteht die Hoffnung, dass eine mentale Einstellung von Offenheit und Wertschätzung für Ungewohntes und Überraschendes wie die zeitgenössischen Kunstwerke entsteht und auch dann noch Bestand haben wird, wenn das Rampenlicht des Jahres 2025 längst verblasst ist.
Eröffnung des Europäischen Kulturhauptstatjahres Chemnitz: 18.Januar 2025 Offizielle Eröffnung des „Purple Path“: 11. bis 13. April 2024 https://chemnitz2025.de/programm/purple-path/
Sie ist Bildhauerin mit Weltruhm. Ihre Skulpturen waren und sind ausgestellt nicht nur in Zürich, sondern auch in Venedig, New York, Nimes, Kopenhagen, Dallas, Wien, Madrid, Mailand oder Berlin. Sie bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Aluminiumguss, Stahl und Stein und sind in ihrer Formgebung völlig abstrakt. Ohne Hinweise auf menschliche oder naturalistische Vorlagen zeigen sie sich als dreidimensionale spielerisch verbundene Objekte im Raum, die unsere Versuche einer Interpretation grundsätzlich scheitern lassen….sollen. Nairy Baghramian spricht oft von FREIHEIT. Sie liebt und lebt ihre absolute Freiheit bei der Gestaltung und sieht die Kunstwerke auch passenderweise als Symbol für Freiheit.
Nairy Baghramian ist 1971 im Iran geboren. Ihre Familie gehörte der Minderheit der armenischen Christen an. Nach dem Sturz des Shah-Regimes und der Errichtung des islamischen Gottesstaats flohen sie nach Berlin, damals West-Berlin, als sie 13 Jahre alt war. Auch heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Berlin.
Aktuell zeigt die Galerie Hauser und Wirth in Zürich eine Einzelschau mit einer Werkauswahl, die deutlich macht, dass die Mischung aus weichen Formen in zartem Rosa mit den kantigen spiegelglatten Stahlkonstruktionen komplex kontrastiert.
Eine weitere Serie besteht aus einer Art Mobiles teils mit Fotos kombiniert. Ähnliche Objekte sind außerdem zurzeit Im Palazzo Grassi in Venedig als Zusatz der Ausstellung von Julie Mehretu zu sehen, wobei ebenfalls der Kontrast zu den zweidimensionalen Bildern der Kollegin und dem prunkvollen Palast eine großartige Wirkung entfaltet.
Im Züricher Haus Konstruktiv ist ebenfalls ein Werk zu finden, denn sie war 2016 auch eine Preisträgerin des von dort vergebenen „Zurich Art Prize“.
Auch Nairy Baghramian war bereits Teilnehmerin einer Documenta, und zwar der D14 in Kassel und Athen (2017).
Die Skulpturen wirken auf den ersten Eindruck sperrig und machen ratlos, doch nach Einlassen auf Material und die Tatsache, dass man keine tiefe Bedeutung suchen muss, ergibt sich eine erstaunliche Strahlkraft.
Hauser und Wirth: Zürich Limmatstrasse bis 7.September, Haus Konstruktiv: Zürich Selnaustr.25; Venedig: Palazzo Grassi bis 6.1.2025
Sie sind keine Unikate, sondern werden in Tausenden gedruckt. Auch handelt es sich nicht um reine Kunst, sondern Gebrauchskunst. Doch die individuellen unterschiedlichen grafischen Gestaltungen der Schachteln, in denen komplexe Brettspiele angeboten werden, sind auch Zeugnisse künstlerischen Schaffens, das viel mehr beachtet werden sollte.
Vergleichbar ist dieses Genre der Illustration mit den früheren Platten-Covern, von denen es ja bekanntlich hochinteressante künstlerische Exemplare gibt wie z.B. die Jeans von Andy Warhol für die Stones. (Sticky Fingers). Auch Film- (https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1653) oder Protestplakate können hervorragende Kunstwerke sein. (Klaus Staeck: https://wordpress.com/post/inartberlin.com/1712)
Die Grafiken der Brettspielschachteln haben im Gegensatz zu reinen Kunstwerken eine Funktion. Sie dienen als Eye-Catcher für Kunden und sollen inhaltlich auf das Narrativ, in das das Spiel eingebettet ist, oder das Spielmaterial hinweisen. Für die Qualität eines Brettspiels bleibt aber der Spielmechanismus verantwortlich. Er stammt vom Spiele-Autor, dessen Name stets auf der Schachtel gedruckt ist. Doch wer kennt oder nennt den Illustrator? Namen wie Chris Quilliams (Azul), Mads Berg (E-Mission) oder Klemens Franz (Agricola) bleiben nahezu unbekannt.
Manche Verlage arbeiten strikt mit immer den gleichen Illustratoren zusammen, was ihren Spielen einen Wiedererkennungseffekt und ein Markenprofil gibt. Das bekannteste Beispiel ist der 2F-Verlag von Friedemann Friese, dessen stets grüne Spiele mit 2 F im Titel (Fiese Freunde, Fremde Federn) von Mauro Kalusky oder Harald Lieske gezeichnet wurden.
Beliebt in der Brettspielszene sind historische, Weltraum- und Fantasy-Themen.
Andererseits gibt es völlig abstrakte Spiele und auch solche, die sich thematisch um Kunst drehen.
Eine aktuelle sozio-politische Thematik wird weniger gern angeboten, weil die Verlage meinen, dies lasse sich nicht gut verkaufen. Doch ein Gegenbeispiel ist aktuell E-MISSION, ein Spiel über Klimaproblematik, das vor wenigen Tagen sogar zum Kennerspiel des Jahres gewählt wurde.
Kennerspiel des Jahres 2024
Letztlich ist die Schachtelgrafik nicht kaufentscheidend, sondern der Spielwert. Allerdings macht es große Freude, sich einmal die Vielseitigkeit der grafischen Umsetzungen zu veranschaulichen. Vielleicht lässt sich mit Brettspielschachteln im Sinn einer Petersburger Hängung sogar eine Wand zu einem ausgefallenen Gesamtkunstwerk gestalten.
Wer mehr als im örtlichen Spieleladen sehen will, kann die weltgrößte Brettspielmesse besuchen: SPIEL 2024 in den Messehallen in ESSEN vom 3. bis 6. Oktober 2024
Der Kunstgenuss in Zeiten der Biennale erscheint in Venedig unerschöpflich. Doch es ist einfach herrlich, durch die traumhafte Lagunenstadt zu schlendern und nebenbei bemerkenswerte und überraschende Ausstellungen anzusehen. Hier eine weitere Auswahl!
Jim Dine wird vom Göttinger Steidl-Verlag unter dem Titel: „Dog on the Forge“ präsentiert. Fantastisch sind nicht nur die Bronze-Statuen des 89jährigen US-Amerikaners. Er gestaltet einen Kopf, der ihn selbst zeigt, aber mit multiplen Werkzeugen bestückt ist. Jim Dines Großvater hatte einen Eisenwarenladen, in dem der Junge viel gespielt und ausgeholfen hat.
Im Obergeschoß hängen große abstrakte bunte Bilder in barocken Wandnischen, bei denen die Ölfarbe so dick aufgetragen ist, dass sie zusammen mit ebenfalls Metallutensilien für Handwerker zu einer 3-dimensionalen Assemblage werden. Mickey-mouse-Figuren daneben verstärken den großen optischen Genuss dieser Ausstellung.
Den Palazzo Diedo restauriert Nicolas Berggrün komplett und zeigt jetzt schon unter dem Titel „Janus“ eine erste Auswahl von Kunstwerken seines Museums. Der deutsch-US-amerikanische Unternehmer und Milliardär wurde 1962 als Sohn des Berliner Sammlers und Galeristen Heinz Berggruen in Paris geboren. Einige bekannte Künstlernamen kommen im Palazzo Diedo vor wie Urs Fischer, Lee Ufan oder Ai Weiwei.
Palazzo Diego: BaustelleUrs FischerLee Ufan
Doch der schönste Raum wurde von Ibrahim Mahama gestaltet. Fotos von seinem Eisenbahnprojekt in Ghana zeigen, was mit Freunden und Mitstreitern geschafft werden kann. Außerdem modellierte Mahama dazu thematische Stuck-Elemente für die Raumdecke, die auch dauerhaft dort bleiben sollen.
Ibrahim MahamaIbrahim MahamaIbrahim Mahama
Noch wirken viele Räume leer und Handwerker bevölkern das Haus, um große Räumlichkeiten fertigzustellen. Diskutiert werden könnte, warum das Gebäude ausschließlich in White Cubes umgestaltet wird. Gerade in Venedig liegt doch der besondere Charme in der Kombination zeitgenössischer Werke in vormals prunkvollen Räumlichkeiten.
Palazzo Diedo, Fondamenta Diedo, Cannaregio 2386, bis 24.11.2024
William Kentridge, der weiße südafrikanische Künstler aus Johannisburg ist inzwischen 69 Jahre alt. Waren seine Arbeiten früher, z.B. bei der Documenta 13 (2012) thematisch noch sehr vom Kampf gegen die Apartheit in Südafrika geprägt, so handeln sie jetzt von einer Selbstreflektion über sein Leben und seine Kunst. In „Selfportrait as a Coffee-Pot“ diskutiert er mit seinem Ebenbild kontrovers darüber, was sie für die Welt noch Sinnvolles schaffen sollten. Mehrere Animationsfilme seiner berühmten Kohlezeichnungen mit den zwei Williams als Schauspieler sind ein fröhliches, ironisches Erlebnis. Kuratiert wurde die Ausstellung von Carolyn Christov-Bakargiev, der Kuratorin der Dokumenta 2012.
Arsenale Institute for Politics of Representation, Riva del Sette Martiri, bis 24. November.
Wael Shawky ist nicht nur im heimatlichen ägyptischen Pavillon in den Giardini monumental vertreten, sondern auch im Museo Grimani in der Stadt.
Ulrich Obrist mit Wael Shawky
Im ersten präsentiert er mehrere Installationen, die einen direkten Bezug zu seinem Film haben. Der Künstler bezeichnet dessen Inhalt als Oper. Recht monoton in historisch anmutenden Kostümen berichtet die Handlung von den Konflikten und Kämpfen um den Bau des Suez-Kanals, und zwar aus ägyptischer Sicht. Das Land hatte sich durch die Baukosten hoch verschuldet und wurde von den englischen Kolonialherren zusammen mit den ausländischen Geldgebern so unter Druck gesetzt, dass sie die Rechte am Kanal verkaufen mussten: „Drama 1882“
Im Museo Grimani spielen Menschen mit Puppen-Köpfen Geschichten aus der griechischen Mythologie unter dem Titel: „I Am Hymns of the New Temples“.
Wael Shawky ist bekannt und hochgelobt wegen seiner Puppenspiel-assoziierten Filme, weil er einfühlsam und trotzdem aus einer gewissen objektiven Distanz erzählt.
Beide Filme sind für einen Biennale-Besuch recht lang: 45 Minuten. Doch wenn man genügend Zeit mitbringt, entsteht keinerlei Langeweile.
Giardini di Biennale, Ägyptischer Pavillon und Museo di Palazzo Grimani, Castello
Robert Indiana
Robert Indiana: “The Sweet History- Life and Death”. Auch wer den Namen des Künstlers nicht kennt, hat sein sicher bekanntestes Kunstwerk im Kopf: die quadratische Skulptur des Wortes LOVE. Neben Andy Warhol oder James Rosenquist ist Robert Indiana zu einer weiteren Ikone der Pop-Art zu zählen.
Als Robert Clark wurde er 1928 in New Castle geboren und nahm später den Namen seines Bundesstaates Indiana als Künstlernamen an, als er in New York bereits berühmt geworden war. In der Ausstellung am Marcusplatz in Venedig ist ein Querschnitt aus allen 50 Jahren künstlerischen Outputs zu sehen. Anfang der 60ger Jahre malte er Bilder mit großen farbigen Buchstaben und Symbolen, oft mit der Message: EAT, LOVE oder DIE. Seine Mutter soll ihm oft zugerufen haben, er solle immer ausreichend essen. Später folgten auch die dreidimensionalen Skulpturen. Er starb 2018.
Die wilde Zeit der POP-Art spiegelt sich herrlich in den Werken von Robert Indiana wieder und erinnert fröhlich an Love, Peace, und Hippie-Bewegung in Amerika.
Procuratie Vecchie, Eingang vom Marcusplatz aus. Bis 24.11.2024
Am Münchner Stadtrand wurde ein ehemaliges Kraftwerk umgebaut zu einer zeitgemäßen Event-Location. „Kultur neu spüren“ lautet das übergreifende Motto. Hier finden Konzerte, Lesungen, Diskussionen und Partys statt. Auch Firmen mieten das ungewöhnliche Industriedenkmal für eine außergewöhnliche Produktpräsentation: „a place to be“. Ein Ort also, wo man sein sollte, wenn man zur modernen gutverdienenden jungen Community gehört. Hierzu passt dann auch zeitgenössische Kunst, die das Gesamtkonzept mit Hochkultur aufwertet.
Das komplette Projekt liegt inklusive der Vermarktung in privater Hand, so auch der Kunstbereich. Hier residiert die Münchner Filiale der Johann König Galerie, die insgesamt 2000 qm mit -verkäuflicher – Kunst bestückt, eine perfekte Symbiose, denn erwartet wird ein junges und vor allem zahlungskräftiges Publikum.
Volker MärzZsofia Keresztes
Doch welcher Kunstgenuss ist zu erwarten? Auf vier Etagen in einem modernen Teil des Komplexes präsentiert. Unter dem Titel“ Metaphor to Metamorphosis“ präsentiert das Bergson-Galerie-Team wirklich exzellente Werke zeitgenössischer Künstler.
Johann König erklärt, dass sich die Thematik an Franz Kafkas Geschichten locker orientiert. Die „Verwandlung“ von Gregor Samsa in einen Käfer werde als Metapher angesehen, wie Menschen heutzutage Transformationen durchlaufen zum Finden ihrer eigenen Identität.
Agnes Questionmark
Beispielhaft hierfür sei ein Werk aus 3 Teilen von Agnes Questionmark genannt. Die Künstlerin, die momentan auch auf der Biennale in Venedig vertreten ist, modulierte aus Silikon ihren Körper in 3 Teilen, der sich jedoch an den Extremitäten in tierische Tentakeln auflöst.
Besonders wertvolle Werke von Isa Genzken verwandeln Nofretete in eine neuzeitliche Touristin und ein Frauentorso verschmilzt mit seinem Reisegepäck.
Eine herausragende Figur ist auch „Perseus“ von Stephan Balkenhol. Sie zeigt der Künstler aus Kassel sein Alter Ego mit dem grandios geschnitzten Kopf der Medusa in der Hand. Vielleicht findet sich hierfür auch ein prominenter Platz in der Öffentlichkeit wie vor dem Axel-Springer Haus in Berlin, im Hamburger Hafen oder im Kirchturm der Kasseler Elisabethkirche.
Von Amir Fattal stammen Gemälde und zwei Büsten, die mittels KI entworfen und gestaltet wurden. Diese „Verwandlung“ wurde somit einem nicht menschlichen Algorhytmus überlassen.
Amir Fattal
Es finden sich weitere exklusive Werke in der Ausstellung von z.B. Gregor Schneider, Anselm Kiefer oder Volker März. Im Grunde hätte es bei der Qualität der Einzelwerke keines übergreifenden Themas gebraucht, da kein verbindendes Element erkennbar ist. Vielmehr bleibt die Ausstellung ein zusammengewürfeltes Sammelsurium, das zum Verkauf von der König Galerie angepreist wird, allerdings von ausgewählt hoher Qualität und Besonderheit.
Anselm KieferGregor Schneider
Die Räume des zweiten Kunstbereichs wurden direkt in die trichterförmigen Kohle-Silos eingebaut, die durch den Gitterboden noch klar zu erkennen sind. Die erste Ausstellung dort zeigte zuvor Werke von Monira Al Qadiri, die wunderschöne Ölbohrköpfe zeigte und uns mit ihren gläsernen Galeeren die Komplexität dieser Lebensformen ins Bewusstsein brachte.
Monira Al QadiriMonira Al Qadiri
Aktuell befindet sich hier eine Einzelpräsentation von Jeppe Hein, dessen Vielseitigkeit seiner dynamischen Skulpturen beeindruckt. Die gelbe Parkbank, die rotierenden Spiegel sowie das Spiegel-Labyrinth sind typische Beispiele für die Intention des Künstlers, das Kunstwerk erst in Kombination mit den Betrachter*Innen als vollständig anzusehen.
Jeppe HeinJeppe Hein
Das BERGSON stellt kein neues Museum dar, sondern ist ein aktueller Ort für multiple kommerzielle und kulturelle Veranstaltungen, bei dem die ausgestellte Kunst den anspruchsvollen Ausstattungs-Rahmen zusammen mit der 25 m hohen Kathedralen-artigen Industrie-Architektur bildet. Ähnliche Ideen von Gebäude-Transformationen sind bei den weltweit verteilten Gebäuden von Fotografiska – auch in Berlin – zu finden, die Fotokunstausstellungen neben unterschiedlichen Events anbieten.
Die Verschmelzung von Kunst und Business ist in den USA selbstverständlicher, indem die dortigen Museen wie das BROAD in Los Angeles, das San Franzisko- MOMA oder auch das MOMA in New York immer schon komplett von privaten Wirtschaftsunternehmen finanziert werden. Die Freiheit der Kunst bleibt dort recht abhängig vom Sponsor.
Im Gegensatz dazu finden sich in Deutschland vorwiegend staatlich finanzierte Museen. Zu diskutieren bleibt, ob die Kunstfreiheit hier besser realisierbar ist. Doch ein nicht auf monetären Profit angewiesenes System bietet Künstler*Innen und Kurator*Innen womöglich mehr Spielraum! Trotzdem ist der Besuch des Bergson auch für nicht unbedingt kaufwillige Kunstfreunde sehr zu empfehlen, weil es eine vielseitige Augenweide ist.
Johann König
Jeppe Hein: „Every Moment is a New Moment“ 13.Juli -1.Sept.24, Galerie König Bergson: “Metaphor to Metamorphosis” 13.Juli – 17.November 2024; Am BERGSON Kunstkraftwerk 2, 81245 München
Das Kunstwerk in dieser Ausstellung ist eine Arena um ein riesiges Video-Game. Auf zwei Sesseln sitzen die Leader, die das Spiel steuern, während von den Zuschauerplätzen in einer Art demokratischem Prozess Anweisungen gerufen werden sollen. Im knallbunten Computer-Design wird eine imaginäre Parallelwelt simuliert, in der 6 Charaktere gerettet werden sollen. Indem die Community dies anstrebt, sollen auch die eigenen Seelen gereinigt werden.
Das aktuelle Werk ist eine Auftragsarbeit der LAS-Stiftung, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie fördert. Themen der Zeit wie künstliche Intelligenz, Gaming und Quantencomputering sollen künstlerisch gestaltet werden.
Ein Projekt genau dieser Art stellt die Installation von Danielle Brathwaite-Shirley dar. Das immersive Eintauchen in ein Parallel-Universum können ältere Kunstbegeisterte sicher auch bei Caspar David Friedrich oder Marc Rothko, doch für die junge Generation sind es die virtuellen Welten im Cyber-Raum. Für diese junge Zielgruppe ist die Location des Berghain, dem legendären Berliner Club die perfekte Umgebung.
Danielle Brathwaite-Shirley ist eine junge Künstlerin, die nach Abschluss des Studiums an einer London School of Fine Art in Berlin lebt und arbeitet. Eine Rolle spielen in ihren Werken die Erfahrungen Schwarzer und queerer Menschen und letztlich sei ihr wichtig, dass im Spiel ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dass niemand alleinige Entscheidungen treffen muss, sondern stets mit allen zusammenarbeitet und gegebenenfalls auch der Leader abgewählt und ersetzt werden kann, ist ein wichtiges Anliegen. „Du bist nicht allein“ soll den Mitspielern vermittelt werden.
Ob dies jedoch durch eine virtuelle Situation in einem Videogame vermittelt werden kann, muss eigentlich offenbleiben. Für Menschen älterer Generationen ist ein zwischenmenschliches Wir-Gefühl ausschließlich im direkten Face-to-Face-Kontakt vorstellbar. Die weltweit intensiv spielende Community hat diesbezüglich wohl aber eine andere Perspektive. Doch auch dieser Bericht ist eine Aufforderung, es mal auszuprobieren!
In der großen Halle am Berghain sind zusätzlich weitere frühere Games der Künstlerin aufgebaut, die alle gespielt werden können.
LAS Art Foundation: Danielle Brathwaite-Shirley,Halle am Berghain, Am Wrietzener Bahnhof, 10243 Berlin, 12.Juli bis 13.Oktober 2024
Das KW-Institut für zeitgenössische Kunst hat für die Sommermonate drei aktuelle künstlerische Positionen ausgesucht, die sich mit Problemen von Menschen außerhalb des Normativen befassen.
Luiz Roque
Luiz Roque aus Brasilien präsentiert mehrere großartige Videos mit offenem Ende. In der großen Halle berichtet er darin über das Leben ausgewählter Beispiele der queeren Community, teils Reportage artig, teils skurril oder als Science-Fiction. Außerdem werden Filme ohne sexuellen Bezug gezeigt, die künstlerisch vielschichtig sind oder in faszinierender hochauflösender Technik gedreht wurden. Da fliegt beispielsweise ein Wolf völlig allein in einem Flugzeug über verschiedene Landschaften oder ein Stein zerschlägt eine Fensterscheibe, die malerisch in Einzelteile zerspringt.
Pia Arke: die Künstlerin lebte von 1958 bis 2007 in Grönland. Ihre Mutter war indigener Herkunft als Inuk, der Vater Däne. Pia Arke erzählt in Dokumenten Collagen, Filmsequenzen und Zeichnungen über ihr Leben mit einer inneren Zerrissenheit im Kampf um die eigene Identität und Anerkennung. „Arctic Hysteria“ ist zusätzlich eine feministische Anklage, weil gerade der indigene weibliche Körper so oft lächerlich gemacht und schlecht behandelt wurde. Bei all dem spielt Dänemark als ausbeutende Kolonialmacht in Grönland eine wichtige Rolle.
Im Obergeschoß sind Werke zweier Künstler ausgestellt mit Schwerpunkt auf unterschiedlichen Darstellungen von Portraits. Der US-Amerikaner Jimmy DeSana starb 1990 an AIDS. Ihm gegenübergestellt finden sich Bilder des Californiers Paul P. (geb. 1970). Thematisch beschäftigen sich beide Künstler mit der Darstellung homosexuellen Begehrens und ihrem Kampf um gleichberechtigte gesellschaftliche Anerkennung.
Ein besonderes Highlight des Ausstellungsortes ist immer der schönste Innenhof in Berlins City mit dem Café Bravo, wo es stets zu wunderbaren bereichernden Gesprächen mit anderen Ausstellungsbesuchern aus aller Welt kommt.
Foto: Frank Ossenbrink
KW Institut, Auguststr. 69, 10117 Berlin, 6.Juli bis 20.Oktober 2024
Christoph Büchels Total-Ausverkauf in der Fondazione Prada
Eins der großartigsten Kollateral-Events anlässlich der Biennale Venedig ist die Verwandlung des prunkvollen Palastes der Fondatione Prada durch den Schweizer Künstler Christoph Büchel zurück in das ursprüngliche Pfandleihhaus, das er ursprünglich war, ein „Monte di Pieta“. 1834 bis 1964 konnten hier Menschen Kleinkredite gegen ein Pfand zu geringen Zinsen bekommen, ein Ort der Barmherzigkeit, der sich durch Spenden finanzierte. Der prächtige Bau ist jetzt wieder ein Warenlager voller minderwertiger Dinge, die arme Leuten auch heutzutage in Zahlung geben würden. Dass dieses Pfandhaus bankrott sein soll, wird aufgrund der Berge unverkäuflichen Trödels mehr als verständlich. Als BesucherIn fühlt man sich erschlagen und gleichzeitig verzaubert von den Massen an unnütz gewordenen Dingen, die jedoch auch unser schlechtes Gewissen als kritiklose Konsumenten ansprechen.
Der Künstler war 2019 bereits als Teilnehmer der Biennale in Venedig vertreten und hatte ein Flüchtlingsboot im Arsenale aufstellen lassen, in dem nachweislich alle Passagiere ertrunken waren.
Das Gebäude von PRADA war auch zeitweise provisorisches Lazarett, was durch allerlei medizinische Geräte wie Rollstühle oder Pritschen thematisiert wird.
Auf der Fassade zum Canal Grande sind Verkaufsschilder installiert, die das komplette Gebäude zum Verkauf anbieten. Auch diese sind Teil des Kunstwerks.
Zu einigen Besonderheiten sollte man besonders auf die Suche gehen. So hängt unscheinbar ein echter TIZIAN an einer Garderobe, der die frühere Kaiserin von Zypern zeigt, die an diesem Ort geboren wurde, jedoch in dem vorherigen gotischen Palast.
Ebenso sollen Original-Papiere vorhanden sein, aus denen hervorgeht, dass in Haiti nach erfolgreichem Aufstand gegen die französische Kolonialmacht zwar die Skalverei abgeschafft wurde, jedoch das Land zu erheblichen Reparationszahlungen verpflichtet wurde. Schulden, die Frankreich offensichtlich bis heute als legitim ansieht und keine Verantwortungsübernahme dafür zeigt, dass sie Haiti hiermit so ausgebeutet haben, dass die Bevölkerung keine Chance hat, jemals wieder menschenwürdige Verhältnisse zu erreichen.
Dahinter steht das moralische Prinzip: Schulden müssen bezahlt werden! Doch muss dies weiterhin als unumstößliches Dogma existieren?
In einem Saal läuft auf einem Monitor eine Verschuldungsuhr, die die stetig wachsenden Schulden der Welt darstellt. Schulden und deren Auswirkungen sowie die Frage nach Schuld, Wert und Moral sind die Themen Christoph Büchels, die er mit seiner Wahnsinns-Installation zur Debatte stellt.
Christoph Büchel „Monte di Pieta“, Fondazione Prada, Ca Corner della Regina bis 24.November 2024
In einem Hinterhof im Herzen von Wien, einen Hauch entfernt vom Hundertwasser-Haus liegt das Atelier von Alberto Storari. Der Künstler mit Herkunft aus Verona, einem Studienabschluss in Bologna und Erfahrungen aus London gestaltet hier Bilder unterschiedlicher Art. Alberto Storari fühlt sich in erster Linie als Maler, doch er erfindet für sich immer wieder innovative Techniken mit einem überraschenden Materialmix.
Nach dem Interview mit einem Kurator vor wenigen Wochen soll in diesem Blog jetzt auch ein aktiver bildender Künstler zu Wort kommen.
INArtberlin: Herr Storari, Sie schaffen hier im Fluidum des berühmten Malers Friedensreich Hundertwasser starke Gemälde, jedoch in Ihrem ganz eigenen anderen Stil. Können Sie bitte Ihre Techniken und Intentionen näher erklären?
Alberto Storari: Es ist richtig, dass ich trotz der Nähe des Hauses keinen wesentlichen Einfluss des verstorbenen Kollegen empfinde. In diesem Bild zum Beispiel habe ich meine Fotografie genommen und schwarzes Seidenpapier darübergelegt, dann mit Chlor in der Mitte einiges wieder weggeätzt. So entsteht eine Art Passepartout und eine Unschärfe, die beim Betrachten einen Abstand zum Subjekt bewirkt. Ich bin Maler und fühle mich gut mit den zwei Dimensionen. Ein Bild ist ein immer ein Fenster, eine Skulptur ist eine Präsenz.
I.B.: Machen Sie auch Skulpturen?
A.St: Im Studium habe ich auch Erfahrungen mit Skulpturen gemacht und in Zukunft möchte ich schon gern wieder einmal in die dritte Dimension gehen, doch meine Pläne sind noch nicht ausgereift.
I.B.: Diese Bilder sind ganz anders.
A.St.: Genau, hier habe ich Silberblätter verwendet und schwarze Farbe, es einsteht ein starker Kontrast. Es ist ein wenig wie ein Blick aus dem All auf die Erdkugel. Man braucht eine Sicht von außen, um eine neue Perspektive für neue Erkenntnisse einzunehmen.
I.B.: Ein weiterer Stil findet sich auf diesen großen Landkarten.
A.St.: Ich habe Seekarten der Erde verwendet. Die sind schon Vergangenheit, denn heute nutzen wir alle Navigationssysteme. Doch die Karten sind wunderschön. Ich habe Landschaftsbilder aus alten Atlanten genommen und hinein collagiert. Dabei sollen die Küstenlinien genau an Strukturen der Bilder passen. Die Realitäten werden jedoch verändert. So findet sich z.B. ein italienischer Küstenort in Australien wieder. Außerdem entstehen immer zwei verschiedene Perspektiven: Die Bilder zeigen einen Blick von vorn, die Karten von oben. Meine Bilder sind stets eine Reise, Metaphern einer eigenen Welt, die ich mir selbst gestalte.
Es gab eine Ausstellung im Künstlerhaus hier in Wien, wo ich so eine Collage ausgestellt hatte. Der Titel der Ausstellung lautete: “ Human Nature“, Mensch und Natur in Harmonie und in gegenseitigem Respekt. Ich denke, wir sollten die Natur schützen, doch auch wir müssen unseren Lebensraum finden dürfen. Vieles im Leben ist ein Kompromiss.
Foto: Pablo Chiereghin
I.B.: Wie wichtig sind Ihnen neue Technologien wie Digitalisierung?
A.St.: Bei aller Digitalisierung ist wichtig, was man am Ende Bleibendes hat. Und man muss wissen, wer die Kontrolle hat. Wenn ich Kunst mache, bin ich der Chef, nicht die Technologie.
I.B.: Wie gestalten Sie den Verkauf Ihrer Bilder?
A.St.: Ich habe eine Galerie in Italien und auch in Wien, die mich vertreten. Heutzutage wechselt man öfter, wenn es für beide Seiten besser ist. Aber vorwiegend sind es private Verkäufe. Sammler kennen mich und empfehlen mich weiter. Wir organisieren mit Kollegen außerdem Präsentationen, zu denen wir Interessenten einladen.
Ich nehme auch gern die Möglichkeit von Ausstellungen in größeren Häusern an wie im Künstlerhaus.
I.B.: Sie sagten, Sie arbeiten auch als Lehrer.
A.St: Ja, an der Akademie für Kunst unterrichte ich, denn ich habe im Studium auch eine Ausbildung zum Lehrer abgeschlossen. Die jungen Studenten sind großartig. Sie zeigen große Motivation, gehen mit frischer Energie und guten Ideen an die Arbeit, das ist inspirierend auch für meine eigene Arbeit, richtig ansteckend.
I.B.: Was ist Erfolg für Sie?
A.St.: (lacht) Ich bin zufrieden! Ich kann meine Kunst machen, denn ich wollte nie etwas anderes. Ich kann ausstellen und ja, ich verkaufe auch.
I.B.: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit!